Sophie Passmann und Frank Sinatra – Fund-Stücke im Berliner Bühnen-Betrieb (5)

von Reinhard Wengierek

Eins. Berliner Ensemble – Rockerin mit Grips und Witz

Konfettikanonen, Lamettavorhang, dröhnende Popmusik („Anti-Hero“ von Taylor Swift), kreisende Scheinwerfer und ein kochender Saal: Auftritt Sophie Passmann! Vor verspiegeltem Revuefächer (oder Pfauenrad oder Venusmuschel?). Das Publikum, gefühlt hundert Prozent jungweiblich, bejubelt seinen Star. Sein Sprachrohr. Seine Schwester im Geiste. Seine Heldin. Wir sind die Sophie!


Pick me Girls: Sophie Passmann. Foto: Berliner Ensemble / © Jörg Brüggemann

Denn: Sophie Passmann ist Feministin; scharf im Denken, schnell im Reden, ironisch bis zynisch, lässig und, wie sie sagt, ein „Showpferd“. Das toll aussieht. – Doch das ist mein männlicher Blick. Und mit dem hat sie’s. Mit der seit Ewigkeiten rigoros eingeübten männlichen Sichtweise auf alles, auf die ganze Welt. Das muss sich ändern. Selbstverständlich. Und daran arbeitet sie: Mit gerade 30 hat sie zwei Bestseller („Alte weiße Männer“, „Komplett Gänsehaut“). Im ZDFneo hat sie eine Talkshow („Neo Ragazzi“). Und einen Podcast hat sie natürlich auch („Sunset Club“).

Jetzt debütiert Sophie im BE mit „Pick me Girls“, dem neuen Produkt aus ihrer längst kultigen Schreibwerkstatt (bei Kiepenheuer & Witsch). Für neunzig Minuten furioses Stand-up-Entertainment auf großer Theaterbühne extra hergerichtet (Regie: Christina Tscharyiski).

Es ist eine funkelnde Selbstbespiegelung. Da geht‘s äußerst freimütig um erlebte, teils gar schmerzliche Fremdbestimmung schon von Kindheit an, vornehmlich durch Männer; aber eben nicht nur. Und um den Widerstand dagegen. Also Griff ins (Eigen-)Leben plus Reflexion, Anekdotisches plus Kommentar. Immer im spielerisch flotten Hin und Her. Mit kessem Charme und ätzendem Humor.

Schon als Baby sei sie zu dick ins Leben gerutscht; also nicht normgerecht für weibliche Wesen. So der Befund im Elternhaus, in der Schule, auf der Partyszene und Instagram. Da grub sich früh schon der fatale Wunsch ein: „Ich wär gern anders als ich bin.“ Denn wer die Norm bricht bezüglich Fettgewebe, Pflegeleichtigkeit, Anschmiegsamkeit, Glanz, Schick, Sexappeal und Lockerheit, der wird nicht gesehen. Dann ist man kein Pick me Girl, das aufgelesen und (mit)genommen wird von den Kerlen. Oder von sonst wem. Und wer will schon übrigbleiben?

Eine Kernfrage, die Passmann immer wieder listig durchbuchstabiert: Das Weibliche und das Menschliche. Immer wieder schaut sie vergleichsweise unorthodox über den feministischen Tellerrand: Einerseits erwehrt man sich feministisch regelkonform patriarchisch oktroyierter Rollenmodelle, Verhaltensmuster, Körperideale. Anderseits verführt man ganz gern auch alle Welt als Weib. Und das am besten so, wie man ist. Selbstbewusst!

Das Verführerische der Passmannschen Sicht auf die Geschlechter: Sie rennt mit Lust und gelegentlich heiligem Ernst – eben nicht in eine Einbahnstraße. Das rockt die Bude, das reißt die Girlies von den Sitzen. Da hat das BE seinen Blockbuster!

Die Spielzeit geht dem Ende zu … „Aktuell keine Termine“ meldet die HP des BE, also: aufpassen!

Zwei. Theater am Frankfurter Tor – Ich tu was mir passt

Rechts vom Podium ein Foto: Sinatra überlebensgroß. Schwarzer Anzug, weißes Hemd, Krawatte locker. Den Trenchcoat lässig über die Schulter geworfen und ein Hütchen keck in den Nacken geschoben mit einem Lachen: He, was kostet die Welt …!

Da trottet Johannes Hallervorden lässig in den Saal, weißes Smoking-Jackett, Krawatte korrekt und mit Hütchen. Die Band spielt leise „My Way“. Er hält kurz inne vor dem Porträt des Weltstars, dessen Hits er nun singen wird, stellt grinsend die ikonische Pose nach, schiebt den Hut in den Nacken, knappe Verbeugung vor diesem Kerl, vor dieser Legende mit dem Etikett „Stimme Amerikas im 20. Jahrhundert“. Und trällert „Fly Me To The Moon“.

Was für ein cooler Einstieg, von der intelligenten Regie Peter Fabers ausgetüftelt. Sie meint: Hallervorden singt Sinatra, versucht aber nicht, ihn zu kopieren. Er trägt ihn mit sich im Kopf (womöglich auch im Herzen), bleibt aber ganz bei sich. Mit einer Portion Chuzpe, wie sich das gehört (ansonsten müsste man es lassen). Und mit eigener Art Einfühlung in die Musik, den Sound, Rhythmus, Text. Alles ist Sinatra und alles Hallervorden-Ton. Was diesen Abend so souverän macht. So grundsympathisch.

Francis Albert Sinatra, Sohn sizilianischer Einwanderer, aufgewachsen in Hoboken, New Jersey, am Hudson mit Blick auf Manhattan, war schon als Teenager – es ist die Ära der Big Bands – fasziniert von den Konzerten in Sälen und zu Hause im Radio und den Platten fürs Grammophon: Bing Crosby war sein Idol. Sein Vorbild. Sein Ziel schon als Teenager: Singen und berühmt werden.



Frank Sinatra (1947). Foto: William P. Gottlieb Collection
(Library of Congress)

Eine Talente-Show gab den Startschuss: Erste Platte, sogar im Radio gesendet. Dann Einstieg ins Orchester von Tommy Dorsey, ins große Live-Business. Man lernt sich Kleiden, Sprechen, Gesangstechnik, Geschäftssinn. „Bei einer Big Band zu singen ist wie Gewichtheben. Man kommt in Form“, bekennt er. Sein Weg vom Band-Sänger zum Solisten war kurz und steil. Jubel in der Presse: „Seit Bing Crosby der Größte!“ A star was born.

Die Nummern der Show folgen im Wesentlichen dem Lebenslauf von „The Voice“, so das singuläre Signum, das ihm die konkurrenzreiche Branche des Entertainments gab. Einem Leporello gleich werden Höhe-, aber auch Tiefpunkte dieser Karriere aufgeblättert. Knappe Zwischentexte – Fakten, Daten in Stichworten, Presse-Zitate, Selbstzeugnisse des Künstlers, Anekdotisches (Buch: Wolfgang Seppelt. Im Ping-Pong mit den seit Generationen gesummten Ohrwürmern.)

So sausen wir animiert durchs egomanische Leben des verführerischen Lebemanns. „Seit den Zeiten Rudolf Valentinos hat die Weiblichkeit keinen Entertainer derart hemmungslos öffentlich geliebt“, schrieb The Time Magazin. Bestaunen diverse Bruchstücke der Chronik seines Ruhms: Etwa die „Night-and-Day“-Tour mit Eröffnung des Palladiums in L.A. (80.000 Zuschauer), die Hollywood-Filme (ein Fünfjahresvertrag, Wert: 1,5 Millionen Dollar); die Auftritte vor US-Soldaten in Italien im Zweiten Weltkrieg; sein Singen gegen Rassendiskriminierung in Amerika; die vielen Platten, Filme, Frauen, Ehen, die zweifelhafte Vaterfigur.

Und dann der Whisky, die Stimmbandprobleme. Das trotzige Behaupten des alten Romantikers gegen den blindwütig verabscheuten Rock‘n‘ Roll der jungen Wilden (Bill Haley, Chuck Berry, Elvis et cetera). „Ich werde tun, was mir passt. Ich brauche niemanden auf der Welt.“ Und schließlich: Zwei Jahre Abschiedstournee: „Ol‘ Blue Eyes“ – „Alte blaue Augen“ in Riesenhallen, Stadien; allein in London verkaufte Tickets 15.000, die Nachfrage: 35.000. Doch 1998 ist Schluss; im 83. Jahr. Tod in L.A. nach zweitem Herzinfarkt.

„Night and Day“ – was für ein Weg! Hallervorden als Moderator mit leiser Ironie und als Sänger mit Grips und Herz für die Stimmungen der Songs. Dazu die Vierer-Band unter Leitung von Carly Quiroz mit exzellenten Arrangements und überraschend fülligem Sound. Das Publikum ist berührt. Und hemmungslos begeistert!

„My Way – Johannes Hallervorden singt Frank Sinatra“ wieder am 24. und 25. Juni 2025.

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