von Wolfgang Brauer
Hör alle Welt! Ich bin getreu
Und halte mein Versprechen:
Was ich geredt, da bleibt es bei,
Mein Wort werd ich nicht brechen.
(Paul Gerhardt: Ist Ephraim nicht meine Kron)

Foto: W. Brauer (2025)
Der Paul-Gerhardt-Weg ist dem großen protestantischen Lieddichter Paul Gerhardt (1607-1676) gewidmet. Gerhardt war Pfarrer an der Nikolaikirche in Berlin und widersetzte sich in Glaubensfragen Kurfüst Friedrich Wilhelm, dem „Großen Kurfürsten“ (1620-1688). Der schmiss ihn raus und Gerhardt fand 1668 sein Exil im sächsischen Lübben. Der Weg geht vom Berliner Nikolaiviertel über Mittenwalde nach Lübben, Gerhardts wichtigsten Lebensstationen. Die ersten beiden Etappen führen durch das Berliner Stadtgebiet. Da ich aber zum Herbstbeginn keine Lust auf Innenstadt habe, starte ich mit Teil 3 der Wandertour am S-Bahnhof Grünau. Die Stadtetappen hole ich nach.
Zunächst ist das Adlergestell zu überqueren. Auf der anderen Straßenseite lohnt ein kurzer Stop an einem Gedenkstein, der am 19. März 1977 eingeweiht wurde. Er erinnert an die mindestens 20 Köpenicker Gefallenen in den Kämpfen gegen den Kapp-Putsch. Obwohl der Putsch schon am 17. März 1920 zusammengebrochen war, fanden heftige Auseinandersetzungen noch am 19. und 20. März mit geputscht habenden Reichswehrverbänden in Köpenick, Adlershof und Bohnsdorf statt. Die wollten ihre Niederlage nicht einsehen und sannen auf Rache. Am 21. März erschossen Putschverbände aus Lichterfelde (das Reichswehr-Schützenbataillon Nr. 15) noch den Stadtverordneten Alexander Futran (USPD) und vier Mitglieder der Köpenicker Arbeiterwehr „standrechtlich“. Die Mörder wurden nie zur Rechenschaft gezogen.

Kapp-Putsch-Gedenkstein am S-Bahnhof Grünau // „Riviera“, Zustand 2025. Fotos: W. Brauer (2025)
Die Wassersportallee führt uns Richtung Dahme. Am Ende der Straße befindet sich der Fähranleger der F12 nach Wendenschloß. Hier wäre der Endpunkt von Etappe 2 des Paul-Gerhardt-Weges. Wir biegen nach rechts in die Regattastraße ein. Nach knapp 500 m fällt auf der linken Straßenseite ein Gebäude ins Auge, das mir merkwürdig bekannt vorkommt … ja, natürlich. Das war einmal das „Riviera“ aus dem Jahre 1890 und gleich dahinter das berühmte „Gesellschaftshaus Grünau“ (1875), das konnte einmal 500 Plätze unmittelbar am Dahme-Ufer aufbieten. Nach 1990 war hier alles dicht, rottete vor sich hin und gehörte zu den berühmtesten „lost places“ Ost-Berlins. Alle Wiederbelebungsversuche scheiterten. Dann übernahm ein Projektentwickler das Ganze und setzte die Seniorenresidenz „VILVIF“ an das Dahme-Ufer. Es sei der „Aufbruch in eine neue Leichtigkeit“, wirbt die Eigentümergesellschaft. Die hatte mit viel Aufwand aus dem „Riviera“-Saal ein schickes Restaurant gemacht. Das ist aber auch seit Ende 2023 dicht. „Was an Gästen hätte kommen müssen, kam nicht zusammen“, teilte die Chefin der Seniorenresidenz damals der B.Z. mit. Man schob die Schuld am Scheitern auf die „Katastrophenbaustelle Regattastraße“, so der Tagesspiegel. Immerhin finden jetzt gelegentlich Krimi-Dinners statt und am 29. Oktober darf man edel zu Swing-Musik mit Andrej Hermlin speisen.

