Politische Sprache des Populismus

von Stephan Wohanka

„Die eigentlichen Kriegstreiber im gewollten Krieg gegen Russland sitzen nicht mehr in Washington, sondern in Berlin und Brüssel. Es gibt offenbar bei einigen Deutschen einen Traum von der ‚Revanche‘ für Stalingrad. Ohne Atomwaffen wird das nicht gehen.“ Zack, zack, zack …. Der Autor dieses Textfragmentes ist „links“ zu verorten.


Der wohl berühmteste Populist der Weltgeschichte: Gaius Iulius Caesar (100-44 v.u.Z.); zeitgen. Porträt, Antikensammlung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Berlin. Foto: Public domain, via Wikimedia Commons

Ich hatte, dies überfliegend, sofort Carl Schmitt (1888-1985) „im Ohr“. Er macht wie kaum ein anderer deutlich, dass Sprache, das heißt „Darstellung“, „wesentlich“ ist. Er verwendet charakteristische Sprachfiguren und Stilelemente, denen apodiktische Strenge, prägnante Evidenz und die Ablehnung jedes Pluralismus der Meinungen gemeinsam ist. Schmitts Leidenschaft zur knappen Definition sind die berühmten Eröffnungssätze; beispielhaft: „Souverän ist, wer über den Ausnahmezustand entscheidet.“ In diesen an Paukenschläge erinnernden Ouvertüren kommt ein methodisches Prinzip zum Ausdruck, das Schmitt im „Begriff des Politischen“ so formuliert hat: „ […] weil oft schon der erste Satz über das Schicksal einer Veröffentlichung entscheidet“.

Dass Schmitt einer der Säulenheiligen der Neuen Rechten hierzulande ist, ist weidlich bekannt. Und dass auch dessen „Sprache“ – gemeint ist damit die Gesamtheit dessen, was eben zu selbiger ausgeführt wurde – dort kopiert wird, ist nur folgerichtig. 2003 starb der einst als Privatsekretär Ernst Jüngers tätige und für das Erstarken ebendieser Rechten desgleichen maßgebliche Armin Mohler. An dessen Grab sagte Götz Kubitschek: „Was er uns gelehrt hat … lässt sich in einigen Begriffen ausdrücken: die Unbekümmertheit des raschen Vorstoßes, die Befreiung der Gestalt, die Bewaffnung der Sprache, die Hochschätzung der Form, die Taktik der Nonkonformität.“ Der Duktus gleicht dem eines Briefes, den Jünger 1930 an Schmitt schrieb: „Ich schätze das Wort zu sehr, um nicht die vollkommene Sicherheit, Kaltblütigkeit und Bösartigkeit Ihres Hiebes zu würdigen, der durch alle Paraden geht. Der Rang eines Geistes wird heute durch sein Verhältnis zur Rüstung bestimmt. Ihnen ist eine besondere kriegstechnische Erfindung gelungen: eine Mine, die lautlos explodiert.“

Das Perfide eingangs zitierter Sätze liegt ja desgleichen in der „Unbekümmertheit des raschen Vorstoßes“, ihrer „Sicherheit“; und sie „explodieren“ in ihrer Knappheit umso wirkungsvoller. Und mit der Kürze wird Härte und apodiktische Strenge erzeugt – ohne Raum für Abschwächung, Erklärung oder gar Zweifel. Sie sind jedoch eindeutig „linker“ ideeller Abstammung, formulieren „Linke“ wie „Rechte“?

Schmitt sagt von sich: „Meinen Aufsatz über das Politische halte ich für meine beste Arbeit.“ Die Kernthese der Schrift lautet: „Die spezifisch politische Unterscheidung, auf welche sich die politischen Handlungen und Motive zurückführen lassen, ist die Unterscheidung von Freund und Feind.“ Feind? Genau dieses Manichäische findet sich im eingangs zitierten ersten Satz wieder; das Politische ist hier ein „gewollter Krieg“ und „Berlin und Brüssel“ müssen als Feindbilder herhalten.

Analysiere ich die Sätze über ihren „schneidigen“ Schmittschen Duktus hinausgehend sachlich-detailliert, so irritieren mich im ersten Satz die „eigentlichen Kriegstreiber“; warum „eigentliche“? Will der Autor Zweifel oder Einschränkung ausdrücken; ähnlich einem „sozusagen“? Das widerspräche der oben festgestellten Wesenheit seiner Sätze. Oder seien „die wahren“ Akteure verborgen? Eine typische Misstrauensrhetorik nach Art „die eigentlichen Hintermänner“. Wer wären dann die „wahren Vordermänner“ vulgo „Kriegstreiber“? „Gewollter Krieg“ impliziert Absicht, Planung; der Krieg ist nicht Folge, Abwehr, sondern Plan, Vorsatz. Eine durch nichts belegte Unterstellung.

