Tuscische Miniaturen – Der Müll und die Kunst

Peccioli (PI). Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Die meisten Orte der Toskana haben „ihren“ Künstler. Und wenn er dort nur begraben ist … wie Giovanni di Boccachio in Certaldo. Certaldo würde wohl sonst niemand kennen, weil sowieso alle von den Türmen des nahen San Gimignano angezogen werden. Aber was macht nun eine Kommune, die noch nicht einmal über ein Altarbild in der Nachfolge Giottos, eine Della-Robbia-Terrakottatafel oder ein Fresko aus der Werkstatt Ghirlandaios verfügt und auch der Knabe Leonardo niemals nie seinen Fuß auf die Piazzetta gesetzt hat?

Was den Tourismusmanagern ein Graus, kann heute lebenden Künstlerinnen und Künstlern die Chance bieten. Man bedarf allerdings zweier Zutaten für das Menu artistico, ohne die es nicht geht: Finanziell potente Sponsoren – die ein Interesse daran haben, dass ihre Gewinne regional angelegt werden – und kommunale Verantwortungsträger, die ihre Gemeinde und die Kunst lieben und willens sind, sich über diverse Widerstände hinwegzusetzen. Auch in Italien ist die zeitgenössische Kunst ein Lieblingsspielzeug der Reichen und Mächtigen und verschwindet gar zu oft hinter den gut bewachten Mauern ihrer Villen: „Ingresso vietato. Privato“. Das Volk ist auch hier vom Kunstgeschmack eher konservativ eingestellt – liebt aber im Unterschied zu uns Deutschen „seine“ Künstlerinnen und Künstler.

So ist der Reisende aus dem kühlen Norden durchaus verblüfft zu sehen, mit welcher Normalität die Einwohner von Peccioli – der Ort liegt etwa 40 km südöstlich von Pisa, bis nach Florenz sind es rund 75 km – gerade nicht im üblichen Museum des Spätmittelalters, sondern inmitten eines Museums der zeitgenössischen Kunst leben und das Institut offenbar annehmen.

Dieses, zunächst den Kernort, inzwischen aber weit ins Umland ausgreifende Museum nennt sich „MACCA. Museo d’Arte Contemporanea a Cielo Aperto“ („Museum der zeitgenössischen Kunst unter offenem Himmel“). Ganz stimmt der Titel nicht. Einige Kunstwerke befinden sich durchaus in Gebäuden oder überdachten Durchgängen, sind aber grundsätzlich öffentlich – und entgeltfrei! – zugänglich. Das hat mit der Topografie des Ortes zu tun. Peccioli ist in seinem historischen Kern ein Borgo, also ein auf einem Berg gelegener, befestigter Ort, ein Zwitter zwischen Burg und größerem Dorf. Die Höhenlage hatte vor allem militärische Gründe. Seit den Zeiten der Etrusker war die Gegend immer unsicher. Peccioli hatte das Pech, genau zwischen den Streithähnen Florenz und Pisa zu liegen… Die Niederungen litten andererseits immer unter ständigen Überflutungen und waren lange Malaria-Brutstätten. De facto unbewohnbar…


Patrick Tuttofuoco: Endless Sunset, 2020.
Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Also wohnte und wohnt man auf dem Berg. Das ist beschwerlich, auch heute noch. Und Autos sind im Ortszentrum strikt verboten – aber die Einwohner bekommen von der Kommunalverwaltung entgeltfrei Elektrofahrzeuge zur Verfügung gestellt. Damit geht man elegant dem technisch komplizierten und ziemlich störanfälligen KfZ-Benutzungssystem, wie es zum Beispiel das nahe Volterra praktiziert, aus dem Weg. Das kostet Geld, aber die Kommune ist vergleichsweise vermögend. Ihren Reichtum verdankt sie dem Müll. In Peccioli ist ein gigantisches Entsorgungs- und Recyclingunternehmen („Belvedere SpA“) mit ökologischem Anspruch ansässig. „Triangelo verde“ („Grünes Dreieck“) heißt das von diesem finanzierte Stadterneuerungsprojekt. Dazu gehört auch die Kunst.

Seit inzwischen 30 Jahren wurden rund 70 Kunstwerke finanziert und realisiert, die allesamt im öffentlichen Raum Pecciolis, mittlerweile, wie gesagt, auch in sieben Dörfern der Umgebung, mit Bedacht implantiert sind: das ist das MACCA. Manche Werke sind sehr auffällig. So verwandelte Patrick Tuttofuoco 2020 die nüchterne Fußgängerbrücke, die vom Aufzug der kommunalen Tiefgarage in das Ortszentrum führt, zum „Endless Sunset“, auf den nachts eine bemerkenswerte Lichtinstallation aufmerksam macht.

Manches findet man fast zufällig, wie etwa Vittorio Messinas Steleninstallation „Acropoli“ (1993) am höchsten Punkt des Ortes, an dem sich tatsächlich die Spuren einer mittelalterlichen Burg befanden. Wahrscheinlich hatten sich hier schon die Etrusker verschanzt. Messinas „Fontana“ („Brunnen“, ebenfalls 1993) fiel mir erst beim Abstieg von der Akropolis ins Auge, obwohl er von den Ausmaßen die ihn umgebenden Häuser fast überragt. Aber er wird mit Regenwasser gespeist, und es herrschte gerade eine exorbitante Dürre

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Marcella Del Signore: Aèrio, 2023. Peccioli/Vicolo Petresi 1.
Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Und manches muss man suchen, wie etwa Marcella Del Signores „Aèrio“ (2023), quasi eine aus Bioplastik konstruierte Maschine, die als atmendes Makro-Organ konzipiert ist und die umgebende Luft reinigt. Die kleine Gasse, an der Del Signore ihre Arbeit installiert hat, ist eigentlich ein Treppenhaus und führt zu diversen Arztpraxen. Das ist Denkstoff vom Feinsten! 2017 befestigte Vittorio Corsini an der Stützmauer des Plateaus, auf dem die Kirche San Verano steht, mehrere hundert Porträtfotos von Einwohnern Pecciolis, die allerdings nur die Augenpartien zeigen: „Lo sguardo di Peccioli“ („Der Blick von Peccioli“). Diese Augen haben eine beinahe magische Dimension, man kommt kaum weg von ihnen…

Vittorio Corsini: Lo sguardo di Peccioli, 2017. Peccioli/Via Borgherucci 2/16.
Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Hat man sich davon doch lösen können, der „böse Blick“ ist hier unbekannt, Peccioli ist ein freundlicher Ort, sollte man die schmale Gasse nach rechts gehen und die kleine Piazza Monsavino überqueren. Nach wenigen Schritten nach rechts auf der Via Roma stößt man auf den Palazzo Senza Tempo, den „Zeitlosen Palast“ aus der Mitte des 15. Jahrhunderts. Das Gebäude wurde 2004 von der Gemeinde und Belvedere SpA angekauft und ab 2019 von Mario Cucinella in eines der architektonisch spannendsten Kulturzentren verwandelt, die es wohl in Europa gibt. Geht man durch das Haus, steht man plötzlich auf einer riesigen Terrasse, die sich gleichsam schwebend hin zum Tal der Era öffnet. Atemberaubend!


Mario Cucinella: Terrazza del Palazzo Senza Tempo, 2022. Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Von dort hat man eine treffliche Sicht auf das Anfiteatro Fonte Mazzola. Das ist nicht antik, sondern sehr modern aus Tuffstein aufgebaut. Und am Rand des Bühnenareals stemmt sich ein über fünf Meter hoher männlicher Halbakt mit beiden Armen auf den Boden. So, als versuche er, den Rest des Körpers auch aus dem Erdreich zu ziehen. Die Augen sind auf das Bühnengeschehen fixiert. Wir sehen den ersten der „Giganti di Peccioli“ („Riesen von Peccioli“).


