„Man konnte doch nicht anders!“ -Fund-Stücke im Berliner Bühnenbetrieb (18)

von Reinhard Wengierek

Mittäter oder Mittläufer im Nationalsozialismus – die Grenzen sind fließend. Die Schuld bleibt.  Dokumentarisch grundiert befassen sich mit diesem Thema zwei ganz unterschiedliche Theaterstücke. Das so innovative Kleine Theater am Südwestkorso zeigt die Geschichte einer Freundschaft, die am Opportunismus des einen zerbricht und bittere Folgen zeitigt („Empfänger unbekannt“); im Schlossparktheater erzählt Brigitte Grothum die theatralisch von Christopher Hampton aufbereitete Geschichte der Goebbels-Sekretärin Brunhilde Pomsel, die 2017 im Alter von 105 Jahren verstarb („Ein deutsches Leben“). Zwei zutiefst beeindruckende, bestürzende und nicht zuletzt, sagen wir, lehrreiche Wiederaufnahmen.

EINS: Kleines Theater – Ideologie zerstört Menschen

Max und Martin: zwei gute Freunde. Zwei beste, zwei allerbeste. Und obendrein erfolgreiche Geschäftspartner: Kunsthandel in Kalifornien. Ihre vom Deutschen Martin Schulze und vom Amerikaner Max Eisenstein gemeinsam geführte US-Firma wirft jede Menge Dollars ab, die der vornehmlich jüdisch geprägte Westküsten-Geld- und Geistesadel gern für moderne Kunst ausgibt.


Kleines Theater am Südwestkorso: Kathrine Kressmann Taylor „Empfänger unbekannt (Adress Unknown)“ (Regie: Boris von Poser) – Szene mit Paul Walther und Jonas Laux. Foto: Kleines Theater © Joern Hartmann

Soweit die Ausgangslage im Roman „Adress unknown“, den die amerikanische Journalistin Kathrin Kressman Taylor (1901-1996) in ihre Smith-Corona-Schreibmaschine tippte. Im September anno 1938 erschienen bei Simon & Schuster, machte er die Autorin quasi über Nacht berühmt. „Taylor – die Frau, die Amerika erschüttert“, titelten die Medien.

1944 folgte eine Verfilmung des Briefromans, der die (fiktive) Korrespondenz der beiden Männer sowie den durch nationalsozialistischen Wahn grauenvoll herbeigeführten Bruch dieser Freundschaft in atemberaubender Präzision schildert. Da kippt nämlich geradezu unheimlich das einst Allerbeste ins Schlimmstmögliche; das Schöne und Gute ins Hässliche und Böse. Nach dem Zweiten Weltkrieg geriet der packende Text erstaunlicherweise (oder gerade nicht erstaunlicherweise) in Vergessenheit. Erst ein Halbjahrhundert später wurde er wiederentdeckt und übersetzt in mehr als zwanzig Sprachen.

Es spricht für das literarische wie politische Gespür des Kleinen Theaters, Kressman Taylors Geschichte einer zwischenmenschlichen Zerstörung durch demagogische Ideologie auf die Bühne gebracht zu haben (Übersetzung: Heidi Zerning).

Die horrible Sache zwischen dem kalifornischen Juden Max Eisenstein (Paul Walther) und seinem deutschen Partner Martin Schulze (Jonas Lux) ist, dass sein langjähriger Partner 1932 nach Bayern zurückkehrt und dort Zug um Zug zum blindwütigen Nazi wird: Endlich sei Schluss mit dem geschwätzigen Liberalismus; der neue Reichskanzler ein Schwert der Tat, eine Lichtgestalt, ja ein Engel, der das verzweifelt darniederliegende Volk aufrichte, ihm endlich Optimismus und Zukunft gebe. Dabei störe allein das Judenvolk, dieses Eitergeschwür am deutschen Wirtsvolk.

Das schreibt er an Freund Max nach Kalifornien – der aber solle das bitte nicht persönlich nehmen. Max freilich sieht das sehr anders, überweist jedoch brav die Gewinnanteile der noch gemeinsamen Firma nach Bayern; versucht krampfhaft, die Freundschaft brieflich zu retten. Da seine Post zensiert wird, lehnt Martin weiteren Postverkehr ab. Nur die Dollars sollen – heimlich, anonymisiert – weiter fließen.