Der Satz „Es gibt offenbar bei einigen Deutschen einen Traum von der ‚Revanche’für Stalingrad“ hat es in sich. „Offenbar“ kann nur als rhetorische Floskel für Andeutungen ohne Beleg gelten; das ist die klassische Strategie zur Immunisierung gegen Kritik – ich sage ja nur mal… Dann kann über „einige Deutsche“ nur noch geraunt werden; warum keine Namen, mit Zitat belegt? Der „Traum von der Revanche für Stalingrad“ will Aufmerksamkeit erheischen, will tatsächlich virulente rechte Tendenzen dramatischer wirken zu lassen, will die Debatte moralisch aufladen. Der Begriff „Revanche“ bringt historische Narrative oder Bilder vom totalen Krieg, NS-Verbrechen zurück, aber aktiviert auch Begriffe wie „Rache“ oder „Ehre“.

„Ohne Atomwaffen wird das nicht gehen“, schürt als Krönung des Ganzen dann noch eine fatalistische, apokalyptische Verwirrung, ja Besorgnis und unterstellt unausweichliche Eskalation; das kennt man aus Endzeit-Narrativen, in denen Vernichtung droht. Angst statt Analyse.

Formal bedient sich ein linker Autor also eines sprachlichen Stils, der in der Rhetorik der Rechten üblich sind. Begriffe wie „Revanche“ entstammen einer konfrontativen Sprache, „Berlin und Brüssel“ erinnert an rechtes „Elitenbashing“. Er benennt mit „Stalingrad“ eine nationale Niederlage, um diese dann für Revanchefantasien zu missbrauchen und endet mit apokalyptischem Unterton. Warum geht er so vor? Grundsätzlich geht es doch um politische Inhalte und nicht um „Stile“. Die getroffene „Stilwahl“ erscheint mir daher nicht zufällig, sondern bewusst getroffen, um zu provozieren, zu emotionalisieren. Warum?



Der wohl erfolgreichste Populist der Weltgeschichte: Augustus Octavianus – Kaiser Augustus – (63 v.-14 u.Z.). Der Großneffe Caesars stützte sich ebenso wie sein Großonkel auf die Schwerter seiner Legionäre. Zeitgen. Porträt; Volterra, Museo Guarnacci. Foto: W. Brauer (2024)

Das wird im Kontext der drei in Rede stehenden Sätzen klar; sie beschließen eine Rezension und der Autor selbiger, zugleich unser Autor also, sagt „eine solche Perspektive (seine, die in den drei Sätzen zum Ausdruck kommt – St. W.)“ sei „jetzt aber bereits jenseits“ der „Betrachtungen“ im vorgestellten Buch. Unserem Mann ist das Buch, seine „konzentrierte Darstellung des Ukraine-Krieges aus Sicht der USA und Westeuropas und der absichtlich herbeigeführten Verfeindung Russlands“, zu lasch; er setzt populistisch-provokativ noch„eins drauf“. Populismus ist kein Monopol der Rechten. Auch radikale Strömungen auf der linken Seite können einen ähnlichen Duktus verwenden, obwohl das ideologische Ziel ein anderes ist. Quod erat demonstrandum.

9 Kommentare

  1. Erhard Crome, von dem das kritisierte Zitat eingangs des Textes stammt, hat einen großen Vorzug – er schreibt klar und verständlich! Er redet nicht um den heißen Brei herum, er weiß seine Meinung zu begründen, wie an vielen Stellen ausgewiesen. Zu seinen Lehrmeistern zählt er übrigens den Berliner Philosophen Peter Ruben, auch das sei ihm hoch angerechnet. Profiliert hat er sich in den zurückliegenden Jahrzehnten als Weltpolitiker und Friedenswächter, das sei ihm nicht vorgeworfen, auch wenn das mitunter selbstgefällige Hantieren in und mit geopolitischen Platten nicht jedermanns Sache sein muss. Crome will als ernsthafter Politikwissenschaftler gelten, also darf er daran – an anderer Stelle und tiefgründiger – gemessen werden. Jetzt geht es um etwas, was von Stephan Wohanka feinfühlig wie klug aufgezeigt wurde. Laut Crome führt Putins Russland zwar den Krieg gegen die Ukraine, das will er gar nicht bestreiten, doch die eigentlichen Kriegstreiber finden sich woanders, in Brüssel und Berlin. Die komische und verstiegene Volte, denn es ist ja eindeutig Russland, das bis heute fremdes Land mit militärischer Gewalt nehmen will und nimmt, gilt Crome als Ergebnis tiefer und nüchterner wissenschaftlicher Analyse. Soll er an dieser Chimäre festhalten, es steht ihm frei, doch er müsste zumindest Sahra Wagenknecht die Urheberschaft zuerkennen. Die hatte kurz vor dem Ausbruch des von Putin befohlenen Überfalls auf die Ukraine vom 24. Februar 2022 gegen diejenigen, die dramatisch vor dem bevorstehenden Waffengang warnten und Putin noch in letzter Minute zum Einhalten aufforderten, keck behauptet, dass sie Putin eine Tat unterstellten und zutrauten, die er nie und nimmer vollziehen werde. Er sei ein verlässlicher Friedensmann, als solcher müsse mit ihm geredet werden! Die Parallele liegt auf der Hand, nur hat die mit Wissenschaft und nüchterner Analyse nicht viel zu tun, sie ist in beiden Fällen politisches Wunschdenken.

