Sehnsuchtsraum Landschaft. Anmerkungen zu einer Ausstellung des Berliner Bröhan-Museums

von Wolfgang Brauer

Das Schönste aber seien die Landpartien im Sommer.“
(Theodor Fontane, Stine)


Karl Hagemeister: Fliegender Reiher am Havelufer (um 1890), Ausschnitt. Foto: W. Brauer (2025)

Der erste Blick nach dem Verlassen des Treppenhauses im Berliner Bröhan-Museum fällt auf ein großformatiges Bild des Werderaner Malers Karl Hagemeister (1848-1933): „Fliegender Reiher am Havelufer“ (um 1890). Der Vogel, den Blick aufmerksam auf den Wasserspiegel gerichtet, wurde vom Künstler im Moment des Anlandens erfasst. Die sehr hellen, flächig gehaltenen Farben, die farbliche Spannung zwischen Reiher und spätsommerlichem Uferbewuchs erinnern an japanische Bilder. Das ist kein Zufall. In der im Erdgeschoss des „Bröhan“ befindlichen Dauerausstellung kann man dem Einfluss der japanischen Kunst auf die deutsche in der Zeit um 1900 nachspüren. Aber das ist nicht das Thema dieser bemerkenswerten Sonderausstellung. Hagemeisters „Reiher“ gegenüber hängt Hans Baluscheks (1870-1935) „Der Rummelplatz“ (1914). Damit sind die Pflöcke eingeschlagen, die das Spektrum der Schau begrenzen: „Havelluft und Großstadtlichter“. Genauer gesagt geht es um das ambivalente Verhältnis der Berliner zum Umland der Stadt, dargestellt an Arbeiten von Mitgliedern der Berliner Secession. Zeitlich liegt der Schwerpunkt in den Jahren um die vorletzte Jahrhundertwende bis zu den 1920ern.

Manche werden müde abwinken, die alten Schinken seien etwas für zurückgebliebene Bildungsbürger und hätten für das Heute gar nichts zu sagen. Das ist ein Irrtum. Tauchen wir ein in diese Bilderwelten und ihr gesellschaftliches Umfeld, so werden wir feststellen, dass das alles sehr heutig ist. Gut, die Moden haben sich gewandelt – aber der Fortschritt ist denn doch im Wesentlichen nur ein sehr technischer. Die Probleme unserer Vorfahren – zwischen ihnen und uns liegen nur knapp drei bis vier Generationen! – hängen uns nach wie vor ungelöst am Hals.

Gute Kunst nähert sich der Wahrheit leis, wie auf Taubenfüßen, meinte der Dichter Johannes R. Becher einmal – der vor der Politik und dem Moloch Großstadt auch regelmäßig in das Umland flüchtete, nach Bad Saarow an den Scharmützelsee. Das taten schon andere vor ihm. Der expressionistische Maler Bruno Krauskopf (1892-1960) zum Beispiel ließ sich dort auf dem Dudel 1923 von Harry Rosenthal ein Sommerhaus bauen. In der Ausstellung hängt von Krauskopf „Der Sommergarten des Künstlers am Scharmützelsee“ (1932), ein Bild im Farbenrausch und mit einem leichten Augenzwinkern gemalt – man schaue genauer auf die mittlere Ebene des Gemäldes… Im Jahr darauf musste Krauskopf aus Deutschland fliehen. Auch Rosenthal, er war Jude, hatte selbst in Bad Saarow ein Haus, musste weg. Das Sagen hatten jetzt Leute wie Krauskopfs Bad Saarower Nachbar Josef Thorak. Den Lieblingsbildhauer des Führers stufte 1948 in einem Entnazifizierungsverfahren die Spruchkammer in München als „nicht betroffen“ ein. Thoraks Saarower Haus baute 1925-1929 … Harry Rosenthal. Es steht noch. Auch Krauskopfs Haus steht noch. In Bad Saarow wird man aber kaum jemanden finden, dem der Name etwas sagt. Fragt man jedoch nach dem Schmeling-Haus, bekommt man freudig Auskunft. Der Box-Star und verhinderte Schauspieler Max Schmeling kaufte das Haus 1933 und zog dort mit der Freundin der Familie Goebbels, der Schauspielerin Anny Ondra (eigentlich Ondráková) ein. Beide heirateten im selben Jahr in Saarow und mutierten zum Traumpaar der NS-Propaganda.


links Bruno Krauskopf: Hausgarten des Künstlers am Scharmützelsee (1932); daneben: Walter Leistikow: Die Villa Gugenheim in Neu-Babelsberg (1903/04). Fotos: W. Brauer (2025)

