John Stuart Mill (1806-1873)
Gerade weil die Tyrannei der öffentlichen Meinung so stark ist, dass das Exzentrische einem zum Vorwurf gemacht wird, ist es erwünscht, dass man exzentrisch ist, um diese Tyrannei zu durchbrechen. Exzentrisches Wesen war immer reichlich und da vorhanden, wo Charakterstärke reichlich vorhanden war. Und das Ausmaß der Exzentrizität in einer Gesellschaft stand in dem genauen Verhältnis zu dem Potenzial von Genie, Geisteskraft und sittlichem Mut, den sie enthielt. Dass so wenige wagen, exzentrisch zu sein, enthält die hauptsächliche Gefahr unserer Zeit.
(Über die Freiheit, 1859)
Sándor Márai (1900-1989)
Augenblicke später lag die Brücke hinter uns,wir fuhren durch die gestirnte Nacht einer Welt entgegen, wo uns niemand erwartete. In diesem Augenblick empfand ich – zum ersten Mal im Leben – Furcht. Ich begriff, dass wir frei waren. Ich begann mich zu fürchten.
(Land, Land. Erinnerungen, Band 2)
E. T. A. Hoffmann (1776-1822)

Zinnober als Minister auf dem Schoß der Fee Rosabelverde.
Kupferstich von Carl Friedrich Thiele nach einem Entwurf von E. T. A. Hoffmann (1819)
Ehe wir mit der Aufklärung vorschreiten, d.h. ehe wir die Wälder umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln anbauen, die Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen, die Jugend ihr Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen anlegen und die Kuhpocken einimpfen lassen, ist es nötig, alle Leute von gefährlichen Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehör geben und das Volk durch lauter Albernheiten verführen, aus dem Staate zu verbannen.
(Klein Zaches genannt Zinnober. Ein Märchen, 1819;
der zum ersten Minister ernannte Kammerdiener Andres
an den Fürsten Paphnutius)
Das Denken, meinte Knarrpanti, sei an und vor sich selbst schon eine gefährliche Operation und würde bei gefährlichen Menschen eben desto gefährlicher.
(Meister Floh. Fünftes Abenteuer, 1822)
Thomas Müntzer (1489-1525)
Sieh zu, die Grundsuppe des Wuchers, der Dieberei und Rauberei sein unser Herrn und Fürsten, nehmen alle Kreaturen zum Eigentum: Die Fisch im Wasser, die Vögel im Luft, das Gewechs auf Erden muß alles ihr sein. Darüber lassen sie dann Gottes Gebot ausgehn unter die Armen und sprechen: „Gott hat geboten, die solt nit stehlen.“ […] Die Herren machen das selber, daß ihn der arme Mann feind wird.
(Hoch verursachte Schutzrede und antwwort
wider das Gaistloße Sanfft
lebende fleysch zu Wittenberg …, 1524)
Viktor Remizov (geb. 1958)
„Wie denn? Ist nicht der Mensch das Wertvollste überhaupt? Es gibt nichts,wofür man mit Menschenleben bezahlen darf.“
Aber genau das ist ja die Freiheit, wenn Menschen verschieden sein können und niemand sie dabei stört.
(Permafrost, 2022)
Stefan Żeromski (1864-1925)
„Aber ja, die erste Pflicht des Polen gilt dem Vaterland, und erst an zweiter Stelle steht die Familie …“
Diesen weisen, unumstößlichen und weit verbreiteten Satz sprach sie mit frommer Andacht.
(Der getreue Strom, 1912)
Juli Zeh (geb. 1974)
Die Tragik unserer Epoche […] besteht darin, dass die Menschen ihre persönliche Unzufriedenheit mit einem politischen Problem verwechseln. […] Die Unzufriedenheit der Leute ist ein politisches Problem, und zwar von gigantischem Ausmaß. Die Unzufriedenheit ist in der Lage, ganze Gesellschaften zu sprengen. Man braucht nur ein wenig Zündstoff, Flüchtlinge oder Corona, und schon droht das ganze Gebilde auseinanderzufliegen, weil niemand jemals wirklich an die Segnungen von Frieden und Wohlstand geglaubt hat.
(Über Menschen, 2021)
Richard Wagner (1813-1883)

Der fliegende Holländer (UA Dresden 1843) / Schlussbild. Senta: „Hier sieh mich, treu dir bis zum Tod!“
Ach! ohne Hoffnung, wie ich bin, / geb‘ ich der Hoffnung doch mich hin!
(Der fliegende Holländer, 1843)
Juli Zeh (geb. 1974)
Die Tragik unserer Epoche […] besteht darin, dass die Menschen ihre persönliche Unzufriedenheit mit einem politischen Problem verwechseln. […] Die Unzufriedenheit der Leute ist ein politisches Problem, und zwar von gigantischem Ausmaß. Die Unzufriedenheit ist in der Lage, ganze Gesellschaften zu sprengen. Man braucht nur ein wenig Zündstoff, Flüchtlinge oder Corona, und schon droht das ganze Gebilde auseinanderzufliegen, weil niemand jemals wirklich an die Segnungen von Frieden und Wohlstand geglaubt hat.
(Über Menschen, 2021)
Hm, ich habe an Frieden und Wohlstand geglaubt, Wohlstand bescheiden, der hätte mir genügt. Frieden und soziale Sicherheit – das hatte ich in der DDR.
Manchmal fühle ich eine Wut, dass mir das genommen wurde, weil es Menschen gab, denen der westliche Wohlstand und die Reisefreiheit so wichtig waren. Was für einen Preis zahlen wir nun dafür! Meine Seele krankt in diesem kapitalistischen und von Kriegspropaganda geprägten Land. Mein Vater ist an der Art und Weise der „Vereinigung“ zerbrochen und 1992 verstorben.