von Reinhard Wengierek
Zwei sehr gegensätzliche Komödien, mehr oder weniger schwarz getönt: In der Schaubühne Yael Ronens Annäherung an den Nahost-Konflikt „Sabotage“. Und Shakespeares irres Verwechselungsding „Was ihr wollt“ im Berliner Ensemble.
EINS: Berliner Ensemble – Herzrasen im Tollhaus
Weiß man wirklich, was man will? Und weiß man, wer man wirklich ist? Sein und Schein, das sind oft zwei verschiedene Paar Schuhe, in denen wir über die schwankenden Böden unseres Daseins stolpern. Oder stürzen. Was schmerzlich sein könnte – oder glücklich machen. Das Leben ist eben voller Konjunktive. Davon handelt die Verwechslungs- und Verkleidungskomödie „Was ihr wollt“; genialisch ausgeheckt von William Shakespeare und überraschend funkelnd im Geist unserer Zeit.

Berliner Ensemble – „Was ihr wollt“ (Regie: Antú Romero Nunes): v.l. Pauline Knof, Oliver Kraushaar, Maeve Metelka, Maximilian Diehle, Max Gindorff. Foto: Berliner Ensemble © Jörg Brüggemann.
„Ach, wir sind wir selber nicht.“ Das ist die Sachlage, unter der ein von seligen Trieben gepeitschtes Menschenhäuflein aneinander gerät auf dem sagenhaften, vom Meer umtosten Insel-Reich des Herzogs von Illyrien. Einer „offenen Anstalt für Verrückte“, so sagt es Thomas Brasch in seiner so trefflich bildmächtigen Übersetzung.
Da sind ein Herzog (Oliver Kraushaar), schwer verliebt in Gräfin Olivia (Sebastian Zimmler), aber schüchtern. Also setzt er seinen Pagen Cesario, in dessen Männerkleidern Viola steckt (Amelie Willberg), als Liebesboten ein. Doch die wiederum ist verknallt in ihren Chef, den Herzog, derweil Olivia scharf ist auf Cesario, ohne zu ahnen, dass „er“ Viola ist. Nun taucht noch deren tot geglaubter Zwillingsbruder Sebastian auf (Max Gindorff), der, wie der Herzog, scharf ist auf die Gräfin – das totale Irrewirre. Von der Regie, 400 Jahre nach Shakespeare, ganz locker aufgelöst in Queerness.
Doch bevor es nach fast drei Stunden so weit ist mit der (freilich erwartbaren) Pointe, lässt Antú Romero Nunes wie verrückt die Puppen tanzen in den gefährlichen Stürmen von Herzensexplosionen, bitteren Abfuhren, Seelenweh und Glücksverblendung. Ein Tsunami komödiantischer Spiellust schäumt, dazwischen krachen Gewitter des ordinär Klamottigen, die vielleicht allzu oft das Weh und Ach der Verletzungen und Vergeblichkeiten fast vergessen lassen.
Unvergesslich jedoch die illustre Sammlung praller Randfiguren, die da durch die Show geistert: die Zofe Maria (Pauline Knof) als kesses IT-Girl ohne Handy, dafür schlaue Sprüche klopfend („Niveau ist keine Handcreme“); der durchtriebene Suffkopp Sir Toby Rülps als unverschämter Meister säuischer Sketchparaden (Maeve Metelka); der bleiche Ritter Leichenwang als grotesker Depp (Maximilian Diehle); der ergreifend altersweise, schwermütige Narr (Veit Schubert) für die kontemplativen Momente im Irrewirre („Besuch mich, Tod…“). Wie er mit Viola-Cesario gelegentlich am Klavier hockt und leise Mozart klimpert – ein betörend melancholischer Affront gegen die kollektiven Gesangsausbrüche (auch das Publikum darf einstimmen), die groben Brüllereien („Halts Maul! Halts Maul!“) und immer wieder dreisten Ranschmisse ans begeistert juchzende Publikum.
Und schließlich stolziert da noch der bösartig egomanische, grausam verkackeierte Hofmeister Malvolio durch die Turbulenzen, dem die immer wieder aufregende Bettina Hoppe schließlich doch noch mitleiderregende Züge gibt, bevor er zum Schluss apokalyptisch zerknirscht flucht: „Ausrotten! Alle ausrotten!“
„Wenn ihr eine Stadt wärt, dann wärt ihr Mainz“, flötet die Zofe. Und das gilt nicht nur für Sir Rülps, sondern überhaupt für dieses karnevalesk entfesselte, virtuos betriebene Fest des Theaterspiels in bunten, aus allen Zeiten hübsch zusammengeflickten Kostümen (Magdalene Schön, Helen Stein) auf der weiten leeren Bühne, umweht von Plastikfahnen hell wie Wasser (Matthias Koch). Und der Spieltrupp, angeheizt und aufgeputscht durch überbordende Regie-Fantasien, übertölpelt uns unverschämt, aber auch beglückend im diabolisch lachenden Märchenzirkus.
