Paulas Strafarbeit

von Wolfgang Brauer

Bremen und Worpswede feiern in diesem Jahr „150 Jahre Paula“. Der Worpsweder Museumsverbund präsentiert neben der jeweiligen Dauerausstellung in jedem Haus eine sehr spezifische, Paula Modersohn-Becker gewidmete, Sonderausstellung, über die ich hier nicht urteilen will. Faszinierend fand ich Inès Longevials „Hautnah“ in der Kunsthalle. Möglicherweise nicht die Art des Malens, aber die Sicht der Künstlerin auf ihr liebstes Modell, nämlich sich selbst, die hätte auch Paula gefallen.


Der Tatort. Foto: W. Brauer (2026)

Wer den ganzen Trubel überlebt hat und wieder zu sich kommen will, sollte den Worpsweder Friedhof an der Bergstraße aufsuchen und die Pforte zur Zionskirche öffnen. Von ihrer Ausstattung her ist die Kirche schlicht, der Bau Johann Christian Finndorffs selbst unauffällig. Aber Paula Becker hat hier wohl ihre einzige erhalten gebliebene „Wandmalerei“ hinterlassen. Eine Strafarbeit! Die Vorgeschichte erzählt sie selbst am 13. August 1900 in einem Brief an die Mutter, „auf daß auch Du lachest“. Aber wahrscheinlich wollte sie eher kommendem Unheil vorbauen…

Am Vorabend, einem langweiligen Sonntag, hatten sie und ihre Freundin Clara Westhoff Lust auf Tanzen. Im Dorf fand sich aber nichts. Als Ersatz bot offenbar Clara an, ihre Kirchenengel zu besichtigen. Clara Westhoff hatte für Umbauarbeiten in der Kirche den Auftrag für je vier geflügelte Engelsköpfchen über der Mitte der Zwickel an den hölzernen Emporenbögen erhalten. Die Kirche war aber verschlossen, nur der Turm erwies sich als offen. Also wurde er bestiegen.


Clara Westhoff: Emporenengel / Zionskirche Worpswede (1900). Foto: W. Brauer (2026)

„Und da kommt es uns. Wir müssen läuten. Wir schlagen nur einmal mit dem Klöppel an, es klingt zu verlockend. Da zieht Clara das Seil von der großen Glocke, und ich von der kleinen, und sie schwingen sich, und wir werden von ihnen geschwungen, hoch vom Boden empor, und es klingt und tönt und dröhnt über den Weyerberg, bis wir müde sind.“

Inzwischen ist „der ganze Kirchhof schwarz von Leuten. Wir hatten die Feuerglocke gezogen.“ Die beiden treten die Flucht an – mit der Zwischenstation Zeitungsdrucker, „auf daß wir nicht in die Zeitung kämen.“ Das kamen sie aber. Am 16. August berichtete die Lokalpresse unter dem Stichwort „Unfug“, dass am 12. August „zwei erwachsene weibliche Personen aus Übermuth an der Glocke gezogen hatten. Ein Strafmandat wird für die beiden wohl nicht ausbleiben.“ Der Kirchenvorstand jedenfalls ist verärgert, die verhinderten Brandbekämpfer, das halbe Dorf, auch. Jedenfalls sollen die beiden je 100 Mark „freiwillige Sühne“ an die Kirchengemeinde zahlen.


Zionskirche Worpswede: Zwickelgestaltung von Clara Westhoff und Paula Becker (1900). Fotos: W. Brauer (2006)

Das ist eine Menge Geld – und die beiden weigern sich. Der Kirchenvorstand droht mit „gerichtlicher Verhandlung“. Er könne es vor der Gemeinde nicht verantworten, „die Damen ohne wirkliche Sühne ihres Vergehens zu lassen und lege die Sache vertrauensvoll in die Hand der Polizei“ (Protokollbuch des Kirchenvorstandes). Zu ihrem Glück hat aber der Mallehrer der Glöcknerinnen und Künstlerfreund Fritz Mackensen einen guten Draht zum Pastor und kann den zur Umwandlung der Strafsumme in Arbeitsleistungen bewegen. Clara muss auf ihr Honorar verzichten. Paula Becker wird verpflichtet, die Zwickel zu bemalen.

Damit hatte sie den ungleich höheren Arbeitsaufwand zu tragen. Claras Engel sind aus der Form gegossen und alle gleich. Unverwechselbar werden sie, weil sie aus Paulas Blumenarrangements auf die Gläubigen heruntergrinsen. Und nicht nur die Zwickel, auch die Halbbögen zu den Deckenbalken der Emporen hat die Künstlerin bemalt: Malven, Lilien, Sonnenblumen – all ihre Lieblingsblumen, die wir auch auf ihren „richtigen“ Bildern finden können, leuchten hier auf. Man sollte sich der Mühe unterziehen und auf die Emporen steigen.


Paula Becker: Ausmalungen an den Emporenbögen der Zionskirche Worpswede (1900). Fotos: W. Brauer (2026)

Alle wissen, dass es im Teufelsmoor gelegentlich spukt. In Augustnächten soll bisweilen ein Kichern auf dem die Kirche umgebenden Friedhof zu hören sein. Das ist Paula. Sie liegt dort begraben. Clara kann da nicht mittun, sie hat die Freundin um fast 47 Jahre überlebt und wurde in Fischerhude begraben. Sonst würde es in Worpswede wohl etwas lauter zugehen…

3 Kommentare

  1. Brillantes kleines Stück. Habe gleich mal den Wikitext zu Paula gelesen; die Bültzingslöwens haben doch Paula auch etwas gegeben. Leider war sie nicht in Biesdorf…

    1. Lieber Axel Matthies, das wäre tatsächlich eine hübsche Geschichte. Der zeitweilige Besitzer des Biesdorfer Anwesens, Günther von Bülzingslöwen,
      war tatsächlich Paulas Onkel (ihre Mutter war Günthers Schwester). Wenn ich es richtig sehe, erwarb die Familie Siemens Gut und Schloss 1887. Günther von B. starb 1889, da war seine Nichte 13.
      „Berliner“ Kontakte hatte sie zu Cora und Wulf von Bültzingslöwen (auch letzterer ein Bruder der Mutter der Künstlerin). Aber die hatten ein Haus in Schlachtensee. Paula pflegte recht intensiven Kontakt zur Familie, erhielt von ihr auch Unterstützung. 1897 war sie einige Zeit in Schlachtensee. Mit dem Onkel unternahm sie im Juni 1889 eine längere Norwegen-Reise, die nicht folgenlos für ihr Werk blieb, denke ich.
      Und herzlichen Dank für die freundlichen Worte!

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