Gegenüber von Krauskopfs Bild hängt – 1903-1904 von Walter Leistikow (1865-1908) gemalt – ebenfalls eine Darstellung eines Refugiums im Grünen: „Die Villa Gugenheim in Neu-Babelsberg“. Das Haus gehörte dem jüdischen Seidenfabrikanten Fritz Gugenheim (1859-1939). Potsdam-Wiki meint allerdings, die Villa wäre erst 1910 errichtet worden. Der Tod ersparte Gugenheim das Erleben der Shoah. Seiner Frau und den beiden Söhnen gelang die Flucht aus Deutschland. Die Villa wird oft mit dem benachbarten „Landhaus Gugenheim“ von Sohn Hans verwechselt. Dieses Landhaus wurde 1921/22 von Hermann Muthesius gebaut. Ende 1938 konnte der junge UfA-Star Brigitte Horney das Haus günstig erwerben. Nach 1945 wurde dann eine anrührende Widerstandslegende gestrickt. Erich Kästner soll auf dessen Terrasse trotz (!) Berufsverbot das Drehbuch für den „Münchhausen“-Film Josef von Bákys geschrieben haben. Er hatte eine Ausnahmegenehmigung Joseph Goebbels’… Natürlich waren auch die Gugenheim-Häuser nach 1990 Gegenstand erbitterter Restitutionsauseinandersetzungen.

Zurück zu den Bildern… Es sind drei Namen, die die Ausstellung dominieren: Karl Hagemeister, Hans Baluschek und Walter Leistikow. Das hat hauptsächlich damit zu tun, dass diese drei unser visuelles Bild der Berlin-Brandenburgischen Landschaft um 1900 nachhaltig prägen. „Die Kunst kreiert einen Sehnsuchtsraum“, bringen das die Ausstellungsmacher auf den Punkt. Damit meinen sie natürlich vor allem Leistikow und Hagemeister. Sicher spielen auch praktische Gründe eine Rolle. Die Sammlung des Bröhan-Museums ist mit Arbeiten dieser Meister gut bestückt, und es war wieder einmal an der Zeit, einiges aus dem Depot zu holen. Von anderen, größeren Berliner Museen wünschte ich mir Ähnliches. Über die umfangreichsten Baluschek- und Nagel-Bestände verfügt zum Beispiel das Berliner Stadtmuseum.


Walter Leistikow: Märkischer Waldsee mit zwei Birken (um 1895). Foto: W. Brauer (2025)

Walter Leistikow gilt vielen im Wesentlichen als der Maler des Grunewalds und der Havelseen. Ich liebe seine „Abendstimmung am Schlachtensee“. Aber die gehört dem Stadtmuseum und wird in der Bröhan-Ausstellung nicht gezeigt. Dafür wird der geografisch weite Bogen vom Grunewaldsee bis zur Löcknitz bei Erkner gespannt. Leistikow hat in den Wäldern östlich von Berlin viel gemalt. Er war Mitglied des Friedrichshagener Dichterkreises um Bruno Wille und Wilhelm Bölsche und mit Gerhart Hauptmann befreundet. Ein Wanderweg an der Löcknitz bei Erkner ist nach ihm benannt. Man benötigt allerdings einen sehr verträumten Blick, um dort noch Leistikowsches zu finden. Was der Autobahnbau nicht ruiniert hat, zerstören augenblicklich Bau-Investoren in und um Erkner mit großer Konsequenz. Den „Rest“ erledigen die Industrieansiedlungen um Grünheide und Fangschleuse. Bleiben wir aber bei den Bildern. Das „Bröhan“ ermöglicht einen direkten Vergleich der Handschriften Leistikows und Hagemeisters mittels zweier Bilder gleichen Sujets, in etwa zeitgleich entstanden, beides märkische Seenlandschaften am Morgen.


links Karl Hagemeister: Sonnenaufgang über dem Schwielowsee (1899), daneben Walter Leistikow: Grunewaldsee am Morgen (1895-1905). Fotos: W. Brauer (2025)

Für Hans Baluschek – er hat eine eigene spannende Abteilung – verursacht der Blick in die Landschaft eher einen Angstschrei. Die beiden eben Genannten meiden dessen Themen, sie romantisieren nahezu gnadenlos; Baluschek selbst hingegen hat ein äußerst ambivalentes Verhältnis zum Umland der jungen Hauptstadt des Reiches. Ihn fesseln die Lichter der Großstadt, das Menschengewusel, der Durchbruch der Technik und die furchtbaren sozialen Folgen der Metropolenwerdung Berlins. Die sind für ihn schlimm genug. Landschaft ist aus der Sicht seiner Bilder etwas für Leute mit gefüllter Geldbörse, dem Armen ist sie feindlich gesinnt. Ich weiß nicht, aus welchem Anlass Hans Baluschek 1922 „Ein Toter“ (Aquarell und Pastell auf Karton) gezeichnet hat. Leider hängt die Arbeit etwas im Abseits. Das entsetzliche Bild ist eine großartige Metapher auf die Kelle Leben, die eine herzenskalte Gesellschaft den „Menschen der Tiefe“ (Jack London) zumisst. Das ist jetzt von mir mit Absicht im Präsens formuliert.


