Musenhof-Museum in der Mark: Chamisso und das Schlemihl-Schlösschen

von Reinhard Wengierek

Er wurde 1781 zwar herrschaftlich geboren – auf Schloss Boncourt in der Champagne –, doch die Familie zählte zum verarmten Adel. 1792 verließ sie aus Furcht vor den Heeren der Revolution Frankreich, zog jahrelang auf abenteuerlichen Wegen durch die Niederlande, durch Süddeutschland und fand schließlich 1796 festes Domizil in der durch die erfolgreiche Zuwanderung der Hugenotten ohnehin französisch gefärbten Hauptstadt Preußens.


Berlin: Das Chamisso-Denkmal von Julius Moser (1888) am Rande des Monbijou-Parks. Foto: G. Halamoda (2025).

Da war der in vielerlei Hinsicht begabte Knabe Adelbert (Adélaïde) von Chamisso gerade 14 Jahre alt und des Deutschen schon sehr gut mächtig – eine Spezialbegabung für Fremdsprachen, die zeitig Früchte trug. Er lernte am Französischen Gymnasium, wurde als amüsantes Multitalent – ein Jungstar seiner Zeit sozusagen – Page bei Luise Friederike von Preußen, der königlichen Gemahlin Friedrich Wilhelms II. Von 1798 bis 1807 diente der geniale Kerl als Fähnrich im Berliner Infanterie-Regiment, erhielt 1801 sein Leutnants-Patent, verkehrte als junger homme de lettres in literarischen Kreisen, etwa in dem der allseits bewunderten Madame de Staël.

Adelbert war überhaupt bestens vernetzt in der intellektuellen Szene Berlins, wurde Familienvater, besuchte Freimaurerlogen und die „Serapionsbrüder“, den spektakulären literarischen Freundeskreis um E.T.A. Hoffmann, der bei Lutter & Wegner am Gendarmenmarkt denkend und dichtend die Flaschen leerte.

Dieser Adelbert war ein toller Kerl mit gesellschaftlicher Statur: Als gebildeter, ehrenwerter Offizier, als weit gereister, weltgewandter Frei- und poetischer Feingeist (Robert Schumann vertonte seine Gedichte). Obendrein war er ein anerkannter Naturforscher und Botaniker; Pflanzen wurden nach ihm benannt, er wurde Direktor des Herbariums am Berliner Botanischen Garten; sein botanisches Kürzel ist CHAM.

Kein Wunder, dass der polyglotte und brillante Gesellschafter 1813 die Einladung von Graf Peter Alexander von Itzenplitz erhielt, den Sommer auf seinem Schloss Kunersdorf zu verbringen. Seine Gattin Henriette Charlotte hatte das ländliche Anwesen zum Musenhof erhoben; zu einer Art Salon in der märkischen Idylle, weltoffen, liberal, intellektuell, aber auch poetisch-romantisch, schöngeistig. Interessierte sich doch die aufgeklärte Gräfin nicht nur für Botanik und moderne Landwirtschaft, sondern gleichermaßen für Kunst, Wissenschaft, Politik. Mithin gaben sich die entsprechenden Persönlichkeiten – Itzenplitz-Sponsoring – im idyllischen Kunersdorf die Klinke in die Hand.


Kunersdorf im Oderbruch: Natürlich schrieb Chamisso den „Schlemihl“ nicht auf der grünen Wiese. Hier stand das Schloss…
Foto: W. Brauer (2020).

Nun also, im Sommer 1813, kam auch Adelbert an diesen modernen Musenhof. Er unterstützte die Gutsverwaltung in allen botanischen Fragen, klassifizierte die vor Ort vorkommenden Pflanzen, herbarisierte. Der Knaller jedoch war: In Kunersdorf gelang Chamisso ein Text, der inzwischen zum Kanon der deutschen Literatur gehört, nämlich „Peter Schlemihls wundersame Geschichte“. – „Es war einmal ein Mensch mit Namen Schlemihl, den sprach einst einer an, ob er ihm nicht seinen Schatten verkauft? Er wär alsbald ein reicher Mann…!“

Das Märchen vom Verkauf des Schattens an den Teufel als Gleichnis für das Aufgeben-Auflösen von Identität, Charakter, Stärke, das Freiheit bringt, Ungebundenheit, aber auch Leid schafft und Heimatlosigkeit, diese gespenstische, zugleich sehr moderne Geschichte eines zerrissenen Menschen wurde ein knappes Jahr später schon gedruckt. Ihr berühmter Herausgeber: Friedrich de la Motte Fouqué. Die Novelle inspirierte viele Gelehrte und Künstler. Thomas Mann schrieb ausführlich darüber in seinem Chamisso-Essay von 1911 – „erstaunlich, unerhört, deutsche Meisterdichtung“. Und es gibt eine ZDF-Verfilmung von 1967 mit Götz George.

