von Stephan Wohanka
Obwohl getauft und konfirmiert gehöre ich keiner christlichen Religionsgemeinschaft an. Trotzdem gehe ich ab und an in die Kirche, so auch kürzlich anlässlich einer Taufe. Eine überengagierte Pfarrerin hielt einen Gottesdienst, der mir schnell sehr klar machte, dass ich gut daran tue, nicht der Institution Kirche anzugehören. Sie malte das Bild einer Menschheit, die so überaus schlecht, sündig, schuldig verstrickt sei, dass sie eigentlich nur untergehen könne; alle machten sich an ihr und in ihr schuldig. Rettung solle und könne nur Jesus bringen. Ich dachte bei mir: Bei soviel abgründig Bösem – wie sollte da selbst ein Jesus Rettung bringen können? Er käme gegen so viel Misshelligkeit gar nicht an. Summa summarum – ich war entsetzt; das soll „Kirche“, Christentum, Nächstenliebe sein?

Die Hölle. Kuppelmosaik des Coppo di Marcovaldo im Baptisterium von Florenz (Ausschnitt). Zwischen 1260 und 1275.
Oder war diese Predigt, ihr Inhalt nur ein „Ausrutscher“; wird sonst anders, weniger anklagend gepredigt? Umso schlimmer, denn „… man kann es nicht pointiert genug sagen. Der Mann auf der Kanzel (und nicht der sogenannte Theologe, aber auch nicht der Seelenhirt oder der franziskanische Anwalt der Armen) – der Mann auf der Kanzel ist, nach reformatorischem Verständnis, der Stellvertreter Christi in der Epoche zwischen Himmelfahrt und Jüngstem Gericht. […] Erst auf der Kanzel … wird die Schrift, in inspirierter Rede, zu Gottes Wort…“ (Walter Jens, Die christliche Predigt. Manipulation oder Verkündigung?).
So gesehen kommt also der Predigt respektive Homilie in der Luther-Kirche die entscheidende Rolle zu! Daher will ich fragen, inwieweit ist der misanthropische Inhalt der in Rede stehenden Predigt typisch für „die Kirche“?
Ein zentraler Begriff in der gehörten Predigt war „Schuld“. Gleich anfangs fand ich in der Literatur, die ich zu lesen begann, Folgendes: „Schuldübernahme – das ist der einzige (Hervorhebung St. W.) christlich mögliche Umgang mit den Folgen der Freiheit“. So Lutz Mohaupt 1978 in seinem Aufsatz „Grundwerte – Grenze der Politik“. Ein erneuter Schock! Kann man, darf man Freiheit einschließlich ihrer Folgen so umstandslos ausschließlich – wie behauptet – mit Schuld konnotieren? Hat „Umgang mit Freiheit“ nicht erst einmal etwas mit Emanzipation, Souveränität des Menschen zu tun, ehe er unter gewissen Bedingungen auch „Schuldübernahme“ bewirken kann? Fürchtet das oder zumindest dieses Christentum den freien Menschen? Will es die menschliche Freiheit madig macht, um den Menschen schuldbefangen niederzuhalten?

Für den Mönch Facundus war die Schuldfrage klar: Die Könige der Erde beten das siebenköpfige Tier und den Drachen an. Illustration zur Apokalypse aus einer Bibelhandschrift für das Königspaar von León (um 1047).