Regattastrecke Grünau vom Grünauer Ufer. Foto: W. Brauer (2025)
Kurz hinter der Residenz gibt es einen kleinen Zugang zum Ufer mit einem herrlichen Blick auf die Grünauer Regattastrecke. „Grünau“ war immer ein Erlebnis. Motorbootrennen bei strahlendem Sonnenschein und Richtung Wendenschloß schallte es laut „Ich möcht so gern Dave Dudley hör’n, / Hank Snow und Charlie Pride / ’n richtig schönen Country-Song, / doch AFN ist weit.“ 1978! Die Strecke ist nach wie vor schön, aber der Veranstaltungsbetrieb nur noch ein Schatten einstigen Glanzes. Die Strömung der Dahme sei zu stark, sagen internationale Veranstalter. Was meinen diese Sensibelchen damit? Aber es gelang immerhin, die Tribünen und das Wassersportmuseum zu retten. Das wollte der Senat von Berlin schon vor 25 Jahren platt machen. Manchmal wird hier noch gerudert… Der Ortsverein Grünau residiert in der Regattatribüne und bietet neben einem bunten Veranstaltungsprogramm auch ein kleines Café an.
Kurz hinter der Tribüne biegen wir nach rechts in die Rabindranath-Tagore-Straße ein. Literaturfreunde wissen, hier hat Stefan Heym gewohnt. Ein kleines Denkmal (Rüdiger Roehl, 2009) an der Regattastraße gegenüber dem Café Liebig erinnert an ihn. Einmal hatte auch ich das Vergnügen, auf seiner berühmten Couch zu sitzen. Heym musste am 16. September 1994 am Marzahner Freizeitforum einen Wahlkampfauftritt absolvieren und brauchte einen Fahrer. Er kandidierte damals für die PDS. Es stimmt traurig, dass das Haus leer steht und vor sich hin bröckelt. Immerhin fand seine und seiner Frau Inge Bibliothek in Chemnitz ein neues Zuhause. Die Berliner Kulturpolitik ignoriert die Dichter dieser Stadt.
Die Rabindranath-Tagore-Straße führt direkt in den Grünauer Forst. Der schnurgerade verlaufende, recht breite befestigte Waldweg ist die alte Schmöckwitzer Landstraße. Die heutige Schnellstraße, das parallel verlaufende „Adlergestell“, diente um 1900 dem Kaiser als Jagdweg. „Gestell“ ist ein alter Begriff für Forstschneisen. Nach einem knappen halben Kilometer stehen wir vor einem kleinen Wunder: einer Waldgaststätte, wie sie früher einmal gang und gäbe waren. Urig und vergleichsweise preiswerte Berliner Küche sowie ein prächtiger, nicht zu großer Biergarten im Grünen – das ist „Hanffs Ruh“. 1884 kaufte der pensionierte Bahnbeamte Ferdinand Hanff das Grundstück und richtete mit seiner Frau Ernestine erst einen kleinen Laden ein, später kam die Bewirtung von Wanderern dazu. Seitdem ist das Lokal fast ununterbrochen in Betrieb und war stets in Privatbesitz. Auch in der DDR, Heym kehrte hier übrigens gerne ein. Er war mit dem Wirt befreundet.

Hanffs Ruh: Biergarten // Links geht’s zur Krummen Lake. Fotos: W. Brauer (2025)
Hinter „Hanffs Ruh“ müssen wir aufpassen: Nach etwa 400 m Weg biegt ein schmaler Pfad nach links in den Grund der Krummen Lake ab. Nicht verwechseln mit der Krummen Lanke! Die liegt im Grunewald. Die Lake war vor vielen Jahren ein Alt-Arm der Dahme und floss von Schmöckwitz bis Grünau. Jetzt ist nur noch zwischen Grünau und Karolinenhof gelegentlich Wasser im einstigen Flussbett. Aber dafür ist das Gebiet ein urtümlich anmutendes Paradies für Amphibien, Schmetterlinge, andere Insekten – wer hier langläuft, muss die Mücken akzeptieren – und natürlich allerlei Gefiedertes. Man sollte aber auf dem schmalen Wanderpfad (überwiegend links neben dem Fließ) bleiben. Erstens ist das zu Recht Naturschutzgebiet und zweitens sind die wahren Herren, falsch: Herrinnen, dieses Waldes die Wildschweine. So prachtvolle Bachen habe ich selten gesehen! Im Wald sollte man eigentlich still sein, hier ist es aber nützlich, sich ein wenig bemerkbar zu machen. Unsereiner sieht die Biester kaum, die uns aber schon…

