Über Insektenschutzmittel, Wörter mit gebrochenem Flügel, Willige, das Grundrecht auf Dummheit und ein bisschen Fischen

Mein Küchenradio preist derzeit in seiner Radiowerbung „Insektenschutzmittel“ an. Dank der Penetranz – „Mit Radio erreichst du jeden…“ (Eigenwerbung) – dieses Mediums denke ich erstmals über diesen Begriff nach. Natürlich schützt man mit Insektenschutzmitteln keine Insekten. Im Gegenteil, man tötet sie, um sich selber vor lästigen Attacken der stechenden Biester zu schützen. Diese vollständige Verkehrung des Begriffsinhaltes erinnert mich an die Sprache der Politik… Man muss schon einiges an Insektenschutzmittel geschluckt haben, um den Begriff „Reform“ zum Beispiel noch ernst nehmen zu können.


„Wart nur, du unverschämtes Tier!
Anitzo aber komm‘ ich dir!!“
(Wilhelm Busch: Die Fliege. 1861/1872)

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Der CDU-Politiker Christian Hirte aus Eisenach ist jetzt Parlamentarischer Staatssekretär im Bundesverkehrsministerium. Seiner Freude über den Fakt, dass er dank des vom abgewählten Bundestag noch im Schweinsgalopp durchgepeitschten Beschlusses über das „Sondervermögen Infrastruktur“ viele Milliarden Euro – nach seiner Vorstellung jedenfalls – mit vollen Händen ausgeben kann, verlieh er gegenüber der Ostthüringer Zeitung wie folgt Ausdruck: „Das Sondervermögen wird uns in die Lage versetzen, wie nie in den vergangenen Jahren voll in die Speichen greifen zu können.“ Wir sind irritiert: In die Speichen greift man eigentlich, wenn man eine Sache zumindest ausbremsen, wenn nicht gar stoppen will… Der desolate Zustand der deutschen Infrastruktur kam ja gerade durch solches „In-die-Speichen-Greifen“ zum Beispiel gegenüber der Deutschen Bahn zustande. Will Hirte das tatsächlich noch schlimmer machen?

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Der diesjährige Tag der Befreiung wird als Tag der falschen Stimmen in die Geschichte eingehen. Der Deutsche Bundestag entblödete sich nicht, nach einer „Empfehlung“ des Auswärtigen Amtes – neuerdings macht das offenbar auch Innenpolitik – eine Art geschichtspolitisches Aschenputtel-Prinzip zu kreieren: Die Guten ins Töpfchen, die dürfen rein. Die Schlechten ins Kröpfchen, die sollen draußen bleiben. Prophylaktisch wegsperren geht (noch) nicht. Wenn die Schlechten dann auch noch diplomatische Immunität genießen, darf man noch nicht einmal deren Chauffeuren einen Strafzettel wegen Falschparkens in Treptow oder Pankow ausstellen. Die Schlechten sind augenblicklich die Russen, jedenfalls die Offiziellen. Die Trumpisten sind dem Kröpfchen gerade so entgangen und zählen wahrscheinlich doch zu den Guten. Die Guten nennen sich inzwischen – so jedenfalls wird es von unseren völlig unabhängigen öffentlich-rechtlichen Sendern seit Anfang April verkündet – „Koalition der Willigen“. Koalition der Willigen? Da war doch mal was … Ach ja, das war die Truppe, die im Frühjahr 2003 den Irak unter Ignorierung jeglicher Völkerrechtsregeln beinahe in die Steinzeit zurückbombardierte und den Oberschurken Saddam in ein Erdloch trieb. Weil der Waffen hatte, die er fieserweise gar nicht hatte, wie ein besonders Williger behauptete. Das heißt, bombardiert haben hauptsächlich die USA und einige wenige ihrer willigen Handlanger. Die Bundesrepublik spielte dank ihres damaligen Bundeskanzlers das blutige Spiel nicht mit. Heute sieht das anders aus. Wir haben jetzt einen willigen Kanzler, beinahe eisern ist der. Immerhin gibt er dem Putin – Kröpfchen-Kandidat Nr. 1! – knallhart zu verstehen, dass dessen geäußerte Gesprächsbereitschaft zu Verhandlungen in Sachen Ukraine-Krieg „zunächst ein gutes Zeichen“ sei, aber natürlich „bei weitem nicht reicht“. Er verlange „echte Gespräche“.
An was erinnert mich das bloß? Ach ja, an Sergej Michalkows glänzende Versfabel „Der Hase im Rausch“… Rausch geht auch ohne Alkohol. Aber jetzt muss ich aufpassen, dass ich nicht ins Kröpfchen gerate. Der Michalkow war auch so ein garstiger Staatsdichter.

