von Wolfgang Brauer
In der Altstadt von Tallinn, da wo von der Nunne – die Straße umarmt den nordöstlichen Bereich des Domberges –, die Lai abzweigt, steht ein imposantes Gebäude mit einem für Tallinn üblichen Stilmischmasch der frühen Moderne: Neo-Barock garniert mit Jugendstil. Der Architekt Nikolai Thamm errichtete es von 1904 bis 1907. Man sieht dem Haus an, dass es einst Machtarchitektur verkörperte. Hier residierte der Revaler Aristokraten-Club. Die baltischen Barone hatten das Sagen in der Stadt und im Land. Mit der zaristischen Besatzungsmacht hatte man sich bis 1914 arrangiert. Vergleichbar ist dieser Club mit dem stinkreaktionären Berliner Herrenklub („Club von Berlin“) in der Jägerstraße in Mitte. Man frönte dort der „geselligen Unterhaltung“ und bereitete so ganz nebenbei im Verborgenen die Machtübergabe an Adolf Hitler vor. Heute residiert im Haus an der Jägerstraße die Hamburgische Landesvertretung – und auch der „Club von Berlin“ ist wieder da und zieht seine Strippen.

Tallinn. Kinder- und Jugendtheater mit dem Puppentheatermuseum. Foto: Wolfgang Brauer (2024)
In Tallin ist das anders. Lettland und Estland enteigneten die baltendeutschen Großgrundbesitzer. In ihren Klub zog die Erste Estnische Versicherungsgesellschaft ein. Im Zweiten Weltkrieg erheblich zerstört, wurde das Haus als Kulturstandort für das Talliner Stadttheater wieder aufgebaut. Wo sich heute der rechte Flügel des Gebäudes befindet, stand übrigens sein Vorgänger. Das Theater wurde für den Adelsklub abgerissen.1955 übernahm das 1952 von Ferdinand Veike gegründete Estnische Staatliche Puppentheater die Räumlichkeiten des ehemaligen Stadttheaters. Das Haus ist jetzt auch Sitz des Puppentheatermuseums Tallinn.
Dieses Museum muss man gesehen haben. Stadtmauern aus dem Mittelalter, dicke Türme, Gastonomiekeller in uralten Gewölben – mit teils unverschämten Preisen und mickrigen Gerichten –, Foltermuseen und all das gibt es auch in anderen Hansestädten an der Ostseeküste. Das Nukuteatrimuuseum nicht. Reingehen! Und es öffnet sich die Zauberwelt unser aller Kindheit…
Man muss nur eine kleine Treppe heraufsteigen, die Tür wirkt irgendwie wie eine Tresortür – und hinter ihr ist tatsächlich eine Schatzkammer zu finden. Museologisch nüchtern gesagt werden dort zunächst die unterschiedlichen „Puppentypen“ des Puppentheaters vorgestellt. Marionetten, Handpuppen, Stabpuppen, Schattenspielfiguren, Tischpuppen. Auch im postsowjetischen Raum mag man es gerne ein wenig didaktisch. Aber die Puppen stehen in zylindrischen Vitrinen mit einer ausgeklügelten Beleuchtung. Diese Figuren leben beinahe! Einige bewegen sich sogar, wenn man sich ihnen nähert.

Petruschka, Pinocchio und das Bettlermädchen aus dem „Geist der Weihnacht“. Fotos: Wolfgang Brauer (2024)
Da findet man Petruschka und Pinocchio, da ist Rein Lauks Bettlermädchen, eine wunderschöne Stabpuppe aus dem Jahr 1992. Gleich daneben Raivo Laidres böse Stiefmutter aus der „Cinderella“-Inszenierung (1956) Ferdinand Veikes. Rosita Raud schuf 2002 für Katri Kaasi-Aslavs „Hofmeister“ ein geradezu intim-schutzbedürftiges Liebespaar. Der durch das Welttheater inflationär wuchernde Romeo ist in der Gestaltung von Rein Lauks für die 1984er-Inszenierung „Romeo und Julia“ Rein Agurs selbst als Tischpuppe genauso langweilig und blasiert wie der Romeo über weite Strecken in Shakespeares Stück. Welcher Menschenschauspieler wagt es, diesen Deppen so zu spielen, wie er wirklich ist… Mit der Puppe geht das.
An einem der Fenster zur Nunne wurde ich übrigens im Schwelgen ausgebremst. Da steht ein „Dampftheater“ von Keith Newstead: „Der fliegende Holländer“. Herrlich! Klar doch, der Holländer muss in der heutigen Zeit mindestens mit dem Steamer kommen. Leider funktionierte die Technik nicht.