  2. Lieber Holger Politt,
    ich habe Deinem Kommentar nichts hinzuzufügen; vielleicht nur, dass ich Crome nicht ganz so positiv einschätze wie Du – eben aufgrund der „komischen und verstiegenen Volte“, die dann zwangsläufig zu der „Chimäre“ führen muss. Sie „gilt ihm“, wie Du schreibst „als Ergebnis tiefer und nüchterner wissenschaftlicher Analyse“ – und diese Analyseansätze sind zu dürftig. Und auch Du kommst ja zum Schluß, dass „Die Parallele … auf der Hand (liegt) , nur hat die mit Wissenschaft und nüchterner Analyse nicht viel zu tun, sie ist in beiden Fällen politisches Wunschdenken“. Eben.
    Herzlich
    Stephan Wohanka

  3. An die Herren Olaf Koppe und Peme Frank: Ich bin leider nicht auf facebook, deshalb eine Erwiderung hier… Tatsächlich geht es um eine konkrete Rezension eines konkreten Autors; ich habe mir das nicht aus den Fingern gesaugt. Aber es ging mir nicht darum, mich mit diesem Autor auseinanderzusetzen, sondern darum, zu fragen: Wie kommt ein „linker“ Autor dazu, rhetorisch-stilistisch wie ein „rechter“ zu schreiben? Um dann tatsächlich festzustellen, dass sich „methodisch linker vom rechten Populismus“ in Nichts unterscheidet: eben auch nicht in der Sprache. Und auch mir „persönlich ist beides gleich suspekt…“.
    Ich schreibe nicht für eine „Zielgruppe“. Ich wüsste auch gar nicht, wer genau diese wäre… um es mit Konstantin Wecker zu sagen: „Ich singe, weil ich ein Lied hab, nicht weil es euch gefällt“. So verstehe ich mein Schreiben. Ich möchte nicht gefallen, viel mehr – auch in der Sache deutlich – Debatten anstoßen, ihnen nicht aus dem Weg gehen. Das gelingt (mir) natürlich nicht immer; meine Texte sind verständlicherweise unterschiedlicher Qualität…

    1. Es ist traurig, aber ich muß den Herren Wohanka und Politt zustimmen.
      Die „dialektischen“ Volten, die – honorige und kluge – Linke schlagen, um in Sachen Ukrainekrieg eine Schuldumkehr zu betreiben, sind delikat. Als eine Meisterleistung dieser Denkschule war in einem Beitrag Daniela Dahns in der Berliner Zeitung dieser „Klassenstandpunkt“ zu lesen:
      „Eine Hauptlehre aus dem Stellvertreterkrieg in der Ukraine: Wer Krieg verhindern will, sollte ihn nicht provozieren. Im Umkehrschluss: Wer Krieg provoziert, will ihn auch.“

  4. Das ist schon traurig, dass in Wohankas Beitrag als auch in den zustimmenden Kommentaren 30 Jahre politischer Anti-Russismus (dessen Gipfel: „nur noch eine Regionalmacht“) völlig ausgeblendet werden. Da geb‘ ich gern zwei Mal Lenin dran: Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und wird die Zukunft nicht meistern.“ (Wohl wissend, dass Uljanow dies auch nur kolportiert hat.) Und: „Die Halbwahrheit ist schlimmer als die Lüge.“ (Auch dies war bereits im antiken Athen bekannt.)

