Von der Notwendigkeit des Erinnerns

von Axel Matthies

Ich bin, soweit ich mich erinnere, Hans Kaufmann nie persönlich begegnet. Ich habe ihn in keinem Filmbeitrag gesehen, seine Stimme nie gehört, und vielleicht nicht einmal ein Foto betrachtet. Selbst heute, wo man im Internet nahezu alles findet, ist sein Name selten aufzuspüren. Ich habe ihn in den 1970er Jahren entdeckt; das ist jetzt fünfzig Jahre her, aber sein Name hat sich fest in mein Gedächtnis eingebrannt.


Axel Matthies 1979. Foto: privat

Damals begann ich an der Humboldt-Universität marxistisch-leninistische Philosophie zu studieren. Anschließend war ich, zu meiner großen Überraschung, dort noch vier Jahre wissenschaftlicher Assistent. Diese acht Jahre haben mein Leben geprägt. Es waren Jahre der Erkenntnis, Jahre des Zweifelns (auch über mich selbst), Jahre der Freundschaft und der Liebe. Wir meinten damals – zu Recht –, dass ein differenzierteres Fachliteraturangebot uns weiter helfen würde, dass eine freiere Diskussionskultur angebracht wäre und Sozialismus nicht fertig von einer Partei serviert werden kann, wenn der Weg dorthin von den Menschen gemeinsam gegangen wird. Ein viel gesagter Spruch hieß „Subjekt sein ist schön“.

Als wir 1971 unser Studium aufnahmen, herrschte eine gelöste, zukunftssichere Stimmung. Gerade hatte der VIII. Parteitag der SED große Ziele verkündet und Versprechen abgegeben. Zwar blieben Rituale und Sprache gleich. Aber die verkündete Hauptaufgabe, dass Wirtschafts- und Sozialpolitik eine Einheit bilden und ein massives Wohnungsbauprogramm die langen Wartezeiten auf eine eigene Wohnung verkürzen würden, war für uns eine Zusicherung in die Zukunft. Besondere Bedeutung erlangte für uns künftige Gesellschaftswissenschaftler der Satz Erich Honeckers, den er im Dezember 1971 vortrug: „Wenn man von der festen Position des Sozialismus ausgeht, kann es meines Erachtens auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben.“ Das galt natürlich auch für uns künftige Philosophen; jeder kannte diesen Satz auswendig.

Aber die Lehrveranstaltungen blieben zäh und anstrengend, der „Wissenschaftliche Kommunismus“ erinnerte eher an Staatsbürgerkunde, die Veranstaltungen zum „Dialektischen und Historischen Materialismus“ an Auswendiglernen von substanzfreien Gesetzen oder Kategorien. Das reale Leben war ausgeblendet. Die Lehre war weitgehend verschult, die Begriffe ideologisch verselbständigt.

Als meine Assistenzzeit begann, forderte mich ein befreundeter Kommilitone auf, das absolvierte Studium zu vergessen und noch einmal neu zu denken. „Du hast jetzt dein Diplom, aber du weißt nichts. Es geht nicht um abstrakte Kategorien und Gesetze, sondern um das wirkliche Leben. Mit Kategorien kannst du die Welt nicht verändern!“ Nun gab es in der DDR kaum Daten und kaum Veröffentlichungen über das „wirkliche Leben“. Es gab allerdings außerhalb des ML, der so genannten „Kaderphilosophie“, ernsthafte Anstrengungen, den realen Sozialismus in seinen verschiedenen Ausformungen zu analysieren und zu diskutieren. Dazu gehörten Ökonomen, Kulturwissenschaftler, Literaturtheoretiker und Soziologen.

Sie legten gerade in den 1970er Jahren, nach den Verkündigungen des VIII. Parteitages, profunde Arbeiten vor, die sogar als Bücher erschienen. Für mich waren Texte wichtig z.B. von Lothar Kühne, Werner Röhr und Irene Dölling. Dann erhielt ich den Hinweis, dass im Akademie-Verlag ein Buch von Eva und Hans Kaufmann erschienen sei: „Erwartung und Angebot. Studien zum gegenwärtigen Verhältnis von Literatur und Gesellschaft in der DDR“. Darin am Anfang ein wegweisender Beitrag von Hans Kaufmann: „Literatur in einer dynamischen Gesellschaft“. Ich arbeitete mich durch die Seiten, es war kein einfacher Stoff. Kaufmann stellte eine dynamische Gesellschaft vor, wie er sie bei Marx und Lenin entwickelt findet und wie er sie in der DDR selbst erlebt und für gestaltbar hält. Die begriffliche Konzentration auf M und L ist dabei sicher beabsichtigt.


Eva Kaufmann / Hans Kaufmann: Erwartung und
Angebot, Akademie-Verlag, Berlin 1976, 237 Seiten,
derzeit antiquarisch erhältlich.

