Von Chaplins „Großem Diktator“ und hormongesteuerten Pavianen

Am Dienstag, dem 5. November, wird in den Vereinigten Staaten von Amerika ein neuer Präsident gewählt. Oder eine Präsidentin. Wir werden sehen. Zu den großen Merkwürdigkeiten des Wahlkampfes hinter dem großen Teich zählt immer, dass er regelmäßig auf Deutschland überschwappt. Voller Empathie wird das Gerangel um den künftigen Hausherren des Weißen Haues – o.k., die Hausherrin… – zur eigenen Sache gemacht. Der dabei immer wieder durchklingende Kriegsberichterstatterton macht das servile Getue nur noch peinlicher. Dass sowohl bei Demokraten als auch bei den Republikanern „America first“ die oberste Doktrin ist, wird dabei gern verdrängt. Das passt nicht in das schlichte deutsche Weltbild. Wir lieben grobe Holzschnitte.

Mit Verwunderung musste ich jetzt zur Kenntnis nehmen, dass selbst Charles Spencer („Charlie“) Chaplin von ganz Übereifrigen in dieser Auseinandersetzung in Stellung gebracht wird. Am Dienstag gibt es, so schreibt die Berliner Zeitung – ohne den geringsten Nebensatz mit einem Hauch von Nachdenklichkeit in ihrem Bericht –, „in Berlin in 15 Kinos die Möglichkeit, den Film ‚Der große Diktator‘ in restaurierter Fassung zu erleben“. Über Chaplins grandioses Werk aus dem Jahre 1940 muss man kein Wort verlieren. Der Film gehört mit Sicherheit zu den top ten aller Zeiten.

Merkwürdig ist der Zeitpunkt des Einsatzes. Offenbar wollen die Initiatoren darauf hinweisen, dass am 5. November in den USA eine Art Anton-Hynkel-Nachfolger gewählt werden könnte, der der amerikanischen Demokratie endgültig den Garaus bereitet und dann unverzüglich seine Truppen zur Erlangung der Weltherrschaft gegen irgendein Osterlitsch losschickt. Nach Lage der Dinge kann das nur gegen Donald Trump gehen. Den finde ich auch nicht besonders sympathisch. Aber der mehr oder weniger unverhohlene Faschismus-Vorwurf an seine Adresse ist Unsinn. Noch merkwürdiger: Manche links tickende Menschen in unserem Lande erhoffen sich ausgerechnet von Trump den großen Frieden. Hat er schließlich selber gesagt, dass er den Krieg im Osten Europas beenden will… Das wäre sozusagen nicht die Verwechselung Hynkels mit dem jüdischen Friseur wie in Chaplins Film, sondern die Verschmelzung beider in einer Person. Auch auf so etwas können nur Deutsche kommen.
Chaplin selbst würde wohl nur mit dem Kopf schütteln. Eine solche Inparteinahme seines Werkes hielte er unter Garantie nicht für möglich. Die Botschaft seines Filmes ist eine andere. Er lässt seinen Helden die berühmt gewordene Rede an die Menschheit halten, auf die ich an dieser Stelle aufmerksam machen möchte:

[…] Ich möchte weder herrschen noch irgendwen erobern, sondern jedem Menschen helfen, wo immer ich kann. Den Juden, den Heiden, den Farbigen, den Weißen. […] Hass und Verachtung bringen uns niemals näher! Auf dieser Welt ist Platz genug für jeden und Mutter Erde ist reich genug, um jeden von uns satt zu machen. […] Die Männer, die heute die Menschlichkeit mit Füßen treten, werden nicht immer da sein, ihre Grausamkeit stirbt mit ihnen und auch ihr Hass! Die Freiheit, die sie den Menschen genommen haben, wird ihnen dann zurückgegeben werden. Auch wenn es Blut und Tränen kostet, für die Freiheit ist kein Opfer zu groß! Soldaten! Vertraut euch nicht Barbaren an, Unmenschen, die euch verachten und denen euer Leben nichts wert ist, ihr seid für sie nur Sklaven! Ihr habt das zu tun, das zu fühlen, das zu glauben! Ihr werdet gedrillt, gefüttert, wie Vieh behandelt und seid nichts weiter als Kanonenfutter. Ihr seid viel zu schade für diese verirrten Subjekte! […] Lasst uns kämpfen für die Freiheit in der Welt! Das ist ein Ziel, für das es sich zu kämpfen lohnt. Nieder mit der Unterdrückung, dem Hass und der Intoleranz! Lasst uns kämpfen für eine Welt der Sauberkeit, in der die Vernunft siegt, in der Fortschritt und Wissenschaft uns allen zum Segen gereichen. Kameraden! Im Namen der Demokratie! Dafür lasst uns streiten!“

Der vollständige Text in deutscher Übersetzung ist im Internet leicht zugänglich. Auf youtube findet sich eine mit neueren Clips unterlegte Fassung der Originalrede Chaplins des Tagebuchfilmers Max Bryan („A Message To Humanity“). Der Clip wurde im Oktober 2013 veröffentlicht. Jeder von uns wird ihn wohl mit neueren Bildern ergänzen können.

Und was die Verfolgung Andersdenkender in den Vereinigten Staaten von Amerika angeht, da könnte Chaplin ein Wörtchen mitreden. 1952 verweigerte man ihm nach einem Englandauenthalt die Wiedereinreise. Er erhielt erst 1972 für eine Oscar-Verleihung ein Zehn (!)-Tages-Visum. Spätestens seit „Moderne Zeiten“ (Modern Times, 1936) galt er dem konservativen Amerika als Kommunist.

