Von Kriegs- und Friedenssachen – Über ein Dankeswort des Kanzlers, ein Hörbuch Andreas Peglaus und ein Gedicht G. A. Bürgers

Der Kanzler dankt …

von Wolfgang Brauer

Auch wenn die Aussage schon ein paar Tage alt ist, so verdient sie es doch, festgehalten zu werden. Es sage später niemand, man habe nicht wissen können, wes Geistes Kind dieser Mann ist.


Honoré Daumier: Die Diplomatie zerschneidet Europa. Aus: Actualités, 1866.

Am 17. Juni 2025 bedankte sich Bundeskanzler Friedrich Merz im ZDF-Interview artig bei seiner Gesprächspartnerin Diana Zimmermann: „Frau Zimmermann, ich bin Ihnen dankbar für den Begriff Drecksarbeit. Das ist die Drecksarbeit, die Israel macht für uns alle.“ Merz meinte die Luftangriffe Israels seit dem 13. Juni auf Ziele im Iran. Bis dato gab es keinen Krieg zwischen beiden Ländern, wiewohl man sich seit Jahrzehnten in einem Schwebezustand permanenter Bedrohungen befand.

Über die mit diesem Satz offenbar gewordene zynische Grundhaltung, die Krieg offensichtlich als normales Mittel zur Durchsetzung politischer Ziele betrachtet, muss sich niemand mehr aufregen, die gehört inzwischen wieder zur mentalen Grundausstattung europäischer Politiker zwischen den Kreidefelsen von Dover und dem Gebirgskamm des Urals. Wer anders tickt, der bleibt draußen vor der Tür.

Erschreckend sind hingegen die Rollenbeschreibungen, die der deutsche magister ludi vornimmt. Israel mache die „Drecksarbeit“. Anderenfalls hätten wohl wir die erledigen müssen? Auf gut Deutsch: Hätte Netanjahu nicht den Angriff auf Teheran angeordnet, hätte ICH, also Friedrich Merz – natürlich gemeinsam mit den befreundeten Leadern der westlichen Allianz – dies tun müssen. Und in fast demselben Atemzuge gibt der nicht ganz so große Friedrich das Stichwort für den ganz großen Donald. Denn jetzt müssten die Amerikaner an die Front, meint er, die israelische Armee könne das persische Problem nicht endgültig lösen: „Denn dazu fehlen ihr die notwendigen Waffen, aber die haben die Amerikaner.“ Und Donald Trump schien zu gehorchen. In der Nacht vom 21. zum 22. Juni griffen sieben B-2 Stealth-Bomber der US-Airforce Ziele im Iran an und warfen 14 GBU-57-Bomben ab. Beide Länder befanden sich bis dato auch nicht im Kriegszustand… GBU-57 sind die Dinger, von denen Merz meinte, nur die USA verfügten darüber. Wenn die Zahlen von CNN und der New York Times stimmen, war das mehr als die Hälfte des vorhandenen Arsenals der Air Force… Der Erfolg der Aktion ist umstritten. Ein Beitrag zur Herstellung friedlicherer Verhältnisse im Nahen und Mittleren Osten ist sie mit Sicherheit nicht.

Ich warte jetzt auf den Hinweis aus dem Munde des Kanzlers, dass man doch so grandiose Erfolge aus der Luft am Boden absichern müsse. „Deutschland“ wäre bereit, seinen Beitrag für den Frieden der Welt zu leisten. Auch mit Bodentruppen…

Kürzlich besuchte ich das Vogelhaus des Zoologischen Gartens. Im Papageien-Trakt herrschte ohrenbetäubendes Gekreisch. Einer versuchte, den anderen zu übertönen. Ein Grund war nicht erkennbar. Sie alle werden aber einen historisch begründbaren gehabt haben. Nur: Die Misstöne der Papageien haben keinerlei Folgen. Kanzlergekrächze hingegen kann ein ganzes Volk in den Abgrund treiben. Wir haben das schon einmal hinter uns.

Deshalb eine Anregung an den Deutschen Bundestag: Wenn schon fünf Prozent in die Rüstung, dann auch fünf Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes (BIP) für die Schulbildung bis 2040 jährlich in den Bundeshaushalt! Ja, ich weiß, der Föderalismus… Bildungspolitik ist Ländersache. Und schon geht es wieder los mit dem Papageiengekreische. Aus allen 16 Volieren zwischen Kiel und München.

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Wir sind keine geborenen Krieger“ (Andreas Peglau)

Am 22. Juni schickte mir der Psychotherapeut und Publizist Andreas Peglau eine Mail mit dazugehörigem Datenanhang. Andreas Peglau machte auf ein Hörbuch aufmerksam, das ein Ergebnis langjährigen Nachdenkens und Arbeitens ist: „WIR SIND KEINE GEBORENEN KRIEGER. Zu psychosozialen Voraussetzungen von Friedfertigkeit und ‚Kriegstüchtigkeit’“.

Das Datum hatte er nicht zufällig gewählt. Hier seine Einleitung:

Heute, am 22. Juni 2025, jährt sich zum vierundachtzigsten Mal der Überfall Hitler-Deutschlands auf die Sowjetunion, dem bis zu 27 Millionen Sowjetbürgerinnen und -bürger zum Opfer fielen. Schließlich kehrte das Sterben zurück ins „Dritte Reich“. Gegenwärtig versuchen kriegsgeile Politiker, Massenmedien und Rüstungskonzerne erneut, uns „gen Osten“ in Stellung zu bringen, unbeschadet der Tatsache, dass sich diesmal daraus sogar ein Atomkrieg entwickeln kann. Die Friedensbewegung ist bislang zu schwach, um Sand in dieses Getriebe zu streuen. Und die Masse der Bevölkerung begehrt nicht auf gegen die tödliche Bedrohung. Wollen Menschen keinen Frieden? Drängen unsere „Anlagen“ nach mörderischer Gewalt und Zerstörung? Der Blick in die Geschichte, in Archäologie, Anthropologie und Psychologie lässt ein ganz anderes Bild entstehen. Von den sechs Millionen Jahren, die zumeist für die Menschheitsentstehung veranschlagt werden, gibt es für 5.988 Millionen Jahre, also für 99,98 Prozent davon, keinerlei Nachweise für Krieg.

Sätze wie „Seit die Menschen existieren, führen sie Krieg“, entbehren daher jeder wissenschaftlichen Grundlage, sind unseriös und irreführend. Wer Derartiges dennoch verbreitet, muss sich fragen lassen, auf welcher Grundlage und mit welcher Motivation er das tut. Die Frage, ob „Kriegstüchtigkeit“ zur menschlichen Natur gehört, lässt sich hingegen sehr wohl wissenschaftlich untersuchen – und mit einem klaren NEIN beantworten. Nur psychisch schwer gestörte Menschen wollen Krieg. Auf „Kriegstüchtigkeit“ getrimmt zu werden, macht uns krank.

Der Autor stellt das Hörbuch zum kostenlosen Download zur Verfügung. Es ist auch auf Youtube abspielbar.

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Für wen, du gutes deutsches Volk

von Gottfried August Bürger

Für wen, du gutes deutsches Volk
Behängt man dich mit Waffen?
Für wen läßt du von Weib und Kind
Und Herd hinweg dich raffen?
Für Fürsten- und für Adelsbrut,
Und fürs Geschmeiß der Pfaffen.

War’s nicht genug, ihr Sklavenjoch
Mit stillem Sinn zu tragen?
Für sie im Schweiß des Angesichts
Mit Fronen dich zu plagen?
Für ihre Geißel sollst du nun
Auch Blut und Leben wagen?

Sie nennen’s Streit fürs Vaterland,
In welchen sie dich treiben.
O Volk, wie lange wirst du blind
Beim Spiel der Gaukler bleiben?
Sie selbst sind das Vaterland,
Und wollen gern bekleiben.

Was ging uns Frankreichs Wesen an,
Die wir in Deutschland wohnen?
Es mochte dort nun ein Bourbon,
Ein Ohnehose thronen.

Anmerkung:
„bekleiben“ – im Sinne von „an der Herrschaft bleiben“; „Ohnehose“ – Sansculotte; Culotten sind die bei den Oberschichten Mode gewesenen Kniehosen; der Begriff war ein seinerzeit gebräuchliches Synonym für die unteren Volksschichten.
Bürger schrieb das Gedicht um 1792/1793. Es blieb Fragment. Goethe sinnierte im Herbst 1792 angesichts des verschimmelten Kommißbrotes während der „Kampagne in Frankreich“ über den Sinn des Krieges nach. Er begriff ihn am Biwakfeuer nach Valmy noch nicht. Zur Bürgerschen Weitsicht fand er erst Jahrzehnte später („Von hier und heute geht eine neue Epoche der Weltgeschichte aus, und ihr könnt sagen, ihr seid dabei gewesen“).

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