„Der fliegende Holländer“. Foto: Wolfgang Brauer (2024)
Aber wir reißen uns los und ziehen weiter: Zum „Leinwandpuppenspiel“. Drei Masken der grauen Männer aus „Timm Thaler oder Das verkaufte Lachen“ und vier aus dem „Kleinen Prinzen“. Von dem ist auch das Bühnbild zu sehen – ein bühnenfüllendes Fluggerät.
Wenn wir jetzt die Treppe hinuntersteigen, kommen wir doch noch in ein Kellergewölbe, die Puppenanatomie. Mir war das zu gruselig. Aber ich kenne Kinder, die hegen eine nicht enden wollende Zerstörungswut Puppen gegenüber. Sie wollen unbedingt herausbekommen, wie die funktionieren, was da wirklich im Bauch ist. Dann sind Puppe oder Teddy kaputt und müssen tatsächlich in die Anatomie… Für solche Kinder ist dieser Ausstellungspart genau richtig.

Gulliver mit den Lilliputanern. Foto: Wolfgang Brauer (2024)
Wir gehen ebenerdig weiter und stoßen auf einen Riesen. Gulliver, der riesige Kerl, wird in „Gullivers Reisen“ (2018, Puppen von Marion Undusk) tatsächlich auf der Bühne bewegt. Auch mit dem agieren Menschen und vertrackt kleine Püppchen. Mich hätte sehr interessiert, wie die Talliner Künstler das mit dem Land der Riesen, Brobdingnag, gelöst haben. Aber selbst im internetaffinen Estland ist da nichts zu finden, und das Stück steht leider nicht mehr auf dem Spielplan. Was wir aber zu sehen bekommen, bietet Stoff zum Nachdenken und zum Freuen genug. In der zweiten Etage – dem Sonderausstellungs- und Veranstaltungsbereich – ist eine Glasbrücke über dem Gulliverraum installiert. Von der lässt sich dem Riesen trefflich in die Augen schauen. Die scheinen wie tot. Sie sind leere, dunkle Höhlen.
Hier offenbart sich das große offene Geheimnis des Puppentheaters: Die Figuren können noch so schön sein, erst das menschliche Spiel haucht ihnen Leben ein. Übrigens ließe sich für deutsche Museumsmenschen im Nukuteatrimuuseum ein klein wenig, liliputhaft sozusagen, lernen. Die Beschriftung der Exponate ist neben dem Estnischen konsequent auf Englisch gehalten. In allen größeren Museen ist das so. Im Kadriorg-Palast der Zarin Katharina I. (die Frau Zar Peters I.; nicht die Anhaltinerin!) auch auf Russisch.
Wir kommen jetzt in einen sehr kleinen Raum, der ist dem Andenken Ferdinand Veikes, dem Theatergründer gewidmet. Veike hat bis 1980 über 100 Inszenierungen auf die Bühne gestellt. Einigen seiner Puppen sind wir schon begegnet. Hier wartet sein Hauptstück auf uns: Buratino. Seit 1953 hat Veike Buratino immer wieder auf die Bühne, ins Fernsehen und sogar in das Opernhaus gebracht. Buratino ist das 1936 von Alexei Tolstoi geschaffene russische Pendant zu Carlo Collodis Pinocchio. Im Unterschied zu Otto Julius Bierbaums etwas grober geschnitzten „Zäpfel Kern“ hat sich der liebenswürdige kleine Kerl durchgesetzt. Das ist wohl auch Veike zu verdanken… Wer genauer hinsieht, wird bemerken, dass Buratino einen kleinen Schlüssel in der Rechten hält. Logisch, Tolstois Buch heißt ja auch „Die Abenteuer des Burattino oder Das goldene Schlüsselchen“. Ich glaube felsenfest, Ferdinand Veike besaß das goldene Schlüsselchen zum Herzen der Kinder..
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Ferdinand Veike (Gedenktafel von Tauno Kangro am Theater) und seine Lieblingsfigur. Fotos: Wolfgang Brauer (2024)
In der DDR war die Geschichte des Pariser Straßenjungen Gavroche, ein Auszug aus Victor Hugos dickleibigem Wälzer „Die Elenden“ (1862), Pflichtlektüre im Deutschunterricht der 7. Klasse. Urmas Lennuk dramatisierte die Erzählung unter dem Titel „Der kleine Gavroche“ für das Estnische Puppentheater. Premiere war am 15. September 2013, Regie führte Taavi Tönisson. Die Puppen schuf Anni Rajas. Die Inszenierung ist sehr schön dokumentiert. Man kann sich in jede einzelne Figur versetzen. Auch den Schuften, von denen es bei Hugo nur so wimmelt, wird die ihnen gebührende Aufmerksamkeit gewidmet. Mir ist eigentlich erst hier aufgefallen, dass der große Gegenspieler Jean Valjeans, der Hauptheld des Romans, und der Polizeispitzel und Menschenjäger Javert einander bedingen. Irgendwie kam mir vor beiden Puppen auch das Gesicht Jean Gabins in den Sinn, der 1958 in der französisch-italienischen Koproduktion mit der DEFA den Valjean spielte.

