von Stephan Wohanka
Europäischen Geistesheroen wie Kant und Rousseau setzten die Aufklärung ins Werk – der Kern ihrer Botschaft ist nicht schlicht „Menschen seid vernünftig“, sondern bindet diese Vernunft an die Gesellschaft: Kann selbige Institutionen schaffen, die der Vernunft systematisch bessere Chancen eröffnen als (vorherige) Willkür, Dogma oder Gewalt? Das ist eine wichtige Unterscheidung. Die westliche Moderne beruht seit der Aufklärung so nicht nur auf der Vernunft als persönlicher Tugend; dem aufklärten Subjekt als „animal rationale“. Sondern vor allem auf einer sich fortentwickelnden institutionalisierten, arbeitsteiligen Vernunft: Wissenschaft, Gewaltenteilung, Pressefreiheit, Rechtsstaat, öffentliche Debatte, Anerkennung von Fakten, universelle Menschenrechte. Heute gebündelt und praktiziert in der liberalen bürgerlichen Demokratie, von der Winston Churchill sagte: „Demokratie ist die schlechteste aller Regierungsformen – abgesehen von all den anderen Formen, die von Zeit zu Zeit ausprobiert worden sind.“

Miranda: „Du schöne neue Welt, die solche Menschen trägt!“ (W. Shakespeare: Der Sturm, 5. Akt / 4. Szene) – William Waterhouse: Miranda (1916); Foto: Public domain, via Wikimedia Commons.
Die menschliche Fähigkeit zur Vernunft ist ontologisch, seinsmäßig (noch) nicht verschwunden; was geschwächt ist, was erodiert, sind die politischen Umständen, unter denen Vernunft gesellschaftlich wirksam wird, institutionell und kulturell.
Namentlich im angloamerikanischen Sprachraum macht seit einiger Zeit das Dark Enlightenment („Dunkle Aufklärung“) von sich reden. Das ist mehr als ein politischer Kampfbegriff, dahinter steht ein Weltbild. Zunächst: Der Begriff stammt vom britischen Philosophen Nick Land und wurde politisch geprägt durch den unter dem Pseudonym Mencius Moldbug schreibenden US-Blogger Curtis Yarvin. Beide gehören zum Umfeld der sogenannten Neoreaction oder NRx. Ihre Ideen entstanden ab den späten 2000ern, zunächst in US-Tech- und Internetmilieus, später mit Resonanz in Teilen von Silicon Valley und rechtslibertären Kreisen.
Der wichtigste Gedanke dieses antiaufklärerischen Weltbildes lautet: Die liberale Demokratie produziert nicht Kompetenz, sondern Mittelmaß, Bürokratie und ideologische Selbsttäuschung. Yarvin argumentiert: Demokratien reagierten zu langsam, seien zu sehr auf Zustimmung angewiesen und würden von Interessengruppen, Medien, Universitäten und Bürokratien geprägt – die er „Cathedral“ (Kathedrale) nennt. Philosophisch interessant – es ist die Umkehrung Jürgen Habermas´schen Denkens: Während dieser Öffentlichkeit als Ort rationaler Verständigung denkt, sieht Yarvin Öffentlichkeit als System ideologischer Kontrolle und Repression.
An die Stelle von repräsentativer Demokratie sollten Hierarchien treten, ein „CEO“ (Chief Executive Officer bezeichnet in anglophonen Staaten ein Geschäftsführer, Vorstandsvorsitzende) führt den Staat, Bürger sind nicht mehr der citoyen, sondern „Kunden“ oder „Residents“ mit Exit-Option – man kann gehen, aber nicht mitbestimmen. Und „unproduktive Mitglieder der Gesellschaft“ könnten – so Yarvin – schon mal zu „Biodiesel“ verarbeitet werden; natürlich „just kidding“ (nur ein Witz).

Der CEO in Shakespeares „Der Sturm“ heißt Prospero. Hier dirigiert er gerade Ariel. Auch Prospero kommt nicht ohne willfährige Helfer aus, die er notfalls mit Gewalt rekrutiert. Joseph Severn (1793-1879): „Eine Szene aus dem ‚Sturm‘. Prospero und Ariel“. Foto: Public domain, via Wikimedia Commons.
Nach diesem „Witz“ schreibt er weiter, das eigentliche Problem sei, was man mit einer „underclass“, also Menschen, die er als gesellschaftlich überflüssig oder nicht integrierbar bewertet, tun solle. Seine vorgeschlagene „humane Alternative zum Völkermord“ besteht darin, diese Menschen zu „virtualisieren“ – dauerhaft zu isolieren, gar zu inhaftieren, kombiniert mit einer immersiven Virtual-Reality-Umgebung, damit sie subjektiv ein „erfülltes Leben“ erleben könnten.
