Von richtigem und weißem Gold – Rund um die Quelle der Schwarza

von Wolfgang Brauer


Limbacher Kreuz. Foto: W. Brauer (2024) // Grenzstein am Rennsteig bei Limbach (1794) – er markiert die Grenze zwischen dem Herzogtum Sachsen-Meiningen und dem Fürstentum Schwarzburg-Rudolstadt. Foto: W. Brauer (2024)

Gerne lade ich wieder einmal zu einer Rundwanderung nach Thüringen ein. Unser Weg – er misst diesmal nur sieben Kilometer, ist aber streckenweise recht steil, auf wenigen Abschnitten ist Trittfestigkeit gefragt – beginnt in Limbach am „Limbacher Kreuz“ (741,8 m ü NN). Limbach liegt in der Nähe von Neuhaus am Rennweg, auch bis Lauscha ist es nicht weit. Hier kreuzen mehrere Wanderwege den Rennsteig, daher der Name. Dem Rennsteig selbst werden wir eine längere Strecke folgen, aber zunächst wählen wir den Wiesenweg rechts daneben. Auf ihm geht es ziemlich steil auf den 819 m hohen Petersberg hinauf. Aber rechterhand liegt mitten auf der Bergwiese eine kleine neogotische Gruftkapelle.


Greiner-Gruft bei Limbach. Im oberen Geschoss ist heute ein „Raum der Besinnlichkeit“ eingerichtet. Foto: W. Brauer (2024)

Sie wurde am Ende des 18. Jahrhunderts von den Söhnen Johann Gotthelf Greiners (1732-1797) angelegt. Man sieht es ihr nicht an, aber sie ist ein Zeugnis der thüringischen Industriegeschichte. Greiner, gebürtig im ganz in der Nähe gelegenen Alsbach, war ursprünglich Glasmacher. Das Geburtshaus steht noch. Die Greiners stehen überhaupt am Anfang der hiesigen Glasmacherei. Im Lauschaer Glasmuseum in der dortigen Farbglashütte erfährt man einiges über die Ursprünge dieser Dynastie. Gotthelf Greiner jedenfalls blieb nicht bei der Glasmacherei. 1761 entdeckte er auf der Basis der hiesigen kaolinhaltigen Tonerden ein Verfahren zur Porzellanherstellung. Damit zählt er zusammen mit dem Rudolstädter Georg Heinrich Macheleid (1723-1801) und natürlich dem berlin-sächsischen Apotheker Johann Friedrich Böttger (1682-1719) zu den Miterfindern des europäischen Hartporzellans. Macheleid entwickelte sein Verfahren um 1757 in Sitzendorf und verlegte seine Manufaktur später nach Volkstedt bei Rudolstadt. An beiden Standorten wird noch heute produziert.

Greiners Manufakturen existieren nicht mehr. Seine Limbacher Gründung – er wandelte die väterliche Glasmacherei 1772 in eine Porzellanmanufaktur um – arbeitete bis 1937. Zuletzt fertigte man dort Porzellanköpfe für die Puppenherstellung an. Damit wären wir wieder in Sonneberg – oder auch in Waltershausen. Die heute so abgelegen scheinenden Orte in dieser Gegend waren einmal intensiv wirtschaftlich vernetzt… Gotthelf Greiner hatte nach seiner Limbacher Gründung auch die Ilmenauer Manufaktur („Graf Henneberg Porzellan“) übernommen. Ilmenau produzierte von 1777 bis 2002. Dann erkalteten auch dort die Öfen. Die Produkte der Greinerschen und Macheleidschen Manufakturen sind heute begehrte – und teure – Sammlerstücke.


Aufstieg zum Petersberg, daneben Steinheid vom Rennsteig aus. Fotos: W. Brauer (2024)

Wir steigen aber weiter auf den Petersberg hinauf und genießen den Ausblick auf Steinheid. Unter unseren Füßen liegt goldhaltiges Gestein, Quarzite. Mindestens seit 1362 kratzte man in Steinheid Gold aus dem Fels. Gewaltige Mengen wurden sicher nicht abgebaut, aber es muss immerhin so lohnend gewesen sein, dass die Hussiten 1430 die Steinheider Gruben plünderten. Steinheid gehörte einst zu Kursachsen und durfte sich seit 1530 „Freie Bergstadt“ nennen. Zeitweise waren 17 Stollen in Betrieb! Die damit verbundenen Hoffnungen – in vielen Grubennamen des deutschen Sprachraumes findet sich das Substantiv „Hoffnung“ … – waren groß, die Ausbeute dennoch gering. Der Dreißigjährige Krieg machte dem Ganzen endgültig den Garaus.

