Straße und Tribüne. Bilder vom 4. November

von Erhard Weinholz

Die große Demonstration vom 4. November 1989 gehört zu den Ereignissen, auf die man bei Erkundungen der DDR-Geschichte und insbesondere des Verlaufs der 1989er Herbstrevolution unabhängig vom Kalendarischen immer wieder zurückkommt. Sie ist auch gut dokumentiert, zum Glück, denn auf die Erinnerungen der Zeitzeugen ist heute kein Verlass mehr. Als wir vor einigen Jahren in unserem Kiezverein eine Veranstaltungsreihe über jene Zeit vorbereiteten, behauptete eine Frau steif und fest, bei der Abschlusskundgebung auf dem Alexanderplatz habe auch Käthe Reichel gesprochen, sie sehe sie noch vor sich, sie sei aufgeregt gewesen usw. Dass die bekannte Schauspielerin auf der Rednerliste fehlt, bringt sie von ihrer irrigen Meinung nicht ab.


Berlin am 4. November 1989 – Alexanderplatz. Foto: Bernd Settnik (ADN-ZB), Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-437 Settnik, Bernd CC-BY-SA 3.0. Wikimedia commons.

Ich selbst habe in jenem Herbst vieles umgehend notiert, aber längst nicht alles von Belang. So weiß ich zum Beispiel nicht mehr, wie ich überhaupt erfahren habe, dass für den 4. etwas geplant war. Im ND wird es jedenfalls nicht gestanden haben. Ich hatte mich früh auf den Weg gemacht an jenem Tag. Wieder zuhause war ich, wie ich lange Zeit dachte, erst gegen vierzehn, fünfzehn Uhr. Doch das war ein Irrtum, denn als ich auf den Alex kam, sprach Gregor Gysi, und das war, wie die Rednerliste zeigt, kurz vor Zwölf. Müde, hungrig und vor allem übervoll von Eindrücken, bin ich gleich danach gegangen. Später habe ich mir seine Rede noch einmal angehört, und da erst fiel mir auf, dass er zwar Bürgerrechte verlangt hatte, doch zugleich seine Partei, die SED, weiterhin in führender Rolle sehen wollte. Am 4. November hatte ich das, euphorisiert, wie ich trotz Erschöpfung war, anscheinend überhört.

In den Jahren und Jahrzehnten darauf wird die Novemberdemo vermutlich im üblichen Rhythmus gewürdigt worden sein – als bedeutsam, als die größte jenes Herbstes, doch Genaueres weiß ich schon nicht mehr. Vielleicht war Genaueres auch nicht zu lesen, denn ihre Eigenart ist schwer auf den Punkt zu bringen. Es war im Grunde eine Demonstration gegen Krenz, hatte ich noch am gleichen Tage notiert, der Führungsanspruch der SED wurde abgelehnt. Und zwar ganz direkt oder über die Forderung Freie Wahlen!, die mir die relativ häufigste jenes Tages zu sein schien. Doch welchen Weg man wählen wollte, einen nunmehr besseren östlichen, den westlichen oder irgendeinen dazwischen, das blieb damals offen. Oder war die sozialistische Orientierung derart selbstverständlich, dass davon gar nicht gesprochen wurde? Wohl kaum: Christa Wolf bekam für ihren oft erwähnten Satz Stell dir vor, es ist Sozialismus, und niemand geht weg nur wenig Beifall.

Das Verhältnis von Straße und Tribüne an diesem 4. November wäre eine eigene Untersuchung wert. In der Fernsehberichterstattung spielten die Auftritte der Redner die größere Rolle, doch geht es um Wertungen, wäre mir die Straße, die Meinung der Massen wichtiger. Insgesamt war diese Demonstration wohl eher großartiger Endpunkt einer ersten Revolutionsetappe als Aufbruch zu einer zweiten, in der die Zukunft der DDR verbindlich zu klären war. Zwar könnte man die Gesamttendenz aus den vielen Losungen und Plakaten der Demonstranten als Verweis auf jene Ordnung verstehen, die später auch der Verfassungsentwurf des Runden Tisches erstrebte: nicht ausdrücklich sozialistisch, radikal demokratisch aber allemal. Doch es bildete sich dafür kein gemeinsamer Wille. Wo sind sie geblieben, die Fünfhunderttausend vom 4. November? habe ich mich später manches Mal gefragt.


Der Demonstrationszug vom 4. November 1989 auf der Karl-Liebknecht-Straße. Foto: Ralph G. Hirschberger (ADN-ZB), Bundesarchiv, Bild 183-1989-1104-005 CC-BY-SA. Wikimedia commons.

