Und wieder mal „Die Räuber“ und ein „Kirschgarten“. Aber ein „Zweiter“…

von Wolfgang Brauer

Weißer Bühnenhorizont, grell ausgeleuchtet, kein Vorhang – ah ja, man weiß schon, es gibt ein Gedankenstück, was Belehrendes. „Reclam braucht keine Reklame“, schrillt es von einem kanariengelben Vorhang in Frakturschrift. Sehr deutsch. Reclam braucht auch keine Reclame. Der Verlag liefert seit Jahrzehnten die wohlfeilen Ausgaben für die Schullektüre der höheren Institute. Solange wenigstens noch die Trümmerlandschaften des bürgerlichen Bildungskanons sichtbar sind, ist der Absatz gesichert. Jedenfalls poltern zu Beginn des Stückes die vier Haupt- (und einzigen) Darsteller Mathilda Switala (Amalia), Andri Schenardi (Franz von Moor), Janek Maudrich (Karl von Moor) und Moritz Kienemann (Moritz Spiegelberg) auf die Bühne. Die sind mit Baseballschläger bewaffnet, man fürchtet Entsetzliches. Inzwischen erzählen ja national gesinnte Omas und Opas verklärten Blicks ihren Enkeln von der „Baseballschläger-Zeit“ … Aber so schlimm kommt es nicht – als erstes fällt das gipserne Haupt des Verlagsgründers. Dann tobt man sich an den herumliegenden verstaubten Bücherbergen aus. Die Darsteller selbst stecken in überdimensionierten Reclamheften: Friedrich Schiller „Die Räuber“. Was auch sonst. Himmel, wie tief können die Frustrationen eines miserablen Literaturunterrichts in der Abiturstufe nur sitzen!


Ihnen graut vor diesem tintenklecksenden Säkulum; Ensemble. Foto: Deutsches Theater © Eike Walkenhorst

Als erster entledigt sich aber der künftige Karl Moor der literarischen Zwangsjacke. Klar doch, der Rebell. Die anderen folgen peu à peu. Man sitzt zu Gericht über Karl, unklar, ob postum oder vorab. Egal, Regisseurin Claudia Bossard wird sich schon etwas dabei gedacht haben. Sie erlaube es sich „auch nicht, einfach in den Text reinzugreifen und irgendwas zu machen. Ich zwinge die Spieler:innen förmlich, sich mit mir durch diese Schiller-Sprache hindurch und hinaus zu denken.“ So erklärt sie ihre Inszenierungsmethode in einem Programmzettelinterview mit Jona Rogalski. Theater also als philologisches Pro-Seminar für Erstsemester-Studis. Sagte da nicht gerade jemand – Spiegelberg? – „Jetzt schillert es aber!“ Um in diesem Bilde zu bleiben: Wenn die Vier Akteure auf der Bühne „schillern“, sind sie am stärksten.

Das Beeindruckendste an der „Räuber“-Verhackstückung Claudia Bossards sind jedenfalls die großen Monologe. Allein die verlohnen den Gang in diese Inszenierung. Am Anfang Franz Moors Anklage gegen die „beste aller Welten“: „Ich habe große Rechte, über die Natur ungehalten zu sein.“ Schenardi hat da einen ganz großen Auftritt!

Die Regie verzichtet darauf, Schillers großen dramaturgischen Bogen nachzuvollziehen – man bedient sich der 2. Auflage 1782, aber Gourmet-Analysen gehen an diesem Abend sowieso völlig fehl. Natürlich wird alles zusammengewürfelt und irgendwie „passend“ gemacht. Immer wieder ergreift einer der Mimen ein Mikrofon und schmachtet einen englischen Beliebigkeitssong in den Saal. Darüber wundert sich inzwischen niemand mehr. Alles scheint sowieso nur noch „Material“; jedenfalls dann, wenn keine Autorenrechte mehr darauf liegen. Das ist nun kein Alleinstellungsmerkmal der Berliner Bühnen. Natürlich macht man „irgendwas“! Aber was?