An die Goldgewinnung erinnern hier noch etliche Flur- und Ortsnamen: Goldisthal, Goldsberg, Ronnseifenberg, Bärentiegelmühle, Rapiseifenkopf… In der Schwarza selbst konnte und kann man heute noch Gold waschen. Aber Vorsicht, die Gegend links und rechts des Flusses steht unter Naturschutz, an den anderen Stellen schlug die deutsche Regelungswut zu. Man braucht eine Genehmigung, sonst zahlt man mehr als man herausholt. Wenn man Glück hat, gewinnt man wenige Gramm. Allerdings sollen die Eheringe der Fürsten von Schwarzburg-Rudolstadt immer aus Schwarzagold geschmiedet gewesen sein.

Ein gewisser R. Kiesewetter aus Glasbach beschreibt in seiner Darstellung des Schwarzatales im opulenten Band „Thüringen in Wort und Bild“ (1900) die hiesigen Verhältnisse nach dem Auslaufen des Bergbaus und der Hüttenindustrie am Beispiel Katzhüttes so: „der größte Ort des Schwarzathals, ehemals einer der armseligsten des ganzen Thüringer Waldes, wo der bleiche Hunger durch die zerbrochenen Fenster blickte, wo die nackte Armut mit stumpfem Blick durch die Straßen schritt und der harmlose Holzhauer dem struppigen Wegelagerer glich – heute ein freundlicher Flecken, voll geschäftiger und fröhlicher Menschen“. Kiesewetters Befund galt eigentlich für alle Orte der Region. Wir wandern durch eine alte Industrielandschaft.


Der Stausee Scheibe-Alsbach vom Sandberg aus. Am linken Bildrand ganz
oben das Oberbecken des Pumpspeicherwerkes Goldisthal. Mit dem Bau wurde zu Beginn der 1980er Jahre in der DDR begonnen, fertiggestellt wurde es 2002.
Wikipedia gibt als Bauzeit „-2002“ an. Ohne Baubeginn… Foto: W. Brauer (2024)

Einen gewissen Aufschwung brachte zu Kiesewetters Zeiten eigentlich erst die Porzellan- und die Glasindustrie. Allerdings waren die Ausbeutungsverhältnisse – auch bei Greiner! – erbarmungslos. Und Kiesewetter idyllisiert skrupellos: „Endlich Scheibe und unsere Schwarzaquelle! Ein liebenswürdiges, geistesgewandtes, welt- und menschenkundiges Völkchen wohnt hier oben und freut sich seines bescheidenen Wohlstandes bei Sang- und Instrumentenschall, bei Tanz und Spiel.“

Wir wandern weiter auf dem Rennsteig Richtung Neuhaus. Unter unseren Füßen liegt der älteste Teil des Thüringer Schiefergebirges, der „Schwarzburger Sattel“. Die Entstehung dieser Gesteine reicht 600 Millionen Jahre zurück. Entscheidend wurde aber die variszische Gebirsgbildung vor über 275 Millionen Jahren. Da entstand der hiesige Schiefer. Das Variszische Gebirge erodierte über gut 50 Millionen Jahre hinweg, wurde vom Zechsteinmeer überflutet, es lagerten sich Kalke und Buntsandsteine ab. Und letztere treten hier zutage, wir überqueren auf unserem Weg den „Sandberg“ – der kleine Abstecher durch die aufgelassenen Sandgruben ist lohnend. Auf dem Sandberg steht eine kleine Schutzhütte, von hier haben wir einen ersten wunderschönen Blick auf den Stausee Scheibe-Alsbach. In der Ferne ist das Oberbecken des Pumpspeicherwerkes Goldisthal zu sehen, nützlich aber hässlich. Der Sandberg – unser Weg schlängelt sich durch das alte Abbaugebiet – erreicht immerhin 834 m ü NN. Goethe war 1782 hier oben, fand nichts Bedeutendes. Sand eben im Schiefergebirge. Verwunderlich aus Weimarer Sicht, mehr nicht – der Geheimrat suchte Erze. Aber für die Dörfer im Gebirge war der Sand existenzsichernd. Die Sande führen Kaolinschichten (Porzellanerde!), und streckenweise ist es feinster Quarzsand, die Grundlage für die Glasindustrie. Auch Steinheid lebt noch heute davon, genauer von der Herstellung von Weihnachtsbaumschmuck.