Im Herbst 2019 hatte der Freitag eine seiner A-Z-Seiten dem 4. November gewidmet, die Texte kamen von mir. Schon früher hatte man diese Demonstration mit der Behauptung kleinmachen wollen, sie sei stasigesteuert gewesen, inzwischen war sie zum umstrittensten Ereignis des 89er-Herbstes geworden. Darauf ausdrücklich hinzuweisen, das wurde mir beim Wiederlesen dieser Seite deutlich, hatte ich versäumt; eingegangen bin ich auf neue Töne im Umgang mit diesem Datum aber sehr wohl. So hatte der Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, der bei mir aber nur als medial fast allgegenwärtiger BStU-Mitarbeiter erscheint, die immer wieder genannte Teilnehmerzahl bezweifelt: Es könnten höchstens 200.000 gewesen sein, mehr, so hatte er ermittelt, fasse der Platz nicht. Mag sein, doch hatte er die Verweildauer nicht einberechnet – nur wenige werden die ganze etwa dreistündige Kundgebung auf dem Platz durchgestanden haben. Wenn er dennoch ständig wohlgefüllt war, müssen ihn erheblich mehr als 200.000 Menschen passiert haben. Auch können etliche Teilnehmer, als sie das Gedränge dort gesehen haben, gleich nach Hause gegangen sein. Anders gesagt: Die Zahl der Demonstranten und das Fassungsvermögen des Platzes haben wenig miteinander zu tun.

Ein Fachkollege, Rainer Eckert, erklärte am 19. Juli 2019 in der FAZ, bei den Demonstrationen jenes Herbstes sei immer nur eine Minderheit auf den Straßen gewesen. Das schien sich auf dem Alexanderplatz am 4. November zu ändern: Aber jetzt ging es in genehmigter Form um systemimmanente Reformen. Spätere Variante: in von der Diktatur genehmigter Form. Was ja noch ekelhafter ist. Man staunt, wie Eckert bemüht ist, zwei Niederlagen der kaum noch herrschaftsfähigen Obrigkeit in einen Makel dieser Demonstration umzudeuten. Bekanntlich besaßen die in diesem Lande Herrschenden lange Zeit das Versammlungsmonopol, eine politische Genehmigung war daher überflüssig. Als sie in der zweiten Oktoberhälfte des Jahres ’89 die Möglichkeit schufen, Demonstrationen anzumelden, war das zugleich ein Eingeständnis, dieses Monopol verloren zu haben. Zudem war ihnen diese erste angemeldete Demonstration keineswegs willkommen.

Doch da sich bald abzeichnete, daß sie auf alle Fälle stattfinden würde, hat man die Genehmigung erteilt. Beides hat Eckert hier nicht erwähnt und später meines Wissens ebenso wenig. Auf die Demonstration konnte die Genehmigung sowieso keinen Einfluß haben, denn es wusste so gut wie niemand davon. Es ist mir auch neu, dass freie Wahlen dem System des Realsozialismus immanent waren. Kowalczuks und Eckerts Drang, das Geschehen abzuwerten, ein Drang, der in der Geschichtsforschung nichts zu suchen hat, ist unübersehbar; woraus er sich speist, kann ich nicht mit Sicherheit sagen.

Vor kurzem nun bin ich diesem Datum, dem 4. November, in den Medien noch einmal begegnet, aber in ganz anderem Zusammenhang: Steffen Martus, Professor für Neuere deutsche Literatur an der Berliner Humboldt-Universität, lässt sein unlängst erschienenes Buch Erzählte Welt. Literaturgeschichte der Gegenwart mit der damaligen Kundgebung auf dem Alexanderplatz beginnen. Übergeordnet ist dem die Frage nach der gesellschaftlichen Rolle der Autoren in Ost und West seit der Zäsur des Jahres ’89; es hatten ja an jenem 4. November auch vier von ihnen gesprochen: Christoph Hein, Stefan Heym, Heiner Müller und, wie schon erwähnt, Christa Wolf. Aufmerksam geworden bin ich auf das Buch durch eine in der taz erschienene ganzseitige Rezension von Dirk Knipphals, der aber auf diesen Novembertag nur mit einem kurzen Satz eingeht. Eine erheblich größere Rolle spielte er in einem zu Silvester von Deutschlandfunk Kultur gesendeten fast einstündigen Gespräch zwischen Martus (Jg. 1968) und dem Literaturkritiker Helmut Böttiger (Jg. 1956). Die Moderatorin Wiebke Porombka (Jg. 1977) hatte zu Beginn die Geburtsjahre erfragt, auch ihr eigenes genannt; nicht gefragt hatte sie nach etwas ebenso Wichtigem, dem Geburtsort: Dass er bei allen Dreien im Westen liegt, schien wohl selbstverständlich zu sein. Ich selbst, das füge ich hier mal ein, bin Jahrgang ’49 und geboren in Brandenburg an der Havel.

