Von Kinderzeichnungen und Dämonen

von Wolfgang Brauer

Es war einmal ein kleiner Junge, der auf dem Rummelplatz nach schwindelerregenden Runden nicht schnell genug vom Kettenkarussel wegkam. Das Karussel begann sich wieder zu drehen, und den Knaben erwischte ein Sitz am Kopf. Das taumelige Kind kam in das Krankenhaus der Stadt. Es hatte Glück, nichts Schlimmes war passiert. Aber es musste „zur Beobachtung“ noch einige Tage das Bett in der Klinik hüten und langweilte sich entsetzlich. Um die Langeweile zu vertreiben, zeichnete der Knabe. Blatt um Blatt – was ihm gerade so in den Kopf kam. Ein aufmerksamer Arzt betrachtete die Bilder und bekam einen Schreck: wahre Gewaltorgien, schießende und schwertschwingende Figuren … „Lassen Sie das Kind untersuchen, da stimmt etwas nicht“, sprach er zur besorgten Großmutter. Die nahm die Hinweise des Arztes ernst, fuhr in eine nahe gelegene Großstadt mit einer berühmten Kinderpsychiatrie und geriet an den Richtigen. Dieser Arzt besah die Zeichnungen und urteilte knapp: „Lassen Sie den Jungen zeichnen, fördern sie das. Und werfen Sie bloß kein Blatt weg! Aus dem wird noch einmal was.“

Die Großmutter gehorchte und hob fortan jedes Zeichenblatt auf. Sorgsam verschnürt und auf dem trockenen Dachboden des Hauses deponiert. Das klingt wie eine schlecht erfundene, pädagogisch grundierte Geschichte, war aber tatsächlich so. Dank des aufmerksamen Arztes und der besorgten Großmutter blieb so – ein seltener Umstand in der Geschichte der Kunst – ein Konvolut von 500 Kinderzeichnungen des Leipziger Malers Neo Rauch erhalten. Die Grafikstiftung Neo Rauch in Aschersleben zeigt noch bis zum 3. Mai 2026 eine Auswahl von 100 Blättern, ergänzt um aktuelle Arbeiten des Künstlers, darunter zwei große Formate in Öl auf Papier. Auf die wird noch zurückzukommen sein.


Grafikstiftung Neo Rauch Aschersleben: Zeichnungen 1965 bis 1968 – rechts: „Dämonen“ (2025). Foto: W. Brauer (2026)

Die Kuratorinnen beschränkten sich mit ihrer Auswahl auf die Jahre 1965 bis 1968. Und man ist verblüfft, welch große zeichnerische Qualität einige Blätter aufweisen. Da ist das liebevoll gearbeitete Porträt der Cousine Anja. Allerdings verpasste ihr der sechsjährige Neo eine Ziege mit auf das Blatt. Geradezu angetan war ich von einer Wiederbegegnung mit dem „Salon Yvette“… Ich wusste nicht, dass Neo Rauch knappe 200 m davon entfernt aufwuchs.

Natürlich finden sich zu Hauf die Schieß-Zeichnungen, die den Arzt im Ascherslebener Krankenhaus so irritierten. Mich wundert dessen merkwürdige Reaktion durchaus: Natürlich guckten wir seinerzeit mit Vorliebe „Rauchende Colts“ und ähnliche Serien. Den verderblichen Einfluss des West-Fernsehens geißelten unsere Lehrer vollkommen vergeblich. Besonders hervorgetan hatte sich an dieser „pädagogischen Front“ der Direktor der POS, an der Neo eingeschult wurde. Taschenkontrollen wegen „Schund- und Schmutzliteratur“ – es ging in den frühen 1960ern gegen Disney-Produkte … – und als Höhepunkt eine Vollversammlung der Schule auf dem entsetzlich großen Korridor mit einer Rede des Direktors gegen eben diesen verderblichen Einfluss gehörten zum damaligen pädagogischen Programm. Übrigens wird auch im inzwischen zum Kultfilm hochstilisierten DEFA-Film „Fünf Patronenhülsen“ (1960) genug geschossen. Den Knaben Neo Rauch muss der nun wiederum so tief beeindruckt haben, dass er im Begleitprogramm der Austellung lief.

Neo Rauch und ich besuchten dieselbe Schule, nur war man als um Jahre älterer Schüler gegen solch Gehabe einigermaßen abgebrüht. Wenn der Schuldirektor nun aus erzieherischen Gründen alle Klassen mehrfach zu martialischen Klängen und wehenden Fahnen – dagegen war der Fahnenappell einfach nur eine Lachnummer – rund um den Schulhof marschieren ließ, muss das für ein sensibles Kind der zweiten oder dritten Klasse ein traumatisches Erlebnis gewesen sein. Und wie verarbeiten Kinder Traumata? Sie zeichnen beispielsweise…

