von Wolfgang Brauer
„Man erblickt nur, was man schon weiß und versteht.“
(J. W. v. Goethe am 24. April 1819 an Friedrich von Müller)
Mein heutiger Wandertipp führt zu den Strudeltöpfen der Schwarza. Das ist eine sehr klassische Tour und nur knapp neun Kilometer lang. Sie ist Teilstück der Strecke von Bad Blankenburg nach Schwarzburg und wurde schon im 19. Jahrhundert erschlossen. Auch Theodor Fontane absolvierte sie im Juli 1873 in Begleitung von Ehefrau Emilie und Tochter Martha („Mete“) auf einer längeren Thüringen-Rundreise – und war beeindruckt. In der DDR war dieses wunderschöne Tal für viele ein stiller Sehnsuchtsort. Ein Ferienplatz in einem der Heime der Umgebung war heiß begehrt. Das ist lange vorbei.

Chrysopraswehr der Schwarza bei Bad Blankenburg. Foto: W. Brauer (2024)
Wir schlendern zunächst entlang der Schwarza durch den hübschen Kurpark von Bad Blankenburg. Über den Park und das Städtchen wäre einiges zu sagen, aber nicht an dieser Stelle. Wir bewundern die teils vorbildlich sanierten Gründerzeitvillen – ein heftiger Gegensatz zum Zustand der einstmals bemerkenswerten Altstadt – und ärgern uns über den Verkehrslärm der Schwarzburger Straße. Nach etwa 1,4 km erreichen wir die Schwarzabrücke, von der wir uns nicht abschrecken lassen sollten. Beidseitig sind die sehr schmalen Fußwege von bedrohlichen Leitplanken eingequetscht. Ich empfehle die rechte Brückenseite und einen kurzen Stop auf der Mitte der Brücke. Es eröffnet sich ein eindrucksvoller Blick auf ein Bauwerk, wie es kaum noch an unseren Flüssen vorkommt. Ein Wehr, das dem Wasser eine eindrucksvolle Kaskade ermöglicht. Vorausgesetzt, es ist genügend Wasser da. Der Name des Bauwerkes klingt geheimnisvoll: „Chrysopraswehr“.
Chrysopras ist ein grüner Halbedelstein. Im Schwarzatal kommt er nicht vor. Hinter dem Namen des Wehrs steckt die abenteuerliche Geschichte eines Blankenburger Aufsteigers. Georg Friedrich Danz (geboren 1733 oder 1735) war eigentlich Schneider, hatte auf Nadel und Faden aber bald keine Lust mehr und verdingte sich als Bergmann in einer Schwerspatgrube bei Watzdorf, einem Nachbarort Blankenburgs. Dort kam er wohl auf die Idee, einen Mineralienhandel aufzumachen. Dadurch verschlug es ihn nach Niederschlesien. Hier entdeckte Danz eine reiche Chrysoprasader, die Quelle seines Vermögens. Vom Preußenkönig Friedrich II. zum Bergkommissionsrat in Niederschlesien ernannt, kehrte er als reicher Mann 1798 in die Heimat zurück. Am Eingang zum Schwarzatal – ganz in der Nähe stehen wir jetzt – erwarb Danz ein großes Grundstück und nannte das 1800 erbaute Haupthaus „Zechenhaus zur Grube Hannchen“. Hannchen war seine Frau. Nach Danzens Tod 1813 verkaufte sie das Objekt. Die Käufer bauten das Anwesen zum Gasthaus um. Irgendwann in den 1820er-Jahren bürgerte sich wohl in Erinnnerung an die Geldquelle des einstigen Schneiders aus Blankenburg der Name „Chrysopras“ für Gasthaus und Grundstück ein. Aus dem späteren Hotel “Chrysopras“ wurde ab 1957 das FDGB-Erholungsheim „Magnus Poser“. Nach 1990 verfiel das Gebäude rapide. 2016 wurden die Reste abgetragen. Die Wiese am linken Ufer der Schwarza auf der Höhe des Wehrs heißt übrigens „Babywiese“. Mit Danz hat das aber nichts zu tun.
