Popstar, höchster Herr, Volksschauspieler, Miststück … Zum 45. Todestag von Ernst Busch

von Reinhard Wengierek

„Du bist ein ganz blöder SED-Otto“, lästerte Volksschauspieler Hans Albers über den so gern mit roten Fahnen wedelnden Kollegen Volksschauspieler Ernst Busch. Albers blickte aufs Politische entschieden nüchterner als Busch. Dem gebrach es diesbezüglich trotz Verfolgung aus dem eigenen Lager nicht selten an einer ordentlichen Portion Klarsicht. Übrigens war es Bertolt Brecht, der beide – hellauf begeistert von deren musikalisch-schauspielerischen Fähigkeiten – mit dem ehrenwerten „Volks“-Titel schmückte.


An die Nachgeborenen. Veröffentlichung der Akademie der Künste der DDR anlässlich des 80. Geburtstages von Bertolt Brecht (1978). Sammlung W. Brauer

Albers’ sarkastischer Vorwurf von wegen SED-Otto, der passte freilich auch ganz gut auf Brecht selbst: Denn der poetisch starke Herbeischreiber des Kommunismus noch in Zeiten, als dessen zaghaftes Aufflackern immer wieder von totalitären Allmachtkommunisten erstickt wurde, steckte als „Genosse ohne Parteibuch“ gleichfalls in der roten Falle. Sowohl Brecht als auch Busch schwiegen – zumindest öffentlich – aus Staatsraison und Hoffnung auf Besserung über das Verbrecherische aller Ausflüsse von Leninismus-Stalinismus, unter denen man zuletzt (in der DDR) immerhin formidable Privilegien genoss. Und zugleich schwer litt; b.b. bis hin zum Herzinfarkt.

Ernst Busch – der zum erlauchten Kreis von Brechts Lieblingsschauspielern zählte und unermüdlich die wirkmächtigen Klassenkampf-Hits schmetterte (in der Weimarer Republik, bei den internationalen Spanien-Brigaden galt er als Stimme der Revolution) – erlebte nach Emigration, Spanienkrieg, Naziknast das wie ein Krebsgeschwür weiter wuchernde Elend ostdeutscher Parteidiktatur noch bis in Honeckers Zeiten. Seine Langlebigkeit bescherte ihm, bevor er ohne je ernstlich aufzumucken in Demenz versank, noch einen kurzen, dafür popstar-haften Ruhm als westdeutsche APO-Ikone. Vor fünfundvierzig Jahren verstarb der „Barrikaden-Tauber“ (was, je nach Standpunkt, ehrfürchtig oder sarkastisch gemeint war) umnachtet in Ostberlin.

Über diesen immerhin singulären Sänger und Charakterdarsteller, beständig wankend zwischen persönlichkeitsverbiegender Parteidisziplin und sinnlosen, privat bleibenden allgemein- wie parteikritischen Wutausbrüchen, über diese klassisch kommunistisch-zwiespältige Großkünstlerfigur (Jahrgang 1900) schrieb der aus Nürnberg stammende Historiker Jochen Voit (Jahrgang 1972) eine weit ausholende, im Persönlichen detailgenaue, im Historischen beziehungsreiche Biografie, die schon vor einem Jahrzehnt bei Aufbau herauskam. Zu Ernst Buschs 110. Geburtstag 2010.

Übrigens war der Busch nur vier Monate älter als Helene Weigel, mit der er am Berliner Ensemble allein schon wegen seiner bizarren Launenhaftigkeit heftig zu tun hatte.

Buschs Todestag jetzt am 8. Juni ist Grund genug, Voits wuchtiges, geradezu romaneskes Werk wieder zur Hand zu nehmen: „Er rührte an den Schlaf der Welt“. – Wer es nicht erkennt: Der sinnige Buchtitel zitiert ein den angebeteten Lenin pathetisch feierndes Kampflied („Er rührte an den Schlaf der Welt / Mit Worten die Blitze waren …“) von Johannes R. Becher aus dem Jahr 1929. Von Hanns Eisler 1950 in überarbeiteter Textfassung schmissig vertont.

Jochen Voits 500-Seiten-Text gleicht einem packenden Kunst- und Polit-Thriller, ist große Oper und absurdes Kabarett zugleich. Ist ein scharfer Panoramablick auf ein ganzes Zeitalter – von Preußens Kaiserei über Weimar und Hitler bis ins geteilte Deutschland – mit einem verwegen schillernden Mann im Mittelpunkt, der vom einfachen Werftarbeiter zum gefeierten Piscator- und Brecht-Schauspieler wuchs (Galilei, Azdak im „Kreidekreis“).

Es ist die Tragödie eines genialischen Idealisten, der so leutselig wie verbissen, so blind wie böse war. Denn der unverschämte Genosse Ernst galt selbst unter Seinesgleichen als „ewig unleidlich“, als ein „aufs Geld erpichtes Miststück“. Dabei konnte er, wenn er es denn wollte, durchaus großzügig sein und fair. Dem NS-Intendanten Gustaf Gründgens, der in schwerer Zeit für ihn sprach, stellte er später einen Persilschein aus.

Manfred Wekwerth, als „Brecht-Nachfolger“ nach dem Tod der Weigel Chef des Berliner Ensembles, bringt den so gefürchteten wie gefeierten hohen Herrn (Busch würde ungeniert „höchsten Herrn“ sagen) auf eine griffige Formel: „Unser Ernstl liebte die Menschheit so sehr, dass er mit dem Einzelnen nüscht anfangen konnte.“ – Voits Busch-Buch dröselt diesen Widerspruch musterhaft auf. Allzeit lesenswert.

Jochen Voit: Er rührte an den Schlaf der Welt. Aufbau, Berlin 2010, 515 Seiten; derzeit nur antiquarisch zu erhalten.

Busch singt: Konrad Wolfs letzter Film. Die DEFA-Kinofassung auf DVD. Mit Material zum Projekt, edition bodoni, Berlin 2024, 34,00 Euro.

1 Kommentar

  1. „Es ist die Tragödie eines genialischen Idealisten, der so leutselig wie verbissen, so blind wie böse war.“
    Das dürfte – komprimiert – das Wesen Ernst Buschs treffen. Und: Busch teilte dieses tragische Schicksal mit nicht wenigen Idealisten, von denen bei aller Unleidlichkeit nicht eben viele den Mut hatten, wider den Stachel einer immer manifesteren Parteienherrschaft zu löcken wie eben Busch.
    Danke für den Hinweis auf die mir bisher unbekannte Biografie Voits.
    Petra Hinze

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