Die argumentative Redlichkeit gebietet, die eben kritisch hinterfragte Meinung von Schuld und Freiheit in den vom Verfasser erzeugten Kontext zu stellen: Er kommt zu zitierter Schlussfolgerung auf dem Hintergrund der Entführung und Ermordung des damaligen Arbeitgeberpräsidenten Hanns Martin Schleyer durch die RAF im Jahre 1977. Er bettet diesen „tragischen Fall“ den Apostel Paulus zitierend „Das Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht“ (Röm 7,18) in die These ein: „Es gibt eine unaufhebbare Schulddurchwirktheit aller Sozialität.“ Er führt weiterhin an, dass „schon innerhalb der Geltung einer einzigen ethischen Norm … ein ethischer Konflikt entstehen (kann), der niemals glatt aufgeht. […] Der Konfliktfall ist der Normalfall …“
Auf dem Hintergrund dieses menschlichen Verstricktseins folgert der immer noch gleiche Autor: „Hier offenbart sich eine Gebrochenheit allen ethischen Handelns, die der theologischen Deutung bedarf.“ Und er fährt fort: „Die Bergpredigt interpretiert es radikal. Sie befiehlt das Unbedingte, das Letzte, das Ganze. Sie ist damit nicht wirklichkeitsfremd, als übersähe sie den Zwang zum Kompromiss, sondern sie klagt diesen Zwang zum Kompromiss an. Sie offenbart die pervertierte Gestalt dieser Schöpfung und weist darauf hin, daß der Mensch ein Gescheiterter, ein Schuldiger, ein Sünder ist.“
Was hier sofort auffällt und abstößt, ist die apodiktische Sprache – „das Unbedingte, das Letzte, das Ganze“ –, und wir werden immer wieder auf sie treffen! Aber weiter zum Inhaltlichen: Selbstverständlich muss eine „freie“ oder „frei handelnde“ Person die Konsequenzen ihres Tuns tragen; wenn neben „Schuldübernahme“ wenigstens auch „Verantwortung“ stünde… wie der Philosoph Peter Bier sagt: „Die Idee der freien Entscheidung und die Idee der Verantwortung, die jemand für sein Tun trägt, sind auf das Engste miteinander verknüpft. Man kann die eine ohne die andere nicht denken“ (Das Handwerk der Freiheit, 2001).

Dem Schuldigen hilft auch der pralle Geldsack nicht. Der himmlische Richter ist unbestechlich. Höllenfahrt aus dem „Weltgericht“ über dem Westportal des Straßburger Münsters (2. Hälfte des 13. Jh.). Foto: W. Brauer / 2016
Gewiss auch, die „Gebrochenheit allen ethischen Handelns“ kann auch „theologisch“ gedeutet werden. Klar ist aber desgleichen, dass schon die großen Denker der Antike – Aristoteles, Sokrates und andere sowie ihre europäischen Nachfolger wie Voltaire, Kant, aber auch Weise außerhalb des europäischen Kulturkreises – ein Ethos ganz auf der ihnen eigenen Vernunft fußend entwickelt haben, ohne eine Berufung auf irgendeinen Gott. Heute mehr denn je ist humanes Urteilen völlig hinreichend, um das Prekäre ethischen Handelns wahrzunehmen und – wichtiger – damit umzugehen. Die heute vielfach festgeschriebene und anerkannte, wenn auch nicht konsequent beachtete Unantastbarkeit der Menschenwürde genügt…
Weiter ist im obigen Zitat die Rede von der „pervertierten Gestalt dieser Schöpfung“ – was meines Erachtens mehr als zweideutig ist! Ist damit, was nahe liegt, wenn Christen den Terminus „Schöpfung“ verwenden, die göttliche Schöpfung insgesamt gemeint? Oder nur der „Zwang zum Kompromiss“? Da hätte der Begriff „Konstruktion“ oder ein analoger völlig ausgereicht. Noch stärker jedoch irritiert mich der Schluss, dass „der Mensch“ – also hier eindeutig das Geschöpf göttlichen Ratschlusses, ja das Ebenbild Gottes! – „ein Gescheiterter, Schuldiger, Sünder“ sei. Mir unbegreiflich; wie kann man den Menschen derartig einseitig be- und das heißt hier abwerten? Nochmals – der Mensch ist tragisch verstrickt; aber generell ein „Gescheiterter“? Welche Wohltat ist gegen diese Reduktion des Menschen das Goethesche Diktum „edel sei der Mensch, hilfreich und gut“! Mag es auch auf den ersten Blick etwas naiv anmuten, es fordert allemal zum Gelingen des Lebens auf und nicht zu dessen Verteufelung. Es steht gegen diese christliche Beschneidung des Menschen. Was ethischer Realismus gebietet, nämlich mit dem Kompromiss zu leben, nimmt vor Gott offenbar ausschließlich die Dimension von „Schuld“ an. Das mag verstehen wer will…
Ein derartiger anthropologischer Affront muss zwangsläufig in die Frage münden: Wieso konnte innerhalb des Christentums ein derartig negatives Menschenbild entstehen? Die Frage erscheint deshalb so wichtig, da nach Auffassung nicht nur der EKD „das Menschenbild des Christentums zu den grundlegenden geistigen Prägekräften der gemeinsamen europäischen Kultur und der aus ihr erwachsenen wirtschaftlichen und sozialen Ordnung (gehört)“.
