von Reinhard Wengierek
Wie die tollkühnen Lehmann-Brüder aus Bayern in Amerika zu Bank-Bossen wurden: eine wahnwitzige Story, eine Familiensaga, ein Wirtschaftskrimi von Stefano Massini. „Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie“ ist ein Aufreger. Spannend erzählt von den Vaganten in ihrer Studiobühne neben dem Theater des Westens in der Kantstraße. „Ellen Babic“ ist der harmlose Titel einer verstörenden Recherche eines brisanten Falls – ein Psychokrimi von Marius von Mayenburg im Berliner Ensemble. Es geht um Übergriffigkeiten und Abhängigkeiten im bürgerlichen Milieu, um das Verwischen von Täter- und Opferrolle.
EINS: Berliner Ensemble – Verstörende, unklare Beweislage
„Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?“ So fragten trällernd freche Frauen vor hundert Jahren mit gewitztem, schon deutlich emanzipatorisch gemeintem Augenaufschlag. Derartige Fragen haben sich längst erledigt. Wir haben andere: Etwa, ob das Verhältnis fair ist; ob da Machtausübung, Gewalt, gar Missbrauch mitspielen. Fragen, die heutzutage vornehmlich und zu Recht sehr energisch Männern gestellt werden bezüglich Beziehungen zu Frauen oder Kindern. Frauen freilich bleiben da eher außen vor; Minderheiten (Stichwort queer) sowieso.
In seinem neuen Stück „Ellen Babic“ befragt Marius von Mayenburg vornehmlich eine lesbische Frau. Astrid (Bettina Hoppe), erfolgreiche und beliebte Gymnasiallehrerin, lebt seit vielen Jahren offen und allgemein akzeptiert zusammen mit der deutlich jüngeren Klara (Lili Epply), ihrer ehemaligen Schülerin. Eines Abends kommt, korrekt angemeldet, Astrids Vorgesetzter zu Besuch. Es ist Wolfram, der ihr kollegial-freundschaftlich zugeneigte Musiklehrer und Schuldirektor (Tilo Nest). Um „etwas Persönliches“ im privaten Rahmen zu besprechen.
Klara findet das unmöglich. Sie verdammt hinterrücks Wolfram als „großes Arschloch“, der ihr einst als Pädagoge unprofessionell und als Schöngeist vermeintlich ungebührlich zu Nahe trat.
Nach anfänglich befremdlichem Geplänkel zwischen Astrid und Wolfram, man mag das als alberne, mit Weißwein beförderte Lockerungsübung abtun, spitzt sich die Lage schnell zu: Wolfram konfrontiert Astrid mit der Elternbeschwerde ihrer Schülerin namens Ellen Babic. Erst nach einigem Hin und Her legt Astrid alle Vorwürfe bestreitend offen: Ja, auf der mehrtägigen Klassenfahrt kam es nachts zu einem Besäufnis (wie das so geht bei Sechzehnjährigen). Ellen lag betrunken am Boden, erbrach sich, sie habe sich um sie gekümmert, auf ihr Zimmer in ihr Bett gebracht. Sie selbst habe – selbstverständlich! – auf dem Sofa geschlafen. Am nächsten Morgen sei alles okay gewesen.
Doch Ellens Vater hat Astrid beim Direktor angezeigt: Wegen Missbrauchs der minderjährigen Schutzbefohlenen nach Eingabe von KO-Tropfen. Astrids Vernichtung – beruflich wie moralisch – wäre die Folge von Wolframs immerhin zwingender Meldung an die Behörden. Was tun, fragt er entnervt, der gerade in Begriff war, Astrid zu seiner Nachfolgerin als Schulleiterin vorzuschlagen. Er wolle im Ruhestand fortan nur noch Musik machen. In seiner Kirchgemeinde als Organist.
So steht nun der schwere Vorwurf, stehen Aussage gegen Aussage im Raum. Hinzu kommt Wolframs belastender, freilich unbewiesene Verdacht, Astrid habe die damals minderjährige Klara verführt.