Eine der extra für diese Ausstellung gefertigten großformatigen Arbeiten in Öl auf Papier (240 x 196 cm!) hat Neo Rauch „Dämonen“ genannt. Die stehen auch, hörner- und klauenbewehrt, in dunklem Rot und Blau gemalt im Hintergrund des Bildes. Sie sind die Herren – und Hüter! – der pädagogischen Anstalt neben ihnen. Auch wenn Rauch eine Etage weniger als real vorhanden gezeichnet hat – die Schule ist unverwechselbar zu erkennen… Das Rot des „Ich liebe euch doch alle“-Dämonen wird am rechten Bildrand auf der mittleren Ebene der Arbeit wieder aufgenommen. Da steht er, der tyrannische Direktor. DDR-Erfahrene erkennen sofort das Parteiabzeichen am Jackett, an die rechte Schulter gelehnt eine rote Fahne. Er hält sich an ihr fest. Neben dem Fahnenhalter steht auf einem kleinen Tisch eindeutig erkennbar – wenn auch stark stilisiert – ein Esel.

Wie begegnet man nun Dämonen? In der unteren Hälfte des Bildes sitzt ein Knabe im Kinderbett und zeichnet. Eine wahre Bilderflut, die sich gegen den Einfluss der Dämonen stemmt. Das Kind wird behütet von der mit einem Teppichklopfer bewehrten Großmutter. Ja, sie trägt einen Teppich auf der Schulter, aber die Ansage ist deutlich. Lasst mir den Jungen in Ruhe! Und neben dem Bett die Gestalt eines nachdenklich-fürsorglichen Mediziners. Ich denke, eine Hommage an den ahnungsvollen Kinderpsychiater. Unter dem Kinderbett die krallenbewehrten Dämonenklauen. Aber die können dem Jungen nichts mehr anhaben…

Neo Rauchs Arbeiten gelten gemeinhin als stark verschlüsselt und nur schwer interpretierbar. Ich teile diese Auffassung nicht. Man muss sich aber sehr, sehr tief in ihre Welt einlassen, Rauch steht überdeutlich in der Tradition der deutschen Romantik. In unserer stark verkopften Gesellschaft bereitet das große Mühen, zu denen nicht jeder bereit ist. Und manchmal muss man diese Bilder auch sehr wörtlich nehmen. Nur wenige seiner Arbeiten sind so stark autobiographisch grundiert, wie die derzeit in Aschersleben gemeinsam mit den Kinderzeichnungen gezeigten.


Grafikstiftung Neo Rauch Aschersleben: Zeichnungen 1965 bis 1968 – die Zeichnungen der Kindheit im Dialog mit „Feuer“ (2025).
Foto: W. Brauer (2026)

Das gilt auch für die zweite großformatige Arbeit „Feuer“. Anders als auf den Zeichnungen des Kindes wird hier nicht geschossen. Ein Uniformierter gibt einem zweiten Feuer, um eine Zigarette anzuzünden. Im Hintergrund offenbar der Großvater, der seinen Enkel auf den Schulter wegträgt. Das Kind schaut leicht irritert, aber doch neugierig auf die Szene. Auch hier ist das Sujet oberflächlich gesehen eine Alltagssituation. Die beiden Männer sind vor das Haus getreten – wer genauer hinschaut und die Stadt kennt, kann die Örtlichkeit lokalisieren. Hier wuchs der Junge auf… Aber diese Kerle tragen Säbel und Tschako. Zudem sind sie grün uniformiert. Silvia Käther, die Leiterin der Grafikstiftung – der ich für die kundige Begleitung eines Ausstellungsrundganges sehr dankbar bin – meint, dies wäre eine Reminiszenz an die Ascherslebener Grünen Husaren. Ein Freiwilligenregiment, das 1813 in der Stadt gegründet wurde. Auf eine seltsame Weise bilden die Husaren quasi ein Amalgam mit den grünen Uniformen der bis 1989 hier allgegenwärtigen Volkspolizei. Die Fachschule des Ministeriums des Inneren der DDR befand sich in der Stadt. Auch dieses Bild verweigert sich einer zu vordergründigen Interpretation. Allerdings reißt am unteren rechten Bildrand der Vorhang der Szenerie etwas auf und gibt den Blick frei auf eine verbrannte Landschaft.

Dämonenwerk sozusagen. Rauch ist ein Romantiker. Aber ich würde ihn eher nicht neben Caspar David Friedrich oder Philipp Otto Runge verorten. Aber neben E. T. A. Hoffmann. Dessen Werke seien „nichts anderes als ein entsetzlicher Angstschrei in zwanzig Bänden“, meinte Heinrich Heine. So weit möchte ich nicht gehen. Aber als eine Bedrohung empfinde ich Neo Rauchs Dämonen schon.

Ein versöhnlicher Rat noch zum Schluss: Werft bloß nicht die Zeichnungen eurer Kinder oder eurer Enkel weg! Wer weiß…

Grafikstiftung Neo Rauch: Zeichnungen 1965 bis 1968, 06449 Aschersleben, Wilhelm-Straße 21-23 (Bestehornpark, Riegelbau); mittwochs bis sonntags 11 bis 17 Uhr, noch bis zum 3. Mai 2026.

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