von Wolfgang Brauer
Der rumänisch-französische Bildhauer Constantin Brâncuși (1876-1957) gehört zu den die Bildhauerei des 20. Jahrhunderts prägendsten Künstlern – neben Auguste Rodin nahm er wohl am nachhaltigsten auf die Ästhetik des skulpturalen Gestaltens Einfluss. Anders als Rodin überwand Brâncuși jedoch sehr früh in seinem Schaffen jegliche Bindung an wiedererkennbares figürliches Gestalten. Es gibt eine hübsche Anekdote, die das auf Punkt bringt: 1912 besuchten Fernand Léger, Marcel Duchamp und er die Pariser Luftfahrtschau im Grand Palais. Vor einem ausgestellten Propellerflügel geriet Brâncuși in Verzückung: „Das ist eine Skulptur! Von nun an darf keine Skulptur dieser nachstehen!“
Er zog das durch.

Constantin Brancusi, Selbstportrait im Atelier, um 1934, Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI/Dist. GrandPalaisRmn,
© Succession Brancusi – All rights reserved / VG Bild-Kunst, Bonn 2026
Damit setzte er sich allerdings selbst eine Hürde hinsichtlich einer breiteren Rezeption seines Werkes. Er wurde (und wird?) von Vielen einfach nicht verstanden. Geradezu symbolhaft erscheint in dieser Frage seine vor Gericht ausgetragene Auseinandersetzung mit dem US-amerikanischen Zoll. Der hatte im Oktober 1926 seine Bronzeplastik „Vogel im Raum“, die für eine Ausstellung in der New Yorker Galerie Joseph Brummer vorgesehen war, nicht als Kunstwerk akzeptiert, sondern als Gebrauchsgegenstand in die Liste der „Tisch-, Haushalts- oder Küchenutensilien und Krankhausartikel“ eingeordnet und 210 $ Einfuhrsteuer verlangt. Der Künstler gewinnt den zwei Jahre andauernden Prozess. Das und die wenige Jahre zuvor erfolgten bösartigen Auseinandersetzungen um seine Plastik „Prinzessin X“ (1915/16) sorgen dafür, dass er die Ausstellung seiner Werke zunehmend unter seiner Kontrolle halten will – und das eigene Atelier in Paris als Präsentationsort bevorzugt. Mit Verkäufen hält er sich zurück, auch deshalb sind in deutschen Sammlungen kaum Werke von ihm vorhanden. Und sein Hauptwerk im öffentlichen Raum befindet sich im Südwesten Rumäniens, es ist das Skuplturenensemble mit dem „Tisch des Schweigens“, dem „Tor des Kusses“ und der „Endlose Säule“ (1937/1938) in Târgu Jiu. Die grandiose Stele wollte er als Bindeglied zwischen Erde und Kosmos verstanden wissen. In Auftrag gegeben wurde das Kunstwerk übrigens von der (kommunistischen!) Frauenliga von Gorj zur Erinnerung an die gefallenen Soldaten des Ersten Weltkrieges.
Constantin Brâncuși starb am 16. März 1957 in Paris und vermachte sein gesamtes Atelier, in dem sich ein Großteil seines Werkes angesammelt hatte, dem französischen Staat. Allerdings unter der Bedingung, dass es in der originalen Form erhalten bliebe. Aber so kam der gesamte Bestand an das Centre Pompidou – und davon können derzeit die Berliner und ihre Gäste profitieren. Seit vergangenem Jahr wird das Pompidou einer grundlegenden Sanierung unterzogen, und das machte die Entscheidung, Brâncușis Werke auf Reisen zu schicken, leichter. Bis zum 9. August 2026 sind sie in einer atemberaubenden Schau in der Neuen Nationalgalerie am Kulturforum zu sehen. Klaus Biesenbach, der Museumsdirektor sprach in seiner Eröffnungsrede davon, dass das „Durchlässig-Transparente der Glas-Stahl-Konstruktion von Mies van der Rohe“ (er meint das Galeriegebäude) ideal mit den Skulpturen korrespondiere. Einmal abgesehen davon, dass die Ausstellungsgestalter auch diesmal die Schau förmlich einkasteten, verschwinden die riesigen Glasfenster hinter zugezogenen Vorhängen. Das ist auch gut so. Brâncușis Werke stehen für sich – und korrespondieren miteinander. Das genügt ihnen. Und das geradezu geniale Arrangement durch die Ausstellungsmacherinnen ermöglicht eine sehr selten zu erlebende, geradezu intime Kommunikation mit den Betrachtern. Chapeau!
Brancusi, Ausstellungsansicht, Neue Nationalgalerie, 2026. Im Mittelpunkt die „Endlose Säule III“ (vor 1928, Pappelholz). Brâncuși variiert das hier praktizierte Konstruktionsprizip der aufeinandergetürmten gekappten Doppelpyramiden immer wieder. Die „Endlose Säule“ in Târgu Jiu erreicht ein Höhe von 29,33 m. Die Säule in der Ausstellung misst 301,5 cm. Foto: Neue Nationalgalerie – Stiftung Preußischer Kulturbesitz / David von Becker
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In der ersten Abteilung („Das Wesen der Dinge“) erleben wir den schwierigen Weg des Künstlers zur „Urform“: „Das Ei, seine Schale und sein Inneres, ist das Wesentliche. Nur Fülle und Volumen können den Schock der Wirklichkeit hervorbringen.“ Mit diesem „Wesentlichen“ hatte sich, die Moderne gleichsam um 400 Jahre vorwegnehmend, schon Hieronymus Bosch auseinandergesetzt („Der Garten der Lüste“, 1490/1500). In einer Abfolge von zehn Arbeiten, angefangen vom – noch sehr der großen Bildhauertradition in der Nachfolge Michelangelos verhafteten – Marmorkopf „Schlaf“, kann man den Reduktionsprozess bis hin zur „Skulptur für Blinde“ (1925, Onyx [eigentlich Alabaster – W.B.]) nachempfinden. Dem Ringen um die Urform bleibt Brâncuși auch in seinen Porträts treu. Er setzt wenige individualisierende Zeichen: fast magisch wirkende Augen oder Haarknoten. Adrienne Coulondre und Maike Steinkamp fragen angesichts dessen in ihrem Katalogtext, was denn „das Bild eines Menschen ausmacht – vielleicht ist es gerade ein charakteristisches Abbild, eine bestimmte Geste oder eine Silhouette“.