Gut, später fand ich auch Folgendes: „Was christlicher Glaube im einzelnen auch immer sein mag, in jedem Fall will er Ermutigung zum Leben sein“. Das klingt anders, besser!
Nun zu Peter Hahne. Dessen Text „No future – Wir haben Zukunft“ (1985) wurde bis in die 1990er Jahre massenhaft verbreitet. Hahne war von 1992 bis Oktober 2009 Mitglied des Rates der EKD und auch mal Synodale. Seine Schrift scheint geradezu prototypisch für die volksnahe – „die Menschen lesen Hahne, weil sie Ratzinger nicht verstehen“ (DER SPIEGEL) – Umsetzung des kirchlichen Kanons zu stehen. Schon ein oberflächlicher Blick auf das Inhaltsverzeichnis zeigt, dass auch hier das Schwarzmalen des Menschen dominiert, verbunden mit einer (partiellen) Negation des genuin Humanen wie Vernunft und menschlicher Einsicht, dazu tiefes Misstrauen gegenüber dem Menschen und seinen Fähigkeiten.
Die Schwarzmalerei will ich kurz belegen anhand der Kapitalüberschriften; sie lauten in der Reihenfolge: No future?; darunter dann: Atemnot und Erstickungstod, Wovon wir leben, Die Zielfrage, Der Griff nach dem Strohhalm, Traumfabrik „Zukunft“, Die Zeit der Macher, Vom Zukunftsrausch zum Gegenwartskater und Etappenfahrt der Enttäuschungen. Ich erspare mir einzelne Zitate…
Das nächste Kapitel heißt: Wir haben Zukunft! Daraus will ich ausführlich zitieren und auf die enthaltenen Thesen eingehen, denn „Zukunft“ zu stiften im Sinne von Antworten auf heutige existenzielle Fragen sollte doch wohl Auftrag der Kirche sein. „Diejenigen, die das (‚Die Wahrheit wird Euch freimachen‘ – St. W.) an die Freiburger Universität schrieben, haben gewusst, was sie meinten. Das ist nicht der ‚Lebendige Geist‘, der in humanistischem Idealismus das Heidelberger Universitätsportal ziert. Es ist ein Zitat aus der Bibel. Ein Wort aus dem Johannesevangelium (8,32). Und mit ‚Wahrheit‘ ist in der Bibel kein Prinzip gemeint. Erst recht kein menschengemachtes und menschengedachtes System. Wahrheit ist eine Person: Jesus Christus. […] Das heißt in logischer Konsequenz: Alles andere ist Lüge. Alles andere ist Illusion. Alles andere ist Verführung und Hoffnungsbetrug.“ Wieder die apodiktische Sprache! Im Einzelnen ist festzuhalten: Jesus Christus ist die Wahrheit, „alles andere“ Lüge, Illusion, Verführung. Darunter fällt offenbar auch der weltliche Humanismus; klare Worte!
Weiter im Text: „Jeden, der bereit ist, konsequent zu denken, fordert dieser Anspruch Jesu heraus. Denn dahinter steckt die nüchterne Erkenntnis, daß wir Menschen selbst uns die Zukunftsfrage nicht beantworten können. Man kann schließlich nicht nach einer Orientierungsmarke segeln, die man sich selber an den Bug des Schiffes genagelt hat.“ Was das Segeln angeht, dazu bedarf es schon einer Marke am Bug; aber es ist schon richtig, auch einer darüber hinaus, außerhalb des Schiffes. Aha; was also die menschliche Zukunft angeht, so sollte die „Orientierungsmarke“ dazu von Jesus kommen; auch in einer säkularisierten, profanen Welt? Und wenn doch – wer vermittelt uns „Jesus“? Der in Teilen durch moralische Untiefen watende Kirchenklüngel?