Beim Nachdenken darüber wird man plötzlich von Mathilda Switala gestört, die als Text-Marker grün gewandet erscheint und aus einer Plastetüte heraus Reclam-Büchlein Interessierten im Publikum zuwirft: „’Effi Brust‘ von Theodor … wer will das haben?“ Das ist ganz lustig, aber irgendwie Schul-Theater, Abi-Streich. Mir wäre an der Stelle eine Pause lieber gewesen. Danach geht es nämlich wirklich heftig zur Sache.

Der scheinbar ewige Kreislauf von Benachteiligung, die sich mit Terror zur Wehr setzt, auf den dann die Kriege folgen … Dreispitz, Pickelhaube und (natürlich) eine an Wehrmacht oder Totenkopf-SS gemahnende Montur auf der Drehbühne. Ein völlig überflüssiger Narr des Todes mit Knute (oder ist das eine Domina-Peitsche?). Einzelne Schüsse, Maschinengewehrgarben. Das ist beeindruckend. Karl Moor kann noch so oft „Liberté, Égalité, Fraternité!“ plärren, sein Haufen ist doch nicht anderes als eine Mordbrennerbande. In der Konsequenz der Reduktionsdramaturgie Bossards liegt es, dass Karl die Berichte (bei Schiller) Schweizers und Rollers über die Brandschatzung der Stadt selbst abliefert und dann noch den i-Punkt auf die Sauereien setzt, als er sich – um Amalien zu beeindrucken – die Geschichte der Ausplünderung und Massenvergewaltigung der Nonnen des Cäcilienklosters stolz an die Brust heftet. Bei Schiller ist das Spiegelbergs schon im Ersten Akt angeberisch kund gegebene „Großtat“. Amalia wendet sich angeekelt ab.

Irgendwie ahnen die Kerle ihr Scheitern. Karl geht ebenso wie Franz in die Hinterbühne ab. Franz erschießt sich, Karl bricht in Wehklagen aus. Ein weiterer Schuss … „Hoppla!“ (Bertolt Brecht, Die Seeräuber-Jenny“).

Der Schluss gehört Amalia, also Mathilda Switala. In einem großen Monolog verdammt sie die mitspielenden drei Kerle. Ich gebe zu, nach der Text-Marker-Einlage hätte ich das Switala nicht mehr zugetraut… Und sie zeichnet ein apokalyptisches Bild dieser Welt. Dass sie ihren Abgang ausgerechnet mit dem kitschigen Wunsch „Elysium meiner Jugend – wirst du zurückkehren?“ beschließen muss, hätte die Dramaturgie verhindern sollen. Mit ihrer vorherigen Rede hat das nichts zu tun, das ist aufgesetzt. Im übrigen äußert diese Jammer-Formel eigentlich Karl (3. Akt, 2. Szene): „O all ihr Elysiumszenen meiner Kindheit! – Werdet ihr nimmer zurückkehren?“ Natürlich nicht, das weiß er selber.

„De facto funktionieren ‚Die Räuber‘ gegenwärtig nicht mehr wirklich…“, meint Claudia Bossard im erwähnten Interview. Woher weiß sie das? Ich lasse mich nach dem Theater gern im Publikumsstrom zur S-Bahn treiben. Diesmal recht viel junges Volk in vertieftem Gespräch. Über „Die Räuber“, nicht über die vielen geistreichen Anspielungen.

Friedrich Schiller: Die Räuber, Deutsches Theater Berlin. Wieder am 26. und 29. Dezember 2025 sowie am 7.1., 8.1., 12.1. und 18. Januar 2026.

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Für die Neuköllner Oper nahmen sich jetzt Martin G. Berger (Text) und Wolfgang Böhmer (Komposition) Anton P. Tschechows „Kirschgarten“ (1904) vor. Ein Endzeitstück, das nach gut 120 Jahren nur wenig von seiner Virulenz eingebüßt hat. „Dabei schrecken sie weder vor Witz noch Komplexität zurück“, erklärt das Programmheft. Das mit dem Witz ist so ungeheuerlich nicht. Tschechow deklarierte sein Stück als „Komödie“. Mit der Komplexität tun die Autoren allerdings ein wenig zu viel des Guten. Weshalb gibt es eigentlich noch Dramaturgen? Die namibische Kolonialgeschichte von Kirschbaum + Urgroßvater wirkt aufgesetzt und ist eigentlich überflüssig. Aber „Dekolonialisierung“ muss sein. Jedenfalls siedeln Berger & Böhmer ihr Musical (und mithin den „zweiten Kirschgarten“) 2025 irgendwo in Deutschland an.