Helmut Böttiger war schlecht vorbereitet auf das Gespräch. Er behauptete, Schriftsteller hätten diese Demonstration organisiert, das sei ein gaaanz wichtiges Moment. Tatsächlich hatten sie damit überhaupt nichts zu tun. Steffen Martus erklärte, vor allem Künstler hätten an jenem Tag gesprochen, es waren aber (ich bin von Hause aus Ökonom und rechne gern nach) gerade vierzehn von sechsundzwanzig. Und auch das wohl nur, weil Mitarbeiter des Deutschen Theaters Demonstration und Kundgebung organisiert hatten. Martus deutet das Ganze folgendermaßen: Die Leute wollten wissen: Wohin geht es eigentlich? Was sollen wir tun? Daß da auf dem Podium ganz selbstverständlich auch Autoren standen, das heißt: Die Leute haben von Literatur Orientierung erwartet, sie wollten wissen, wohin es geht, die Autoren waren diejenigen, die einem das sagen konnten. Wen erkennt man in einer solchen Umbruchphase als Autorität an – daß es die Autoren waren, war für mich ein Knackpunkt.


Orientierung durch Autoritäten? Redaktionsschluss für den von Petra Gruner im Verlag Volk und Wissen herausgegeben Band war der 23. Januar 1990. Sammlung W. Brauer

Doch woher will Martus wissen, die Theatermitarbeiter hätten gerade von den genannten vier Autoren Orientierung erwartet? Es wäre doch möglich gewesen, dass sie sich das eher von Marianne Birthler, Konrad Elmer, Jens Reich und Friedrich Schorlemmer erhofft haben, die auch auf der Rednerliste standen, von Vertretern der neuen Bewegungen und Parteien also. Und zwar umso mehr, als die Anregung zu dieser Demo aus den Reihen des Neuen Forums gekommen war. Falls sich ihre Erwartung aber tatsächlich auf die vier Autoren gerichtet hätte, weshalb haben sie dann noch zweiundzwanzig weitere Personen zu Wort kommen lassen?

Schon diese Fragen lassen den Gedanken, es sei hier um Orientierung durch Autoritäten gegangen, zweifelhaft erscheinen (welche Kriterien tatsächlich galten, müssen wir jetzt nicht klären). Zudem hätten alle vier, um die führende Rolle zu spielen, etwa das gleiche sagen müssen, Fraktionsverbot nennt man das in leninistischen Parteien. Und standen die Vier da wirklich ganz selbstverständlich? Anhand einer einzigen Demonstration, selbst wenn sie die größte und schönste war, läßt sich das, wenn allenthalben demonstriert wird, nicht beweisen.

Tatsächlich war, was Martus selbstverständlich vorkommt, die große Ausnahme. Nicht minder irrig ist seine Vorstellung, dass das Volk in dieser Umbruchphase Schriftsteller für wegweisend hielt. Dieses Volk, ob demonstrierend oder nicht, musste und wollte selbst herausfinden, was es wollte, sofern es das nicht längst schon wusste. Die Massen, so vermerkte ich im März ‘88 im Zusammenhang mit revolutionstheoretischen Überlegungen, seien von den Geschehnissen nur schwer in Bewegung zu bringen, und wenn sie einmal in Bewegung sind, sei schwer vorherzusehen, wohin sie sich bewegen. Was ja auch heißt, daß sie dabei von außen kaum zu beeinflussen sind. Ein Beispiel dafür: Christa Wolfs wirkungsloser Aufruf aus der Zeit nach dem Mauerfall, doch bitte im Lande zu bleiben.

Auch die Autoren wußten oft nicht, wohin es ging. Wo man hinguckt: Hein, Hein, Hein, notierte ich am 6. November ‘89. Er diskutiert im HdJT, spricht auf dem Alex, gibt dem „Spiegel“ ein Interview, am Freitag war er im „Sonntag“ vertreten, am Sonnabend in der „Berliner“ – und im Prinzip ist alles flach und substanzlos, zum Teil auch einfach Unsinn. So zum Beispiel in der „Berliner“: eine Veränderung der Eigentums-, der Produktionsverhältnisse stehe derzeit nicht zur Debatte. Dabei war klar: Eine Veränderung in der Art und Weise der Aneignung von Produktionsmitteln [eben das sind die Produktionsverhältnisse – E. W.] wird es unbedingt geben, die Frage ist nur, welcher Natur sie sein wird. Es stellte sich bekanntlich bald heraus.