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Das politische Verhalten des modernen Menschen wirft oft Rätsel auf. Das gilt auch für Wahlergebnisse, die nicht nur in den parlamentarischen Demokratien des Westens, sondern auch in präsidialen Autokratien bei nüchterner Analyse Kopfschütteln hervorrufen können. Durchaus nicht alle unerwarteten Ergebnisse gehen auf Wahlfälschungen oder Manipulationen zurück… Robert Sapolsky – er hat eine Professur für Biologie und Neurowissenschaft an der Stanford University/Kalifornien inne – stellt sich diesem Problem im Interview mit Xifan Yang (DIE ZEIT 46/2024): „Oft wurzeln bestimmte Überzeugungen in tiefen Ängsten oder persönlichen Krisen, die man als Gegenüber adressieren muss, bevor rationale Argumente bei diesen Menschen eine Chance haben. Nur so lässt sich begreifen, warum Menschen sogar gegen ihre eigenen ökonomischen Interessen stimmen, wie das bei vielen rechtspopulistischen Wählern der Fall ist. […] Trump-Unterstützer sind in der Regel nicht einfach hasserfüllt, dämlich oder unfähig zur Empathie. Warum glauben bestimmte Bevölkerungsgruppen nicht an die Evolution? Es sind oft arme Menschen mit schlechter Gesundheitsversorgung und der geringsten Lebenserwartung im Land. Für sie steht die Evolution für Sozialdarwinismus, dafür, dass die Gesellschaft ihnen sagt: Du bist arm, weil du ein evolutionärer Verlierer bist.“

Yang hat für sein Interview den Titel „Was lehren uns Paviane über Politik?“ gewählt. Tatsächlich geht es auch um erstaunliche Verhaltensmuster, die offenbar unter Primaten – wir gehören nun einmal dazu… – ziemlich verbreitet sind. Sapolsky bestätigt de facto die Thesen von Andreas Peglau. Sicher, der Mensch ist ein gesellschaftliches Wesen, aber eben auch ein biologisches. Das galt unter Berufung auf Friedrich Engels einmal als Binsenweisheit marxistischen Denkens – wurde aber selten zu Ende gedacht. Hormone wie Glukokortikoid und Oxytocin spielen offenbar für unser Verhalten nicht nur im Privatleben eine ähnliche Rolle wie die Empörung, zu der uns das Nachdenken über die aktuellen Erscheinungsformen von „Lohn, Preis und Profit“ oder die allgegenwärtige Kriegsgefahr bringen kann. Der menschliche Vorteil gegenüber unseren äffischen Mitprimaten könnte allerdings darin bestehen, dass wir in der Läge wären, als Blocker zwischen Emotion, Trieb und Tat die ratio, den Verstand, einzusetzen.

Möglicherweise verhindert das wiederum ein in seinen Wirkungen noch nicht erforschtes Hormon. Findet das jemand, wären wir in der Schuldfrage fein raus.

Leider steckt der Text von Robert Sapolsky noch hinter einer Bezahlschranke. Ich zitiere nach der Print-Ausgabe.

4 Kommentare

  1. Die Rede von Chaplin ist brilliant und auch heute aktuell. Leider unterscheiden sich manche? Menschen nicht mehr von den „äffischen Mitprimaten“, denn man ist geneigt zu glauben, dass der Verstand bei ihnen verloren gegangen ist. (Wird aber auch erfolgreich abtrainiert.)

    1. Die Rede ist wirklich beeindruckend. Der Text ist natürlich streckenweise in einem Pathos gehalten, das uns heute fremdartig erscheinen kann. Aber wenn man ihn Chaplin sprechen hört -das ist Menschlichkeit pur!

  2. Chaplins Appell darf wohl getrost als große Dokument des fundamentalen Pazifismus´ gerechnet werden. Eben weil das so ist, halte ich für bemerkenswert, dass er dennoch auch dazu auffordert, aktiven, ja, auch Opfer erfordernden Widerstand gegen jene zu leisten, die die Welt mit Gewalt und Krieg überziehen:
    „Auch wenn es Blut und Tränen kostet, für die Freiheit ist kein Opfer zu groß!“
    Dass auch eine militante Facette zum Pazifismus gehört bzw. zumindest dort gehören kann, wo man sich der menschenfeindlichen Bösartigkeit eines Aggressors nicht zu unterwerfen bereit ist, wird m. E. leider oft – und wohl auch nicht ungern – übersehen.
    Das trifft auch auf die Rezeption des erklärten Pazifisten Kurt Tucholsky zu, der neben der radikalen Ablehnung des Krieges 1927 in seinem Weltbühne-Text „Über wirkungsvollen Pazifismus“ eben auch feststellte: „Aber das Recht zum Kampf, das Recht auf Sabotage gegen den infamsten Mord: den erzwungenen – das steht außer Zweifel, Und, leider, außerhalb der so notwendigen pazifistischen Propaganda. Mit Lammsgeduld und Blöken kommt man gegen den Wolf nicht an.“ Und 1935 stellte er in einem Brief an seine Schweizer Freundin Hedwig Müller fest: „Nichts als Pacifist zu sein – das ist ungefähr so, wie wenn ein Hautarzt sagt: `Ich bin gegen Pickel´“.

  3. Es wäre durchaus einer Überlegung wert, warum der Begriff „Volk“ in den USA gegenüber „Nation“ nahezu unbedeutend erscheint (solange es nicht um „fremde Völker“ geht), der Begriff des „Völkischen“ ist ihnen gänzlich fremd. Aber ist das auch realiter so?
    Wenn in den USA eingewanderte Kubaner Venezolaner ausschaffen möchten, ist dies vergleichbar mit Türken in Deutschland (alles Staatsbürger), die aktuell Immigration von Syrern, Afghanen und Palästinensern ablehnen. Auf, ihr Soziologen! Erkläret!

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