von Reinhard Wengierek
Am 10. November 1900 wurde in Mainz Netti Reiling geboren. Unter dem Namen Anna Seghers wurde sie eine weltberühmte Schriftstellerin. Im Studio Werkraum des Berliner Ensembles gibt es, auch im Gedenken an den 125. Seghers-Geburtstag, eine wie unter Hochspannung stehende Bühnenadaption ihres Romans „Transit“. Am 15. Dezember erhielt im Teatro Arena del Sole zu Bologna der Chef der Schaubühne, Thomas Ostermeier, für die Inszenierung des Kammerspiels „changes“ seiner Haus-Dramaturgin Maja Zade den „Premio Ubu“, die wichtigste Theaterauszeichnung Italiens. Großer Bahnhof. Gratulation. Das Ausland weiß den Meister mehr zu schätzen als die Heimat.
EINS: Berliner Ensemble – Liebe in Zeiten der Katastrophe
Ein Steg ragt uns entgegen, abgeschlossen von einem Stahlgitter. Wir sind im Hafen von Marseille, vor einem Anleger für Schiffe, mit denen Nazi-Verfolgte sich 1943 noch retten können. Doch da braucht man Geld, Tickets, Pässe, Visa. Und hetzt unter Lebensangst durch die Bürokratie von Konsulaten vieler Länder. Aber die Zeit für Übersee-Passagen wird knapp, die Bedrohung wächst. Und immer näher rückt das Gitter.

Berliner Ensemble: „Transit“ (Regie: Marie Schwesinger) – v.l. Paul Zichner, Paul Herwig, Kathleen Morgeneyer. Foto: Berliner Ensemble © Silke Briel.
Steg und Gitter – allein der klare Bühnenbau von Lara Scheuermann ist ein starkes, beklemmendes Zeichen: Der Kai als Ort des Wartens auf die Flucht, als Ort der Verheißung auf Freiheit. Und der Metallzaun als Signal dräuender Vergeblichkeit: Wer es nicht schafft, sitzt in der Falle, den Häschern ausgeliefert.
Anna Seghers‘ biografisch grundierter Roman „Transit“ von 1944 gilt als wohl beste Darstellung des Lebens und Leidens deutscher Emigranten. Er begründete den Weltruhm der Autorin. Und er ist vieles: Antifa- und Antikriegsroman, Polit-Thriller, Abenteuergeschichte – verwoben mit einer großen tragischen Lovestory, der feinnervigen Schilderung einer schicksalhaften Verstrickung von drei Menschen aus dem Rheinland. Da sind ein Arzt (Paul Herwig), ein Mann namens Seidler (Paul Zichner) und Marie (Kathleen Morgeneyer).
Beide sind verliebt in diese Frau, die jedoch an ihrem Ehemann hängt, den sie in den Wirren der Flucht aus den Augen verlor, in Marseille vermutet und dort verzweifelt sucht. Seidler wiederum erfuhr per Zufall, dass dieser Mann Selbstmord beging. Er übernahm dessen Ausreise-Visum, verschweigt jedoch seinen Tod aus liebender Rücksichtnahme. Marie will, in ehelicher Verantwortung und mit solidarischem Anstand, nicht ohne ihn auf ein rettendes Schiff. Sie wartet, sucht und verzögert dadurch immer wieder gefährlich ihre mögliche Ausreise sowie die der beiden Liebhaber, die das in rührender Nächstenliebe zunächst respektieren.
Komplexe Konfliktlage; Gewissenszwänge, fiebriges Gefühls-Inferno – darauf konzentriert sich die Kompaktfassung, die Regisseurin Marie Schwesinger (aus dem löblichen WORX-BE-Nachwuchsprogramm) sowie der Dramaturg Lukas Nowak aus den 400 Druckseiten meisterlich filterten. Ebenso gekonnt ist die Regie, die trotz (oder gerade wegen) der minimalistisch, doch präzise gesetzten Mittel für weit gespannte Assoziationen sorgt. Dazu gehört freilich entsprechende Schauspielkunst. Im Mittelpunkt steht Marie, die Schwierige, die Kapriziöse: Energisch, verletzend; aber auch verletzlich, verführerisch. Zerrissen von Gefühlen und der Not schwerwiegender Verantwortung. Es ist etwas Irrlichterndes, Geheimnisvolles um sie.