Hans Baluschek: Ein Toter (1922). Foto: W. Brauer (2025)

Man kann in retrospektiven Schauen leicht die Zeitumstände ausblenden und auf bloße Ästhetik setzen. Man kann die Kunst leicht als reine Geschichtsbuchillustration missbrauchen. Für beides finden sich in Berlin genügend Beispiele. Ich halte es für eine große Leistung der Austellungsmacher, dass es ihnen gelang, nicht in den betörenden Bilderfluten der Secessionisten zu ertrinken, sondern einen klaren Blick auf das Umfeld bewahrt zu haben – und mithin zu adäquaten Präsentationsformen zu gelangen, die der Kunst den Raum zum Atmen lassen und den kritischen Blick auf ihre Zeit nicht ausblenden. So ganz nebenbei förderten sie manch hübschen Fund aus dem reichen Schatz des Berliner Feuilletons zutage. Respekt!

So werden die Besucher nach dem beschriebenen Landschaftsrausch Leistikows und Hagemeisters – man riecht förmlich die hochsommerlichen Föhren und hört das Quaken der Frösche – abrupt mit der Gegenwelt konfrontiert, der Mietskasernenstadt Berlin. Die Wand dominiert ein Foto Sasha Stones (1895-1940), „Berliner Mietskasernen“, aus dem Jahr 1929. Stone hatte noch nicht einmal die schlimmsten Quartiere vor dem Objektiv! Mit Stones Arbeit korrespondiert ein Bild des vor 1914 noch impressionistisch arbeitenden Malers Franz Heckendorf (1888-1962): „Im Norden Berlins“, eine scheinbar harmlos daherkommende Stadtlandschaft. Wer genauer hinsieht, wird bemerken, dass die die Bildmitte dominierenden Freiflächen von den Mietshäusern am Rande des Gemäldes förmlich in die Zange genommen werden. Eine sich verfinsternde, sehr bewegte Wolkendecke in dunklen Gelbtönen verstärkt die diffuse Bedrohungssituation. Und wenn man noch genauer hinsieht: Auf dem unbebauten Areal im Zentrum des Bildes stehen einige alte Bäume, mehrere Pappeln und offensichtlich eine alte Eiche. Die sich rechts anschließende Fläche ist baumlos. Hier wurde bereits Baufreiheit geschaffen. Heute nennen wir so etwas „Verdichtung“. In Heckendorfs „Berliner Norden“ hat einige Jahre später Otto Nagel gemalt. Ganz andere Bilder…


„Havelluft und Großstadtlichter“ – die Berliner Stadtlandschaften Franz Heckendorfs und Sasha Stones. Foto: W. Brauer (2025)

Mit dem, was da gebaut wird, setzt sich Harry Graf Kessler 1920 in einer kleinen Schrift der Weimarer Cranach-Presse auseinander (in der Vitrine gegenüber den Heckendorfschen Bildern): „Die Kinderhölle von Berlin“. Käthe Kollwitz trieben zur selben Zeit ähnliche Gedanken um. Am 11. September 1919 schrieb sie nach dem Erleben ausgezehrt wirkender spielender Kinder auf dem Wörther Platz in ihr Tagebuch: „Nein, es geht nicht anders: Die großen Städte müssen aufgehoben werden. Auf gesunde Kinder kommt es vor allem an.“ Seit 1947 heißt der Wörther Platz Kollwitzplatz. Heute wird wieder so gebaut. Wie zu Kaisers Zeiten in den Stadtrandgroßsiedlungen.

Angesichts solcher Zustände ist es ganz normal, dass die Berlinerinnen und Berliner mit Kind und Kegel bei jeder sich bietenden Gelegenheit „ins Jrüne“ flüchteten und flüchten. Wenn schon die märkischen Seen nicht ganz so leicht erreichbar waren: zur Jungfernheide oder in den Humboldthain – es ist ein sehr schöner früher Otto Nagel zu sehen – ging’s allemal. Oder in den Zoo. Der war und ist allerdings teuer. Aber in sehr vielen Ausflugsgaststätten erhielt man für wenig Geld Kaffeegeschirr und heißes Wasser: „Hier könn‘ Familien Kaffee kochen.“


Hans Baluschek: Hier können Familien Kaffee kochen (1895). Foto: W. Brauer (2025)

Alles in allem eine absolut sehenswerte Schau. Man sollte sich hinterher viel Zeit zum Nachdenken – und Nachlesen! – nehmen. Und: wann wird es endlich wieder Sommer?

Havelluft und Großstadtlichter – Stadt und Land in der Malerei der Berliner Secession. Bröhan Museum, Schloßstraße 1a, 14059 Berlin (Charlottenburg); Di-So von 11-18 Uhr, bis 22. Februar 2026; http://www.broehan-museum.de

2 Kommentare

  1. Auch von mir, danke für den Tipp. Das Bröhan-Museum ist eigentlich mein Lieblingsmuseum in Berlin, aber jetzt war ich schon lange nicht mehr dort. Nun aber …

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