von Heinz Jakubowski
Es gibt kaum etwas Gebräuchliches im menschlichen Dasein, das sich nicht auch missbrauchen lässt. Mit der Methode der Dialektik, dem Denken also in Zusammenhängen und Widersprüchen, verhält es sich nicht anders, seit Platon sie einst begrifflich in den philosophischen Diskurs eingebracht hat. Ein wesentliches Denkmuster der Dialektik ist zweifellos die Kausalität – das Zurückführen von Geschehenem und Gewordenem auf seine Ursprünge. Dass ein solches Denken mehr als nur statthaft, sondern unverzichtbar ist, versteht sich. Leider aber auch, dass es nach Belieben missbräuchlich eingesetzt werden kann und auch wird, u.a. durch die Praktizierung von Schuldumkehr.

Honoré Daumier: Alle Wiegenlieder der Diplomatie helfen nichts – der kleine Mars will nicht schlafen. Aus: Actualité, 1866.
Das aktuellste Beispiel dafür dürfte die Begründung sich linksmeinender Argumentierer sein, die nicht den Überfall Russlands auf die Ukraine für ursächlich oder gar schuldhaft für den gegenwärtigen Krieg in Europa ansehen als vielmehr das, was der Westen, namentlich die Nato, zwecks Bedrohung Rußlands betrieben habe, Moskau also nichts anderes übriggeblieben sei, als sich „präventiv zu verteidigen“.
Gern zitiert wird als „Beweis“ für die gewissermaßene „Urlüge“ des Westens das seinerzeitig mündliche Versprechen Bakers und Genschers vom 2. Februar 1990 an Moskau, dass sich im Gegenzug zur Zustimmung des Kremls zur uneingeschränkten Souveränität Deutschlands nach dem Ende des Kalten Krieges die Nato „keinen Millimeter weiter nach Osten verschieben werde“. Das haben die beiden seinerzeitigen Außenminister der USA und Deutschlands tatsächlich in bereitstehende Mikrophone gesprochen. Dass dies aber vom seinerzeitigen US-Präsidenten Bush sen. nicht autorisiert war und durch Baker brieflich an Genscher reumütig dementiert werden musste, um dann nie mehr in Protokollen oder gar Verträgen eine Rolle zu spielen, bleibt bei den heutigen Zitierern ungesagt – es passt halt nicht ins gebrauchsfertige Bild der Schuldzuweisung. Detailliertes dazu in der Arte-Doku „Nato – alte Freunde, neue Fronten“ ab Minute 43.
Nein, der Bedrohungslüge Putins wird derweil sogar in der Moskau gegenüber nicht eben unfreundlich veranlagten Berliner Zeitung widersprochen. Thomas Fasbender stellt in einem aktuellen Beitrag über Zivilisationskriege in ungewöhnlicher Klarheit fest: „Während man ausländische Interventionen in den 1990er-Jahren als ‚friedenschaffende‘ oder ‚friedenbewahrende‘ Maßnahmen deklarierte, hat inzwischen der präventive Angriffskrieg Konjunktur. So beim russischen Einmarsch in die Ukraine im Februar 2022 – obwohl auf ukrainischer Seite kein Krieg vorbereitet wurde. Auch ein Nato-Beitritt war nur vage geplant.“
Putins Bedrohungsszenario als Begründung für den Überfall auf ein zumal „brüderliches“ Nachbarland ist nie etwas anderes gewesen als eine Lüge. Solche indes haben allerdings eine lange Tradition, wenn es um die Rechtfertigung von Aggressionen geht. Kaum ein Krieg, dem nicht solche „Begründungen“ vorausgegangen waren. Nicht einmal der skrupellose Hitler hat darauf verzichtet, als er in seiner Reichstagsrede vom 1. September 1939 erklärte: „Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen.“

„Über die lügnerischen Nachrichten der Agentur Havas“. Prawda, 30. 11. 1939.
