Novembertag in Salzwedel

von Holger Politt

Eine Ausstellungeröffnung führte mich Anfang November 2025 nach Salzwedel. Willkommene Gelegenheit, um in der freien Stunde zuvor aufmerksam wie neugierig durch die stillen Straßen der kleinen Hansestadt in der Altmark zu gehen.

Die Jenny-Marx-Straße ist für jemanden, der dem Weltgenie aus Trier die tragenden Teile seines Weltverständnisses verdankt, etwas ganz Besonderes, auch wenn das kleine Mädchen nach ihrer Geburt nur noch wenige Monate in der Stadt an der Jeetze verblieb. Sofort springt der Gedanke zu Rosa Luxemburg über, deren Geburtsort Zamość – wiewohl der nur einmal wunderschön! – für den späteren politischen und überhaupt Lebensweg der großen europäischen Sozialdemokratin kaum von Bedeutung war. Zu Jenny von Westphalen, der tapferen Frau und unersetzlichen Weggefährtin von Karl Marx, sei immer noch das kleine Buch empfohlen, das der Berliner Historiker Jörn Schütrumpf bereits 2008 veröffentlicht hat: „Jenny Marx. Die Suche nach dem aufrechten Gang“.


Foto: H. Politt (2025)

Wenig später ein Abrisshaus, davor Stolpersteine, an die Familie Hirsch erinnernd, wohl die Eigentümer von einst, die nach Warschau ins Ghetto und nach Theresienstadt deportiert worden waren. Am Haus der Protest der Jetztzeit: „Rettet mich vor dem Abriss“. Wie aus den am Haus befestigten Beiträgen und Leserbriefen der Lokalpresse zu erfahren ist, hat der Stadtrat jüngst entschieden, hier abzureißen, weil kein akzeptabler Weg gefunden worden sei, das Gebäude zu erhalten. Die Leser kritisieren die Entscheidung scharf, aber wohl ganz umsonst. Vorbeigehende Passanten, die neugierig stehenbleiben, werden nach der Sache befragt, aber es sind Gäste aus dem benachbarten Wendland, die auf einen Termin beim Optiker warten und zufällig in der Stadt sind. Sie erzählen etwas von schöner Stadt und schwerem Erbe, die Finanzkraft reiche auch woanders längst nicht mehr aus, um Innenstädte in ihrer historischen Substanz so am Leben zu halten, wie sie es verdienten. Internetkauf und die großen Einkaufsmärkte zögen die dringend gebrauchte Kaufkraft ab. Ich verweise auf anderes, darauf, dass es in der DDR auch an Finanzmitteln und an Fachkraft gefehlt habe, solche Innenstadtquartiere in Schuss zu halten, was paradoxerweise aber meistens wieder zu deren grundsätzlichen Erhalt beigetragen habe, weil dort dann auch mit der jeweils aktuellen „Bauwut“ nicht viel kaputt gemacht werden konnte. Ich kritisiere nebenbei den Wiederaufbau vieler westdeutscher Städte, mit den heute störenden Bausünden, lobe aber ausdrücklich eine kleine Stadt wie Schöningen, südlich von Helmstedt und ziemlich direkt an der ehemaligen Staatsgrenze gelegen.


Foto: H. Politt (2025)

Plötzlich macht der „Friedensratschlag“ an einer Ladentür auf sich aufmerksam, ich trete näher, bin verblüfft. Ein neunjähriger Junge soll ein Blatt Papier gezeichnet haben, was sich schnell als Blödsinn herausstellt, denn allein der gezeichnete Panzer ist von Kinderhand, das Schriftbild ist das eines Erwachsenen. Der Inhalt schockiert, er sei hier wiedergegeben: „Für Putin keine Blumen. Für Selenzky weder Geld noch Waffen.“ Ich denke sofort an die – für mich! – unsägliche Wagenknechterei, an die politisch recht einfältige Friedensschwärmerei in Ostdeutschland, mit denen Leute plötzlich ganz nach rechts weggezogen werden können, der prominenteste Fall dürfte der des Dresdner Kabarettisten Uwe Steimle sein. Eine wichtige Quelle für den in seiner Dimension nicht erwarteten Höhenflug der westdeutsch geführten AfD in ostdeutschen Bundesländern – die 40 Prozent Stimmenzuspruch sind erreicht oder liegen in Reichweite! – liegt in der instrumentalisierten Friedensfrage, was meistens sträflich übersehen wird. Wohl die Hälfte der Wählerschaft in den ostdeutschen Flächenländern will Deutschland politisch wie diplomatisch fest an der Seite Moskaus, nicht Kyjiws sehen, will NordStream 1 und 2 wiederhaben.

Wenige Schritte weiter so etwas wie ein unverhoffter Lichtblick, denn an einem der letzten gelben Postbriefkästen die Forderung: „Rote Karte für die AfD“. Ich spreche eine Passantin an, die es zwar eilig hat, sich aber doch auf das Thema einlässt. Sie sei ebenso entsetzt, habe das ellenlange Parteiprogramm der AfD gründlich gelesen, verstünde gar nicht, wie Einwohner einer Stadt wie Salzwedel eine solche Gruppierung wählen könnten. Ich werfe am Schluss die Frage ein, was in Sachsen-Anhalt nach den nächsten Landtagswahlen wohl eintreten könnte? Nicht aufgeben, rät die Passantin, es sei ja noch viel Zeit.


H. Politt (2025)

An der Katharinenkirche, einem bereits im 13. Jahrhundert gegründeten Gemäuer, überrascht wie erfreut eine Erinnerungstafel an den Herbst 1989: „Was wollen wir jetzt…“ Ich lese die Worte als Frage zum Hier und Heute, rückblickend auf den Herbst 1989, der entscheidend beigetragen hatte – gerade in den unzähligen kleineren Städten der DDR, nicht nur in Leipzig oder Berlin –, dass die DDR an ihrem Ende meistens überzeugte Demokraten auf den Weg mit politischer Freiheit entlassen hatte. Wieder denke ich zurück an Rosa Luxemburg: Für sie war jeder Weg in die Zukunft (auch in die sozialistische!) nur vorstellbar als ein Weg mit politischer Freiheit! Frühzeitig – noch bevor sie 1898 nach Berlin verzog und den schnellen Anschluss an die deutsche Sozialdemokratie fand – hatte sie die politischen Verhältnisse in der bürgerlichen Schweiz einmal so eingeordnet: Es ist der halbe Weg auf dem Weg in die Zukunft. Lenin hat in den Ländern des Westens – auch in der Schweiz! – immer nur das Moment der Schwäche, der Dekadenz, der Unentschiedenheit gesehen, als Machtpolitiker hatte er den Instinkt, gegen solchen Gegner schnell vollendete Tatsachen schaffen zu können. Politische Freiheit? Darauf pfiff das bis zum Schluss auf den Leninschen Geist sich stützende und ausgerichtete Weltsystem – und scheiterte kläglich.


Foto: H. Politt (2025)

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(Nachsatz WB) Am 10. November 2025 veröffentlichte die in Berlin erscheinende Tageszeitung nd – Journalismus von links einen Aufsatz Peter Nowaks über das Ringen von Salzwedeler Initiativen zum Erhalt der Burgstraße 59:
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1195330.staedtebau-juedisches-leben-in-salzwedel-erinnern-statt-abriss.html

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