Auf dem Weg zum Schloss Elisabethenburg, dem Residenzschloss der Sachsen-Meininger Herzöge, passiert man rechterhand einen von außen durchaus hässlichen Bau, der durch Größe und merkwürdige architektonische Formensprache auffällt. Selbst die Meininger Museen, in deren Obhut das Gebäude sich befindet, räumen stillschweigend ein, die ehemalige Reithalle sei „zu keiner Zeit“ ein repräsentativer Bau gewesen. Seit 2000 dient ihnen das vorbildlich sanierte Haus als Theatermuseum. Genaugenommen ist es ein Kulissenmuseum für die Produktionen des legendären Meininger Hoftheaters Herzog Georg II. (1826-1914). Der hatte 1866 nicht nur die Herrschaft im Herzogtum angetreten, sondern gleichzeitig höchstderoselbst die Leitung des Hoftheaters übernommen. Für Meiningen war es, zurückhaltend formuliert, ein Gewinn. Normalerweise gilt, dass eine Stadt ein Theater hat. Hier war es umgekehrt.

Theatermuseum Meiningen. Bühnenbild zu Schiller „Wallensteins Lager. Lager vor Pilsen“ (1909). Foto: Wolfgang Brauer (2025)
Herzog Georg hatte schnell begriffen, dass der kostspielige Betrieb seine Schatulle erheblich überfordert. Er führte das Meininger Theater daher bald wie ein Unternehmen und erkannte natürlich, dass sich mit Gastspielreisen die Einnahmen deutlich steigern ließen. Heute weiß jeder Geschäftsführer, dass sich mit Gastspielen Defizite trefflich ausgleichen lassen. Jedenfalls gastierten „die Meininger“ zwischen 1874 und 1890 81-mal in 38 Städten Europas zwischen London und Moskau, Stockholm und Triest mit insgesamt 2591 in der Regel erfolgreichen Aufführungen! Transportiert wurden Ensemble, Kostüme, Kulissen und sonstiges Equipement mit der Bahn. Bis zu zwanzig Waggons in einem Zug. Das kannte man sonst nur vom großen Zirkus.
Diese unwahrscheinliche Resonanz hatte mit der vom „Theaterherzog“ Georg eingeführten Bühnenpraxis zu tun: absolute Texttreue, möglichst der Dramenzeit entsprechende Kostüme und vor allem die riesigen illusionistischen Bühnenbilder. Manche sagen „naturalistisch“, das ist falsch. Herzog Georg unterwarf das Bühnenbild konsequent den Intentionen der Stückeschreiber. Natürlich so, wie er die verstand. „Naturnah“ sollte es schon erscheinen, aber dem Spiel musste auch bei Georg alles unterworfen sein.

Theaterzettel des Prager Gastspiels der „Meininger“ vom 21. September 1883 // „Wallensteins Lager“ – 2. Holkscher Jäger. Figurine von Georg II. von Sachsen-Weimar. Theatermuseum Meiningen. Fotos: Wolfgang Brauer (2025)
Insgesamt sind 276 illusionistische Theaterdekorationen aus jener Zeit erhalten. Die wurden 1977 durch Zufall beim Umbau des Theaters gefunden und dankenswerterweise nicht entsorgt. Sie bilden den Grundstock des Meininger Theatermuseums. Ein Schatz sondergleichen! Alljährlich wird ein anderes Bühnenbild in einer dem Original so weit wie möglichen Annäherung präsentiert. Mehr gibt die derzeitige räumliche Situation nicht her. Mittels einer klugen Lichtregie und originellem Musikeinsatz erhalten die Besucher tatsächlich einen Eindruck der zeitgenössischen Inszenierungsideen. Man muss sich diesen Museumsinszenierungen ganz aussetzen. Sie sind einfach überwältigend. Der Ausstellungstitel „Zauberwelt der Kulisse“ passt. Es fehlen eigentlich nur die Schauspieler … Was mit Sicherheit kein Fehler ist. Das seinerzeitige Bühnenpathos ist für heutiges Empfinden kaum mehr nachvollziehbar. Ich finde schon die bedeutungsschwangeren Monologe Eduard von Wintersteins grenzwertig.
Derzeit ist das Bühnenbild „Lager vor Pilsen“ der Schiller-Inszenierung „Wallensteins Lager“ aus dem Jahr 1909 zu erleben. Dazu wird Smetanas Bühnenmusik des Stückes eingespielt. In der „Gastspielreisezeit“ der Meininger kam „Wallensteins Lager“ auf 176 Aufführungen. Das aktuell präsentierte Bühnenbild war Bestandteil der Inszenierung, mit der diese Theaterepoche endete. In einer kleinen ergänzenden Ausstellung im „1. Rang“ des Hauses sind u.a. auch die Rollenbücher jener Zeit zu sehen. Handgeschrieben! Das Stück wurde letztmals in dieser Form am 7. Juni 1890 in Odessa gegeben. „Wallensteins Lager“ in Odessa… Die Geschichte macht gelegentlich üble Scherze.