In Berlin erinnern zwei Gedenktafeln an Wohnstätten der Familie Chamisso: Friedrichstraße 235 in Kreuzberg, Haus am Kleistpark, Grunewaldstraße 6-7. Am Monbijoupark hinterm Hackeschen Markt steht auf dunklem Granitsockel im leider permanent verunkrauteten Hochbeet eine Marmorbüste Chamissos mit weit über die Schulter wallender Haarpracht (Julius Moser, 1888). Ein schöner Mann! Sein Grab befindet sich auf dem Friedhof am Halleschen Tor hinter der Amerika-Gedenkbibliothek. Er starb im Hochsommer 1838 auf der Höhe seines Ruhms an einem Lungenleiden. – Übrigens, nach Chamisso ist der einzige Literaturpreis für deutschsprachige Migranten-Literatur benannt. Immerhin beschreibt er sich selber so: „Ich bin Franzose in Deutschland und Deutscher in Frankreich. Katholik bei den Protestanten, Protestant bei den Katholiken. Jacobiner bei den Aristokraten und bei den Demokraten ein Adliger. Nirgends gehöre ich hin. Überall bin ich der Fremde.“

Zurück aufs einstige Anwesen derer von Itzenplitz im einsam entlegenen Nest Kunersdorf (200 Einwohner), einem Ortsteil von 16296 Bliesdorf, fünf Kilometer südlich vom mittelmärkischen Wriezen. Die spätbarocke aristokratische Residenz existiert nicht mehr, zerstört gegen Ende des letzten Krieges, die Ruine abgetragen – als Baumaterial für Neubauern- und Umsiedlerhäuser. Doch die großzügige, von Peter Joseph Lenné konzipierte Parkanlage wurde einigermaßen saniert.


Foto: W. Brauer (2020).

So gilt denn jetzt als „Schlemihl-Schlösschen“ der erhalten gebliebene, villenartige und herausgeputzte Schloss-Nebenbau aus den 1920er Jahren:
Ein erst 2019 eingeweihtes, technisch modernes, wissenschaftlich anspruchsvolles Museum, das in fünf Räumen Leben und Werk des Dichters, Naturforschers und Weltreisenden sowie das Panorama der prominenten Musenhof-Gäste höchst anschaulich illustriert. Daneben gibt es ein winziges Café „Cham“, und alles zusammen ist eine kleine Sensation. Und ein denkwürdiges Beispiel, wie aus einer privaten, von den lokalen Behörden wie der Kulturpolitik weitgehend ignorierten Initiative mit idealistischem, aufopferungsvollem Einsatz eine einzigartige Stätte des Begegnens und geistigen Austauschs entstand. Chapeau!


„Leinen los!“ Im Kunersdorfer Museum kann man mit Chamisso an Bord der „Rurik“ auf Weltumseglung (1815-1818) gehen.
Foto: W. Brauer (2020).

Erstaunlich übrigens, dass es für diesen einst so prominenten Deutschfranzosen-Europäer-Weltbürger bislang nirgends eine Gedenkstätte gibt. Und sogar in Ku’dorf lange nichts an „Schlemihl“ erinnerte. Jetzt werden hier sage und schreibe allein 104 „Schlemihl“-Ausgaben plus die Erstausgabe von Fouqué dem erstaunten Besucher vorgezeigt mit Sammlerstolz. – Also auf zu Adelbert! Und, wenn man so will, einer Ein-Tag-Sommerfrische am Ostrand Brandenburgs.

Chamisso Museum im Kunersdorfer Musenhof, Dorfstraße 1, Bliesdorf / OT Kunersdorf. Geöffnet: Freitag bis Sonntag / Feiertag von 11 bis 17 Uhr; bis Ende Oktober; Telefon: 033456-151227.

3 Kommentare

  1. Wer 36 € ans Bein binden kann oder einen Bibliotheksausweis besitzt, dem empfehle ich dringend das Buch „Dichter, Naturkundler, Welterforscher. Adelbert von Chamisso und die Suche nach der Nordostpassage“. Verfasst wurde es vom Evolutionsbiologen und Wissenschaftshistoriker Matthias Glaubrecht, der nicht in den Fehler verfiel, Chamisso als Gentleman ohne Fehl und Tadel zu überhöhen, sondern der breiten Würdigung seiner Leistungen auch dessen miesepetrige Herabwürdigung des Kapitäns Otto von Kotzebue beifügte. Der Sohn des Dichters August hatte das Schiffchen Rurik kommandiert, auf dessen Weltreise im russischen Auftrag Chamisso als Wissenschaftler mitreiste. Erschienen ist das Werk 2023 im Verlag Galiani Berlin.

  2. Wieder ein schöner Text!
    Ich habe mir mal die Mühe gemacht, das ja noch junge Euvre dieses Blogs durchzusehen, uns ich kann nur sagen, dass es allein zu kulturell und kulturhistorischen Themen ein kleines Schatzkästlein für den ist, der sich zu solchen Themen hingezogen fühlt.
    Christoph Kilian

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