von Wolfgang Brauer

Der „Denkmalfriedhof“ von Maarjamäe. Teilansicht. Foto: Wolfgang Brauer/2024
„Da hast Du’s! Und hier noch einen und noch einen!“ So peitschen kleine Jungs auf Disteln ein und meinen, ihre imaginären Feinde zu treffen. Werden sie größer, suchen sie sich andere Objekte ihres Zorns. Wir Deutsche sind da fein dran. Wir erleben immer mal wieder einen Systemwechsel, allein im 20. Jahrhundert vier – und wir wissen nicht, was uns das 21. noch beschert. Die Disteln der Erwachsenen sind die Denkmäler der abhanden gekommenen Regime. Aber anders als geköpfte Disteln, lassen sich von Menschenhand geschaffene Standbilder wieder rekonstruieren. Bis zum nächsten Wechsel…
Es gibt eine weitere Konstante im Umgang mit den Disteln aus Granit und Bronze: Je mächtiger der überwundene Gegner und je kleiner man sich im Vergleich dazu selbst vorkommt, desto heftiger die Attacken auf dessen Hinterlassenschaften. In Berlin können wir ein Lied davon singen. Ich sage nur „Palast der Republik“ und Lenindenkmal am Friedrichshain.
In Estland war und ist das nicht anders. Im Gegenteil, die Auseinandersetzungen sind heftiger. Als im April 2007 in Tallinn ein sowjetisches Siegesdenkmal im Zentrum der Stadt abgebaut wurde, kam es zwei Tage lang zu gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei. Ein Toter, über 100 Verletzte und verwüstete Innenstadtreale waren der Preis. Nach dem Beginn des Russisch-Ukrainischen Krieges 2022 stand ein T-34-Objekt am Ufer der Narwa im Zentrum der Auseinandersetzungen, die in einem Machtkampf zwischen Ministerpräsidentin Kaja Kallas – Kallas ist jetzt EU-Außenkommissarin – und der Bürgermeisterin von Narwa, Katri Raik, kulminierten. Raik befürchtete noch heftigere Auseinandersetzungen als in Tallinn in ihrer Stadt. Die Grenzstadt ist russisch dominiert.
Desto überraschter ist man, auf dem Weg von der gigantischen Sängerbühne aus den späten 1950er-Jahren zum Eesti Kommunismiohvrite Memorial („Mahnmal für die Opfer des Kommunismus“) – eine zutiefst ambivalente Mahnmallandschaft… – im Tallinnner Stadtteil Maarjamäe auf eine Ansammlung der offiziell und im Bewusstsein vieler Esten mit Verfolgungen, Deportationen und massenhaftem Tod verbundenen Denkmale aus Sowjetzeiten zu stoßen. Von den etwa 1,1 Millionen Einwohnern, die das kleine Land im Herbst 1939 hatte, fielen nach neuesten Berechnungen 12 bis 14% dem Stalinschen Terror zum Opfer.
Stalin selbst hatte natürlich in Tallinn auch „sein“ Denkmal. Man würde ihn heute an irgendeiner prominenten Stelle der Stadt vermuten. Dem war nicht so, die Entscheidung für den Standort fiel offensichtlich rein funktionell. Er stand beinahe am Rande der Stadt, aber der Ort war gut gewählt. Im Rücken der gut befestigte Berg mit dem Stenbockhaus, heute Sitz des estnischen Ministerrates. Vor sich die Bahnsteige des Baltischen Bahnhofs. Er hatte alle im Blick. Die, die da kamen und die, die da gingen. Die gehen mussten, weil er den Daumen nach unten gesenkt hatte, interessierten ihn nicht mehr. So etwas nennt man salopp „eine Ansage“. Jetzt steht er einige wenige Kilometer entfernt im Garten des Estnischen Geschichtsmuseums an der Prita tee. Etwas abseits, aber er hat noch immer alles im Blick. Vor allem die Kerle, die linkerhand platziert sind.

Nikolai Tomski: J. W. Stalin (1950). Foto: Wolfgang Brauer/2024
Natürlich nicht er selbst, aber die überlebensgroße Bronzeplastik vom Baltischen Bahnhof von Nikolai Tomski aus dem Jahr 1950. Tomski verbrach ein Jahr später eine weitere Stalin-Plastik. Etwas grobschlächtiger gearbeitet als die für Tallinn, aber für Ost-Berlin musste sie genügen. Weitere 19 Jahre später bekam die DDR-Hauptstadt immerhin noch einen gigantischen granitenen Lenin aus seiner Werkstatt.
