von Reinhard Wengierek
Deutsches Theater: Links und rechts der Mauern. – Dem großen Dichter Thomas Brasch zum Achtzigsten

o.T. – Wortlos. Collage: W. Brauer (2025)
„Wo ich bin will ich nicht bleiben, aber die ich liebe will ich nicht verlassen, aber die ich kenne will ich nicht mehr sehen, aber wo ich lebe da will ich nicht sterben, aber wo ich sterbe da will ich nicht hin: Bleiben will ich wo ich nie gewesen bin.“
Harte Worte, herzzerreißend; alles sagend über Thomas Brasch. Er selbst hat sie aus sich herausgepresst. Als Credo seines Daseins; damals im geteilten deutschen Land und in der bis heute gespaltenen Welt.
Thomas Brasch (1945–2001), ein Kind kommunismusgläubiger Emigranten. Der Vater, sein gestrenger Erzieher, stieg auf in die Partei-Elite. Der Sohn, der nichts als Dichter werden will, reibt sich, eingemauert von Verboten, wund am Vater, am Staat, an Wirklichkeiten, die nicht werden wollen wie geträumt. Die Fahnen klirren in eisigem Wind. Die Folter seines Lebens.
Sie spricht aus allen in allen seinen Werken: Den hitzigen, bitterkalten, sarkastisch zugespitzten Dramen, den so qualvoll schönen Gedichten. Noch einmal füllen Braschs wuchtige, auch seelenzarte Worte jetzt das Deutsche Theater, das mit seinem Namen und seiner Geschichte so gut passt auf diesen Denker, Dissidenten, Anarchisten, Weltenwechsler, Schmerzensmann.
„Halts Maul, Kassandra!“ ist das Motto einer von Tom Kühnel und Jürgen Kuttner komponierten und inszenierten Thomas-Brasch-Hommage, die mit spielerisch leichter Hand, mit Witz und der gehörigen Portion Pathos Brasch-Texte – einer literarisch-politischen Revue gemäß – verwirbelt, gelegentlich Video-Dokumentenschnipsel einstreut. Und musikalisch kontrapunktiert ist (Jan Stolterfoht, Tilmann Dehnhard) mit Klassischem, Jazzigem oder Rio Reiser: „Macht kaputt was euch kaputt macht“.
So wird ein schwieriges Künstlerleben (Dramatiker, Poet, Filmemacher, Shakespeare-Übersetzer) auch durch das großartige Ensemble eindrucksvoll skizziert – Mareike Beykirch, Anja Schneider, Felix Goeser, Jürgen Kuttner, Benjamin Lillie, Peter René Lüdicke, Jörg Pose. Wobei – kunstvolles Arrangement – im Historischen Gegenwärtiges erregend aufscheint. Die Vergangenheit ist nicht vergangen.
Dazu eine frisch frei erfundene Szene mit einem vier Jahrzehnte alten Text aus der Brasch-Farce „Herr Geiler“. Da ruft Jörg Pose in der grotesken Rolle der DDR als gespenstisch Untote mit gebrochen vorwurfsvoller Stimme: „Erkennst du mich noch immer nicht. Ich bin die DDR. Wieder hast du die Tür vor mir verschlossen und wieder wird ein Schlag von mir sie öffnen. Sprengt die Tür. Wieder hast du die Fenster vor mir verriegelt, damit du dich im Dämmerlicht von der Gegenwart ausschließen und ungestört einschlafen kannst.“ Der Schauspieler, mit seinem vom Alter zerfurchten nackten Oberkörper, trägt schwer an Riesenflügeln auf dem Rücken. Ein elender Engel, immer wieder versucht, aufzusteigen. Vergeblich. Keuchend knallt er kaputt zurück auf steinharte Erde.
Oder das Nachstellen eines signifikanten Moments aus Georg Stefan Trollers Brasch-Porträt „Personenbeschreibung“: Felix Goeser in der Rolle des österreichischen TV-Journalisten Troller, der 1977 das just in den Westen gewechselte Paar Brasch-Katharina Thalbach (Mareike Beykirch, Anja Schneider) interviewt und skandalträchtig dissidentisches DDR-Bashing erwartet. Doch die beiden, provokant auf einem Lotterbett miteinander turtelnd, verweigern sich, flüstern kichernd bloß Unverständliches.
Und was ist mit Kassandras Maul? Ein Brasch-Zitat aus dem Texte-Mix „Kargo“ (1977), das gegen Zukunftsängste schießt, das unermüdlich „Weitermachen“ einfordert, so aussichtslos es auch scheinen mag. „Wie Sisyphus“, kommentiert Kuttner als Moderator, der unterhaltsam pointiert führt durch Braschs Texte und Welten und deutsch-deutsche Geschichte(n).
Brasch, ein Hellsichtiger und Wahnsinniger, ein Wilder und Furchtsamer, Feinsinnniger, ein Rocker, Frauenheld, Verschwender, dieser Kerl fand nirgends ein Zuhause, weder links noch rechts der Mauer. Höchstens obendrauf. Oder in Shakespeares Schädel. Als kongenialer Übersetzer fand er sowohl betörend innige als auch beklemmend kriegerische Worte. Sah sich als „Foul“. Nannte das notorisch Närrische im Menschen „irrewirr“.
Ein großer starker Nachdenk-Abend im DT.
Halts Maul, Kassandra! Deutsches Theater Berlin; wieder am 1. Juni und am 15. Juli 2025.
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Das wilde Wunderkind. Am 31. Mai wäre Rainer Werner Fassbinder achtzig geworden. Und eine Erinnerung an die große RWF-Show anno 2015 im Berliner Gropius-Bau
Er galt als ein Miststück und war ein Genie, er terrorisierte seine Künstler-Family, feierte Sex and Drugs, brachte deutsches Autorenkino und Hollywood in eins, in Seins – und revolutionierte so unser Kino. Und das Theater gleich mit (in der Schaubühne läuft Ostermeiers grandiose Inszenierung „Die Ehe der Maria Braun“.
Fassbinders Credo: Im Privaten gärt immer auch das Politische. Und in der Grundierung seiner lebensprallen, unverwechselbaren Menschengeschichten mit Gesellschaftlichem, Zeittypischem gelangen die so beklemmend grandiosen Kunstwerke.
Als Rainer Werner Fassbinder 1982 mit nur 37 Jahren starb, hinterließ er 44 Filme und TV-Serien und war weltberühmt. 1969 auf den Berliner Filmfestspielen wurde sein erster Film „Liebe ist kälter als der Tod“ noch ausgepfiffen; kurz vor seinem Tod bekam er von der Berlinale-Jury für „Die Sehnsucht der Veronika Voss“ den Goldenen Bären.
Das wilde Wunderkind des neuen deutschen Kinos drehte Filme wie andere Leute Zigaretten. Ja, der RWF war ein Berserker der Kunst, ein politisch hellwacher Aufklärer und hypersensibler Menschenkenner: Er arbeitete wie andere atmen.
Atmen und Arbeiten, beides imaginierte 2015 eine große „Fassbinderei“ im Gropius-Bau zum 70. Geburtstag dieses rasenden Kerls, der die gesamte westdeutsche Kulturlandschlaft geradezu umpflügte.
Man sah jede Menge Filmausschnitte. Und es gab eine prachtvolle Kostümschau. Darunter atemberaubende Roben, die wirken wie eine Verführung (für Lili Marleen) oder wie eine Panzerung (für Petra von Kant). Dazu schicke Klamotten und Hüte der Wirtschaftswunderzeit (für Maria Braun), rosa Flittchenhaftes für Lola oder eine schnittige Uniform nebst Matrosenkluft aus „Querelle“. Die große Kostümbildnerin Barbara Baum („Ich denke immer in Stoffen.“) beherrscht perfekt die Kunst, die Figuren dem Charakter und ihrer sozialen Repräsentanz gemäß anzuziehen, also ihr Innenleben in die Sprache der Kleidung zu übersetzen.
Sonderlich anrührend die Memorabilien: Die Lederjacke mit dem knallroten Futter und den acht Reißverschlüssen (RWF war nicht zu denken ohne Macho-Leder, hautenge Hosen, weit aufgerissene Hemden – und stets hing die Fluppe im Mundwinkel). Oder sein silbernes Rennrad namens „Franzl II“, die Schreibmaschine „Triumph“, die Filmkritik für seine Aufnahmeprüfung 1966 an der Berliner Filmhochschule zu Godards „Vive sa vie“, in der der damals 21-Jährige das von Montaigne stammende und ihn offensichtlich bewegende Filmmotto umspielt: „Man muss sich den anderen hingeben und sich selbst treu bleiben.“ – Und gleich daneben der Ablehnungsbescheid – so viel zum Gespür von Kunsthochschulen für Talente.
Dann ein Sprung auf gut ein Jahrzehnt später: Das Aufnahmegerät, in das er das Script der 78-Stunden-Fernsehserie (14 Folgen) nach Döblins Roman „Berlin Alexanderplatz“ diktierte. Fehlerfrei und immer nachts. Tags darauf tippte es seine Mutter in die Maschine (sechs Wochen Arbeit für den „lieben Rainer“). Und schließlich der Flipperautomat aus der Münchner Wohnung, in der RWF am 10. Juni 1982 durch das Zuviel von Chemie im Leib an Herzversagen starb.
Besonders spannend der Einblick in Fassbinders Arbeitsweise. Ein sagenhaftes Beispiel: Das A4-Blatt mit dem kompletten Drehplan über 30 Tage mit 27 Schauspielern, akribisch von Hand geschrieben in einer Tabelle – der animalische Chaot im (privaten) Alltagsleben, er war zugleich perfekt strukturiert. Ein hoch konzentrierter Manager seiner Kunst.
„Die Ehe der Maria Braun“ nach dem Fassbinder-Film, Regie Thomas Ostermeier, läuft in der Schaubühne Berlin. Wiederaufnahme am 23., 24. und 25. Mai 2025 in neuer Besetzung mit Ursina Lardi in der Titelrolle, Thomas Bading, Robert Beyer und Moritz Gottwald.