Die Krumme Lake. Foto: W. Brauer (2025)
Am Ortsrand von Karolinenhof folgen wir dem Radduscher Weg bis zur Vetschauer Straße. Die führt zum Adlergestell, wir überqueren dieses und stoßen wieder auf die Markierungen des Paul-Gerhardt-Weges. Der lenkt uns nach Eichwalde. Ein bemerkenswerter Ort, eingequetscht zwischen Schmöckwitz (Berlin), Zeuthen und Schulzendorf (beide Brandenburg) fehlt Eichwalde der Platz zum Expandieren. Dafür hatte die Märkische Allgemeine Zeitung 2010 herausgefunden, dass Eichwalde unter allen Gemeinden im Landkreis Dahme-Spreewald über das höchste Pro-Kopf-Einkommen verfügt. Das sieht man auch … Am Ortseingang von Eichwalde biegen wir gleich links auf die Grenzstraße ab und folgen ihr bis zum größten Bauwerk des Ortes, dem 1912 errichteten Wasserturm. Wir müssen das eingezäunte Areal halb umrunden, dann bietet sich ein großartiger Blick auf das Bauwerk. Die heutigen Besitzer – der bereits 1938 stillgelegte Turm wurde von Privatleuten zu Wohnzwecken umgebaut und vorbildlich restauriert – haben an der Eingangspforte eine Info-Tafel angebracht. Wir biegen einige Schritte weiter – die Egon-Straße schräg gegenüber hat nichts mit dem SED-Politiker zu tun! – in die Herrmann-Straße ab. Die führt uns direkt zum Ufer des Zeuthener Sees.

Wasserturm Eichwalde. Foto: W. Brauer (2025)
Und hier finden wir ein weiteres kleines Wunder: mitten im Ort eine traumhafte öffentliche und frei zugängliche Badestelle. Sandstrand, Kinderspielplatz, Sitzbänke und Gastronomie in der Nähe, was will man mehr. Der Zeuthener See, eigentlich ist es kein „richtiger See“, sondern eine langgezogene Ausbuchtung der Dahme, ist im Durchschnitt nur drei Meter tief. Das Wasser ist sauber, neigt aber im Sommer zur Trophierung. Aufgrund der günstigen Lage und des direkten Zuganges nach Berlin auch auf dem Wasserweg wimmelt es von Bootsanlegern. Heute beherrschen die Wasser-SUVs den See. Als Kind habe ich hier noch die langen Schleppzüge erlebt, die die Kohle von Königs Wusterhausen zum Kraftwerk Klingenberg schafften. Wo heute in Zeuthen das Ufer nicht verbaut ist, finden sich unter Garantie Steganlagen – Baden kann man also nur in Eichwalde. Oder auf der Schmöckwitzer Seite des Sees gegenüber, selbst am Zeuthener Platz der Demokratie ist das verboten.

