von Heinz Jakubowski

Ronald Paris: Zu J. R. Becher „Seid Euch bewußt…“ (1980). Litho. Belegblatt / Sammlung Wolfgang Brauer
Kurze Hosen
Als wenn dies nicht alle Jungs kennen würden: Spätestens in der Schule und / oder im heimischen Quartier fügen sich Zufalls- zu Zweckgemeinschaften. Das Sagen hat der jeweils Stärkste, um den man sich zu sammeln pflegt. Das ist manchmal auch der Klügste, aber nur manchmal. Je nach eigener Muskel- bzw. Geisteskraft geben die anderen das Gefolge; mal freiwillig gern, mal widerwillig notgedrungen, mit allen Zwischenstufen binnen dieser Pole.
Gibt es etwa gleichwertige oder auch nur ähnlich eigensinnige Platzhirsche, ist in der Regel eine Zellteilung angesagt. Nun entstehen weitere Gruppen, und sie werden, was die Durchsetzung eigenen Willens betrifft, in kürzester Frist fast immer zu Konkurrenten. Wer dereinst mal zusammen spielte, hasst sich nun von Herzen, denn im Gegensatz zur erwiesenen eigenen Lauterkeit ist der andere dumm oder böse. Meist ist er beides, und zwar sehr. Entrüstet demaskiert man „Die Anderen“ dreimal täglich als gemein, verschlagen, brutal und feige; sie sind halt die Bösen. Das schreit nach Rache, und wenn erst der Platzhirsch danach schreit, gibt es Keile für „Die Anderen“, am besten gegen jeden einzelnen und aus einer furchterregenden Übermacht heraus.
Wer versucht, sich raus zu halten, hat oft sogar die schlechtesten Karten. Bestenfalls ist er isoliert, anderenfalls aber ein beliebtes Opfer beider Konkurrenten. Zwischen denen geht es aber solange zur Sache, bis es möglicherweise zwar noch verschiedene Gruppen gibt, aber nur eine die fraglos Hoheit hat. Ist die erreicht, bleibt den „Anderen“ entweder eine lange Trauerzeit als Verlierer oder aber die Unterwerfung, bis – eventuell – zum nächsten Mal oder zum nächsten Kandidaten für die Spitze des Rudels.
Kinder pflegen in solchen Dingen ziemlich taktlos zu verfahren, um es sehr freundlich auszudrücken; Infantilität und Irrationalismus sind hier hochgradig deckungsgleich. Wo es zwangsläufig an Reife und /oder Verstand gebricht, wird an Argumente keine überflüssige Zeit verschwendet. Die Muskelkraft samt der von ihr benutzten Hilfsmittel richten alles fast von allein und auf das Verbindlichste. Wer sich auf der „richtigen“ Seite bewegt, der kommt, um den Preis der eigenen Würde, möglicherweise unterm Regen durch, vielleicht kann er am Machtgefühl sogar ein wenig partizipieren.
So entstehen Cliquen bei (vornehmlich) Jungs, und so funktionieren sie. Das weiß – wie gesagt – ein jeder, so er seine Kindheit denn nicht bei einem Privatlehrer im Schutz des elterlichen Kabinetts hat verbringen können / dürfen / müssen. Irgendwann hält (fast) ein Jeder dieses Lebenskapitel für abgeschlossen, der Eine früher, der Andere etwas später. Aber vielleicht ist gerade das einer der grundlegenden Irrtümer unserer Spezies. Denn, um nur mal wieder auf Jungs wie Donald Trump, Elon Musk, Wladimir Putin, Dmitri Medwedjew oder Javier Milei zu verweisen: Stellt sie euch in kurzen Hosen vor…
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Der Räuber
Der Einbrecher war vom Hausbesitzer auf frischer Tat ertappt worden. Aus der durchwühlten Wohnung hatte er bereits etliches von Wert an sich genommen.
Vom nun folgenden, für beide Seite aber nicht siegreichen, Handgemenge erschöpft, machte der Räuber dem Wohnungseigner einen, wie er fand, generösen Vorschlag. Würde er sich selbst mit dem soeben Geraubten zufriedengeben und alles weitere unangetastet lassen, wäre doch beider Interesse ein faires Genüge getan, und man könnte wenigstens auf weitere sinnlose Gewalt verzichten.
Der Räuber war fassungslos darüber, dass dieser Edelmut auch nicht annähernd auf die gewünschte Reaktion traf. Bitter enttäuscht stellte er denn auch fest, dass sein Widerpart nun halt die Konsequenzen solcher Schuldhaftigkeit zu tragen habe und bahnte sich auf der Suche nach weiterem Brauchbaren gewaltsam einen Weg durch die fremde Wohnung.
Deren Besitzer wußte Friedfertigkeit offenkundig nicht zu schätzen und hatte es halt nicht anders haben wollen.
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Der weise Uhu
Die Hasen sowie Vierbeiner ähnlicher körperlicher Ausstattung in Feld und Wald gerieten einst in schwerste Bedrängnis. Die ins Revier eingewanderten Wölfe, mit reißenden Zähnen bewaffnet, sorgten mit ihrer Gier für eine rapide Dezimierung des Bestandes.
Nun hatten zwar einige der Wortführer unter den Hasen die ihrer Ansicht nach rettende Idee geäußert, sich zusammenzutun und ebenso kollektiv wie heftig mit den Läufen nach den blutrünstigen Aggressoren zu treten, bis diese ablassen würden zumindest von ihrem Revier. Indes, die Mehrheit dieser Spezies glaubte einfach nicht an den Erfolg eines solchen Planes; sie waren halt Angsthasen.
Uneins also in der Frage, was zum Schutz des eigenen Überlebens zu tun sei, fand ein Vorschlag Beifall, in dieser Causa den Uhu um Rat zu fragen, dessen Weisheit wald- und feldbekannt war und das nicht nur in den Fluren unserer Meister Lampe.
Eine erste Erleichterung erfasste die abgeordneten Hasen, als der weise Uhu sich tatsächlich Zeit für eine Audienz nahm und ihnen gestattete, ihre Not vor ihm auszubreiten. Dann schließlich um den erlösenden Rat gebeten, dachte der Uhu lange und stirnrunzelnd nach, was die Hasen schon mal als gutes Zeichen dafür interpretierten, dass sich der berühmte Weise sehr tiefgründige Gedanken um ihr Wohl und Wehe machte.
Die Begeisterung für den ultimativen Lösungsvorschlag des Uhus kannte denn auch keine Grenzen, als er ausgesprochen ward und lautete, dass die Hasen mit den Wölfen einfach auf Augenhöhe verhandeln sollten, dann würden die Wölfe schon sehen …
Noch fast in Trance vor kognitiver Beglückung wagte einer delegierten Vierbeiner die Nachfrage: „Und wie sollen wir das machen?“ Auch darauf hatte der Uhu umgehend eine klare Antwort: „Das ist eure Sache, ich bin nur für Grundsatzfragen zuständig.“ Dem Vernehmen nach haben sich die Wölfe die Bäuche gehalten vor Lachen und die Heimat unserer Hasen war rasch abgeerntet. Dann zogen die Wölfe weiter.
Die Geschichten sind anrührend und eingängig, aber, wie Kalendersprüche. Sie beflügeln beim Lesen, sind aber letztlich im Alltag und in der Wirklichkeit nur bedingt hilfreich. Und dennoch einen als Trost: „Das Große bleibt groß nicht, und klein nicht das Kleine“.
Wer die Zeilen kennt, weiß wie es weitergeht, im Leben.