Vom grünen Burgund in die Schluchten der Ardèche

Zwischen dem visionären „Jüngsten Gericht“, der einst weltweit größten Basilika und dem Höhlen-Bestiarium aus dem Paläolithikum

von Klaus Hammer


Beaune: Hôtel-Dieu. Innenhof. Foto: Anita Beloubek-Hammer (2024)

Wenn man eine herbstliche Reise vom grünen Burgund bis in die Schluchten der Ardèche unternommen hat, dann sind die Eindrücke so vielfältig, dass man nicht weiß, welchen Erinnerungen man zuerst nachgehen soll. Den Burgundern des Nibelungenliedes oder dem Burgunder als einem der besten Weine Frankreichs, den einzigartigen Bau- und Kunstdenkmälern, den Weingebieten der Bourgogne, den malerischen Dörfern und mittelalterlichen Zentren der Städte, den Burgen, Schlössern und Landsitzen, den Kirchen und Klöstern der Romanik und Gotik, den Museen und Erinnerungsstätten oder den romantischen Tälern und Hochplateaus der Provence wie den Schluchten der Ardèche? Nur drei Höhepunkte sollen herausgegriffen werden.


Rogier van der Weyden: Das Jüngste Gericht/Festtagsansicht. Beaune/Hôtel-Dieu (Quelle: Public domain, Wikimedia Commons)

Das gotische, in den Jahren 1443 bis 1451 auf Veranlassung des burgundischen Kanzlers Nicolas Rolin erbaute Hôtel-Dieu (Hospital) in Beaune entfaltet seine ganze Schönheit zum Innenhof hin mit seinem unverwechselbaren glänzenden Buntziegeldach. Im Innern der Große Krankensaal, die Apotheke, die Küche, vor allem das Musée, in dem sich das überwältigende Polyptychon vom „Jüngsten Gericht“ (1443), eines der Meisterwerke des niederländischen Malers Rogier van der Weyden, befindet. Einst stand es den Siechen des Krankensaales in der angrenzenden Kapelle unmittelbar vor Augen – sozusagen als Teil einer spirituellen Therapie.

Im abgedunkelten Raum sind jetzt die erstaunlich feinen malerischen Details der Heils- und Urteilsverheißung mit Hilfe eines übergroßen Vergrößerungsglases intensiv zu betrachten. Hier fügt sich eine Vielzahl von Figuren und Einzelszenen zu einem einzigen großartigen Bild zusammen: Erhöht in der Mitte über dem Regenbogen Christus als Weltenrichter mit strahlendem Purpurmantel, umgeben von gleißendem Licht. Ihm zur Seite befinden sich Engel mit dessen Leidenswerkzeugen. Unter ihm steht, begleitet von Posaunenengeln, der Erzengel Michael und entscheidet mit der Seelenwaage über Seelenheil und Verdammnis. Nach links schickt er die Auferstehenden in die ewige Verdammnis oder nach rechts ins Paradies. Nur mit innerer Erschütterung kann man dieses bildgewordene Thema des Weltgerichts betrachten, das zur Umkehr und Buße mahnt – unauslöschlich hallt es im Betrachter nach.

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Bis ins 12. Jahrhundert hinein war die 910 gegründete Benediktinerabtei Cluny Ausganspunkt einer mönchischen Reformbewegung – und sie hat der romanischen Baukunst nicht nur in Burgund wesentliche Impulse gegeben. Die Abteikirche ist zwar heute bis auf geringe Teile zerstört, ihre Rekonstruktion macht aber deutlich, dass es den Baumeistern damals gelungen war, die massigen Bauteile, die bei vorromanischen Bauten vielfach blockartig und ohne rechten inneren Zusammenhang aneinandergesetzt waren, zu einer harmonischen Einheit zusammenzufassen.

Die „Maior Ecclesia“, der dritte und größte Kirchenbau in Cluny (genannt Cluny 3) maß in der Länge 187 m und bestand aus fünf Schiffen und zwei Querhäusern. Ein Ausgleich wurde geschaffen zwischen dem Westteil – dem Langhaus, der größeren Masse des Gesamtbaus – und dem Ostteil – der reicheren Gestaltung mit Vierungsturm, Apsis und Kapellenkranz. Die östliche Baugruppe, in der sich auch die Altäre befanden, sollte dominanter erscheinen als die westliche und so den Gegensatz zu den nach dem Westen ausgerichteten, profanen Gebäuden der Kaiser verdeutlichen. Die beherrschende Mitte, der alle Bauteile zugeordnet sind, ist der wuchtige Vierungsturm. Der Chor macht mit seinem zweiten Querhaus, dem zweiten Vierungsturm und den vielen Apsidialkapellen sichtbar, wie sehr diese Kirche Abbild der Macht und Größe der cluniazensischen Bewegung war. Sie ist das größte christliche Gotteshaus vor der Errichtung der Peterskirche in Rom gewesen.