Wieder am 26. und 27. Februar.
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ZWEI: Schaubühne – Unsere blinden Flecken
Jona Lubnik, Filmemacher, hockt hilflos in einem Haufen Ikeamöbel-Einzelteile. Doch er kriegt die verdammten Sitzmöbel einfach nicht zusammen. Große Slapstick-Nummer für Schaubühnenstar Dimitri Schaad als liebenswert nervöser Komiker im Outfit von – unverkennbar – Stadtneurotiker Woody Allen.

Schaubühne Berlin: „Sabotage“ (Regie: Yael Ronen); Carolin Haupt und Dimitrij Schaad. Foto: schaubühne © Ivan Kravtsov
Schon das Vorspiel von Yael Ronens neuem Stück „Sabotage“ signalisiert Komödie. Und setzt zugleich ein plakatives Sinnbild. Denn Jona sitzt nicht nur hier, im aufgeregten Berlin, das ihn längst schon mit antisemitischen Attacken bedrohte, „als deutsch-israelischer Jude mit ukrainisch-russischen Wurzeln“ zwischen sämtlichen (unverschraubbaren) Stühlen.
Aber auch sonst steckt der bis dato eher erfolglose Filmfritze in der Klemme. Midlifekrise, weil seit längerem arbeitslos. Und Ehekrise, weil seine Frau, Neurologin, beruflich stramm auf Spitzenpositionen zusteuert. Und obendrein natürlich die Verzweiflung angesichts geopolitischer Krisen, speziell der in Nahost. Wenn er mal nicht mit Freundin Chatty von der KI plaudert, nervt er seine Therapeutin Pia (Eva Meckbach) mit gesammelten Depressionen. Er sollte sich Balsam verschaffen für sein „zerrissenes Herz“. Durch Handeln! Aber: Er sei eben nicht der „demonstrierende Typ“. Findet, existentielle Verzweiflung über den Zustand der Welt sei eher eine Indoor-Aktivität.
Da kommt ihm die Idee: Einen Film drehen über den israelischen Rechtsphilosophen Jeschajahu Leibowitz (1903-1994), der gleich nach dem Sechs-Tage-Krieg 1967 seinen siegreichen Landsleuten lautstark ins Gewissen redete: „Die Besatzung wird enden mit Hass auf die Menschen, mit Grausamkeit und moralischem Verfall.“ Sein vernichtendes Verdikt: „Die Siedler sind Judäa-Nazis.“
Solcherart Ansagen will Lubnik mit seinem Film aller Welt und sonderlich den Deutschen ins Gesicht schleudern. Will ihren „blinden Fleck“ treffen: Kritik an Israel – auch nach dem infernalischen Angriff der Hamas 2023.
Doch Jonas‘ biodeutsch blonde Gattin Gloria (Caroline Haupt) findet das gar nicht gut. Befürchtet Antisemitismus-Vorwürfe und Karriereprobleme. Immerhin steht ihre Berufung an die Führungsspitze der Charité bevor.
Was für ein Thema, das die 1976 in Jerusalem geborene und seit langen im Berlin arbeitende Autorin und Regisseurin Ronen da anfasst. Immer wieder sticht sie mit klarem Bewusstsein für akute Krisen mit viel Mut und geschliffenem Witz in „blinde Flecken“. Stellt hemmungslos Verdrängtes, Verlogenes, Abgründiges bloß, das da schwelt und wuchert in den prallen Lebensgeschichten ihrer Figuren. – Erschütternd in der Schaubühne: Ihre tieftraurige musikalisch-theatralische Reaktion „Bucket List“ auf die apokalyptischen Hamas-Massaker.
Und jetzt Lubnik, unser Indoor-Aktivist „mit einem Oskar Schindler in der Seele“, der mittels einer arg umstrittenen Autoritätsperson wie Leibowitz den Israel-Diskurs aufmischen oder sabotieren will. Und, wer hätte es gedacht: Sein Film läuft sogar im TV; freilich zu sehr später Stunde. Doch, so die Erzählung, ohne eine Reaktion. Windstille!
Ronen ergeht es ähnlich. Weil: Sie bekommt keinen belastbaren Stuhl auf die Bühne. Ihre ungeheure, so brisant komplexe Geschichte verläppert sich im sarkastischen Geplänkel und Herumstochern im psychoanalytischen Gedöns, garniert mit allerhand Situationskomik. Zum Schluss fliegen Pia und Gloria Hals über Kopf und frisch verliebt weit weg nach Mexiko ins Glück. Jona Lubnik guckt in die Röhre. Ohne Liebe. Ohne Shitstorm. Aber mit Krise.
Wieder am 13., 14., und 15. Februar.