Chrysopras aus Szklary (Glasebach/Niederschlesien). Sammlung Lech Darski. Quelle: Wikimedia Commons; daneben: Werre am Wildgatter. Foto: W. Brauer(2024)
Wir halten uns hinter dem Wehr links. Der Weg geht jetzt bergauf und folgt nach kurzer Entfernung einem Bächlein namens Werre. Auffällig hier die Reste einer einstmals imposanten, aus großen Gesteinsplatten errichteten Ummauerung. Dieses Seitental der Schwarza fungierte in vergangenen Zeiten als Wildgatter (so auch der heutige Flurname), früher nannte man es „Saugarten“. Hier wurden bis zu 80 Wildschweine gehalten! Wenn Serenissimus zur Sauhatz luden, wurden die armen Viecher direttamente vor die Büchsen der jagenden Herrschaften getrieben. Das „Edle“ am Waidwerk war wohl schon immer mehr Legende denn Wirklichkeit.
Am Wildgatter überqueren wir die kleine steinerne Brücke aus der Zeit des „Saugartens“, halten uns rechts und stehen nach kurzer Zeit auf 327 m Höhe vor einer Burgruine, dem Eberstein. Eberstein? Saugarten? Der Eberstein ist das 1844 errichtete Jagdhaus der Wildschweinjäger. Mittelalter war damals bei Fürstens Mode. Wenn die dort oben ihre Strecke feierten, durfte da natürlich nicht Krethi und Plethi lang laufen. In gebührendem Abstand vom fürstlichen Festplatz sind zwei „Postenhäuser“ in den Fels gehauen. Die sehen aus wie Stollenmundlöcher, sind aber keine. Vom Eberstein geht ein Abzweig über den Elisabethfelsen zur Hünenkuppe (485 m). Hier ist „Trittfestigkeit“ gefragt, wie man gerne in Wanderführern schreibt.

Jagdhaus Eberstein. Foto: W. Brauer (2024)
Wir bleiben auf unserem Rundweg Richtung Strudeltöpfe und sehen am Hang links neben dem Weg beeindruckende, steil aufragende, extrem scharfkantige Gesteinsauffaltungen – und am Gebirgshang über dem jenseitigen Ufer der Schwarza immer wieder Schutthalden des Schieferbergbaus durch den Wald hervorscheinen. Es gibt nicht sehr viele Mittelgebirgswanderwege, die uns so unmittelbar in die Erdgeschichte führen wie dieser. Wir laufen jetzt auf Gesteinsmaterial aus dem Erdaltertum, dem Paläozoikum. „Merkt man, knochenhart“, sagen meine Füße…
Dabei war das alles mal ein ganz lockeres, weiches Material. Der Schiefer, der das Schwarzatalareal dominiert, ist von der Herkunft her ein Erosionsprodukt Gondwanas, des gigantischen Urkontinents. Im Unteren Ordovicium (vor 485 bis 470 Millionen Jahren) lagerte sich das in einem relativ flachen Küstenbereich ab und bildete die Grundlage für den Schwarzatalschiefer. Der wurde im Zuge der Variscischen Gebirgsbildung vor etwa 275 Mio. Jahren zusammengepresst. Hier wuchsen auch diverse Quarzite, zu denen muss noch etwas gesagt werden, und Grauwacke auf. Deren fast senkrechte Auffaltungen auf der Höhe des Ebersteins sind schon eine Besonderheit. Wie gesagt, es waren Ablagerungen im flachen Wasser, die zum hiesigen Schiefer führten. Deshalb erreichten die Flöze im Schieferbergbau am Hang gegenüber – den Gruben rund um Böhlscheiben – auch nur eine Mächtigkeit von etwa 50 m. Der „klassische“ thüringische Schiefer ist jünger. Auch der ist ein Erosionsprodukt, wurde aber vor etwa 130 Mio. Jahren in der Tiefsee abgelagert. Seine Schichten haben eine größere Mächtigkeit, und dieses Gestein ist dunkelblau. „Blaues Gold“ wurde der Lehestener Schiefer einstmals genannt. Der Schwarzatalschiefer dagegen ist silbergrau.

Abstieg vom Eberstein Rechts im Bild der Abraum des
Foto: W. Brauer (2024) Böhlscheibener Bergbaus.