Heilige sind vor den Anfechtungen des Bösen gefeit: Die Versuchung des Hl. Antonius. Kupferstich von Martin Schongauer (um 1470-1475).
Im Anschluss daran zitiert Hahne den „Erfinder des absurden Theaters“ Eugene Ionesco: „Rundheraus, ich hege kaum noch Hoffnung, daß der Mensch aus eigner Kraft heraus zur Umkehr fähig ist – ohne Hilfe von jemandem, der Gott, der Jesus Christus heißt. Von dem Menschen kann man nichts mehr erwarten. Der Mensch, auf sich gestellt, geht zweifellos seinem Verderben entgegen“ „Von dem Menschen kann man nichts mehr erwarten“ – entgegen der Intention Ionescos, diesem Urteil Allgemeingültig zuzuweisen, charakterisiert sich Ionesco damit vor allem selbst. Deshalb: Wie kann man einem derartigen Pessimisten in einem Text von Zukunftsfreude das Wort erteilen? Eine rhetorische Frage, denn Ionescos und des Autors Credo decken sich völlig: „Nüchterner kann man es wohl kaum sagen, ernüchternd sozusagen: Von den Menschen – also von Menschgemachtem und Menschgedachtem, von Philosophien, Ideologien und Religionen – kann man nichts mehr erwarten. Der auf sich gestellte Mensch ist hoffnungslos dem Verderben ausgeliefert.“ Man muss es sich auf der Zunge zergehen lassen: „Von den Menschen kann man nichts mehr erwarten“ – das soll „christlich“ sein? Dieses negativ intendierte Menschenbild, diese abgrundtiefe, unerträgliche Miesmacherei des Humanen! Alles Bisherige belegt: Es ist offenbar manifester Bestandteil dieses christlichen Denkens!
Was weiterhelfen solle, war oben schon gesagt: „Wir brauchen Wahrheit. Wahrheit von außen. Antworten, die jenseits unseres Denken liegen.“ Zur Bekräftigung dessen wird „der renommierte Stuttgarter Sozialphilosoph Günter Rohrmoser“ herangezogen: „Die Verkündigung der christlichen Wahrheit muß am Anfang stehen, denn nur sie kann uns freimachen. Aus der Befreiung und aus der Erneuerung des Sinns geht die sittliche Erneuerung der Gesellschaft hervor, ohne die eine Veränderung der Welt eine eitle Hoffnung wäre.“ Hier ist wenigstens die Wahrheit richtigerweise zur christlichen Wahrheit mutiert! Aber was ist die christliche Wahrheit? Diese stehe in der Bibel – und an anderer Stelle sagt unser Autor folgerichtig: „Die Wahrheitsfrage der Bibel provoziert jedoch die Entscheidung: entweder ganz oder gar nicht! Ich habe mich also der historischen Glaubwürdigkeit der ganzen Bibel zu stellen und nicht der von mir selektierten Restbestände.“
Folge ich diesem Postulat und sehe in der Bibel historisch Glaubwürdiges, dann kann die christliche, das heißt biblische Wahrheit nur auf den Kreationismus hinauslaufen; auf den Glauben also, nach dem die Erde von Gott vor wenigen tausend Jahren erschaffen wurde. Anhänger desselben vertreten eine wörtliche Auslegung der Bibel allgemein und des Buchs Genesis im Speziellen und interpretieren den Schöpfungsbericht in der Bibel als historische Tatsachenschilderung. Und das ist dann die christliche Wahrheit? Und ist das dann der Ausgangspunkt für die Erneuerung der Gesellschaft?

Ein Bild komprimierter Ängste einer Umbruchszeit und Dokument furchtbaren Zorns: Die apokalyptischen Reiter (1497/1498) aus Albrecht Dürers Holzschnittfolge zur Apokalypse. Und dennoch, das Bild trägt Hoffnung in sich: in der oberen Bildhälfte erscheint der Erzengel Michael.
(Bildauswahl und Kommentare: W. Brauer)
Danke!