Eichwalde: Badestrand // Zeuthen: Seepromenade. Fotos: W. Brauer (2025)
Am Eichwalder Badestrand werden wir auf unserem Weg wieder gezwungen, das Ufer zu verlassen und stoßen über die Lindenstraße nach links auf die Friedenstraße, die wieder zum Wasser führt. Die Friedenstraße ist zugleich die Ortsgrenze zu Zeuthen. Hier beginnt die sehr schöne Seepromenade Zeuthens mit etlichen privaten Bootsanlegern, versehen mit den brandenburg-üblichen „Betreten verboten!“-Schildern. Zur anderen Seite des Sees bietet sich ein schöner Blick auf den Schmöckwitzer Werder und auf Rauchfangswerder.
Nach dem Durchschreiten eines Torgebäudes – hier hatte jemand Größeres vor – biegt der Weg auf die Havellandstraße ein. Links eine abschreckend kamerabewehrte Mauer mit schmiedeeiserner Pforte. Wenigstens ist diesmal ein Namensschild dran: „DUSSMANN CAMPUS“. Das macht neugierig, rein kommt man aber nicht. Ein Blick durch das Gittertor zeigt eine irgendwie russisch anmutende Fin-de-Siècle-Villa, die ein bißchen an das „Schloss Kaulsdorf“ erinnert. Neureich irgendwie. Es ist die „Villa Hertzog“. Der Berliner Kaufmann Rudolph Hertzog jr. – ihm gehörte in der Brüderstraße das seinerzeit mit 15.875 m² größte Kaufhaus Berlins – ließ die Villa 1909/1910 für seine Verlobte Wally bauen. Dem Vernehmen nach für vier Millionen Goldmark. Das ist doch mal eine Morgengabe! „Und ist der Handel noch so klein, so bringt er mehr als Arbeit ein“, reimte mein Großvater gerne. Er handelte mit Holzlöffeln, Wurstgewürzen und Naturdärmen. Das brachte ihm nur ein äußerst bescheidenes Altstadthäuschen ein, auf das mein Vater nach Opas Ableben dankend verzichtete. Nach 1945 blieb die Villa in Händlerhand: sie ging an das Außenhandelsministerium der UdSSR. Zeitweilig war sie Residenz des sowjetischen Botschafters, ehe sie in den 1970ern vom Ministerium für Staatssicherheit der DDR als Gästehaus (wirklich!) übernommen wurde. Dann kam Dussmann und lässt hier offenbar seine Putzfrauen und Pflegekräfte schulen.
Wir lassen das Fotografieren besser sein. Nach links biegen wir in die Niederlausitzstraße und dann in die Seestraße ab. Das geht immer in der unmittelbaren Nähe des Seeufers, an das man aber nur über ein, zwei Seitenstraßen herankommt. Badestellen findet man da nicht. Hier und an der Seestraße stehen einige imposante Villen. Wir müssen einen guten Kilometer Pflaster am Rande der viel befahrenen Straße treten, ehe wir auf ein nicht erwartetes Kleinod stoßen. Nein, ich meine nicht den „Kaiser-Pavillon“, das ist ein Lokal. Aber genau gegenüber liegt der Chinesische Garten der Gemeinde. Man hat ihn nach einer chinesischen Redewendung benannt: Neun Kurven und achtzehn Ecken. Ich glaub das mal. Wer durch das runde Tor eintritt, kann ja nachzählen. Oder es auch sein lassen, es ist ein kleiner, wunderschöner Ort der Harmonie, die man auf sich wirken lassen sollte… Geöffnet ist täglich, der Eintritt ist frei und der Garten selbst in einem Top-Zustand!

Zeuthen: Chinesischer Garten. In der Sichtachse die Insel Zeuthener Wall.
Foto: W. Brauer (2025)
Jetzt stehen uns noch ca. 1,5 km der schnurgeraden und ziemlich langweiligen Seestraße bevor. Wir passieren den Rathausplatz und seitab die Martin-Luther-Kirche, dann biegen wir in die Dorfaue ein. Dass hier einmal ein altes Angerdorf war, lässt sich noch erahnen. Aber anders als heute waren die alten Zeuthener ziemlich arme Schlucker, die der kargen Sandscholle gerade so das Nötigste zum Überleben abringen konnten. Fischreich war der Zeuthener See allerdings schon immer. Aber ein Fischlokal ist mir auf der ganzen Strecke nicht begegnet. Schade eigentlich…

Zeuthen: Siegertplatz. Mündung des Selchower Flutgrabens. Foto: W. Brauer (2025)
Am Ende der Dorfaue befindet sich der vom Selchower Flutgraben – er mündet hier in die Dahme – durchzogene Siegertplatz, eigentlich ein kleiner Park. Den Flutgraben überqueren eine hässliche Straßen- und eine sehr possierliche Fußgängerbrücke. Am Ufer die obligaten Bootsanleger, aber Wasserwanderer dürfen einen öffentlichen Steg entgeltfrei benutzen. Am Siegertplatz gibt es die hübsche kleine Pizzeria „Passione“, die auch im Winter geöffnet hat. Den Platz hatte eine Kossätenfamilie namens Siegert einst der Gemeinde zur Verfügung gestellt. Daher der Name.
Es ist nicht mehr weit zum Bahnhof Zeuthen. Wir haben jetzt etwas über 12,5 km hinter uns gebracht. Eine zum Nachdenken anregende Tour, wie ich finde. Wem das insgesamt zu lang ist, man kann in Eichwalde unterbrechen. Der dortige Bahnhof ist vom Badestrand über die Chopin- und dann die Schmöckwitzer Straße leicht erreichbar.

Foto: W. Brauer (2025)