Manfred Jendryschiks doppelter Blick

von Ulrich Kaufmann

Der 1943 geborene Jendryschik starb am18. Juni 2025 – mit 82 Jahren. Sein letztes Buch „Deckweiß für alle!“ konnte er nicht mehr in den Händen halten. Im Titel bezieht er sich auf den ersten Blick auf ein Arbeitsmaterial bildender Künstler. Jendryschik hat für seine Notizen neben den Literaten für tatsächlich auch bildende Künstler und Musiker in den Blick genommen.

Dessau, seine Geburtsstadt, blieb ihm immer wichtig. Hier besuchte er den Zirkel schreibender Arbeiter, leitete später selbst Literaturkurse. Nach dem Abitur war er als Transportarbeiter und Buchhändler tätig. Im Anschluss an das Germanistik- und Kunstgeschichtsstudium (1962-1967) arbeitete Jendryschik als Lektor beim Mitteldeutschen Verlag und war seit 1976 als Schriftsteller freischaffend tätig. 1990 übernahm er in Dessau das Amt des Kulturdezernenten, das er bis 1996 ausübte.

Seit 1967 hat Jendryschick 30 Bücher veröffentlicht – darunter „Johanna oder die Wege des Dr. Kanuga“ und (nach einer Westreise) „Zwischen New York und Honolulu“.

Der Autor schreibt in „Deckweiss für alle!“ wenig über sein Werk, sondern vor allem über seinen Beruf als Lektor – namentlich im Mitteldeutschen Verlag. Unter anderem hat er über Jahrzehnte das Werk Erich Loests begleitet. Als Autor und Lektor kannte er die Literatur der DDR so genau wie nur wenige.

Jendryschik kann plastisch erzählen, Bücher loben, aber auch kräftig austeilen. Nicht wenige seiner Beiträge beschäftigen sich mit der Rolle der Staatssicherheit im Kulturbetrieb. Die „hiesige Bevölkerung“ (im Hallenser und Leipziger Raum) wurde so intensiv bespitzelt, dass rund 1,8 km Stasiakten die Regale sprengten. „Welche Kraftverschwendung von Zeit, Geld und Leben“, welche „Vergeudung von Volkseigentum“, fragt der Autor. „Gewiss ist, auch, daran das Land zugrunde gegangen.“

Mitarbeiter in den oberen Etagen der Verlage und Ministerien werden vom Autor hart attackiert und nicht selten mit Klarnamen genannt. Kollegen wie Kant, Hacks und Neutsch kommen eher schlecht weg. Das schönste Denkmal erhält der früh verstorbene Dichter Johannes Bobrowski. Auch dem Poeten und Mentor Georg Maurer ist ein warmherziges literarisches Porträt gewidmet.

Jendryschiks Buch ist so wertvoll, weil es auch Autoren aus der „zweiten Reihe“ betrachtet und vor allem an ältere, längst verstorbene Schriftsteller wie Trude Richter, Hans Lorbeer und Jan Koplowitz erinnert. Die schönste Anekdote aber ist dem Bachmann-Preisträger Uwe Saeger vorbehalten: „Die unerhörte Begebenheit“.

Auch der erfolgreiche und offenkundig gutbetuchte Komödienschreiber Rudi Strahl wird nicht vergessen. Der fuhr vormals mit seinem Volvo oft zu seinem abgelegenen Bungalow. Die letzte Wegstrecke war eine Buckelpiste. Um sein Schmuckstück zu schonen, stieg der Dramatiker zur letzten Etappe in eine „robuste Ost-Pappe“ um.

Jendryschik hat den vier Kapiteln seines Buches jeweils ein Motto vorangestellt. Gleich zu Beginn ist zu lesen: „Na, ja. der Sozialismus – schön und gut, aber muss er ausgerechnet an uns ausprobiert werden?“ Diese Worte soll 1981 ein Buna-Arbeiter gesprochen haben. Der dritte Block ist vor allem der Arbeitswelt vorbehalten. Hier ist auch der – allerdings längst bekannte – Text „Dokument“ abgedruckt, in dem der Rat des Bezirkes Erfurt im November 1971 dem Weimarer Dichter Wulf Kirsten mitteilt, dass es „Privatpersonen nicht gestattet“ sei, „eigenmächtig Gedichte zu verfassen und zu popularisieren.“

Manfred Jendryschik: Deckweiss für alle! Oder: Eine plötzliche Liebe mit Hintergedanken. Anekdoten und Verwandtes aus der DDR-Kulturwelt, Mitteldeutscher Verlag, Halle 2025, 253 Seiten, 24,00 Euro.

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