Soziale Gleichheit ist so nicht nur kein Ziel, sondern ein gesellschaftlicher Konflikt, gar Kampf: Menschen seien nicht gleich in Fähigkeiten, Leistungsvermögen oder Führungsqualitäten. Systeme, die Gleichheit erzwingen wollten, schwächten Exzellenz und letztlich funktionierten Gesellschaften besser, wenn natürliche Hierarchien anerkannt würden. Kapitalismus, Technologie und künstliche Intelligenz entwickelten sich schneller als demokratische Institutionen. Also würden demokratische Systeme irgendwann ohnehin überrollt.
Bei Yarvin bekommt das Ganze fast etwas Geschichtsmetaphysisches: Cyberfantasien und reaktionär-ideologischer Regression dominieren, nicht Menschen steuern Geschichte, sondern techno-ökonomische Dynamiken. Das ist eine anti-humanistische Umkehrung der klassischen Aufklärung. Und liefert das ideologische Mindset für die autoritären Herrschaftsgelüste der Trump-Administration und allerlei Tech-Oligarchen wie Peter Thiel und Elon Musk.
Alles nur ein US-Phänomen? Nicht, dass Kritiker der Verhältnisse hierzulande durchgängig Anhänger des Dark Enlightenments wären; viele werden den Begriff gar nicht kennen. In der deutschen Debatte finden sich jedoch manche Themen und Narrative wieder wie die eben beschriebenen.
Die Frage ist daher nicht, ob diese Ideen gefährlich sind – sondern warum sie für gebildete, technikaffine Menschen plausibel erscheinen. Das sagt mindestens genauso viel über die Krise liberaler Demokratien aus wie über die Bewegung selbst. Denn die Attraktivität von Dark Enlightenment liegt gerade nicht primär darin, dass sie Unwissende, Ignoranten bedient. Sie spricht oft Menschen an, die intelligent, technisch versiert, ökonomisch erfolgreich oder institutionell erfahren sind. Warum?
Viele dieser Menschen erleben, dass moderne Demokratien oft langsam, widersprüchlich und ineffizient wirken – Gesetzgebungsverfahren sind langwierig und werden häufig von politische Blockaden durchbrochen; Parteitaktik statt Problemlösung dominiert. Verwaltungsapparate, die nicht nur komplex, teuer und schwer reformierbar erscheinen, sondern es auch sind, stehen im Weg. Jemand, der aus Unternehmertum, Technologie oder Wissenschaft kommt, fragt dann schon: Warum funktioniert Politik so viel schlechter als Organisationen, die klare Verantwortung kennen? Das ist kein irrationaler Impuls. Es ist zunächst eine empirische Frustration.
Leistungsträger erleben ihr eigenes Leben nach dem Muster: Kompetenz – Leistung – Ergebnis. Was zur Internalisierung der Annahme führt, dass die vermeintlich Fähigsten entscheiden sollten. Eine alte Platonsche Idee: Warum sollte der Staat von allen mitbestimmt werden, wenn nicht alle gleich kompetent sind? Das kollidiert jedoch mit der Demokratie, denn diese verteilt Macht nicht nach Intelligenz, sondern nach politischer Gleichheit.
Menschen erleben Institutionen und Medien heute häufig nicht mehr primär als Orte offener Debatten, sondern als normativ aufgeladene Räume, in denen moralische Polarisierung, Sprachregelungen und eine soziale Sanktionierung abweichender Positionen herrscht. Ob diese Wahrnehmung immer zutrifft, ist eine andere Frage. Aber wenn sie so erlebt wird, entsteht der Eindruck: Das System behaupte Offenheit, dulde aber nur bestimmte Positionen.

Die schöne neue Welt des CEO Prospero: Der ursprüngliche Eigentümer der Insel, Caliban, wurde zum Sklaven herabgestuft und muss Holz holen. Derweil umwirbt Ferdinand Prosperos Tochter Miranda. Es ist auch weiter keiner da. Eliten waren schon immer gerne unter sich. Gemälde von William Hogarth (um 1736); Foto: Public domain, via Wikimedia Commons.
Die klassische liberale Demokratie lebte lange von einem Grundvertrauen, dass Fortschritt möglich sei, dass Institutionen lernten, dass Wissenschaft die Welt verbessere und so der Wohlstand aller ständig wüchse. Wenn dieses Vertrauen brüchig wird, suchen gerade reflektierte Menschen nach alternativen Meta-Erzählungen: Vielleicht scheitert die Demokratie nicht an schlechter Umsetzung, sondern ihr Modell selbst ist strukturell unterlegen und somit „falsch“. Das wirkt intellektuell provokant – und für manche gerade deshalb attraktiv.