Naturaliter: Presenze, 2011. Peccioli/Anfiteatro Fonte Mazzola. Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Es handelt sich um insgesamt vier, fünf bis neun Meter hohe Skulpturen aus Polystyrol und Polyurethanschaum, die zum Schutz vor Umwelteinflüssen mit Betonfasern überzogen wurden. Dadurch sind alle vier von geradezu uniformem Grau. Eine Ausnahme sind die blaugrauen Augen, die ihnen eine fast außerirdische Aura verleihen. Die Figuren – das 2011 geschaffene Kunstwerk heißt eigentlich „Presenze“, also soviel wie „Anwesenheit“ oder auch „Teilnahme“ – sollen „Symbol der Transformation und Wiedergeburt des Ortes“ sein, versucht La Nazione vom 1. April 2024 zu erklären. „Rinaszita“, Wiedergeburt, das leuchtet beim Theater-Riesen ein. Schwieriger wird es mit der Deutung des Riesen-Paares – es sind tatsächlich Mann und Frau, auch hier beide als Halbakt mit scheinbar tief im Boden steckenden Unterkörpern – von Triangelo Verde bei Legoli. Das ist das riesige Gelände der bereits genannten Müllentsorgungsfirma, natürlich eingezäunt, daher nur zu den Betriebszeiten zugänglich. Es wird empfohlen, sich anzumelden, man erhält aber problemlos Einlass, wenn man am Tor klingelt und sein Anliegen nennt.


Das Riesen-Paar jedenfalls wirkt beinahe ein wenig ratlos, noch unsicher, ob es diese geschundene Erde überhaupt betreten will. Ein wenig Hoffnung liegt im Gesicht der Riesin, er hingegen krallt sich im Boden fest: Oh Gott, was habt ihr aus dieser Erde gemacht… Die Installation mitten im gigantischen Müll-Tal von Legoli hat Dantesches Format!



Naturaliter: Presenze, 2011. Legoli/Triangelo Verde. Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Wer sich Peccioli mit dem Auto aus Richtung Pisa bzw. Pontedera nähert, wird wahrscheinlich den vierten Riesen zu sehen bekommen. Er hockt unübersehbar auf dem begrünten Dach des Incubatore d’impresa, einem Firmengebäude an der Via Boccioni. Aus dem Erdboden hat er sich herausgearbeitet, die Verunsicherung scheint geblieben… Der Kerl ist übrigens ein beliebtes Fotomotiv der Vorbeifahrenden. Merkwürdigerweise sind es meist Frauen, die zur Kamera greifen…


Naturaliter: Presenze, 2011. Incubatore d’impresa/Peccioli, Via Boccioni 2.
Foto: Wolfgang Brauer (2024)

Neues Leben, versinnbildlicht durch Kunst, entstand aus dem Abfall, dem Müll, will uns Naturaliter, der Schöpfer der „Giganti“, klar machen – aber wie weiter? Ist das nur ein weiterer Schritt auf der scheinbaren Endlosschleife der Industriegesellschaft? Die Macher dieser im wahrsten Sinne des Wortes großen Kunstwerke lassen die Antwort offen. Es handelt sich übrigens um eine Kollektivschöpfung. Hinter „Presenze“ steckt die Firma Naturaliter SNC aus Peccioli. Eigentlich baut sie Ausstellungen, fertigt Dermoplastiken diverser Tiere für naturkundliche Sammlungen oder Rekonstruktionen von Dinosauriern an.

Der italienische Blogger und – laut Selbstbeschreibung – „betrübte Vagabund“ Matteo Nicoletti hat ebenfalls Peccioli besucht, äußert sich lobend über die schöpferische Vielfalt der MACCA-Kunstwerke, erklärt die Riesen aber zum wirklichen Juwel des Ortes. „Ich weiß nichts über dich“, sagt er an die Adresse der Schöpfer, „aber ich liebe diese Art von Initiative!“

Ich teile Nicolettis Begeisterung.

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