Constantin Brancusi, Mlle Pogány I, 1912-1913, Gips, Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI/Philippe Migeat/Dist. GrandPalaisRmn,
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Bei „Mademoiselle Pogány“ handelt es sich übrigens um die ungarische Malerin Margit Pogány, die er um 1910 kennenlernte und mit der ihn eine lange und sehr enge Freundschaft verband.
Dass solcherart Arbeiten zu Missverständnissen führen konnten, ist ein normaler Vorgang. Der Künstler wehrte sich immer wieder gegen den Vorwurf, „abstrakt“ zu arbeiten: „Ich versuche niemals das zu schaffen, was man die reine oder abstrakte Form nennt. Reinheit und Einfachheit sind mir völlig fremd; mein einziges Ziel ist es, zum wahren Sinn der Dinge zu gelangen.“ Constantin Brâncușis Ansatz stieß konsequent auf ähnliche Widerstände wie sie den Kubisten und später den Surrealisten widerfuhren: Im günstigsten Falle erklärten ihre kleingeistigen Kritiker sie für verrückt, im bösartigsten suchte man sie zu kriminalisieren. Es muss mit dem Fetischcharakter von Kunst zu tun haben, dass Werke, die gängige Darstellungsmuster durchbrechen, oft erbitterter verfolgt werden, als reale Gewalttaten. 1909 begann Brâncuși an weiblichen Torsi zu arbeiten – 1915/16 gipfelt dieser Arbeitsprozess dann in der „Princesse X“. Die 61,5 cm hohe Gipsfigur führt im Februar 1920 anlässlich ihrer Ausstellung im Pariser „Salon des Indépendants“ zum Skandal. Fernand Raux, der Polizeipräfekt von Paris, verlangte ihre Entfernung aus dem Salon, da deren Präsentation „zu Zwischenfällen führen könnte“. Raux sah in der Figur weniger eine Prinzessin, sondern eine Phallus-Darstellung, also blanke Pornographie. Das führte am 25. Februar 1925 zu einer Petition gegen die Zensur und die Freiheit der Kunst, die von Georges Braque bis zu Pablo Picasso von rund 50 Künstlern unterzeichnet wurde. Brâncuși reagierte nüchtern: „Es ist […] die Synthese der Frau. Es ist Goethes ‚ewig Weibliches‘, reduziert auf seinen Wesenskern.“

Constantin Brancusi, Princesse X, 1915-1916, Gips, Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI/Georges Meguerditchian/Dist. GrandPalaisRmn,
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Auf den „Wesenskern“ reduziert ist auch meine Lieblingsarbeit in dieser Ausstellung: „Der Vogel im Raum“ (1941), eine 193,4 cm hohe polierte Bronze. Im Querschnitt misst die Figur nur 13,3 x 16 cm. Sie ist von damit von einer unerhörten Schlankheit und strebt wie ein Pfeil nach oben – scheinbar ziellos. Auch hier steht die Frage, wo denn der Vogel sei. „Nicht den Vogel selbst will ich darstellen, sondern den Impuls, den Aufflug, den Elan“, zitiert Claire Gilles Guilbert 1957 den Künstler. Die eingangs erwähnten Propellerflügel sind bei aller technisch möglichen Eleganz plump dagegen.
Constantin Brancusi, L’Oiseau dans l’espace (Der Vogel im Raum), 1941, Polierte Bronze, Foto: Centre Pompidou, MNAM-CCI/Audrey Laurans/Dist. GrandPalaisRmn
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Brâncuși, Neue Nationalgalerie, Stiftung Preußischer Kulturbesitz. In Kooperation mit dem Centre Pompidou Paris, 20. März bis 9. August 2026; Katalog im DISTANZ Verlag, Berlin 2026, 240 Seiten, 44,00 Euro.