    1. Lieber Ralf Nachtmann,
      danke für diesen Hinweis. Aber er zielt ins Leere. Das war nicht das Thema dieses Beitrages. Wenn ein Autor alles berücksichtigen wollte, was anderen auf der Seele liegt, kämen regelmässig unlesbare Bleiwüsten heraus. Als gelernter Journalist wissen Sie das aber selber.
      Was nun die in Deutschland tief verwurzelte Russo-Phobie angeht – in Russland gibt es Ähnliches, eine tief liegende West-Feindlichkeit, lesen Sie einfach mal Dostojewskis Publizistik oder meinetwegen Gontscharows „Oblomow“ – so ist die nicht auf die zurückliegenden 30 Jahre zu begrenzen, die ist gut 300 Jahre alt und hat sicher mit Iwan Grosny zu tun. Die in der DDR gern beschworene „deutsch-russische Waffenbrüderschaft“ der „Befreiungskriege“ sah zum Beispiel so aus, dass die Berliner sich gerne von den Kosaken befreien ließen, aber froh waren, dass die vor den Toren blieben…
      Um jetzt nicht zu enzyklopädisch zu werden: Die Chefs der Sowjetunion und des heutigen Russlands gaben und geben wenig Grund, allzu vertrauensselig zu sein: Ungarn 1956, Prag 1968, Afghanistan, Tschetschenien (gleich zweimal) Georgien (ja, provoziert…), Krim-Annexion, die Donbass-„Volksrepubliken“ (die natürlich aus eigener Kraft…; komisch, was die Bergleute so alles in der Garage haben), von den Söldnertruppen in Afrika ganz zu schweigen.
      Ich bin ein Freund der russischen Kultur, die mir unendlich viel gegeben hat. Ich habe immer viel von der Begegnung mit russischen Menschen gelernt und gute Gefühle austauschen können. Ganz verschämt zeigten mir einige übrigens ihren Reisepass, um mir behutsam klar zu machen, dass sie nur „Russen 2. Klasse“ wären: „Nationalität: jüdisch“. Einen haben sie sicher im Bücherregal. Ilja Fradkin, der als Kulturoffizier der Roten Armee nach Deutschland kam. Ich liebe Russland und bin seit dessen (nicht Putins, seit Russlands Überfall, da gibt es immer noch einen breiten Konsens) Überfall auf die Ukraine zutiefst verunsichert hinsichtlich dieses Gefühls.
      Übrigens sollte man die russischen Quellen, wenn man sie denn zur Kenntnis nimmt, nicht so selektiv zur Kenntnis nehmen, wie einige meiner Freunde, die heißen Herzens meinen, für den Frieden zu kämpfen und aus ihrer tief sitzenden Antipathie „dem Westen“ gegenüber heraus – der immerhin die DDR geschluckt und deren Sozialimus und deren Friedensordnung kaputt gemacht habe – das Lied eines Imperialisten singen, der sich gerade mit anderen Imperialisten auseinandersetzt und dabei die gesamte regelbasierte Nachkriegsordnung in die Tonne haut. Selbst die „Berliner Zeitung“ entblödete sich dieser Tage nicht zu erklären, es gäbe eine neue Weltordnung, die auf Stärke beruhe. Abgesehen davon, dass das das Akklamieren von Räuberbanden ist, ist es nichts Neues. Das ist 18. Jahrhundert… Sie haben recht, man sollte die Geschichte besser kennen. Und wenn man die Quellen etwas vollständiger zur Kenntnis nimmt, konnte man jüngst erst wieder lesen, dass es Putin mitnichten um die Abwehr von NATO-Bedrohungen geht. Vor wenigen Tagen hat er wieder erklärt (über TASS), dass Russland gewiss nicht „Europa“ angreifen werde, aber natürlich die Wiedergewinnung seines historischen Territoriums betreibe. Da können die Völker der ehemaligen Sowjetunion sich aber frisch machen! Das ist natürlich nichts Neues, das sagt er schon länger. Das wird aber gerne ausgeblendet.
      Wie war das mit den Halbwahrheiten?

    2. Nu ja, Herr Nachtmann,
      wenn Sie nichts Gravierenderes als Beispiel für den Anti-Russismus als die in der Tat dämliche Bemerkung Obamas zu bieten haben, scheint mir dafür fast beides zuzutreffen, was Ihr letztes Zitat beinhaltet, Halbwahrheit und/oder Lüge: Die Beziehungen des Abendlandes zu Russland hatten sich bis zu Russlands Aggressionen (Krim/Donbass und dann der Einmarsch in die Ukraine) auf einer Basis des WinWin und des wachsenden Vertrauens entwickelt (G8/Handel/Kooperationen/Investitionen/NATO-Russland-Rat/Nordstream).
      Das alles unter 30 Jahre „Anti-Russismus“ zu bündeln, ist m.E. eine Unwahrheit; aber die ist ja laut Ihrem Zitat weniger schlimm als eine Halbwahrheit…

  5. Gerhard Schröder:
    „Ich schätze Wladimir Putin sehr. Er ist ein lupenreiner Demokrat.“
    2004 – mitten in den „30 Jahren Antirussismus“.

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