Brandenburger Tor (30. Dezember 1989) – links vom Osten her, rechts die West-Berliner Seite. Fotos: W. Brauer (1989)

Ähnlich wie Martus Helmut Böttiger: Schriftsteller waren Autoritäten. Die Bedeutung der Literatur in der DDR kann man gar nicht überschätzen … Autoritäten … das waren sie vielleicht einmal in den fünfziger Jahren, aber selbst da längst nicht für alle. In den sechziger Jahren hat sich hier bekanntlich vieles geändert, in den Ansprüchen des Publikums und im Selbstverständnis der Autoren. Sicherlich gab es noch in den achtziger Jahren so manchen, der am Hergebrachten festhielt, es hatte sich ja auch manch alter Genosse nie von den dreizehn braunen Bänden [gemeint ist die Ausgabe der Stalinschen „Werke“ – WB] trennen können, doch für das literarische Klima war das nicht mehr von Belang. Daß einige Autoren, so Christoph Hein und Christa Wolf, in der Spätzeit der DDR und insbesondere in der etwa November, Dezember 1988 beginnenden finalen Krise des Realsozialismus erheblich mehr und vor allem auf andere Weise als sonst in Erscheinung getreten sind, ist offensichtlich. Doch welcher Art dieses Wirken war und welche literarische wie außerliterarische Rolle Autoren in jener Zeit überhaupt gespielt haben, ist längst nicht geklärt. Auf alle Fälle kann ich mich nicht erinnern, daß sich meine literaturinteressierten Freunde und Bekannten damals im Gespräch auch nur einmal auf Schriftsteller als die entscheidende Instanz berufen hätten. Und finde es schon deshalb erstaunlich, mit welcher Selbstverständlichkeit Martus und Böttiger gerade denen, die sich hierzulande gegen die herrschende Ordnung gewandt haben, ein Bedürfnis nach Autoritäten unterstellen.

*

Nachsatz WB

Kundgebungsanmelder und etliche Demonstranten (siehe Foto oben) bezogen sich am 4. November 1989 auf zwei Artikel der Verfassung der DDR vom 9. April 1968. Die beiden Artikel waren von der Verfassungsänderung 1974 nicht betroffen:
Art. 27. (1) Jeder Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hat das Recht, den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß seine Meinung frei und öffentlich zu äußern. Dieses Recht wird durch kein Dienst- oder Arbeitsverhältnis beschränkt. Niemand darf benachteiligt werden, wenn er von diesem Recht Gebrauch macht.
(2) Die Freiheit der Presse, des Rundfunks und des Fernsehens ist gewährleistet.
Art. 28. (1) Alle Bürger haben das Recht, sich im Rahmen der Grundsätze und Ziele der Verfassung friedlich zu versammeln.
(2) Die Nutzung der materiellen Voraussetzungen zur unbehinderten Ausübung dieses Rechts, der Versammlungsgebäude, Straßen und Kundgebungsplätze, Druckereien und Nachrichtenmittel wird gewährleistet.“

Die Zeitschrift Sinn und Form. Beiträge zur Literatur veröffentlichte in Heft 1/2026 von Erhard Weinholz den Essay „Das schräge Dreieck oder Können wir noch einmal über die DDR-Kultur reden?“ Der Autor bemerkt bei den meisten – den öffentlichen Diskurs bestimmenden – Schriften zur Kulturgeschichte der DDR durchaus sachliche Mängel, die u.a. einer auf das Politische fixierten Sicht geschuldet seien und so zu einem verzerrten Bild führten. In engem Zusammenhang damit stehe die Dominanz von Meinung über einer sachlichen Darstellung des Geschehenen: „Der Sieg der bürgerlichen Konkurrenzgesellschaft hat aber, wie mir scheint, die im Osten Deutschlands ohnehin wenig entwickelte Kultur öffentlicher Debatte weiter beeinträchtigt; bei der Abwehr nicht genehmer Meinungen zur DDR-Geschichte zeigen sich manche Kritiker des Realsozialismus inzwischen ebenso aggressiv wie die einst in diesem Lande herrschenden Kräfte.“ Ich finde, sein SuF-Text korrespondiert vortrefflich mit dem hier vorliegenden.

1 Kommentar

  1. Ein anregender Beitrag, der mich in meiner seit „ewigen“ Zeiten bestehenden Auffassung bestärkt: Über die DDR wird erst dann halbwegs objektiv berichtet werden, wenn die Erlebensgeneration ausgestorben ist und die Zeitzeugenberichte im Archiv versenkt worden sind.
    Anm: Ich habe die Demo (damals war ich 29) am Fernseher verfolgt, neben Steffi Spyra hat mich besonders Klaus Baschleben beeindruckt. Ich bin heute noch froh, in ihm (nach meinem Wechsel von der Kunst zum Journalismus) meinen ersten Chefredakteur gefunden zu haben. Von dem, was ich bei ihm lernte, profitiere ich noch heute.

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