Als Virtuose der „dialektischen Lüge“ hat sich auch Stalin erwiesen. In einem Interview mit der Prawda am 30. November 1939 dementierte er die Aussage der Nachrichtenagentur Havas über die deutsche Schuldhaftigkeit des gerade begonnenen Überfalls auf Polen tatsächlich mit folgender Aussage:
„Stalin ließ am 30. November in der PRAWDA ein Interview veröffentlichen, indem er erklärte, es könnte nicht abgestritten werden, daß:
a) nicht Deutschland Frankreich und England angegriffen hat, sondern Frankreich und England haben Deutschland angegriffen und damit die Verantwortung für den gegenwärigen Krieg auf sich genommen;
b) nach Ausbruch der Feindseligkeiten hat Deutschland Frankreich und England Friedensvorschläge gemacht, und die Sowjetunion hat die Friedensvorschläge Deutschlands öffentlich unterstützt, weil sie dachte und immer noch denkt, ein rasches Ende des Krieges würde die Lage aller Länder und Völker radikal erleichtern;
c) die herrschenden Kreise Frankreichs und Englands haben beide Deutschlands Friedensvorschläge und die Bemühungen der Sowjetunion nach rascher Beendigung des Krieges in verletzender Weise zurückgewiesen.“
(Sergej Slutsch: Stalins „Kriegsszenario 1939“. Eine Rede, die es nie gab, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 4/2004, S. 605 f.)
Eine Meisterleistung der Schuldumkehr! Denn in der Tat hatte ja Hitler nicht Frankreich und England den Krieg erklärt, sondern umgekehrt die beiden Beistands-Vertragsmächte Polens Deutschland, wenngleich beide übrigens faktisch in den kurzen Krieg gegen Polen nicht eingegriffen haben. Dass diese formale Betrachtung als „ursächlicher Zusammenhang“ für einen Kriegsausbruch ausgegeben wurde, darf als eine demagogische Meisterleistung dialektischer Verrenkung des russischen Imperators gelten. Und Putin nebst dessen Anhängern folgen diesem Beispiel nahezu kongenial…
Nachsatz
Alexander Dubowy am 18. Juni 2025 in der Berliner Zeitung („Mit rationaler Politik nicht zu erreichen“):
„Die Vorstellung, Putins Russland handle nach einem übergeordneten strategischen Kalkül, das sich aus geopolitischen Notwendigkeiten speise, etwa dem Widerstand gegen eine Nato-Erweiterung, dem Schutz russischsprachiger Minderheiten oder der Wiederherstellung imperialer Größe, ist eine der großen Illusionen unserer Zeit. Diese Narrative sind nicht nur in Moskau populär, sondern auch im Westen wirksam, vermögen sie doch zu beruhigen. Denn sie suggerieren, man könne die Eskalation durch rationale Gegenmaßnahmen eindämmern.“ Am Ende seiner ganzseitigen Analyse kommt Dubowy zu dem Schluss, es handele sich „[…] um die aggressive Selbstbehauptung eines autoritären Regimes, das außenpolitische Konfrontation systematisch erzeugt, um innenpolitische Kontrolle zu wahren. Die eigentliche Tragödie unserer Zeit besteht darin, dass sie nur geschieht, weil ein alter Mann morgens wieder einen Grund braucht, aufzustehen.“
Ein großartiger Fund von Illustration.
Der Veröffentlichungstermin vom Dubowy-Artikel kann nicht stimmen.
Stimmt. Tippfehler… Ich habe korrigiert: in der Print-Ausgabe kam der Dubowy-Text am 18. Juni. Online (aber derzeit noch hinter einer Bezahlschranke) bereits am 14. resp. 16. Juni: https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/geopolitik/keine-falschen-hoffnungen-putin-ist-mit-rationaler-politik-nicht-zu-begegnen-li.2333359.
Danke für den Hinweis!