Wie elend und erniedrigend. Doch es kommt schlimmer: Max hat eine Schwester, eine längst verflossene Liebe von Martin. Eine Schauspielerin, zunächst in Wien lebend, dann aber endlich ein Engagement im Theater der Reichshauptstadt antretend. Und prompt der beginnenden Judenverfolgung zum Opfer fallend. Max bittet Martin, ihr zu helfen, ihr Unterschlupf zu gewähren. Doch der weist sie ab, als die Verfolgte vor seiner Tür steht. Der angepasste Mitläufer und Karrierist hat Angst. „Wer Juden hilft, kommt ins KZ und darin um. Da kann man nichts machen.“ Er weiß auch, SS-Schergen werden die Frau fangen. Alle Briefe, mit denen Max aus der Ferne versucht, die Schwester zu erreichen oder ihren Verbleib zu erforschen, kommen zurück: „Empfänger unbekannt“.

Fortan schickt Max Telegramme und Geschäftsbriefe „kompromittierenden“ Inhalts an Nazi-Schulze („Die mosaische Gemeinde wünscht Dir alles Gute!“). Die Gestapo soll mitlesen! Ein Akt verzweifelter und wütender Rache. Seine Briefe kommen eines Tages zurück nach Amerika:  Im Klartext: Martin ist vom Nazi-System vernichtet.

Was für ein Stück Zeitgeschichte, wenngleich in fiktiver Form. Schockiert, aber auch gebannt, erleben wir in diesem stringent aufgerollten Drama, wie ein bürgerlicher Intellektueller Schritt für Schritt in die giftige Blase menschenzerstörerischen Gedankenguts hineingerät, es kritiklos verinnerlicht. Wobei eventuell schwelende Gewissensbisse opportunistisch beruhigt werden mit der Verantwortung für Familie und Wohlergehen. „Man musste! Man konnte nicht anders!“

Ein großartiger, von Boris von Poser schnörkellos inszenierter, von den beiden Schauspielern konzentriert gespielter Theaterabend. Beklemmend. Bestürzend. Aufklärerisch. Und so unendlich traurig. Bravo, Kleines Theater!

Kleines Theater am Südwestkorso Berlin: „Empfänger unbekannt (Adress unknown)“ – Wieder am 18. und 19. März.

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ZWEI: Schlossparktheater – Auch das ist ein deutsches Leben. Nicht böse, bloß blind und dumm

Brunhilde Pomsel war drei Jahre lang Sekretärin von Joseph Goebbels und war 105 Jahre alt, als sie 2017 starb. Noch drei Jahre vor ihrem Tod gab die Berlinerin dem britischen Autor Christopher Hampton, Jahrgang 1946, ein ausführliches Interview.

Anschaulich erzählte da die Hochbetagte von ihrer Kindheit im Stadtteil Südende mit den vier jüngeren Geschwistern im Ersten Weltkrieg, vom Vater, der sich als Tapezierer und Dekorateur durchschlägt, von der Schule, in der sie glänzte, die sie aber (bei fünf Kindern war das Geld knapp) schon mit 15 Jahren verlassen musste. Sie kam als Volontärin in einem Kaufhaus unter, lernte Steno und Maschine, arbeitete in einer (jüdischen) Anwaltskanzlei, ging fleißig Feiern und Tanzen, hatte einen Freund in der NSDAP, der sie als Stenotypistin im Reichsrundfunk in der Masurenallee vermittelte. Durch Zufall kam sie 1942 ins Sekretariat von Reichspropagandaminister Dr. Goebbels; nicht ohne zuvor schnell noch in die NSDAP einzutreten, „man musste doch…“. Und dort blieb sie, bis die Russen kamen, die sie – nach ihrer Meinung unbegreiflicherweise und zu Unrecht – erst in Buchenwald und dann in Sachsenhausen für fünf Jahre einsperrten. – Übrigens, sehr viel später wurde Pomsel Chefsekretärin bei der ARD.