„… immer wieder kiloweise Kirschen …“ (Julia Klotz als Warja). Foto: Neuköllner Oper © Peter van Heesen

Am Beginn des Werkes erscheint Warja und kämpft mit einem Dutzend großer Gläser voll mit Süßkirschen: „Immer wieder kiloweise Kirschen … die blühen so beschissen schön“, singt Julia Klotz. In der Folge erscheint Lopachin. Das ist in Alexandra Liedtkes behutsamer Inzenierung die Lolo (großartig: Tina Ajala), mit der Warja ein Verhältnis hat und von der alle erwarten, dass sie sich mit Warja nun endlich verlobt. Das alte Abhängigkeitsverhältnis gewissermaßen zementiert, Tschechows Lopachin stammt aus einer Leibeigenenfamilie… Lolo denkt nicht dran, soviel sei vorausgeschickt.

Dann kommt der Rest der Familie im Tross der Ranewskaja, die jetzt nur die Andrea ist (Franziska Junge). Aber auch Andrea ist völlig überdreht, lebt seit fünf Jahren in Paris und versoff das Familienvermögen. „Mama hauts raus, doch wir sind die Erben … die Kinder … wir sind die Zukunft“, heult Tochter Anja (Laura Goblirsch) zur angejazzten Musik des sparsam besetzten Orchesters (musikalische Leitung: Magnus Loddgard /Julius Windisch) herum. Alles, auch Andreas weltfremde Ergüsse, zynisch kommentiert von Onkel Gerald (Markus Schöttl), der das Familientreffen in der „runtergerockten Hütte“ abartig findet. Gekommen ist er doch. Man könnte ja etwas abstauben…

Schließlich geht es um die Zwangsversteigerung des kaum noch Früchte liefernden Kirschgartens – das meiste, was Warja erntet, ist von den Würmern der Kirschfliege befallen. Der Garten selbst ist nichts mehr wert. Lolo Lopachin schlägt vor, aus dem Haus ein „Airbnb“ zu machen, damit könne man die Schulden los- und zugleich reich werden. Natürlich weist die ignorante Familienbande diesen Vorschlag empört von sich und träumt weiter ihrem Untergang entgegen. Aus der kathartisch notwendigen Auseinandersetzung mit der Familiengeschichte wird bei Andrea eine weinerlich-auftrumpfende geschichtsphilosophische Solo-Nummer: „Ich bin, was ich bin – durch Schuld und durch Sühne. Erlebtes, Ererbtes…“ Beim Premierenpublikum fand das durchaus Gefallen. Ich empfand es einfach nur nervend. Obwohl Franziska Junge – sie sprang für die erkrankte Hauptdarstellerin ein – diese schwierige Partie souverän gemeistert hat.

Bei Tschechow ruht alle Hoffnung auf der 17-jährigen Tochter Anja. An der Neuköllner Oper lässt sich Anja auf den verkrachten Studenten und Hauslehrer Trofimov ein und will mit dem nur noch weg. Nach Hawaii, um dort … mit Airbnb … reich zu werden. Natürlich erhält auch bei Berger /Böhmer (Lolo) Lopachin am Ende den Zuschlag und löst den Problemstau auf ihre Weise. Kathartisch und nachhaltig… So kann man das machen. Hingehen!

Ach so, der alte Diener Firs. Der kommt auch im „Zweiten Kirschgarten“ vor, ist allerdings abwesend. Auf Urlaub, wahrscheinlich in Rumänien. Er ist Türke oder so… Man weiß es nicht. Böser kann man die geheuchelte Fremdenfreundlichkeit der deutschen Oberschichten nicht kommentieren.


Lolos Lösung (Tina Ajala).
Foto: Foto: Neuköllner Oper © Peter van Heesen

Wolfgang Böhmer / Martin G. Berger: Der zweite Kirschgarten. Ein Musical frei nach Tschechow, Neuköllner Oper Berlin. Wieder am 26., 27., 28. und 30. Dezember 2025 sowie am 2., 3., 9., 10., 15. und 16. Januar 2026.

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