Selbstverständlich ist der Überfall Russlands auf die Ukraine ursächlich für die derzeitige Situation. Aber es wurden m.E. Interessen bzw. Grundlagen zur Verwirklichung von Interessen geschaffen, die eine Eskalation bis zum Krieg in Kauf nahmen. Herr Trump hat es doch quasi bewiesen. Unterstützung der Ukraine (quasi die Leistungserbringung) und nun die Rechnung (Zugriff auf Bodenschätze). Also mussten doch die Bedingungen geschaffen werden, um die Leistung zu erbringen und dann die Rechnung zu stellen. Dies ist m.E. langfristig gelaufen und hat mit Voraussetzungen zur Eskalation geschaffen.
Trumps Sicht ist wohl diese: Die Ukraine hat ein Recht, ihre nationale Souveränität und territoriale Integrität zu verteidigen, aber nicht auf Kosten Amerikas! Das heißt, wenn Kyjiw die territoriale Integrität selbst nicht verteidigen kann, muss es eine Deal-Lösung finden, also bereit sein, Land für Frieden abzugeben. Kyjiw darf aber nicht gegenüber dem militärisch mächtigen Russland mit Muskeln spielen, die es selbst nicht hat. Soweit Trumps einfache Logik, erschreckend klar, erschreckend brutal.
Putin wirft im Juni 2025 unverfroren ein: „Где ступает нога русского солдата — то наше.“ (Unser ist, wohin der russische Soldat seinen Fuß setzt.) Das entspricht ganz dem Trumpschen Verständnis von Politik des Stärkeren. Trumps Friedensdeal für die Ukraine ist dieses: Putins Russland verzichtet auf das Schlucken der ganzen Ukraine, ist mit Teilen (ein Fünftel oder ein Drittel) zufrieden, die Welt hat ihren Frieden zurück!
Ich halte in dem Buch „Westwind in östlichem Gelände“ (Hamburg 2025) die Logik von Helsinki 1975 dagegen. Mit der dortigen Schlussakte wurde dem Geist von München 1938 ein endgültiger Riegel vorgeschoben. Putin ist der erste in Europa, der auf diese Schlussakte pfeift und fremdes Land annektiert! Unglaublich, nahezu unbegreiflich, dass es ausgerechnet Moskau tut, das seinerzeit führend im Helsinki-Prozess war. Beträchtliche Teile der deutschen Friedensfreunde sind hier meines Erachtens blind auf dem Auge.
Sehr geehrter Herr Gabriel,
das eben ist genau jener Missbrauch der Dialektik, um den es mir ging: Schuldumkehr bzw. -relativierung.
Wenn man die weitertriebe, müsste man folgern: Putin hat die Ukraine überfallen, um den USA die Möglichkeit der Hilfe zu verschaffen, damit Trump so an die dortigen Bodenschätze kommt….Chapeau!
Nichts für ungut- aber die „Logik“, in der die „selbstverständliche“ Kriegsursache Moskau zugewiesen wird, um dann mit einem grossen „ABER“ die eigentlichen Gründe dem Westen anzulasten, hängt mir, zumal im dritten und immer schlimmeren Kriegsjahr, mit Verlaub – sorry- zum Halse raus.
Mit dennoch freundlichen Grüßen,
Heinz Jakubowski
„Es ist die letzte territoriale Forderung, die ich in Europa zu stellen habe, aber es ist die Forderung, von der ich nicht abgehe und die ich erfüllen werde“, log Adolf Hitler am 26. September 1938 auf einer Kundgebung der NSDAP im Berliner Sportpalast. Er verlangt von der Tschechoslowakei die Abtretung des Sudetenlandes.
Und sie wurde ihm vier Tage später in München erfüllt.
Bei seiner Rückkehr nach London hielt der britische Premier Chamberlain besagtes „Abkommen“ (getroffen ohne Beisein der Tschechoslowakei)
in die Kameras und erklärte seinen Parlamentariern:
„Ein britischer Premierminister ist aus Deutschland zurückgekehrt, und er bringt einen ehrenvollen Frieden. Ich glaube, dass nun Frieden ist in unserer Zeit.“
Ein solch verhängnisvoller Irrtum steht u.U. grade wieder vor der Tür. Benannt wird er dann wohl nach Anchorage…
HWK