Sandra Rienäcker – Eine Werkschau

Es ist das Licht, das das Bildgeschehen ins Magische hebt – Sandra Rienäcker stellt in der Galerie Helle Panke aus.


„Villen bei Nacht (Heringsdorf)“ 2025, 27,5×35, Öl/Hartfaser. Foto: Sandra Rienäcker

von Klaus Hammer

Sie widmet sich Landschaften, Natur und Stadt, Figurendarstellungen, Porträts, Interieurs, Stillleben, allegorischen Darstellungen der Lebensalter und Zeitläufte, sie setzt sich aber auch mit Themen aus Musik und Literatur auseinander – die Malerin, Zeichnerin und Grafikerin Sandra Rienäcker. Und irgendwie glauben wir die Dinge zu kennen, die den Anlass zu ihren Arbeiten geben: Gesichter, die wir schon irgendwo, irgendwann mal gesehen haben, ein scheinbar vertrautes Ambiente irgendwo in Berlin, Putbus, Sassnitz, auf Hiddensee, im Bayreuth Richard Wagners, im Fichtelgebirge und wo auch immer sie sich aufgehalten hat. Dieser „Dejà-vu“-Effekt, dieses scheinbare Wiedererkennen ruft bei uns zunächst ein Gefühl des Vertrautseins hervor. Wenn man sich dann aber intensiver ihren Arbeiten zuwendet, erscheinen diese in ihrer Sperrigkeit und Widerständigkeit zunehmend rätselhaft und – Tücke des Objekts – eben auch dann wieder höchst menschlich.

In der grauen, entfärbten und entformten Zone des scheinbar Selbstverständlichen, des scheinbar Vertrauten, in der Gewöhnung dann schon blind macht, öffnet Sandra Rienäcker die Augen und beobachtet Wirkungen und Reaktionen im zeitlichen Ablauf. Menschenleer (oder doch winzig klein die Figuren, mitunter werden sie auch durch Plastiken ersetzt) sind die Straßen, Plätze und Stadtpanoramen – diese Ansichten imaginärer Architekturen: Kulissen, hinter denen ein Geheimnis verborgen scheint. Von der Überschärfe der Wirklichkeitsdarstellung führt ein direkter Weg zu dieser befremdenden, bedrückenden, ja auch bedrohlichen Bildatmosphäre der Stille und Statik.

Sagen wir es so: Sandra Rienäcker hat die „neusachliche Malerei“ magisch aufgeladen. So wie sie Tag- und Nachteindrücke miteinander kombiniert, so hat sie ihre Bildelemente nicht selten aus Versatzstücken montiert. Erkennbar ist das Bildgeschehen nicht durch natürliches, sondern zeigendes Licht, das ihr ermöglicht, auch Schattenfiguren zu installieren. Ist das also „magischer Realismus“? Die kulissenhaft arrangierte Szenerie zeigt auch eine gewisse Verwandtschaft mit Gemälden von Giorgio de Chirico, der als Gründervater der Pittura Metafisica gilt, der metaphysischen Malerei, die ihre eigenen Metaphern einer gestörten Welt entwickelte. Hier ist das Leben entwichen und hat nur noch Kuben und Perspektiven zurückgelassen als Gerüste einer längst nicht mehr stimmenden Ordnung. Aber eisige Unpersönlichkeit strahlen Sandra Rienäckers Raumfluchten und steinerne Fassaden keineswegs aus, mit einem tiefen Sinnbezug besetzen ihre Figuren den jeweiligen Ort. Bei äußerster Präzision des Gegenständlichen genügt jedoch eine Nuance, eine geringe Verschiebung des Blickwinkels, eine winzige Veränderung der Beleuchtung und man befindet sich an einem von Grund auf fremden Ort, in einer befremdlichen Gegend, in der andere Gesetze gelten als die sonst gewohnten.


„Vor Gewitter (Hiddensee)“ 2025, 32×24, Tuschezeichnung.
Foto: Sandra Rienäcker

Voll ins Bild tritt eine junge Frau mit fragendem Gesichtsausdruck, die linke Hand schützend am Revers, auf ihrem einsamen „Nächtlichen Weg“ (2005) – so der Bildtitel – an der diagonalen Häuserfront der Berliner Auguststraße entlang. Was hat sie hinter sich gelassen, was steht ihr noch bevor? Die Arbeiten sind nicht frei von Verweisen auf etwas hinter den Dingen Verborgenes. „Villen bei Nacht (Heringsdorf““ (2025) sind zum magischen Gegenüber des Betrachters geworden und starren diesen ebenso unverwandt an wie dieser die seltsam konstruierten Steingebilde vor sich. Ein Zwiegespräch kann allerdings erst dann stattfinden, wenn der Mensch die gängige Ansicht abgelegt hat, ein Haus sei lediglich ein Gegenstand des täglichen Gebrauchs wie jedes andere Ding, das er geschaffen hat.

Nun ist Sandra Rienäcker eine begeisterte Wagner-Liebhaberin, und sie, die einst selbst den Beruf einer Sängerin ergreifen wollte, hat wiederholt das Festspielhaus Bayreuth am Grünen Hügel dargestellt, einsam bei Tag, in abendlicher Erleuchtung und voller Gäste, nach dem Pausenende und nunmehr menschenleer. Doch der Betrachter hat den Eindruck, als würde der Orchesterklang die Stimmen der Sänger gleichsam nach draußen tragen. Eine Schattenfigur am Fenster im abendlichen Ambiente schafft eine geheimnisvolle Atmosphäre. Es ist das Licht, dass das Bildgeschehen ins Magische, ja Metaphysische hebt, vergleichbar der Musik Wagners, die den Zuhörer ins Traumatische versetzt. Dabei ist das Haus, das den Mythos Bayreuth begründete, aus rotem Ziegelstein und kommt fast ohne Schmuck aus, was ihm auch die despektierliche Bezeichnung „Scheune“ eingetragen hat. Ein streng klassizistischer Baukörper, zu einem additiven System zusammengesetzt. Sandra Rienäcker hat einmal ihre Architektur-Darstellungen „bühnenartige Inszenierungen“ genannt, die sie wie ein Beleuchtungsmeister arrangiert habe.