Foto: W. Brauer (2024)
Der Böhlscheibener Bergbau ist interessant. Was uns heute als wild-romantisches Tal erscheint, war im 19. Jahrhundert über weite Strecken eine de-facto-Industrielandschaft zwischen dem Herrschaftssitz Schwarzburg und dem Kurstädtchen Blankenburg. Am Rande der Wander- und Waldwege stößt man immer wieder auf die Überreste kleinerer Abbauversuche. Systematisch aufgeschlossen wurden die Gruben aber im ersten Viertel des 19. Jahrhunderts. Die Abbaumengen, vieles davon im kostenintensiven Tiefbau, waren jedoch so gewaltig nicht. Mit rund 100.000 t Dachschiefer über den gesamten Abbauzeitraum hinweg hatte dieses Revier gerade mal einen Anteil von 2,5% an der Thüringer Dachschieferproduktion.
Nach dem 2. Weltkrieg verlegte sich der nunmehrige Betriebsteil des VEB Schiefergruben Schwarzatal zunehmend auf die Herstellung von Schiefermehl. Am 12. Dezember 1969 ist dann endgültig Schluss: „Grund der Stillegung ist die nicht mehr den Anforderungen entsprechende technische Sicherheit der elektrischen Anlagen in Verbindung mit der vorgesehenen Konzentration der Mahlproduktion [das Schiefermehl – W.B.] des Bereiches Schwarzatal in der Abt. Unterweißbach“ zitiert Band 4 des Standardwerks von Scheidig/Bartelt/Schein über den „Thüringisch-fränkischen Schieferbergbau“ den Betriebsplan zur Verwahrung von Grube und Bergwerksanlagen.
Neben diesen ökonomischen Gründen muss es aber auch bergbautechnische gegeben haben. Die erwähnten Autoren berichten über Rissbildungen im Berg, die man nach 1965 bemerkt habe. Es kam zu „Gebirgsdruckerscheinungen“, die offenbar die Standsicherheit der Stollenbauwerke hätten gefährden können. Schiefer im Tiefbau zu gewinnen ist sowieso aufgrund der großen Brüchigkeit des Materials und der Größe der Abbaukammern eine gefährliche Angelegenheit. Die Gruben dementierten seinerzeit gegenüber der Bergbaubehörde, überhaupt etwas mit den Bergschäden zu tun gehabt zu haben: „Ein systematisches Zubruchschießen […] hat mit Sicherheit nicht stattgefunden.“ Auch in der DDR hatte die Wirtschaft nie an irgend etwas Schuld.
Was wir heute von unserem Rundwanderweg aus sehen, sind die letzten Verwaltungs- und Sozialgebäude. Deren Umnutzung zu öffentlichen Zwecken scheiterte schon in der DDR. Der Plan, dort ein Kinderferienlager einzurichten, wurde sehr schnell verworfen. Kindern wollte niemand fast 200 m Steilhang zumuten. Nach der Wende planten manche ein befahrbares Bergwerksmuseum. Die Naturschützer des Landkreises waren aber schneller. Heute ist hier eine Naturschutzstation eingerichtet und die Stollen sind tabu. Sie werden von den Fledermäusen beherrscht. Die sorgten übrigens auch dafür, dass der Zugang zum „Chrysopras-Stollen“ von Georg Friedrich Danz zumindest als Fledermauseinflugsloch erhalten blieb.