Cluny: Ansicht der Abteikirche von Norden und Grundriss um 1700. Quelle: Public domain, Wikimedia Commons
Cluny: Ansicht der Abteikirche von Norden und Grundriss um 1700. (Quelle: Public domain, Wikimedia Commons)

Die wichtigste Neuerung im Innern war, dass das Allerheiligste, der Hochaltar, aus dem Gemeinderaum ausgeschieden und zwischen Apsis und Kirchenschiff verlegt wurde. Seine Bedeutung wird nunmehr durch die auf den mächtigen Vierungspfeilern ruhende Kuppel, über der sich der Vierungsturm erhebt, hervorgehoben. Die Schiffe erhalten Tonnengewölbe, die schon die Gotik ankündigen. Das Gewölbe des Mittelschiffs wird durch Gurtbögen in kleine Abschnitte unterteilt, die sich gliedernd auf den großen Raum des Langhauses auswirken. Das überwältigende Raumerlebnis konzentriert sich ganz auf Architektur und Licht. Die Dimensionen dieser einstigen Hochburg der mittelalterlichen Christenheit abzuschätzen, lässt uns heute Bewunderung wie Ehrfurcht zugleich empfinden. Stellt man sich unter das gewaltige Kirchenschiff, kann man sich mit Hilfe digitaler Technologien, die virtuelle und erweiterte Realität miteinander verbinden, ein Bild von der einst größten Kirche der christlichen Welt machen.

Der Niedergang Clunys Mitte des 12. Jahrhunderts begann nicht nur deshalb, weil sich der amtierende Abt Hugo III. für den falschen Papst entschieden hatte und fliehen musste, die Abtei wurde gezwungen, ihre Unabhängigkeit aufzugeben. Cluny war zudem nicht mehr die einzige mächtige Klostergemeinschaft nördlich der Alpen, der Mönchsorden der Zisterzienser – er stand für weltabgewandtes Leben in Armut und Askese –, mit seinem Sitz in Citeaux, gewann zunehmend an Einfluss. Cluny, das die Entwicklung der romanischen Kunst durch die Gründung neuer Kongregationen förderte, bildete den Höhepunkt der Romanik und verweist auch schon auf den Übergang zur Gotik. In der Französischen Revolution von 1789 bis 1799 war die Abtei verkauft worden und diente als Steinbruch. Nur etwa 10 Prozent sind erhalten geblieben. Doch wer sich ein Bild vom einstigen Zustand der Abteikirche von Cluny machen will, der besuche dessen Miniaturausgabe, die Basilika in Paray-le-Monial, eines der schönsten Beispiele cluniazensischer Architektur. Aber auch Cluny bleibt ein faszinierender Ort für Besichtigungen und archäologische Forschungen.

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Was hat es nun mit dem Höhlen-Bestiarium auf sich? 1994 machten Amateur-Höhlenforscher im Flusstal der Ardèche, nahe der kleinen Stadt Vallon-Pont-d’Arc, in Südfrankreich eine Entdeckung, die in der Tat die Geschichte der Kunst wie der Menschheit auf den Kopf stellen sollte. Durch einen Steinabbruch vor rund 22 000 Jahren war der Eingang der Chauvet-Höhle fast vollkommen verschüttet worden. Es wurden hier Höhlenzeichnungen entdeckt, die sich als das älteste bisher bekannte Meisterwerk der Menschheit erwiesen – sie werden auf ein Alter von 36 000 Jahren datiert. Mehr als 1 000 Zeichnungen, darunter 425 Tierfiguren, vorwiegend Höhlenlöwen und -bären, Panther, Mammuts, Wollnashörner und andere – also ein ganzes Bestiarium – machen diese paläolithische Höhlenmalerei aus. Mit rotem Ocker oder Feuersteinen wurden sie in die Höhlenwände eingraviert oder mit Kohle auf die Wände gezeichnet. Sie wurden in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen.


Pont d’Arc im Tal der Ardèche unweit der Chauvet-Höhle. Foto: Anita Beloubek-Hammer (2024)

Um den außergewöhnlichen Erhaltungszustand der Höhle – auch für weitere wissenschaftliche Studien – zu bewahren, wurde seit Beginn unseres Jahrhunderts in unmittelbarer Nachbarschaft eine Nachbildung der Chauvet-Höhle entworfen und verwirklicht (die Grotte Chauvet 2 Ardèche). Szenografische Techniken lassen die Ur-Kunst im digitalen 3D-Modell noch besser erkennbar werden als in der Originalhöhle. Zwischen Licht und Schatten, inmitten von Stalaktiten und Stalagmiten sowie Hunderten von Knochen spürt der Besucher der Präsenz von 40 Tierarten nach, die auf den Wänden gezeichnet oder eingemeißelt sind. Die grafische Erzählung erweckt die dargestellten Szenen zum Leben: Unmittelbar erleben wir eine Jagd oder einen Nashornkampf mit. Die Überlagerung von aufeinanderfolgenden Bildern drückt zudem Rhythmus und Bewegung aus. Auf diese Weise das Paläolithikum zu entdecken, ist ein großes, unvergessliches Erlebnis.

Wie Fenster, die die Vergangenheit in die Gegenwart offenbaren, wirken allein diese drei einzigartigen Kunst- und Architektur-Events.

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