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Auf jeden Fall haben unsere Willigen verhindert, dass die Putin-Vasallen ihre Georgs-Bänder im Bundestag präsentieren durften. Die unter Denkmalschutz stehenden Einschusslöcher vom Frühjahr 1945 sind tägliche Provokation genug! Zum Ausgleich gab es zum 8. Mai am Berlin-Treptower Ehrenmal einen Aufruf zu lesen „… an die alliierten Mächte – insbesondere Russland und die Vereinigten Staaten von Amerika“. Die Autoren („Wir – das deutsche Volk –“) fordern auf der Basis des Grundgesetzes (Artikel 139) „die Entnazifizierung“ ein. Allerdings erklären sie auch, dass die Reichsverfassung von 1919 bis heute rechtsgültig sei. Deren Artikel 139 lautet aber: „Der Sonntag und die staatlich anerkannten Feiertage bleiben als Tage der Arbeitsruhe und der seelischen Erhebung gesetzlich geschützt.“ Wollen die Kriegstreiber nun auch noch den Sonntag abschaffen, nachdem sie schon die Axt an den Achtstundentag legen? Es kommt aber noch hübscher. Den Reigen von zehn „offenkundigen Tatsachen“, die zur Begründung der notwendigen Entnazifizierung dienen, eröffnet die Behauptung, „Deutschland ist nicht souverän, okkupiert unter Besatzungsstatus.“ Das sagen die Reichsbürger auch, aber die schreiben zumeist noch vollständige Sätze und wollen nicht nur das Reich, sondern auch die deutsche Sprache schützen.

Gut, wir haben Meinungsfreiheit, da muss man das irgendwie aushalten. Es gibt ein ungeschriebenes Grundrecht, das weder im Grundgesetz, noch in der Weimarer Verfassung und auch nicht in der Bismarckschen Reichsverfassung zu finden ist: das derzeit mit äußerster Heftigkeit wahrgenommene Grundrecht auf Dummheit.

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Glücklicherweise gehen aber die Tage der Aufregung ihrem Ende entgegen. Pfingsten, das fröhliche Fest, naht – habemus papam! Auch an der Spree stehen wieder die Jünger des ersten Bischofs von Rom – der war Fischer von Beruf – in Massen herum. Und es werden immer mehr. Längere Zeit war ich der Meinung, das habe mit den exorbitanten Fischpreisen in der Hauptstadt zu tun. Vollkommen falsch! Es handelt sich um eine neue Trendsportart: „Streetfishing“. Die jungen Männer (zumeist) locken die armen Plötzen und Karauschen an ihre Haken, ziehen sie aus dem Wasser, messen die Länge, machen ein Handy-Foto – und dann dürfen die Fische wieder ins Wasser. Bis zum nächsten Biss, blöde Viecher. Ich wollte, der Gott der Fische fischte gelegentlich mit einem Kescher die „Streetfishermans“ in der Berliner Stadtmitte auf und leerte ihn über dem Schlachtensee oder der Krummen Lanke wieder aus. Da sollen beißwütige Wassertiere ihr Unwesen treiben. Wenn die Kerle ihren Sport wenigstens wörtlich nehmen würden, stünden sie übrigens mit ihren Angelruten an der Potsdamer oder am Ku’damm und seinen Seitenstraßen. Streetfishing… Aber das könnten dortige Revierwarte falsch verstehen.

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