Keine Frage, dass die christlichen Kirchen auf diese Weise, wie zitiert, seit Jahrhunderten Angst und Schuldgefühle verbreiten und so ihre Macht sichern.
Aber das ist sicher nicht das gesamte Christentum.
Dazu fällt mir zuerst ein John-Lennon-Zitat ein:
„Das Christentum wird vergehen. Es wird verschwinden und schrumpfen. Darüber brauche ich nicht zu diskutieren; ich habe recht und ich werde recht behalten. Wir sind gerade populärer als Jesus; ich weiß nicht, was zuerst dahinscheiden wird – Rock ’n’ Roll oder das Christentum. Jesus war in Ordnung, aber seine Jünger waren dumm und einfältig. Es ist ihre Verdrehung, die es für mich ruiniert.“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Popul%C3%A4rer_als_Jesus)
Dass die legendäre Gestalt Jesus und die ihr zugeschriebenen Äußerungen keinesfalls menschenfeindlich sind, dass sich christliche Religiösität noch heute mit Humanismus und Friedenskampf verbinden lassen, demonstriert Eugen Drewermann in eindrucksvoller Weise.
Es ist also – wie beim Marxismus – nicht zuletzt eine Frage der Ausdeutung.
Ich war einige Tage nicht in Berlin…. Vielen Dank für Ihre Hinweise. Ich halte es mit Lennon: „Jesus war in Ordnung, aber seine Jünger waren dumm und einfältig“. Wobei „Jünger“ breiter zu fassen wäre – als da wären die Evangelisten, die frühen Kirchenführer (von den späteren ganz zu schweigen) wie Augustinus mit seiner Lehre zur Erbsünde, seinem Verständnis von Sünde und Gnade oder das Konzil von Nicäa mit der Grundlegung der dogmatischen Theologie und der Absegnung der zunehmende Verbindung von Kirche und Staat….
Noch ein Wort zum Friedenskampf: Sie haben an anderer Stelle das Fromm-Zitat verwandt, in dem es heißt, dass eine „gesunde Gesellschaft“ – mit einer „friedlichen“ bestimmt gleichzusetzen“ – , eine sei, „in der sich niemand mehr bedroht fühlen muss: nicht das Kind durch die Eltern; nicht die Eltern durch die über ihnen Stehenden; keine soziale Klasse durch eine andere; keine Nation durch eine Supermacht“. Gerade die letzte Steigerung in der Aufzählung zeigt das gegenwärtige Dilemma des Friedenskampfes.
Ich bitte um Entschuldigung, dass es wegführt vom Christentum, wenn ich jetzt das „Dilemma des Friedenskampfes“ kurz noch einmal anders aufgreife.
Die jahrzehntelangen Geschichtsverdrehungen bezüglich der vermeintlich totalitären DDR tragen oftmals auch dort Früchte, wo ansonsten die Kriegstreiberei der Regierung abgelehnt wird (Siehe auch das Gerede von der „DDR 2.0“, die im Entstehen sei.)
Bei dieser Sichtweise muss die gegenwärtige Passivität eines großen Bevölkerungsteils gegenüber der Aufrüstung unerklärlich bleiben. Wer nicht weiß, dass um 1990 die Chance einer echten Alternative (vorläufig) zu Grabe getragen wurde, wer nicht weiß, dass die vormalige Attraktivität und „Toleranz“ der BRD zum erheblichen Teil der Systemauseinandersetzung geschuldet war, kann nicht verstehen, weshalb die westdeutsche Friedensbewegung in den 1980er Jahren so viel stärker war als die heutige gesamtdeutsche.
An dem, was Sie sagen von der Schwäche der gegenwärtigen Friedensbewegung ist schon was dran… Mir wäre eine Welt ohne Waffen die liebste aller Welten! Nur werden wir diese, wenn überhaupt, nicht dadurch erreichen, dass deren Befürworter permanent ausblenden, warum es noch Waffen gibt. Solange sie die zu Rüstung führenden Ursachen – „… sich Nationen noch bedroht fühlen durch eine Supermacht“ – nicht klar benennen und so ein wahrhaftes Reden, Walter Benjamin sprach davon, „wer den Frieden will, der rede vom Krieg“, über die Kriegsgründe vernachlässigen, wird die Friedensbewegung auch nicht wirklich durchdringen. Was angesichts der Lage mehr als bedauerlich ist. Und: Die Bilanz der diesjährigen Ostermärsche war tatsächlich mager.
