Sentenzen (5)

Fjodor M. Dostojewski (1821-1881)


Fjodor Dostojewski (links im Bild) im St. Petersburger Gefängnis (1874).

Foto: gemeinfrei / Sammlung W. Brauer

Zudem sahen die Berliner allesamt so typisch deutsch aus, daß ich […] so bald als möglich nach Dresden entfleuchte, im Innern zutiefst davon überzeugt, daß man sich an die Deutschen besonders gewöhnen muß und es ohne diese Gewöhnung überaus schwer fällt, sie in großen Massen zu ertragen.

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Was ist das bloß, warum sind wir bis heute mitunter zu feige, manche unserer Gedanken auszusprechen?

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Was bedeutet liberté? Freiheit. Welche Freiheit? Die Freiheit für alle, im Rahmen des Gesetzes zu tun, was einem beliebt. Wann kann man alles tun, was einem beliebt? Wenn man eine Million besitzt. Liefert die Freiheit jedem eine Million? Nein. Was ist der Mensch ohne eine Million? Ein Mensch ohne eine Million ist nicht jemand, der tut, was ihm beliebt, sondern einer, mit dem andere tun, was ihnen beliebt.

(Im Winter niedergeschriebene Notizen über im Sommer gewonnene Eindrücke)

Sibylle Lewitscharoff (1954-2023)

Die Freiheit erscheint uns heute merkwürdig leer, oder schlimmer, an sadistische Spiele vergeudet. Wo es Freiheit gibt, findet sie paradoxerweise immer weniger Anhänger, die dezidiert für sie eintreten. Und wo Opposition sich meldet, im Internet, diesem Kraftprotz unter den Medien, abenteuert ein Verschwörungsdenken quer durch die Welt, wie es infantiler kaum sein könnte.

(Schmuggelware für die Ewigkeit)

Benjamin Korn (geb. 1946)

Es gibt eine Art Canosssa-Tourismus unserer Staatsoberhäupter nach Oradour, Distimo, Sant’Anna di Stazzema und den vielen andern Orten Europas, in denen die deutsche Armee ihre Blutspur hinterließ. Ihre Reden sind pathetisch und gut gemeint, ihre Herzen sind voll, aber ihre Taschen leer. Auf Fragen, die Reparationen betreffend, antworten sie nicht oder weichen aus.

(Menschenrechtsextremismus)

Danilo Kiš (1935-1989)

Nationalismus ist vor allem Paranoia.

(Anatomiestunde)

Georg Büchner (1813-1837)


Deutsches Theater Berlin 1981. Plakat / Sammlung W. Brauer

Geht einmal euren Phrasen nach bis zu dem Punkt, wo sie verkörpert werden. – Blickt um euch, das alles habt ihr gesprochen; es ist eine mimische Übersetzung eurer Worte. Diese Elenden, ihre Henker und die Guillotine sind eure lebendig gewordnen Reden. Ihr bautet eure Systeme, wie Bajazet seine Pyramiden, aus Menschenköpfen.

(Mercier zu Danton / Dantons Tod)

Richard David Precht (geb. 1964)

Man müsste erstmal darüber diskutieren, was eigentlich links ist. Das ist ein Selbstmissverständnis, weil dieses offene, tolerante und woke Milieu sehr offen und tolerant für die eigenen Positionen ist, aber nicht für Menschen, die eine grundsätzlich andere Ansicht haben. Und Intoleranz ist durch die sozialen Medien enorm befeuert worden.

(Erstaunlich, wie zahnlos die Verteidiger der liberalen Demokratie sind.
Gespräch mit Susanne Lenz)

Novalis (1772-1801)

Der ist der Herr der Erde,
Wer ihre Tiefen mißt,
Und jeglicher Beschwerde
In ihrem Schoß vergißt.

Sie mögen sich erwürgen
Am Fuß um Gut und Geld:
Er bleibt auf den Gebirgen
Der frohe Herr der Welt.

(Heinrich von Ofterdingen)


Zechsteinschiefer mit Eisenkiesen/Lehesten. Foto: W. Brauer (2024)

Jean Paul (1773-1825)

Ein getödtetes oder verstümmeltes Kunstwerk ist Raub an der Ewigkeit.

(Freiheits-Büchlein)

Ted H. Osborne (1900-1968)

Nun ja, vielleicht läuft es deshalb schief in Medioka! Zuviel Diplomatie, zuwenig Ehrlichkeit!

(Micky und sein Doppelgänger, 1937)

Mark Twain (1835-1910)

Wie einfach ist es, Menschen eine Lüge glauben zu machen, und wie schwer ist es, das rückgängig zu machen!

(Autobiographie, Band 2)

John Watson (1850-1907)

Diesen Spruch schrieb der schottische Priester (als Autor schrieb er unter dem Pseudonym Ian Maclaren) 1897 für The British Weekly. Im Original: „Be kind, for everyone you meet is fighting a hard battle.“ Robin Williams (1951-2014) wurde die etwas abgewandelte Aussage bereits einen Tag nach seinem selbstbestimmten Ausscheiden aus dem Leben untergeschoben. Es gibt keine Belege, dass er das je gesagt hat. Ich finde ihn dennoch berührend.


Gefunden im Staatsbruch Lehesten. Foto: W. Brauer (2025)

2 Kommentare

  1. Diese Sentenzen lassen sich ja beliebig ergänzen. Nur eine möchte ich anbieten, da sie gerade derzeit wieder jede Menge Adressaten hat und deren ideologisches Beharrungsvermögen wenigstens zum Teil erklären mag;
    „Nimm einem Durchschnittsmenschen seine Lebenslüge, so nimmst du ihm zugleich sein Glück.“
    Henrik Ibsen

    1. Mit dem beliebigen Ergänzen ist es so ein Ding. Ich muss es erklären: Was ich hier unter dieser Überschrift bringe, sind Funde aus der Lektüre der unter ihnen genannten Texte. Das stammt alles nicht aus Sammlungen wie „Gute Zitate“. Die haben ihre Berechtigung, aber halten oft einer Überprüfung nicht stand. Manche „Zitate“ sind frei erfunden, andere den benannten Autoren in den Mund geschoben (mein „Robin-Williams-Zitat“), anderes wiederum umgebogen. Man muss schon vorsichig sein, liebe Lydia Berg.
      Ihr Zitat stammt aus Ibsens „Die Wildente“. Dr. Relling sagt das im 5. Akt. Ein sehr düsteres Stück, wie ich finde. Es gilt als Ikone des nordischen Naturalismus. Ich mag es trotzdem nicht.

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