„Das Gespräch (Bayreuth III)“ 2013, 50×60, Mischtechnik/LW.
Foto: Sandra Rienäcker

Es ist die magische Lichtsetzung der Niederländer, die Sandra Rienäcker in ihr Gestaltungsrepertoire übernommen hat. Sie setzt Licht als bildbestimmendes Kompositionsmittel ein – es fungiert als Stimmungsträger, Wegweiser zum Bildthema, auch als Symbol. Von manchen Dingen geht ein geheimnisvolles Eigenleuchten aus. Das Licht verrätselt oder verfremdet die sichtbare Wirklichkeit. Auch in ihren lavierten Federzeichnungen, die plein air entstehen, und den Federstrich mit der Lasur verbinden, ist es das die Landschaft durchströmende Licht, das sie einfängt. Zu dieser Technik, so bekennt sie, ist sie nach dem Besuch einer Carl-Blechen-Ausstellung angeregt worden.

In dem Jahr, in dem die Wagner-Festspiele – und so auch der „Parsifal“ – in Bayreuth wegen Corona ausfallen mussten, hat das Ehepaar Rienäcker Wanderungen im Fichtelgebirge unternommen und das Naturerlebnis verschmolz mit dem Bühnenbild des „Parsifal“, wie ihr auch schon früher ihre Aufenthalte im Darss Anregungen zu Wagner-Assoziationen gegeben haben. So hat sie auch das Thema Überfahrt im „Tristan“ mit ihren Erlebnissen auf Hiddensee verbunden. Im „Habet acht …“ des Wagner-Textes steckt ein Hiddenseer Strandstück mit Fischerkahn. So holt sie nicht nur die Welt Wagners in ihre eigene Vorstellungswelt, setzt sich in Beziehung zu ihr, anverwandelt sich ihr. „Ich schaffe meine eigene Aufführung“, sagt sie.

Das Werk Wagners ist für sie zur Projektionsfläche für die unterschiedlichsten Empfindungen und Denkweisen geworden. Nicht der Wiedergabe der äußeren Handlung, sondern der Aussage, dem „inneren Gehalt“ will sie nachspüren, den Weg über das Auge wählen, um den Betrachter anzusprechen. Hat sie ihre Reminiszenzen zum „Ring des Nibelungen“ in Form eines Bilderfrieses mit vielfigurigen Szenen entwickelt, so macht sie ihre Bilder zu „Tristan und Isolde“ und zum „Parsifal“ an Schlüsselstellen fest, die leitmotivisch Wagners Werke durchziehen. Und diese Leitmotive sind hier fast immer auf das Innenleben der Protagonisten bezogen. Ihre Eigentümlichkeit liegt nicht in der starren Fixierung, sondern in der von der dichterischen Absicht geleiteten Ab-, Um- und Verwandlung. So wie Wagner Leitklänge und Leitinstrumente auf bestimmte Personen oder Einzelheiten des Bühnengeschehens bezogen hat, leiht Sandra Rienäcker den Bühnenfiguren zur unmittelbaren Selbstaussprache ihre Stimme oder präsentiert dem „tönenden Schweigen“ Wagners vergleichbare Situationen, eine Meerüberfahrt, eine Landschaftsszene, eine eingezwängte Raumkonstruktion, die für Tristans und Isoldes erwünschten Freiheitsverlust und träumerische Selbstvergessenheit stehen.


„Brangäne“ aus der Serie “ Im weiten Reich der Weltennacht“ zu Richard Wagner „Tristan und Isolde“ 2020, 30×40, Öl/Karton. Foto: Sandra Rienäcker

Sandra Rienäckers Bildideen zum „Tristan“ setzen sich aus tatsächlichen Aufführungserlebnissen (die Blautöne einer „Tristan“-Aufführung in der Semper-Oper Dresden haben die verschiedenen Blaustufungen ihrer Arbeiten angeregt), subjektiven Stimmungen und Gefühlen, eigenen Landschafts- und Reiseeindrücken zusammen. Die Quelle der Imagination verleiht ihnen eine Hintergründigkeit und Vielschichtigkeit, die dennoch die reale Gebundenheit an das Tristan-Thema immer im Auge behält.

Ihre Arbeiten irritieren uns und ziehen uns doch magisch an. Richard Wagner hat auf den Grundstein des Festspielhauses schreiben lassen: “Hier schließ ich ein Geheimnis ein“. Das scheint auch für die Bildwelt Sandra Rienäckers zu gelten.

Sandra Rienäcker: Intermezzo – eine Werkschau. Galerie Helle Panke, 10437 Berlin, Kopenhagener Str. 9 (Nähe S-Bhf. Schönhauser Allee); bis 12. Dezember. Termine zum Besuch der ehrenamtlich betreuten Galerie können telefonisch unter 030-47538724 oder per E-Mail an info@helle-panke.de vereinbart werden.

Ich danke Sandra Rienäcker für die Gewährung der Abbildungserlaubnis ihrer Arbeiten.

W. Brauer

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