Theatermuseum Meiningen. Handgeschriebene Rollenbücher zu Schillers „Wallensteins Lager“ aus der Zeit Georg II. Foto: Wolfgang Brauer (2025)
Gefertigt wurde das „Lager vor Pilsen“ in Coburg. Im dortigen „Atelier für szenische Bühnenbilder“ der Brüder Brückner ließ Georg II. fast alle Bühnenbilder für sein Theater fertigen. Die Brücknerschen Prospektbildner waren dermaßen qualifiziert, dass selbst der pingelige Richard Wagner für Bayreuth bei ihnen arbeiten ließ. An den Seitenwänden des Ausstellungssaales hängen zwei weitere große Prospekte. Links die „Landschaft am Nil“ zu Paul Heyses Drama „Das verschleierte Bild zu Sais“. Das in der Spielzeit 1901/1902 gegebene Stück fiel beim Meininger Publikum durch. Gegenüber hängt der 10 x 17 m große Prospekt zum 2. Akt / 3. Szene der „Freischütz“-Inszenierung des Theaters Bonn 1993. Entworfen hat ihn der Leipziger Maler Werner Tübke.
Die Entgegensetzung ist spannend – und weist darauf hin, dass es in der Meininger Theatersammlung entschieden mehr zu entdecken gäbe, als derzeit gezeigt werden kann. Es gibt inzwischen sehr konkrete Pläne, im Schloss Elisabethenburg zusammen mit der historischen Reithalle und unter Einbeziehung des derzeit nicht zugänglichen barocken „Riesensaals“ des Schlosses ein „Deutsches Theatermuseum“ einzurichten. Die Meininger Museen können das.

Schloss Elisabethenburg: Die Grüne Bibliothek – ein Raum voller Klänge! Foto: Wolfgang Brauer (2025)
Ein Museumsabschnitt in Schloss Elisabethenburg steht unter dem Titel „Musenhof Meiningen. Zwischen Weimar und Bayreuth“. So überzeugend präsentiert habe ich zum Beispiel Musikgeschichte selten gesehen. Ein opulenter Bundeszuschuss für das neue Theatermuseum gilt als sicher. Es fehlt aber noch eine konkrete Finanzierungszusage des Freistaats Thüringen. Die soll noch im laufenden Jahr kommen – hofft die Stadt Meiningen. Der Stadt und ihren Besuchern ist das nur zu wünschen. Kultur ist wohl derzeit das größte Kapital der Region.
Sicher ist die Meininger Theatertradition immer noch hoch umstritten. Für Brecht war sie ein Graus. Aber Meiningen steht am Anfang des modernen europäischen Theaters – und zumindest in der DDR war die Meininger Bühne neben dem Berliner Ensemble aufgrund seiner intensiven Inszenierungstätigkeit das Brecht-Theater… Und eine Banausen-Metropole wie Berlin wird es wohl nie hinbekommen, ihre eigene faszinierende Theatergeschichte museal dauerhaft aufzubereiten.
Mit dem Gegensatz „Meininger“ – Brecht kokettiert das hiesige Theater noch immer. Seit dem 7. Mai läuft hier in der Inszenierung von Nicolas Charaux Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“. In der 1. Szene des V. Aktes muss sich der Theseus, Herrscher von Athen, entscheiden, welches Stück denn zur Feier seiner Hochzeit mit Hippolyta zur Belustigung der Gäste gegeben werden solle: Zur Auswahl wird ihm auch Brechts „Herr Puntila und sein Knecht Matti“ angeboten. Der „Puntila“ läuft in Meiningen seit dem 18. Januar 2025 in einer wohlteuend entstaubten Inszenierung Andreas Kriegenburgs. Aber für Theseus ist dieses Säuferstück nichts. Das „Sommernachtstraum“-Publikum vom 24. Mai 2025 – ausverkauftes Haus! – fühlte sich offensichtlich von ihm verstanden und applaudierte heftig. Oder es mochte Brecht nicht. Theseus entscheidet sich schließlich für den Vorschlag des Handwerkers Peter Squentz, das Schicksal von Pyramus und Thisbe vorzuführen. Ihm ist die versprochene Kürze des Stückes angenehm. Zudem interessiert ihn die Ankündigung einer tragisch-lustigen Inszenierung, in der am Ende die Hauptfiguren auch noch tot sein sollen…

Staatstheater Meiningen. Programmheft zu „Ein Sommernachtstraum“ (2025). Sammlung W. Brauer
Charaux Inszenierung ist von angenehmer Frische. Das junge, achtköpfige Ensemble hat zwanzig Rollen zu stemmen. Und alle machen das mit Bravour! Lediglich Florian Graf ist auf die Rampensau Zettel reduziert. Das macht er überzeugend. Zu seiner Partie gehört natürlich der von Titania auf das Lotterbett verführte Esel. Bemerkenswert ist auch die Leistung Pauline Glogers, die aus der doofen Nur-Freundin Hermias eine überaus selbstbewusste Helena entwickeln darf.
Natürlich, wir sind immerhin in Meiningen, spielt das Bühnenbild eine eigene Rolle. Der Zauberwald des Theaterherzogs wird zitiert, zeigt uns aber nach der Pause überwiegend seine Rückseite. Eine tolle Idee. „Hier ist etwas umgekippt“, kommentiert Puck eine auf der Bühne herumliegende Baumattrappe. Seit 1856/1857 ist es die 18. „Sommernachtstraum“-Inszenierung der Meininger. Allein Georg II. hat das Traumstück fünfmal inszeniert. Sein Bühnenbild gehört zu den bezaubendsten der erwähnten Sammlung. Es wird wirklich Zeit, dass das neue Museum in die Gänge kommt.
Ausgesprochen verführerisch.
Danke für die Würdigung einer Bühne, allein über deren Überleben – vom hohen Niveau ganz abgesehen – in immer kulturloserer Zeit man glücklich sein darf.
Bernhard Probst