Die Männer stehen ihr mit komplexen Charakterskizzen nicht nach. Seidler, der aus dem Nazi-Knast ausgebrochene Kommunist: geerdet, stark, großherzig. Der Mediziner nervös, generös, wankend zwischen Fürsorge und vernünftiger Selbstbehauptung. Schließlich wird er eine Schiffspassage nach Mexiko nehmen. Marie kommt mit, lässt los – den (toten) Ehemann und Seidler. Der bleibt zurück. Von ihm erfahren wir die Katastrophe: Zwischen Dakar und Martinique wird der Dampfer von Minen versenkt.
Wieder am 26. Februar.
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ZWEI: Schaubühne – Daseinsmüdigkeit
Ein Paar, mitten im Leben eher wankend statt stehend, still an Midlifecrisis leidend. Die Ehe nach zwei Jahrzehnten längst fad, noch aber beherrscht freundschaftlich. Nina (Anna Schudt), Politikerin und Kämpferin für die Rettung eines Frauenhauses, hat mehrere Fehlgeburten hinter sich; Mark (Jörg Hartmann), studierter Wirtschaftsanwalt, ein Burnout mit zu viel Alkohol sowie dem nüchternen Umstieg als Grundschullehrer. Zwei wache Zeitgenossen mit sehr viel angestrengt gutem Willen, jeweils das ihre zu tun vor Ort, um wenigstens ein bisschen beizutragen für Veränderung. Für „changes“ hin zum Besseren.
So starten die beiden in den Tag, wir folgen ihnen: Büro, Lehrerzimmer, Zoologischer Garten, Friseur, Frauenhaus, Fernsehstudio, Treff der anonymen Alkoholiker… Und überall moralische Zwickmühlen, nervenzerrende Entscheidungen, Kompromisse zwischen gut und faul, umrankt von Versagensängsten, Unerfülltsein, Seelenqual.

Schaubühne Berlin: „changes“ (Regie: Thomas Ostermeier) – Anna Schudt, Jörg Hartmann. Foto: Schaubühne © Arno Deciair, 2024.
Maja Zade liefert in ihrem neuen Stück „changes“ ein Kompendium kleiner, auch kleinlicher, großer, auch größter ungelöster Konfliktlagen beruflich wie privat, die das durchaus konfliktbewusste Paar beschwert bis an den Rand zur Unerträglichkeit. Bürgerlicher Alltag zwischen Frühstück und Abendbrot, von der Autorin präzis skizziert und aufgeblättert in einem Leporello vieler kurzer, komischer, sarkastischer, bitterer oder trauriger Szenen an unterschiedlichsten Orten mit einer Fülle gegensätzlicher Figuren, die alle – der Clou der Inszenierung von Thomas Ostermeier – gespielt werden von Anna Schudt und Jörg Hartmann.
Auf der weiten, bis auf Kühlschrank, Sofa, Tisch und Kleiderständer leeren Bühne (Magda Will) breitet das hochberühmte Dortmunder Ex-Tatort-Paar Schudt-Hartmann perfekt arrangiert virtuose Verwandlungs- und Einfühlungskunst aus, die freilich zuweilen das unfreiwillig Parodistische streift im rasenden Wechsel von Kostüm und Perücke.
Das Füllhorn der Szenen und Figuren (insgesamt 23) mag spektakulär sein, doch reicht das kaum aus für tiefergehende Charakterzeichnungen. So bleiben Schattenrisse. Oder Stichworte für weiterführende Assoziationen. Die Autorin, deren Stücke ansonsten bekannt sind für dramatische Steigerungen und scharfe Wendungen ins Tragische, rollt diesmal in zwei Stunden beklemmend gleichmütig einen Flickenteppich der Vergeblichkeit, der Depression und Daseins-Melancholie aus. Bonjour Tristesse Berlin. Und keine guten Aussichten. Dafür die Demonstration brillanter Schauspielerei.
Wieder vom 28. Januar bis zum 3. Februar.