Doch da packt Astrid aus. Sie droht mit einer akribisch geführten, juristisch belastbaren Dokumentation, die Wolframs jahrelanges übergriffiges Verhalten ihr gegenüber auflistet. Wolfram, alleinstehend, unverheiratet, fällt aus allen Wolken und bestreitet alles. Das sei immer rein liebevoll-freundschaftlich gewesen. – Vielleicht aber auch nur, um von seiner – das schwebt im Raum – verklemmten Homosexualität abzulenken (großes Fragezeichen).
Die Gemengelage aus Schuldzuweisungen, Rechtfertigungen, Verdrängungen, Vertrauensverlusten, einander Erkennen und Verkennen wird im Verlauf der rhetorischen Kampfgewitter immer unübersichtlicher. Erst recht, als Astrid nach Wolframs verzweifelt-wütendem Abgang Klara gesteht, ihr Me-Too-Verzeichnis existiere überhaupt nicht. Eine Lüge als Waffe zur Selbstverteidigung – Klara reagiert kopfschüttelnd und verlässt – ob für immer? – Astrid.
Mayenburgs so lebensecht mit geschliffenen Dialogen geführte Redeschlacht inszeniert Oliver Reese mit souveräner Zurückhaltung ganz im Vertrauen auf die furiose Könnerschaft des grandiosen Trios – es zählt zum Besten der Stadt. Die drei agieren, der Regisseur nennt sie bewundernd „Überzeugungsschauspieler“, in einem leicht versenkten Viereck (Bühne: Janina Kuhlmann). Es markiert das Wohnzimmer der Frauen, die geschlossene Kammer für das ausweglose packende Psychospiel.
Denn die unvollkommen ausgeräumten Verdächtigungen, das vielfach Unausgesprochene, Unbeantwortete – am Ende stehen sämtliche bisherige Gewissheiten auf der Kippe; ist alles verschoben und unklarer denn je. Nun traut keiner, traut keine mehr einander. Lauter unglücklich Verzweifelte.
Wer da noch immer auf eine knallige Schlusspointe lauert mit Ansage, wer hier Opfer ist und wer Täter, der wird enttäuscht. Und darf auf dem Nach-Hause-Weg weiterhin stochern im Nebel der in solchen Fällen notorisch unklaren Beweislage. Auch eine Art Nachhaltigkeit des Theaters.
Wieder am 17. Mai.
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ZWEI: Die Vaganten – Vom Bayern-Stadel an die Wallstreet

Vagantenbühne Berlin – Stefano Massini: „Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie“ (Regie: Lars Georg Vogel). Foto: Vagantenbühne © Laurin Gutwin
„Lehman Brothers“ – der Begriff klang damals, gut ein Jahrzehnt ist’s her, beinahe wie „Weltuntergang“. Brachte doch die Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, der bis dato größte Konkursfall in den Vereinigten Staaten, anno 2008 die Weltwirtschaft an den Rand des Abgrunds. Seither gilt „Lehman Brothers“ als Schreckenssymbol menschlicher Hybris.
2015 wurde in Paris ein Theaterstück des italienischen Dramatikers Stefano Massini uraufgeführt, das alsbald in ganz Europa reüssierte. Sein Schock-Titel: „Lehman Brothers“. – Es spricht für die Findigkeit von Regisseur Lars Georg Vogel, „L.B.“ in die Hauptstadt geholt zu haben. Außerdem passt es bestens zu diesem anspruchsvoll auf zeitgenössische Dramatik orientierten, öffentlich gestützten Privattheater.
