O Tannenbaum! Kriminelles um den Weihnachtsbaum

von Wolfgang Brauer

Seit der Berliner Kammergerichtsrat Ernst Theodor Amadeus Hoffmann 1816 seine Geschichte vom „Nußknacker und Mausekönig“ veröffentlicht hatte, wissen alle, dass in Berlin natürlich auch der Weihnachtsbaum erfunden wurde. Gleichsam zum Beweis haben wir inzwischen auf beinahe jedem Vorderhof und jedem zweiten Hinterhof einen Markt mit „Boom“. Dass Goethes Charlotte („Die Leiden des jungen Werthers“) schon 1773 irgendwo im Hessischen einen lichterversehenen Baum „aufgeputzt“ hatte, zählt nicht. Das ist Literatur. Mein verehrter Geschichtsprofessor Hubert Mohr hatte mir seinerzeit beigebracht, in Sachen Überlieferung misstrauisch zu sein. Die Bußbücher der Kirchen des Mittelalters seien zuverlässiger als die Chroniken. In denen stehe, was verboten war. Was man verbieten müsse, sei meist Alltagsbrauch.


Hugo Bürkner (1818-1897): Striezelmarktszene. Holzschnitt 1851

Und die Kriminalgeschichte lehrt, dass Berlin mitnichten die Geburtsstadt des Weihnachtsbaumes ist. Das ist Schlettstadt (heute: Sélestat) im Elsass. Dort wurden um 1500 offenbar die Weihnachtsbäume so heftig geklaut, dass der Rat sich gezwungen sah, die Bäumchen im städtischen Forst bewachen zu lassen. Für 1521 steht im Rechnungsbuch der Stadt: „4 Schillings für den Förster zur Bewachung der Festbäume ab dem Tag des Hl. Thomas“. Ein Strafgeld wurde gleich mit festgelegt. Dieser Rechnungsposten ist mithin die erste urkundliche Erwähnung des „Fest-“, also des Weihnachtsbaumes überhaupt. Traditionell liegt der Thomas-Tag auf dem 21. Dezember.


Die Geburtsurkunde des Weihnachtsbaumes aus dem Schlettstadter Ein- und Ausgabenbuch 1517-1522. Foto: W. Brauer /2022

Die rigiden Maßnahmen waren offenbar nutzlos. Für den 17. Dezember 1555 gibt es einen weiteren Eintrag in Sachen Festbaum: „Wynachtmeyen. Niemand soll wyhnachtmeyen hawen by daruff gesetzter straff“ (Sammlung der Urkunden und Beschlüsse Schlettstadts 1549-1565). „Meyen“ ist die alte Bezeichnung für einen festlich geschmückten Baum.

Man kann das Klauen natürlich ein wenig unterbinden, indem man möglichst unattraktive Lichtergestelle im öffentlichen Raum präsentiert. Den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächniskirche zierte vor einigen Jahren einmal ein Gestrunks aus Rohren und Plastikplanen. Selbst in Sélestat steht auf dem kleinen Weihnachtsmarkt vor der Humanistenbibliothek ein metallenes Ungetüm, und in der dortigen St.-Georgs-Kirche hing 2022 über dem Hauptaltar eine sehr modernistische Creation aus Draht und Glas.

Den Vogel abgeschossen in meiner Sammlung weihnachtlicher Scheußlichkeiten hat allerdings die lettische Hauptstadt. Im Sommer 2014 stand auf dem Marktplatz im Zentrum Rigas ein sehr hohes viereckiges Gerüst aus Metallrohren mit Flatterblechen verziert, das alle Vorübergehenden daran erinnern sollte, dass Riga die Hauptstadt des Weihnachtsbaumes sei. Interessiert hatte das nach meinen Beobachtungen niemanden, aber Riga war in jenem Jahr Kulturhauptstadt Europas. Wer diesen Titel trägt, macht in der Regel durch contemporary-art-Scheußlichkeiten auf sich aufmerksam. Man will ja nicht als hinterwäldlerisch gelten. Tatsächlich aber hatten die Schwarzhäupter, eine Fernhandelkaufmannsinnung, 1510 auf dem Rigaer Marktplatz einen geschmückten Weihnachtsbaum aufstellen lassen. Behauptet man jedenfalls in Riga. Nach dem Fest wurde der Baum verbrannt. Das ist nun ein ziemlich heidnischer Brauch.