Sie sei ja, beteuerte sie vehement, „bloß“ Schreibkraft gewesen; für Politik habe sie sich nie auch nur im Entferntesten interessiert. Sie habe unbeschwert, verliebt und inzwischen gutsituiert ihr Leben genossen „im damals wunderschönen Berlin in einer wunderschönen Zeit“. Von Konzentrationslagern oder Judenverfolgung habe „man“ zwar entfernt gehört, es aber als notwendig oder harmlos beiseitegeschoben. Und Goebbels, den sie ja alle „wie ein Naturereignis, wie Jesus“ bewunderten, der hätte sich ohnehin nur für feine Damen und Filmschauspielerinnen interessiert (er gab sogar ein Festessen für seine Schreibmädels auf Schwanenwerder). Für den Doktor „waren wir aber doch nichts weiter als Mobiliar“. – Ja, die Sportpalast-Rede, die sei unschön gewesen mit dem schrecklichen Heil-Gebrüll. Aber sonst war eben alles „schön“. Und Frau Goebbels habe ihr sogar, als die Familie in Südende ausgebombt wurde, noch im Bunker zum Trost aus ihrem Kleiderschrank „ein herrliches blaues Seidenkostüm“ geschenkt.

Das alles erzählte „Pomselchen“, wie gesagt sieben Jahrzehnte später, ihrem englischen Interviewer, der daraus einen so eindrucksvollen wie aufschlussreichen Monolog fasste. Hamptons Stück „Ein deutsches Leben“ wurde im vorvergangenen Jahr in London mit großem Erfolg uraufgeführt. Die deutschsprachige Erstaufführung in der Übersetzung von Sabine Pribil war kurz vorm Lockdown im Schlosspark unter der feinfühligen Regie Philip Tiedemanns mit Brigitte Grothum.


Schlossparktheater: Christopher Hampton „Ein deutsches Leben“ (Regie: Philip Tiedemann) – Brigitte Grothum. Foto: Schlossparktheater © DERDEHMEL/Urbschat

Der beklemmende Abend besticht durch das genaue Einfühlen in dieses Menschenleben unterm „glückselig machenden“ Hakenkreuz, durchs unaufgeregte Lebendig-Machen dieser Paradefigur deutschen Sich-blind-Stellens, Nicht-wissen-Wollens und Verdrängens und womöglich bewussten oder unbewussten Lügens. Ein Triumph der Brigitte Grothum.

Diesen Kraftakt an Intensität und Konzentration in siebzig Minuten – keine Innenschau der NS-Machtstaates, sondern ein Schlaglicht auf einen Durchschnittsmenschen dieser Zeit – das alles meistert die Grothum mit bewundernswerter Souveränität und Leichtigkeit. „Wir haben nichts wissen wollen, und die was wussten, haben geschwiegen“, sagt die Pomsel und erschrickt sich im Nachhinein selbst ein klein bisschen darüber. Aber eben höchstens ein klein bisschen.

Ansonsten sind die Erinnerungen der Zeitzeugin (!) an Diktatur und Krieg („Ja, nach Stalingrad wurde alles strenger.“) überstrahlt (oder verstrahlt) vom ach so guten Leben im an- und aufregenden NS-Berlin. Auch das ist Zeitzeugenschaft. Sogar bei ihrer Schreibarbeit im Zentrum des Machtapparats, in einer Zentrale des Verbrechens („zuletzt gab es nur noch Spargel und Wein“), da sei ihr nichts Besonderes aufgefallen. – Ist das nun typisch deutsch? Oder typisch Mensch? Jedenfalls ist es unglaublich.

Ein Phänomen, das Brigitte Grothum zwingend nacherlebbar macht. Zwar äußerlich beherrscht und ohne denunziatorische Zwischentöne, doch an den bizarrsten Punkten der Pomsel-Rede spürt man schon das innere Entsetzen und die Wut der Schauspielerin über ihre Figur. – Gerade diese kunstvolle Mischung aus Empathie und Distanz macht die Aufführung so bestürzend. Und zu einer angesichts gegenwärtiger Umstände geradezu unheimlichen Warnung an das gebannte Publikum, nicht auch (wieder) zu einer „blinden und dummen“ Mitläuferin wie Brunhilde Pomsel zu werden. Der Abend fügt sich zu einem unvergesslichen Menetekel vor einem solchen deutschen Leben, vor einer wieder ausbrechenden „Pomselei“.

Schlossparktheater Berlin: „Ein deutsches Leben“ – wieder am 18.April, 23. Mai und 27. Juni.

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