Stefano Massini, Jahrgang 1975, künstlerischer Berater am Piccolo Teatro Mailand, gilt als einer der maßgeblichen neuen Autoren Italiens. Schon der vollständige Titel „Lehman Brothers. Aufstieg und Fall einer Dynastie“ zeigt an, es geht Massimo in seinem opulenten, märchenhaft gestrickten Script von 250 (!) Seiten – Kompaktfassung vom Regisseur Lars Georg Vogel – nicht sonderlich ums Ökonomische, nicht um den schier unglaublichen Wirtschaftskrimi, sondern um die schier ebenso unglaubliche Familiengeschichte der Lehmans über drei Generationen und eineinhalb Jahrhunderte hinweg. Zwar touchiert der Autor die Berührungen dieser Bank zur Geschichte des amerikanischen Kontinents wie der Welt, dennoch hätte die ansonsten starke, sonderlich im Schauspielerischen intensive Inszenierung dieser epochalen Familiensaga das Politische deutlicher akzentuieren können.
Wir sind im Jahr 1844, als drei Brüder eines jüdischen Viehhändlers im bayerischen Nest Rimpach auswandern, um im weiten südlichen Westen ihr gelobtes Land zu finden. Hayum, Mendel und Maier Lehmann, die sich nun Henry, Emanuel und Mayer Lehman nennen, können gut mit Zahlen, sind enorm kommunikativ, höchst intelligent, mutig, ehrgeizig, lernen schnell Englisch und starten in Alabama als Tuchhändler. Dort stricken sie ein weitverzweigtes Netzwerk im Baumwollhandel: Kaufen und mit hohen Profitraten weiterverkaufen, so geht das. Doch allmählich rückt der Warenhandel zurück zugunsten des Geldhandels. Mit den Gewinnen wird über die Generationen hinweg investiert in Kaffee, Kohle, Erdöl, den Bau von Eisenbahnen und Autos, sogar in die Filmindustrie. Schließlich gründen Lehmans eine Bank und finanzieren so ziemlich alle, die Geld brauchen, darunter auch Regierungen, die Kriege führen. Grundsätzlich gilt das Motto: Nichts bringt mehr Geld als das Geld.
Philip Lehman, Emanuels Sohn, bringt das Familien-, Banker- und Spekulantenleben auf den Punkt: „Ich will das Leben nutzen. Mit einer Zahlenreihe vor dem Komma, nicht dahinter.“ – Freilich, gut Geld verdienen wollen alle. Und die letztlich unheilige Allianz von Geld und Gier treibt nicht nur Banker, nicht nur jüdische Banker um, sondern – mit Verlaub! – so gut wie jeden. Eine Tatsache, die der Autor in seinem geschickt als Parabel gebauten Stück, das zahlreiche Momente des speziell Jüdischen (Religion, Bräuche) enthält, nicht weiter diskutiert.
Immerhin, die Regie drängt religiöses Brauchtum weitgehend zurück. Sie stellt aber auch Stefano Massinis historischen Bilderbogen nicht sonderlich aus (Sklavenhandel, Sezessionskrieg, Börsencrash 1929, Zweiter Weltkrieg, Mc-Carthy-Ära, Vietnam). Sie rückt vielmehr die bloße Familienstory ins zeitlos Abstrakte; pointiert mithin den allgemeinmenschlichen Wahnwitz. Widerspricht also womöglich unsäglichen Assoziationen, allein „die Juden“ seien brutal profitgierig und stürzten letztlich die Welt ins Verderben. Übrigens, die Lehman-Family hatte längst alle ihre Anteile verkauft, als die Lehman-Bank in die Katastrophe und die Geldwelt ins Chaos stürzte.
Eigentlich steckt in dem Ganzen eine veritable Schauspieloper. Ein kleines Welttheater einschließlich saftiger Geschichtslektion. Aufs opulent Anschauliche (die Videoschnipsel von Stella Schimmele machen da nicht viel her) sowie aufs dezidiert Belehrende verzichtet – eigentlich schade – Vogels minimalistische Inszenierung. Dafür triumphiert vitale Schauspielkunst! Das Herrentrio in Jeans und mit Cowboy-Hut – Andreas Klopp, Urs Stämpfli, Joachim Villegas – schlüpft in Windeseile (Tempo, Tempo!) in die verschiedensten Figuren der Lehman-Familie. Mitreißend, teils amüsant, teils erschreckend.
Wieder am 8. und 9. Mai.