Dass wir hierzulande die „Yarvinsche Gesellschaft“ nicht wirklich wollen sollten, liegt mit den Erfahrungen der Nazi-Diktatur auf der Hand: Die „Biodiesel-Produktion“ fand ihre Entsprechung in den Auschwitzer Verbrennungsöfen und die dauerhafte Isolierung, gar Tötung „unwerten Lebens“ in Euthanasie-Anstalten und KZ´s gab es auch schon, zwar noch ohne virtuelle Bespaßung…
Obige Kritiker und Unzufriedene sind nicht „irrational“. Auch Dark Enlightenment ist eine rationale Kritik an der liberalen Moderne – die jedoch zu anti-liberalen, ahumanen Schlussfolgerungen kommt. Die klassische Aufklärung fragt: Wie ermöglicht Vernunft Freiheit und Demokratie? Die Kritiker fragen: Was, wenn Freiheit und Demokratie die Feinde effizienter Ordnung sind?
Wenn Verteidiger von Freiheit und Demokratie nur noch deren Werte wie Gleichheit, Gerechtigkeit, Solidarität, Rechtsstaatlichkeit herunter beten können – aber nicht mehr nachzuweisen vermögen, dass diese funktionieren, dann sind Freiheit und Demokratie gefährdet. Das ist genau der Punkt, an dem aufklärerische Philosophie politisch wird: Nicht „ist Vernunft gut und richtig?“, sondern „kann Vernunft heute noch politisch-institutionell mit nachhaltigem Gewinn für die Gesellschaft organisiert werden?“ Können auf ihrer Basis noch obige Schwächen, Defizite, Versäumnisse bearbeitet, abgestellt werden? Das sind, glaube ich, die eigentlichen Schicksalsfragen unserer Zeit.

Vernunft oder Algorithmen? Foto: W. Brauer (2026)
Wie immer ein anspruchsvoller Wohanka, Chapeau.
Einen Satz allerdings verstehe ich leider überhaupt nicht:
Die „Biodiesel-Produktion“ fand ihre Entsprechung in den Auschwitzer Verbrennungsöfen und die dauerhafte Isolierung, gar Tötung „unwerten Lebens“ in Euthanasie-Anstalten und KZ´s gab es auch schon, zwar noch ohne virtuelle Bespaßung.
Hmm…
Lieber Herr Jakubowski,
ein zugegebenermaßen knapper Satz….
Er hebt ab auf Yarvin-Zitat aus einem Blogbeitrag von 2008, in dem der Genannte unter seinem Pseudonym Mencius Moldbug über Menschen schrieb, die er als „unproduktiv“ bzw. als dauerhafte gesellschaftliche „wards“ (Mündel/Versorgungsfälle) betrachtet. Er formulierte: „convert them into biodiesel, which can help power the Muni buses“ (sie zu Biodiesel zu verarbeiten, der die Busse der Muni antreiben könnte. „Muni“ ist der öffentliche Nahverkehr von San Francisco).
Nach der Einlassung, das sei „just kidding“ fügte jedoch hinzu: „The trouble with the biodiesel solution is that no one would want to live in a city whose public transportation was fueled, even just partly, by the distilled remains of its late underclass. However, it helps us describe the problem we are trying to solve. Our goal, in short, is a humane alternative to genocide“ (Das Problem mit der Biodiesel-Lösung ist, dass niemand in einer Stadt leben wollte, deren öffentlicher Nahverkehr auch nur teilweise von den destillierten Überresten ihrer verstorbenen Unterklasse betrieben wird. Sie hilft uns aber dabei, das Problem zu beschreiben, das wir zu lösen versuchen. Unser Ziel ist kurz gesagt eine humane Alternative zum Genozid).
Yarvin entwickelt anschließend tatsächlich einen Vorschlag: Menschen, die dauerhaft von staatlicher Unterstützung abhängig seien, sollten in einer Art lebenslanger Verwahrung mit immersiven virtuellen Realitäten („virtualization“) untergebracht werden – ausdrücklich als die von ihm bevorzugte „humane Alternative“.
In diesen zutiefst antihumanen Gedankengängen sah ich eine Entsprechung zu den – wie ich schreibe – Praktiken der Nazis, „unwertes Leben“ in ihrem Jargon in Euthanasie-Anstalten und KZ´s zu „entsorgen“. Namentlich die „Biodiesel-Produktion“ erinnerte mich an das Verbrennen von in Gaskammern getöteten Menschen.
Wenn ich schreibe „… zwar noch ohne virtuelle Bespaßung“, so hebe ich darauf ab, dass Yarvin die „wards“ über „Virtualization“ als „humane Alternative zum Genozid“ versorgen wolle – neben Unterkunft und Grundversorgung vor allem durch attraktive künstliche Erlebniswelten. Menschen verbrächten ihre Zeit in hochgradig digitalen Umgebungen mit Unterhaltung, Spielen usw. Das gab es in den Nazi-Anstalten überhaupt nicht; verständlicherweise.
Ich hoffe, ich habe Ihre Zweifel ausräumen können….
Beste Grüße
Stephan Wohanka
Danke für diese Er- und Aufklärung.
H.J.