von Wolfgang Brauer
Manches Erlebte braucht Zeit, sich zu setzen. Noch dazu, wenn es sich auf Umwegen – und Kunst kommt immer auf Umwegen daher, sonst ist es keine – im Unterbewusstsein festsetzt. Und über dieses Stück und diese Inszenierung zu schreiben, habe ich mich einige Tage gescheut. Das wäre mir nicht passiert, wäre die Premiere – genau genommen sogar eine Uraufführung! – in Rudolstadt oder meinetwegen in Mannheim über die Bühne gegangen. Aber sie lief nun einmal in Berlin. Und das am 27. September 2025 unter besonderen Umständen. Als Deutscher über jüdische Sachen zu schreiben, habe ich sowieso eine Scheu. Aber da waren die besonderen Umstände…

„Nur nicht zu den Löwen“: Daphna Rosenthal als Rivi Greenfeld.
Foto: Theater im Palais © Ildiko Bognar
Wenige Stunden vor Aufführungsbeginn im Berliner Theater im Palais (TiP) demonstrierten keine 200 Meter von der Bühne entfernt rund 60.000 Menschen unter dem Motto „All Eyes on Gaza – Stoppt den Genozid“ Unter den Linden entlang Richtung Großer Stern im Tiergarten. Die Demonstranten setzten sich für sofortigen Frieden in Gaza ein – und doch erschollen immer wieder Sprechchöre „Free, free Palestine“. Man mag das drehen wie man will, es ist eine latente Kriegserklärung an Israel. Die offen antisemitischen Aktionen allerdings liefen fast zeitgleich andernorts in der Stadt. Auf der genannten Groß-Demo kam der als Kritik an der israelischen Regierung ummantelte Antisemitismus nicht dominierend daher, aber er war vorhanden. Und das TiP bringt in einer solchen Situation ein israelisches Stück auf die Bühne?
Ja und tausendmal ja. Die Auswahl war richtig, und auch der Zeitpunkt der Uraufführung war richtig. Wann, wenn nicht jetzt! Natürlich bekommt das Ganze damit eine solche politische Dimension, der sich die Theaterleute unter Garantie nicht bewusst sein konnten, als sie mit der Arbeit an „Nur nicht zu den Löwen“ begannen. So heißt ein Roman der aus Tel Aviv stammenden Autorin Lizzie Doron. Doron, Jahrgang 1953, gehört in Israel der sogenannten „zweiten Generation“ an. Ihre Mutter, eine Wiener Krankenschwester, hatte die Shoah ausgerechnet durch die Hilfe eines SS-Arztes überlebt. Lizzie Doron selbst setzt sich seit Jahren für eine friedliche Verständigung zwischen Juden und Palästinensern ein. Damit macht sie sich in Israel nicht nur Freunde. Aber das ist nur indirekt das Thema des „Löwen“-Romans. Hier geht es eher anhand des Heimat-Motives um die Traumata und deren Überwindung, denen sich die ersten beiden Generationen der israelischen Juden ausgesetzt sahen und sehen.
Ildiko Bognar – gebürtige Ungarin, sie kam auch erst über Umwege nach Berlin –, hat den Roman Dorons dramatisiert und das Einpersonenstück in Szene gesetzt. Daphna Rosenthal – auch sie wurde in Israel geboren, lebt aber seit ihrem zehnten Lebensjahr in Deutschland – spielt die Rolle der Rivi Greenfeld. Das ist ein darstellerischer Parforce-Ritt, den Rosenthal exzellent meistert: Für eine Spanne von wenigen Augenblicken hat die Autorin ihr eine geradezu unerhörte Bandbreite von Seelen-Zuständen in das Rollenbuch geschrieben. Das bekommen nur wenige so hin… Und der ungeschriebene Subtext schwingt immer irgendwie mit. In ganz wenigen Momenten erlaubt ihm die Regisseurin aufzuscheinen: Plötzlich erklingen die ersten Verse von Hirsch Gliks „Sog nischt kejnmol, as du gejst dem letstn weg …“. Das jüdische Partisanenlied aus dem Jahr 1943. Ganz kurz nur, leise im Hintergrund. Ildiko Bognar weiß, hier darf man den Bogen nicht überspannen. Mir stockte das Blut.
Rivi Greenfeld jedenfalls sitzt in ihrer Wohnung auf gepackten Koffern. Sie muss heute noch ausziehen. Ihre Vermieterin will die Wohnung abreißen und was ganz Neues hinbauen lassen. Und „der meschugge Bauleiter“ macht Terror. Gentrifizierung gibt es auch in Israel. Aber Rivi zögert den Auszug hinaus: den letzten Kaffee aus der Lieblingstasse, wo steckt die verdammt nochmal … ach, und ein Glas Sekt zum Abschied; nur, wo sind die Gläser. Letztlich sieht das Bühnenbild dann mehr nach Aus- denn nach Einpacken aus. Großartig. Aber noch wichtiger: die Erinnerungen kommen. An die Mama, an Arik, den ersten Geliebten. An die Arbeit als Korrektorin, die sich in den Chef verliebte – der dann ausgerechnet seine Geliebte, eine deutsche Journalistin auch noch, in Rivis Wohnung deponierte. Und an die Kindheit, den Vater und die Schwester. Aber die Schwester hat sie nie kennengelernt. Das Resele wurde im Alter von acht Jahren mit der Mutter von den Nazis vor den Augen des Vaters erschossen. Rivi gerierte zum „Ersatz-Resele“ und nahm die Rolle an. Hab ich vorhin etwas von Traumata geschrieben?
„Heimatlos und doch zu Hause“ sei sie, meint die gealterte Rivi Greenfeld. Anders als die Jungen sagt sie, die eine Heimat hätten, aber kein Zuhause kennen würden. Und genau das wollten die ihr nehmen! Rivi Greenfeld empfindet die Räumung der Wohnung als Vertreibung. Das würde wohl jeder so empfinden – aber im biographischen Zusammenhang der „zweiten Generation“ hat das Wort „Vertreibung“ einen ganz anderen Bedeutungsinhalt. Den spielt Daphna Rosenthal kongenial heraus. Behutsam, ganz leise oft. Aber die Wahrheit kommt mitunter leise, auf Taubenfüßen, wie der Dichter Becher einmal meinte… Und am Ende findet Rivi eine ungeahnte Lösung ihres Problems.
Aber die verrate ich jetzt nicht. Gerne möchte ich Sie in das Haus am Kastanienwäldchen gleich gegenüber der Staatsoper locken…
Wieder am 16. Oktober und 8. November 2025.
„Nur nicht zu den Löwen“ erschien 2023, im selben Jahr veröffentlichte dtv München Markus Lemkes Übertragung aus dem Hebräischen.