Eingangs erklärt Kaufmann, dass es Alltagserfahrung sei, dass „man“ an den Sozialismus andere Ansprüche stelle als an den Kapitalismus. Man neige dazu, für jeden kleinen Mißstand die Gesellschaft, den Staat, die Partei verantwortlich zu machen. Was man beim Kapitalismus nicht ohne weiteres tue. Vom Sozialismus hingegen erwarte man, da er „vernünftig“ sei, viel mehr. Vom Umkehrschluss heißt das aber, dass alleine meckern und zugucken nicht ausreichen. Es gilt, zusammen anzupacken. Und vorher zu verstehen, wie.

Dafür findet Hans Kaufmann die Formel: „Um aber über die Wirklichkeitsverhältnisse in der Literatur sprechen zu können, muss man auch über wirkliche Verhältnisse sprechen.“ Und er zitiert Franz Fühmann: „Literaturkritik schließt Gesellschaftskritik in sich ein.“ Weder gute noch böse Wünsche, sondern die wirklichen geschichtlichen Koordinaten, so Kaufmann, lägen der Standortbestimmung zu Grunde. Und er zitiert wichtige geschichtsphilosophische Aussagen etwa aus den „Grundrissen“ von Marx und den frühen praxisnahen Überlegungen von Lenin zum Sozialismus. Das war selten Praxis in Artikeln und öffentlichen Debatten und soll hier hervorgehoben werden. Später musste Kaufmann einräumen, dass kaum jemand in der sozialistischen Presse auf seine Meinung scharf war.

Im weiteren denkt der Autor über spezifische Fragen im literarischen Schaffen nach. So wirft er die Frage auf, wie sich nach den eher schwierigen 1950er und 1960er Jahren nun die Grundlagen des Schreibens geändert hätten. Die materiellen Grundlagen des Lebens seien besser geworden, aber auch die Ansprüche der Menschen seien gewachsen. Wie steht es um Selbstverwirklichung, welche Rolle kann das Individuum spielen, wieviel stärker seien nun die subjektiven Faktoren im gesellschaftlichen Entwicklungsprozess? Müssen einzelne scheitern? Sind die schönsten Momente immer sorgenfrei oder eher mit Anstrengung, Entsagung oder großen Kämpfen verbunden? Dem Autor ist es wichtig zu sagen, dass die Schriftsteller darüber nie abstrakt, ohne konkrete Umstände und gängige Normen und Meinungen schreiben sollen. Die Literatur „bildet in ihrer Grundstruktur strukturelle Züge der Wirklichkeit ab, die Ruhelosigkeit der in ihr wirkenden Subjektivität vermag die soziale Analyse zu stimulieren und moralische Haltungen kommunistischer Art wachzurufen oder zu bekräftigen“.

In diesem Sinne war Kaufmann Autorinnen und Autoren nahe, die ihrerseits verdächtig waren, dem Sozialismus kritisch gegenüber zu stehen: Volker Braun, Karl Heinz-Jakobs, Hermann Kant, Brigitte Reimann, Erwin Strittmatter, Christa Wolf und viele andere. Für uns waren die Überlegungen Hans Kaufmanns vor allem methodologisch, wie wir damals sagten, anregend.

Der Beitrag ist hier sehr verkürzt wiedergegeben. In Wirklichkeit umfasst er 40 Seiten und 43 Quellenauszeichnungen. Für mich war er damals aufregend und anregend zugleich. Kaufmann zeigte als Literaturtheoretiker, von welchen Maßstäben aus Literatur in einer dynamischen sozialistischen Gesellschaft bewertet werden sollte. Er gab wertvolle Anregungen, wie über diese Literatur nachgedacht werden kann. In unseren Studieninhalten und in der Parteiliteratur war die Wirklichkeit einfach immer fertig, es gab nichts zu entdecken, zu erforschen, zu debattieren. Wenn Probleme auftraten, wurden sie von der Arbeiterklasse und ihrer m.-l. Partei erkannt und gelöst. Dagegen seine Position wie die seines Freundes Volker Braun: „Kommt uns nicht mit Fertigem!“

Die Sache war dann schneller fertig als gedacht: aus der Epoche des weltweiten Übergangs vom Kapitalismus zum Sozialismus wurde dessen akuter Kollaps. Diejenigen, die es besser gekonnt hätten, blieben außen vor. Heute glauben links-grüne Politiker, mit Verstaatlichungen und wohlmeinenden Steuerverteilungen rasch sozialistische Verhältnisse herstellen zu können. Die Sache ist viel komplizierter. Hans Kaufmann und viele andere wussten es; ein Blick in deren Werk hülfe sehr. Es ist dringlich und gerecht, an sie zu erinnern!

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