Der Weg führt durch die Sandgruben. Der Zustand des Hochwaldes ist dem Borkenkäfer (Ips typographus) geschuldet. Und jetzt geht es nach links in das Tal hinunter! Fotos: W. Brauer (2024)

An der Steinheider Hütte berührt der Rennsteig die B 281. Hier steigen wir nach links in das Tal herab Richtung Schwarzaquelle. Der Weg ist steil und rutschig, aber wir werden belohnt. Nach kurzer Zeit stehen wir an der Quelle der Schwarza, die geradezu bescheiden aus dem Berg quillt. Es scheint, sie weiß, dass ihr keine sehr lange Flussexistenz beschert sein wird. Nach gut 55 Kilometer Gesamtlänge verliert sich ihr Wasser kurz vor Rudolstadt, bei Schwarza genauer gesagt, in der Saale. Schwarzburg-rudolstädtischer Lokalpatriotismus pflegte lange die Erzählung, dass das kleine Fürstentum zu den wenigen Territorien im Reich zählte, das einen „richtigen“ Fluß von der Quelle bis zur Mündung sein eigen nennen dürfe. Die Mündungslandschaft dieser Gewässerperle ist allerdings industriell und verkehrsbaulich ziemlich auf den Hund gekommen. Desto malerischer ist ihr Quellgebiet.

Die Quelle selbst ist eine geologische Besonderheit. Das Wasser schießt offenbar aus einer erheblichen Tiefe aus einer Bruchspalte zwischen Zechsteinschiefer und Buntsandstein hoch. Die Schwarzaquelle gilt als tiefste Spaltenquelle (Verwerfungsquelle) Europas. Wir glauben das mal. Jedenfalls soll die Quell-Temperatur sommers wie winters bei 6,1° Celsius liegen. Auch das wollen wir gerne glauben. Jedenfalls schmeckt das Wasser der Quelle vorzüglich, auch gesundheitsbewusste Großstädter können es ohne Bedenken trinken. Bei einem Glasl aus dem Mündungsgebiet wäre ich mir da aber nicht so sicher…


Die Quelle der Schwarza. Foto: W. Brauer (2024)

Die Quelle wurde 1855 architektonisch imposant eingefasst. Aber im Unterschied zu anderen Flussquellen – Elbe oder Saale beispielsweise – kann man sicher sein, es ist die Schwarza und es ist die einzige Quelle… Wir folgen jetzt dem Bächlein und nach wenigen hundert Metern öffnet sich der Blick auf den schon erwähnten Schwarza-Stausee Scheibe-Alsbach. Er ist nicht sonderlich groß, ca. 21 ha, aber landschaftlich gesehen einer der schönsten, den ich kenne. Angelegt wurde er zwischen 1937 und 1944 anstelle eines alten Floßteiches zum Zwecke der Wasserstandsregulierung der Schwarza. Baden darf man hier nicht. Seit 1986 dient der See der Trinkwassergewinnung. Der Damm selbst ist ein 28 m hoher Erddamm, der Wanderweg führt über ihn weg. Im Sommer ist die Wiesenfläche des Dammes mit blühenden Trollblumen (Trollius europaeus) übersät. Man sollte die Finger von den Blumen lassen, die Pflanze steht unter Naturschutz und ist außerdem giftig. Der Name ist nicht ganz zufällig… Nach der Überquerung des Dammes kann man rechts abbiegen, dann gelangt man nach Scheibe-Alsbach, nach links führt uns der Weg wieder zu unserem Ausgangspunkt bei Limbach.


Stausee Scheibe-Alsbach am Zufluss der Schwarza. Foto: W. Brauer (2024)

Tipps für ganz Neugierige:

Näheres zum hiesigen Gold erfährt man im „Deutschen Goldmuseum“ im Limbach benachbarten Theuern (Im Grund 4, 96528 Schalkau OT Theuern). Wer sich über die Tücken und den Nutzen der Kräuter links und rechts des Weges informieren möchte, dem sei das „Kräuter- und Olitätenmuseum ‚Beim Giftmischer’“ in Schmiedefeld (Schmiedefelder Straße 75, 07318 Saalfeld OT Schmiedefeld) empfohlen. Greiner-Porzellan zeigt u.a. das Museum im Neuen Schloss Rauenstein (Schloßgasse 3, 96528 Frankenblick). Die Rauensteiner Manufaktur wurde 1930 zugunsten Kahlas dichtgemacht.

2 Kommentare

  1. Als Ostseekind fühlte ich mich von den Bergen im Süden der DDR immer angezogen! Als 9jähriger erlebte ich 1967 die beschriebenen Orte zum ersten Mal, das schieferschwarze Katzhütte, die Glasbläserei in Lauscha, Steinheid, Neuhaus am Rennweg, Ernstthal. Angenehme Erinnerungen somit beim Lesen des wunderschönen Wandertextes!

  2. Als dort Gebürtiger und Aufgewachsener freut es mich, von der „Heimat“ zu lesen. Und, schimpf auf mich, zu bemerken, dass ich viele der genannten Orte letztmalig noch zur „Honni-Zeit“ besuchte. Wird wohl Zeit, mal wieder hinzuschauen, auch nach dem, was sich verändert hat.

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