Die Schwarza oberhalb der Strudeltöpfe. Foto: W. Brauer (2024)
Unser Weg führt jetzt sanft bergab. Immer wieder bieten sich herrliche Ausblicke auf das Tal und die gegenüberliegenden Felsklippen, auch wenn die natürlich vom nicht-systematischen „Zubruchschießen“ gezaust wurden. Für Nicht-Montaneingeweihte: „schießen“ sagt der Bergmann anstatt „sprengen“. Nach einem knappen Kilometer Abstieg vom Eberstein stoßen wir wieder auf das Ufer der Schwarza. Und hier sollten wir innehalten und die Uferpartie genauer betrachten. Die Natur hat an dieser Stelle eine geologische Skurrilität geschaffen, die man so nicht oft findet: Strudeltöpfe. Bei starker Wasserführung – zwischen ihrer Quelle bei Scheibe-Alsbach und Bad Blankenburg hat die Schwarza ein beträchtliches Gefälle – transportiert der Fluss eine Menge Geröll. An den Tonschieferklippen, die im Flussbett liegen, entstehen Strudel. Und dank dieser schleift das Geröll am weicheren Tonschiefer kreisrunde, teils recht tiefe Löcher aus. Die „Strudeltöpfe“ eben. Wer unbedingt in den Fluss steigen möchte – wenn er genügend Wasser führt – sollte sich Stellen aussuchen, an denen das Wasser fast steht. Die Strömung ist heftig. In solchen Gebirgsflüssen sind die Nixen unserer Märchen und Sagen zu Hause. Badende mögen die eigentlich nicht…

Strudeltöpfe der Schwarza. Foto: W. Brauer (2024)
Von den Strudeltöpfen kann man jetzt weiter Richtung Schwarzburg laufen. Bis dahin sind es noch knapp sieben Kilometer, bis zum „Schweizerhaus“ nur noch 1,3 km. Das ist heute eine Ausflugsgaststätte mit historischem Ambiente. Das Haus wurde 1838 als Wohnhaus für den fürstlichen „Thiergärtner“ errichtet. Es war mitnichten die Dienstwohnung eines Zoodirektors. Der „Thiergärtner“ hatte dafür zu sorgen, dass es dem schwarzburgischen Jagdwild wohl erging und jederzeit ein passendes „Stück“ zum Abschuss bereitstand. Dazu war bis 1947 das gesamte Gebiet um Schwarzburg von hier bis nach Sitzendorf mit einem Wildzaun umgeben. Ein kleines Zeugnis davon, wie wichtig den Hoheiten die Jagd war, legt die beeindruckende Jagdwaffensammlung im Zeughaus von Schloss Schwarzburg ab.
Man muss aber nicht so weit laufen. Von den Strudeltöpfen geht der Rundweg direkt am Ufer der Schwarza zurück nach Bad Blankenburg. Wie gesagt, wäre da nicht die Schwarzburger Straße, wäre das eine Idylle pur. Die bergbaulichen Artefakte sind inzwischen ruinös und zugewachsen. Sie stören unsere romantischen Träumereien nicht sonderlich.
Einmal jedoch werden wir noch aufgehalten: wenige Meter vor der Mündung der oben erwähnten Werre in die Schwarza. Der „FSV [Fischereisportverein – W.B.] Unteres Schwarzatal“ – was in Deutschland nicht so alles als Sport gilt … – züchtet im Bruthaus am Rande des Weges und den dahinter liegenden Becken Bachforellen, die im Frühjahr regelmäßig in diversen Teichen und Flüssen wie eben der Schwarza ausgesetzt werden und dann ebenso regelmäßig den Petrijüngern zum Opfer fallen. Wir befinden uns hier übrigens unterhalb des „Saugartens“. Das heutzutage hier gehaltene jagdbare Wild ist halt nur ein bissel kleiner und glitschiger.

Schweizerhaus. Gaststube Bruthaus des FSV Unteres
Foto: W. Brauer (2018) Schwarzatal. Foto: W. Brauer (2024)
Nach wenigen hundert Metern sind wir wieder am Chrysopraswehr. Ach so, die Quarzite. Die sind durchaus edelmetallträchtig. Dazu aber später einmal.
Nun, wenn der freundliche Besucher so viel Schönes und Historisches zu berichten weiß, schmerzt es den Einheimischen, nicht wenigstens einen klitzekleinen Verweis aud die „Seele“ gefunden zu haben. Das war auch ein wirklicher Verlust … Aber es ist ja „ein andermal mehr“ angekündigt.
„Bilde Künstler, rede nicht“, meinte ein zumindest eine gewisse Zeit in Rudolstadt lebender Poeticus – lieber Ralf Nachtmann, ergänzen Sie getrost die weißen Flecken auf meiner Wanderkarte. In der „Seele“ war ich nie zugange…
Ihr
Wolfgang Brauer