Danke für dieses anspruchsvolle Angebot, dass Herr Wohanka hier unterbreitet. Viel Stoff zum Nachdenken.
In diesem Zusammenhang möchte ich – quasi ergänzend – auf das Kapitel „Der Großinquisitor“ in Dostojewskis „Die Gebrüder Karamasow“ hinweisen, wo besagter Großinquisitor im Widerschein brennenden Scheiterhaufen vor dem wiedererstandenen Jesus ins Gesicht erklärt, wie falsch und verhängnisvoll dessen naives Menschenbild war, und erst die Kirche das bis ins Alltagspolitische mühevoll wieder „geradegerückt“ hätte: Erhellend, auch wenn es sich um etwas Fiktionales handelt.
Volker Hermann
Nachsatz:
Da meinerseits empfohlen, möchte ich möglichen Interessenten den Zugang zum erwähnten Dostojewski-Kapitel erleichtern:
https://www.gutenberg.org/files/38336/38336-h/38336-h.htm
V. H.
Ein Vorsatz: Ich weiß nicht, ob alle Kommentare und Antworten von jedem Leser einzusehen sind; ich gehe aber davon aus.
Insofern will ich auf meine Replik zum Kommentar von Andreas Peglau verweisen, wenn Sie schreiben, dass „erst die Kirche das (Jesus´ „naive Menschenbild“) bis ins Alltagspolitische mühevoll wieder ´geradegerückt´ hätte“. In dieser Replik geht es, mit anderen Worten, auch ums „Alltagspolitische“ – eben Jesus ins „richtige“ staatspolitische Licht gerückt zu haben, ihn zu instrumentalisieren, indem die Kirche bestimmte Aspekte seiner Botschaft hervorhebt oder vernachlässigt, um eigene Ziele zu verfolgen, wie beispielsweise bei gesellschaftspolitischen Fragen etwa zur geschlechtlichen Identität, Abtreibung oder Sterbehilfe. Auch „dank“ der Lobbyarbeit der Kirche schaffen es derartige Themen in Gesetzestexte.
Auf eine Entwicklung will ich besonders hinweisen: Die Familie, der persönliche Nahbereich ist zunehmend in Fokus fundamentalistischer religiöser Einstellungen; es wird für ein patriarchales Verständnis von Ehe mit Jesus geworben, für die Vater-Mutter-Kind-Struktur, die als gottgegeben angesehen werde.
Treffender als der Großinquisitor kann man es kaum sagen: Er tritt in Jesus´ Verlies und beschuldigt diesen in einem langen Monolog, dass er kein Recht habe, auf die Erde zurückzukommen und „die Ordnung zu stören“, die die Kirche – in Teilen eben mit dem Staat kooperierend- über tausend Jahre errichtet habe.
Danke!
Auch nur eine Ergänzung: Im August erscheint die DVD mit der neuen Verfilmung von „Der Meister und Margarita“: https://de.wikipedia.org/wiki/Der_Meister_und_Margarita_(2024).
Danke für den Tipp
Im steirischen Benediktinerstift Admont wird mit einer – künstlerisch großartigen! – Videoinstallation die Regel des Hl. Benedikt von Nursia vorgestellt. Leitgedanke: die Furcht vor Gott, „humanisierend“ umgewandelt in den Begriff „Ehrfurcht“. Furcht bleibt.
Es ist kein Zufall, dass die Beschwörung des Todes – nicht nur bei den Benediktinern – in der christlichen Ikonographie allgegenwärtig ist. Wir leben in diesem Weltbild natürlich in der Erwartung des Jüngsten Gerichtes.
Ja – das ist das, was „bleibt“ – „Furcht“. Immer wieder begegnet mir das, wenn ich mit Menschen über ihre „kirchlichen“ Erfahrungen, namentlich in der Kindheit, rede.