Gavroche (Kopie 2021 von Annika Aedme) und Éponine (Kopie 2021 von Evelin Vassar und Mihkel Vooglaid). Foto: Wolfgang Brauer (2024)
Aber egal. Im Zentrum des Raums im Talliner Museum stehen Gavroche und seine Schwester Éponine. Im Roman ist Éponine ein vom Alkohol und der Prostitution schwer gezeichnetes Straßenmädchen, ganz tief im Bodensatz der Pariser Gesellschaft steckend. Viel Liebenswertes ist nicht an ihr. Sie liebt allerdings den Studenten Marius, der es auf Valjeans Ziehtochter Colette abgesehen hat, und fängt mit dem eigenen Leib die Kugel ab, die auf der Barrikade für Marius bestimmt war. Der englische Literaturkritiker George Saintsbury (1845-1933) war der Meinung, dass Éponine die interessanteste Figur im Roman sei, aber weder Hugo noch sein Held Marius hätten genügend Notiz von ihr genommen. Anni Rajas‘ Puppe gibt Saintsbury recht…
Und wer jetzt noch nicht genug hat, kann sich im Nachbarraum als Marionettenspieler versuchen. Mit einer Puppe geht das ja noch. Aber zwei gleichzeitig führen, das ist schon hart.

Vorhang auf! Nur Mut… Foto: Wolfgang Brauer (2024)
Puppentheater für Erwachsene, ist in Berlin leider – soweit ich es überblicke – ausgestorben. Und Halle ist viel zu schnell ausverkauft.
Ganz ausgestorben ist das Puppentheater für Erwachsene in Berlin noch nicht:
https://www.berlin.de/tickets/theater/tipps/buehnen/puppentheater/
Und es gibt auch ein Puppentheater-Museum, ich kann allerdings nicht sagen, ob es mit dem in Tallinn vergleichbar ist.
Das Berliner Puppentheater-Museum befindet sich in Neukölln, Karl-Marx-Straße 135 (das ist gleich neben der Neuköllner Oper). Gegründet wurde es vom 2018 verstorbenen Nikolaus Hein – Puppenspieler, leidenschaftlicher Sammler und großer Freund der Kinder. Und hier ist auch der Unterschied zu Tallinn zu finden: Das estnische Museum bildet die Geschichte eines Theaters, einer großen Spieltradition von 1952 bis heute ab. Hein versuchte, möglichst alles zu zeigen. Seine Sammlung eben. Sein Museum kämpfte und kämpft immer wieder um das Überleben. Die Existenz des Hauses ist augenblicklich wohl nur bis Ende 2024 gesichert.
In Berlin scheint alles, was nicht irgendwie in den Bundeskulturförderungsglanz gerät, unsicher zu sein. Bester Beleg ist der Untergang des Theatermuseums und der Monumenta Artistica bei der Stiftung Stadtmuseum.