Neben dem Generalissimus stehen im Talliner Museumsgarten vier Lenins, drei Köpfe und eine Ganzkörperfigur aus Bronze. Auch Lenin schiebt wie Stalin die rechte Hand unter den Mantel. Nur Michail Kalinin, der steht hinter seinem Chef, versucht, sie uns grüßend entgegenzurecken. Aber Kalinins Rechte wurde abgehackt. Vielleicht kam sie bei seinem Sturz abhanden. Jedenfalls verstärkt das Fehlen der Gliedmaße den sowieso schon hilflos-trotteligen Eindruck der Figur. Man ist beinahe versucht, eine Art Mitleid zu empfinden.
Nichts wäre falscher als das. Dieser Mensch mit entsetzlich viel Blut an den Händen hatte es hingenommen, dass sein Chef – eigentlich war Kalinin als Vorsitzender des Präsidiums des Obersten Sowjets die Nummer Eins der Sowjetunion, nicht der oberste Parteisekretär… – ihm die Ehefrau als „Volksfeindin“ im GULAG wegsperrte. Er steht hier zu Recht im Abseits.
Im Zentrum der insgesamt spannend anzusehenden Sammlung sozialistisch-realistischer Abscheulichkeiten der estnischen Sowjetkunst – Tomski war Russe, aber an Stalins Konterfei durfte sich auch nicht jeder vergreifen… – stehen fünf äußerst unterschiedliche Bildwerke: Büsten ohne Sockel, Statuen, fast modernistisch zu nennende Bronzen, granitene Stelen. Die haben alle eine Gemeinsamkeit. Sie sind Zeugnisse Bildnis gewordenen schlechten Gewissens ihrer Auftraggeber. Sie stellen Persönlichkeiten dar, die allesamt in den 1930er-Jahren gewaltsam aus dem Leben befördert und zumeist fünfzig Jahre später wieder „rehabilitiert“ wurden.
August Vomm: Hans Pöögelmann (1960) – Martin Saks: Jaan Anvelt (1962). Fotos: Wolfgang Brauer/2024
Den Anfang dieser Reihe macht eine von August Vomm 1960 gefertigte Büste Hans Pöögelmanns. Ein Intellektueller mit einer leichten Ähnlichkeit zu Leo Trotzki. Schon das musste ihn Stalin suspekt gemacht haben. Ein Dichter zumal … Pöögelmann, er ist Jahrgang 1875, war einer der führenden theoretischen Köpfe der estnischen Kommunisten. Nach deren Niederlage im Estnischen Unabhängigkeitskrieg („Vabadussõda“) 1920 machte er einen Fehler. Er wählte Sowjetrussland als Exil. Pöögelmann wurde am 27. Januar 1938 in Moskau exekutiert.
Keine zwei Monate zuvor erlitt dieses Schicksal Jaan Anvelt. In einer Sammlung estnischer Novellen fand ich einen Text Eessaare Aadus, „Der letzte Schuss“. Eine bildstarke Novelle, stark vom russischen Symbolismus geprägt. Aadus ist das Pseudonym des bolschewistischen Politikers Anvelt. Als solcher wurde er von manchen „estnischer Lenin“ genannt. Mit dem verband ihn durchaus die Gnadenlosigkeit tatsächlichen oder vermeintlichen Gegnern gegenüber – Jaan Anvelt war Chef der bolschewistischen Regierung Estlands vor 1920. Er steckte auch hinter dem gescheiterten kommunistischen Putschversuch vom 1. Dezember 1924. Die Arbeiterschaft Tallinns hatte damals die Gefolgschaft verweigert. Ab Mitte der 1920er-Jahre war Anvelt ein leitender Komintern-Mann, 1929 stieg er dann zum stellvertretenden Chef der zivilen Luftfahrt der UdSSR auf. All das bewahrte ihn nicht davor, am 11. Dezember 1937 im Moskauer Lefortovo-Gefängnis erschossen zu werden. Martin Saks – es war eine seiner letzten Arbeiten – schuf 1962 einen recht bieder daherblickenden Porträtkopf. Zivile Luftfahrt, ja, das traut man dem zu. Alles andere nicht. Überlieferte Fotos von Anvelt sagen anderes.