Weihnachtsbaum – garantiert nadelfest: Sélestat 2022 (links) und Riga 2014 (rechts). Fotos: W. Brauer

Aber selbst hinsichtlich des Schmückens (früher sagte man „putzen“) gibt es die ersten Hinweise aus dem Elsass. Balthasar Beck, Mundschenk im Schlettstadter Rathaus, beschrieb um 1600 in seiner Chronik „So [wie – WB] man die Meyen uffricht“. Rote Äpfel mussten ran, wegen Adam und Eva, auch nicht geweihte Hostien, also Oblaten. Aus denen wurden später „Bredele“ (Plätzchen), Zischgold kam dazu – ein Lametta-Vorläufer aus dünnem Messingblech –, Nüsse und dann noch die „Springerle“, ein liebenswertes Gebäck aus Anis-Teig. Die Kinder sollen sich damals über so etwas noch gefreut haben. Das Baumrütteln nach dem Dreikönigstag am 6. Januar wurde von ihnen immer sehnlichst erwartet. Religiösen Eiferern passte das natürlich nicht in den Kram. Der Straßburger Domprediger Johann Conrad Dannhauer (1603-1666) geiferte von „Lappalien“ und „Kinderspiel“.


Balthasar Beck: „So man die Meyen uffricht“ (1600).

Foto: W. Brauer/2022

Jetzt sind wir abgeschweift. Was ist nun mit der Kriminalistik? Die Tradition des Weihnachtsbaumklauens lebt fröhlich fort. An den heutigen „Bußbüchern“, die heißen jetzt Bußgeldverordnungen, kann man das ablesen. Wer mit der Säge unter der Jacke in den Forst zieht, muss gegebenenfalls heftig berappen: In Brandenburg kann das zwischen 50 und 10.000 Euro kosten (ein Baum!), am billigsten kommt man noch in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen weg (50 bis 500 Euro). Geradezu unverschämt sind die Bußen in Niedersachsen (50 bis 12.500 Euro). In Thüringen wird Baumklau nur im Plural geahndet mit 500 bis 12.500 Euro. Mit einzelnen Bäumen gibt man sich da offenbar nicht mehr ab. Wir wissen: Die Art des Strafens sagt etwas über das Alltagsleben aus…

Es geht schon um Größenordnungen. In Deutschland werden jährlich zwischen 23 und 25 Millionen Weihnachtsbäume verkauft. Die Nordmanntanne kostet 2024 zwischen 22 und 30 Euro pro Meter. Beim Discounter sind sie billiger, taugen aber zumeist weniger. Die Forstdiebstähle haben jedenfalls in diesem Jahr nach Auskunft der Forstverwaltungen zugenommen wie seit langem nicht mehr. Ganz skrupellose Langfinger machen selbst vor Kitas und Seniorenheimen nicht mehr Halt.

Und von den Weihnachtsbaummärkten wird geklaut, was das Zeug hält: am 11. Dezember 60 Bäume in Riesa , in Schrobenhausen bei Augsburg verschwanden am vergangenen Wochenende 40 Bäume, in Bischberg bei Bamberg waren es am 14. Dezember nachts 100 Bäume und in Ahaus-Wüllen (NRW) wurden in der Nacht vom 11. zum 12. Dezember 130 Weihnachtsbäume von einem Verkaufsstand gestohlen. Selbst im waldreichen Brandenburg verschwanden in den letzten Tagen über Nacht rund 550 Weihnachtsbäume ohne bezahlt zu werden von den Märkten…


„Niemand soll wyhnachtmeyen hawen…“ Das erneuerte Schlettstadter Verbot von 1555. Es mangelte wohl an Wächtern…
Foto: W. Brauer/2022

Die Brennholzstapel in den deutschen Wäldern werden von den Forstleuten neuerdings mit Ortungstechnik versehen. Bald wird es Weihnachtsbäume mit Microchips geben. Die sind dann aber nach dem Fest Sondermüll und dürfen nicht mehr an die Elefanten im Zoo verfüttert werden.

Man kann dem aber aus dem Weg gehen, indem man ein Plastikbäumchen aus China kauft. Das kann man jedes Jahr duschen, für den Duft gibt’s Sprays beim Drogeriediscounter. Ökologisch nachhaltig ist das nicht. Aber auch da gibt es jetzt eine Alternative. Ab 329 Euro kann man sich einen „Franky Tree“ aus Stahnsdorf bei Teltow bestellen. Das ist ein Weihnachtsbaum aus Holzlatten, den man mit allen möglichen Farben anpinseln und mit allem Möglichen „aufputzen“ kann, nachdem man ihn zusammengeschraubt hat. Für 20 Euro gibt es sogar einen schwebenden Flaschenhalter. Da packt man einen netten Rotwein rein und trinkt sich dann am Heiligen Abend das Ganze schöner…

Wir ersparen uns diesmal die Sache mit dem Baum. Wir sind außer Haus.


Auch das ist Sélestat zu Weihnachten: Marché aux Poissons (Fischmarkt). Foto: W. Brauer/2022

Joyeux noël! Sahil ch’oolej ralankil! (… das ist Lettisch) Frohe Weihnachten!

Nachsatz:
Die zitierten Urkundenbücher gehören zum Bestand der Bibliothèque Humaniste in Sélestat und können dort eingesehen werden.

1 Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert