von Reinhard Wengierek
„Stellen Sie sich vor, ich habe einen Pass! Und alles ging glatt. Muss keine anderen Dokumente mehr vorweisen, um Visa zu kriegen. Bin nun tschechischer Staatsbürger“, ruft im Spätsommer 1936 strahlend vor Glück Thomas Mann zur versammelten Presse. Er sei ja nun „nach Masaryk und Beneš der wohl berühmteste Tschechoslowake und vorläufig einzige Nobelpreisträger dieses Landes“, schreibt der Prager Montag. Und zitiert ein staatsmännisches Statement des neuen Landsmanns, der aus Deutschland ausgebürgert wurde, weil er „die Wahrheit“ vertreten habe: „Ich bin stolz, diesem Staatswesen anzugehören, dessen politische und geistige Haltung meinen eigenen Anschauungen entspricht. Es ist nur natürlich, dass ich mich als Bürger eines Staates wohlfühle, dessen Repräsentanten Männer von europäischer Geltung sind; Gelehrte in einem modernen und umfassenden Sinn.“

Thomas und Klaus Mann. Karikatur von Thomas Theodor Heine (1925). Sammlung W. Brauer
Auch wolle er ein Beispiel geben, dass man ein guter Deutscher und gleichzeitig ein guter Angehöriger der Tschechoslowakischen Republik sein könne – was an die Adresse der sudetendeutschen Minderheit ging.
Denn da sah Thomas Mann sich womöglich – es war ein Irrtum – in einer neuen Rolle, nämlich als Förderer einer Annäherung von Deutschen und Tschechen über Kultur, bemerkt Peter Lange in seiner an bislang wenig bekannten Details reichen Schilderung des in vielen Jahren gewachsenen, zuweilen ziemlich engen Verhältnisses der gesamten weit verzweigten Familie Mann zu den Tschechen. Den Titel dieser spannenden, aufschlussreichen, auch herzbewegenden Monografie gibt ein Spruch vom großen Zauberer: „Prag empfing uns als Verwandte“. Eine Verwandtschaft, die sich beileibe nicht nur aufs Metaphorisch-Geistige bezieht, sondern auch aufs Tatsächlich-Familiäre, das heutzutage öffentlich kaum noch präsent ist.
Da ist Thomas’ älterer Bruder Heinrich, der 1912 auf einem Ball in Berlin die Prager Tänzerin Maria Kanová kennenlernte, die er alsbald heiratete – Tochter Leonie wurde geboren. Die Ehe dauerte nur kurz. Doch die allgemein familiären Beziehungen hielten wie die dauerhaft materiellen Unterstützungen der Prager durch „ihre Deutschen“; vornehmlich freilich durch Tomas Mann. Und das bis weit in die Nachkriegszeit.
Thomas war seit 1922 mehrfach eingeladen zu Vortragsreisen; man lag ihm hingerissen zu Füßen. Er pflegte also schon lange vor 1933 gute Kontakte zur Regierungsspitze, zu prominenten gesellschaftlichen, intellektuellen Kreisen und besuchte, wie seine Kinder auch, ziemlich regelmäßig die tschechische Sippschaft. Man traf sich daheim, noch lieber in der luxuriösen Absteige des weltberühmten Starschreibers, im Prager Hotel Esplanade. Auch Golo besuchte immer wieder das Böhmische für seine Wallenstein-Forschung.
Katia Manns Bruder Klaus Pringsheim heiratete, wie sein Schwager Heinrich, ebenfalls eine Tschechin. Klara Koszler überlebte die Besatzungszeit freilich unter etwas glücklicheren Umständen als Heinrichs Ex Maria und deren Tochter Leonie. Maria kam 1939 in Haft, seit 1941 war sie im KZ Theresienstadt eingesperrt. Sie starb im April 1947 in Prag an den Folgen der Haft.
Peter Lange, einst Korrespondent für ARD und Deutschlandradio in Prag, zeichnet die Lebenswege der Manns mit ihren erstaunlich vielfältigen, teils höchst intimen Bindungen an die Tschechoslowakei akribisch nach. Ihre zwangsläufig abenteuerlichen Lebenswege zwischen der Schweiz, halb Europa und schließlich den USA sind quasi der Rahmen dieser Familienerzählung und zugleich einer Geschichtsschreibung, die obendrein die politisch halb links bis weit links positionierten Lager der Exilanten – dazwischen die Manns – sowie den Exil-Literaturbetrieb beleuchtet; Stichwort „Freiheitsbibliothek“.
Sonderlich eingebunden in diese Monografie ist – dank umfangreicher Forschung des Autors (sowie befreundeter tschechischer Mitarbeiter) – die genaue Darstellung der durchweg materiell prekären, im Krieg bis an den Rand der Verelendung getriebenen Lebensumstände des böhmischen Teils vom Familienclan, der schwer unter politischer wie „rassischer“ Verfolgung zu leiden hatte. Die lebendige, mit großer Rührung, mit Bitterkeit und Trauer zu lesende Darstellung umspannt die Zeitläufte von 1900 bis in die Frühzeit von BRD und DDR. – Was für ein Epochen-Panorama aus Privatem und Politischem, aus Glück und Unglück!
Es liegt in der Natur der Sache, dass das nicht unkomplizierte Prozedere der sowohl Reisefreiheit als auch politischen Schutz schaffenden Ehren-Einbürgerung einen Schwerpunkt der Darstellung bildet. Denn so glatt, wie Thomas vor Publikum jubelte, ging das nicht. Die historischen Umstände, das Diplomatische und Konspirative, treten drastisch hervor.
Zunächst zögerte T.M. lange, um es nicht gänzlich zu verderben mit der NS-Regierung; aber auch, um die immer schwieriger werdende Betreuung seines Werks durch seinen Verlag (S. Fischer) und damit die für die weit verzweigte Großfamilie existenziellen Einnahmen nicht zu verlieren.
Übrigens, die Prager Regierung hatte über ihr Münchner Generalkonsulat vorausschauend bereits mehr als 4000 Reichsmark gezahlt (38.000 Kronen), um wenigstens einen Teil der Habe von T.M. vor Nazi-Zugriffen zu schützen.
Schließlich kam Thomas Manns Entschluss für die tschechische Einbürgerung noch rechtzeitig vor der offiziellen Ausbürgerung durch Berlin. Prag machte keinerlei Schwierigkeiten. Doch das Gesetz verlangte die Vergabe eines sogenannten Heimatrechts durch eine tschechische Kommune als Voraussetzung für Einbürgerungen.
An diesem neuralgischen Punkt tritt, so T.M., der „seelengute, gebildete, mitfühlende Dr. Rudolf Fleischmann“ auf, der im Provinzstädtchen Proseč in seiner bescheidenen Fabrik höchst gewinnbringend Taschentücher produziert und ein glühender Verehrer Manns ist. Ein mutiger, selbstloser Mensch, der sich mit größtem Aufwand für die hochmögende Familie einsetzt und im Rathaus zu Proseč deren Heimatrecht erstreitet: Er gewann mit 12 von 18 Stimmen – die Furcht vor dem gefährlichen Nachbarn Deutschland sorgte für geteilte Meinungen und mehr noch, durchaus verständlich, für beträchtlichen Widerstand.
So setzte der tüchtige, tapfere, großherzige Herr nach komplizierten Vorläufen und bürokratischen Interventionen besagtes Heimatrecht für das Ehepaar Thomas und Katia mit den Kindern Elisabeth, Michael und Golo durch – in einer Extra-Aktion hatte er bereits zuvor für Sohn Klaus Papiere beschafft. Fleischmann überreichte die lebenswichtigen Dokumente – eine Szene, so Tommy, „mit historischer Feierlichkeit“ – an einem Vormittag 11 Uhr Anfang August in der Mannschen Villa im gefährdeten, damals Schweizer Exil. Fleischmann kam extra mit dem Flugzeug nach Zürich. Der Hausherr erinnerte bei dieser Gelegenheit noch einmal dankbar an seine „schönen Stunden im Hradschin“ mit Masaryk und später Beneš.
Und spendierte der kleinen böhmischen Landgemeinde ein beträchtliches Sümmchen, für das man Apfelbäume setzte, deren spätere Erträge Bedürftigen zugutekommen sollten. Fleischmann, dem Literaturenthusiasten, dem sturen Streiter für Gerechtigkeit, setzt Peter Lange feinfühlig ein berührendes Denkmal. Und entreißt so diesen lebensfrohen, prominent vernetzten, geradezu verrückt umtriebigen, letztlich doch stillen Helden dem Vergessen. Bei aller mit Empathie betriebenen Sachlichkeit der Darstellung steckt in der Fleischmann-Geschichte ein ganzer kleiner, großartiger Roman eines Idealisten mit heiß liebendem Herzen, der andererseits Realist ist – mit viel Fantasie für das Praktische, Vernünftige, das einfach Menschliche. Man sollte die Manns nun nicht mehr ohne den Juden Rudolf Fleischmann denken. Auch nicht ohne die Tschechen.
Peter Lange: Prag empfing uns als Verwandte. Die Familie Mann und die Tschechen, Vitalis-Verlag, Prag 2021, 383 Seiten, 29,90 Euro.
Schön, und horizonterweiternd, dass und wie Reinhard Wengierek an diese – zeitweilig lebensrettende – Episode des Jubilars erinnert.
Wem die Kenntnisnahme dieses Textes Anlaß ist, sich Thomas Manns Biografie ausführlicher zu widmen, dem seien – die zugegeben fast ausufernden – Tagebücher Manns dringend empfohlen: Ein wahres Kompendium der Geschichtsschreibung wie auch eine aufschlußreiche, zumal weil ehrliche Eigendarstellung. Und das alles superb ediert, so daß man nicht zuletzt in der umfangreichen Personage nicht den Überblick verlieren muß: Lesen!!!
Heinz Jakuboswki
Mich erreichten jetzt ergänzende Anmerkungen des Romanisten, Historikers und Heinrich-Mann-(und Exil-)Spezialisten Wolfgang Klein, die ich auch angesichts des nicht immer einfachen Verhältnisses der beiden Brüder nicht vorenthalten möchte. Ich habe die Wortmeldung Kleins nur leicht gekürzt, eine Richtigstellung hinsichtlich Maria Kanová-Manns ist im Text Reinhard Wengiereks eingearbeitet:
„Bis ins Frühjahr 1939 hat allein Heinrich für seine frühere Frau und die gemeinsame Tochter durch regelmäßige und außerplanmäßige Überweisungen große Teile des Lebensunterhalts übernommen. ‚Kontakt zur Regierungsspitze‘ hatte auch vor allem er, den jener Masaryk 1924 zu einem ausführlichen Gespräch einlud, der 1934, bei Lange im einzelnen nachzulesen, auch hinter der Rettung seiner Münchener Bücher, Papiere und Wohnungseinrichtung stand. […] Golos Wallenstein-Forschung und Prag-Reisen haben mit dem Exil nichts zu tun. […] die gesamte Einbürgerung Thomas Manns [wurde] von den Menschen und auf den Wegen ermöglicht […], die zuvor Heinrich Mann die Einbürgerung ermöglicht hatten. […]
Heinrich Manns erste große Vortragsreise im Exil führte ihn im Herbst 1934 ebenfalls in mehrere Städte Tschechiens. Die sozialdemokratische Zeitung ‚Volksfreund‘ schreibt über seinen Votragsabend in Brünn (Brno): ‚Nach dem nicht endenwollenden Schlußbeifall hielt Heinrich Mann noch eine halbe Stunde dem Ansturm der Autogrammsammler beider Geschlechter mit gütigem Lächeln stand.‘
Ja, man kann nur voller Respekt auf die damalige Tschechoslowakische Republik schauen. Sie verdient sogar noch größeren, als diesmal gesagt.“