Ernst Kirs: Jakob Palvadre (1981) – Ernst Kirs: Denkmal für Johannes Raudmets (1975); das angegebene Todesdatum ist falsch. Fotos: Wolfgang Brauer/2024
Der Bildhauer Ernst Kirs, er starb 1994 mit 74 Jahren in Tallinn, meißelte 1981 einen Offizier der Roten Armee aus einem überlebensgroßen Granitblock heraus, dem man sofort ansieht, dass mit ihm nicht gut Kirschen zu essen ist: Jakob Palvadre. Palvadre, 1889 geboren, war einer der erfolgreichsten Kommandeure im russischen Bürgerkrieg. Im Estnischen Krieg befehligte er eine Jägerdivision, in Sowjetrussland war er gegen Koltschak und das Tschechoslowakische Korps im Einsatz. Nach dem Bürgerkrieg sattelte er in Leningrad auf das Historikerpferd um – und ließ sich leichtsinnigerweise in die Fraktionskämpfe der Endzwanziger verwickeln. Dazu kam, dass sein Bruder Anton ein in der bürgerlichen Republik Estland wichtiger Mann im Justizwesen war. Anton starb 1942 als Opfer der Deportationen der estnischen bürgerlichen Eliten in sowjetischer Haft. Sein Richteramt schützte ihn nicht. Jakob Palvadre wurde am 11. Oktober 1936 wegen Trotzkismusvorwürfen und dem Spionagevorwurf für Estland verhaftet – und soll noch am Tag seiner Verhaftung in der Newa ertrunken sein. Sein Denkmal stand in Valga, einer Stadt an der lettischen Grenze.
Für Paide, die Stadt liegt im Zentrum Estlands, schuf Ernst Kirs 1975 für den „Helden des Bürgerkriegs und Divisionskommandeur der Roten Armee“ – so die Inschrift – das Johannes-Raudmets-Denkmal. Eine sehr klobige granitene Stele mit einem als Halbrelief an der Seite eingemeißelten Porträt des Heerführers. Raudmets, 1894 als Bauernsohn in der Umgebung von Paide geboren, war Stabskapitän in der Armee des Zaren, ging während der Revolution zu den Bolschewiki über und machte eine recht steile Karriere in der Roten Armee. In den 1930er Jahren war er Ausrüstungskommandeur des Moskauer Militärbezirks, wurde 1937 Kommandant der Festung Mogiljow-Jambol – und empfing am 9. September 1937 sein Todesurteil. Er wurde noch am gleichen Tag erschossen.
Die Bildhauerin Erika Haggi (1922-2009) schuf 1981 für die Universitätsstadt Tartu ein recht eindrucksvolles Monument, auf dem gleich zwei Kommandeure der Roten Armee ehernen Gesichts gleichsam aus den Stürmen ihrer Zeit auftauchen: Alexander Kukk und August Kork. Kukk, über den kaum etwas zu erfahren ist, hatte Glück. Er starb bereits 1932. August Kork wurde am 12. Juni 1937 erschossen. Kork war Stabschef der Roten Armee Estlands, leitete 1919 die Verteidigung Petrograds gegen General Judenitsch und besiegte 1920 General Wrangel auf der Krim. Bis 1935 war er Chef des Moskauer Militärbezirks und leitete dann die Frunse-Militärakademie. Es nutzte ihm nichts. Man warf ihm gemeinsam mit sechs weiteren Generälen die Beteiligung an der vom NKWD konstruierten Verschwörung Marschall Tuchatschewskis vor. Am selben Tag wie August Kork wurden auch alle anderen Mitangeklagten erschossen. Das war der Auftakt zur von Stalin vorgenommenen Enthauptung der Roten Armee, in deren Verlauf 45% ihres Offizierskorps beseitigt wurden.

Erika Haggi: Denkmal für Alexander Kukk und August Kork (1981). Foto: Wolfgang Brauer/2024
Ich finde es beachtlich, dass der estnische Bildersturm der zurückliegenden Jahrzehnte offenbar zum Stoppen kam. Eindringlicher als zwischen diesen einstmals fast wie Ikonen behandelten Denkmalen und der daneben befindlichen „Mahnmallandschaft“ des Gedenkparks von Maarjamäe kann man sich mit der jüngeren Geschichte des Landes – und des europäischen Ostens! – kaum auseinandersetzen. So manches, was uns aus neunmalkluger linksgeprägter deutscher Sicht in den estnischen Geschichtsauseinandersetzungen befremdlich erscheint, wird dann verstehbarer.
Ein Schönreden heutiger Naziaufmärsche und des NS-Devotionalienhandels Tallinner Antiquare bedeutet das mitnichten. Auch wenn das russische Außenministerium das anders sieht, ein faschistisches Land ist Estland nicht. Im Übrigen sollten wir bei diesem Thema zunächst einmal vor der eigenen Haustür kehren.
(2. Oktober 2024)
Zum Hintergrund: