Malen „rücksichtslos und geradeaus“ – Zum 150. Geburtstag von Paula Modersohn-Becker am 8. Februar 2026

von Klaus Hammer

Sie ist die wohl wichtigste deutsche Malerin des 20. Jahrhunderts, wurde aber erst nach ihrem Tod 1907 als bedeutende Wegbereiterin der Moderne entdeckt. Paula Modersohn-Becker ist nur 31 Jahre alt geworden, hat aber in knapp 10 Jahren über 700 Gemälde und etwa 1500 Zeichnungen geschaffen. Ein erstaunliches, aber nicht abgeschlossenes Werk, gleichsam ein aus beständigem An-sich-selbst-Arbeiten hervorgegangenes großes Experiment. Während ihr Ehemann Otto Modersohn zeitlebens ein genuiner Landschaftsmaler blieb, orientierte sich Paula Modersohn-Becker, die „rücksichtslos geradeaus malende“ Künstlerin, wie Rilke sie nannte, weniger am Naturvorbild, sondern vielmehr an der Kunst, die sie bei ihren mehrfachen Aufenthalten in Paris verarbeitete. Die Vielfalt der Anregungen reicht von den frühchristlichen Mumienporträts über die Werke der Renaissance bis hin zu japanischen Farbholzschnitten und den Meistern der französischen Avantgarde wie Cézanne, Gauguin oder Maurice Denis. In Worpswede, der Moorregion mit den ständig wechselnden Farbreizen der Natur, hatte sie sich der Landschaftsmalerei gewidmet, aber „in der Ferne glüht, leuchtet Paris“. Zwischen diesen beiden Orten, die nicht unterschiedlicher sein können – Worpswede als Ort des Authentischen und Ursprünglichen, Nicht-Urbanen und Paris als damalige Welthauptstadt der Kunst und eigentlicher Ort der Moderne – tendiert ihr Werk.


Clara Westhoff: Porträt Paula Becker (1899) – Kunsthalle Bremen, die Büste steht in den Wallanlagen hinter dem Museum.
Foto: W. Brauer (2014)

Eine tiefe Einfühlung in die soziale Situation und persönliche Befindlichkeit ihrer Modelle verbindet die frühen Bildnisse in ihrer schweren und ernsten Form mit ihren mittleren und späten Gemälden, die Kinder und Erwachsene aus ihrem Umkreis, aus der bäuerlichen Umgebung in Worpswede darstellen. Ihre Vorgehensweise radikaler Vereinfachung hat sie von der Skizze auf das Gemälde übertragen: Ihr geht es nicht um einen vermeintlich unmittelbaren Sinneseindruck, sondern um die Erkenntnis einer dem Motiv innewohnenden Struktur und Farbwertigkeit, die auf ein Allgemeingültiges, Vollkommenes abzielt. Ihre Porträts vereinigen das Monumentale mit dem Individuellen. Ganzfigurig betonen sie die Würde des Einzelnen. Es sind großformatige Figuren-Bilder schwerer und ernster Form. Die Gesichter können zu ergreifenden Seelenlandschaften werden. Menschen am Rande der Existenz, gebeugt durch ihr Schicksal und dennoch mit einer Spur von Lebenswillen und derber Würde.


Kinderbildnis. Mieke Vogeler (1902) – Worpswede, Haus am Schluh.
Foto: W. Brauer

Bei ihren späteren Mutter-Kind-Darstellungen rückt sie die mächtigen Gestalten ein wenig ab, sie sind ganz bei sich in stiller Ruhe – ein Bilddokument der Mütterlichkeit. Die kräftig dichten, materiell wirkenden, anfangs dunklen, später hell leuchtenden Farben teilen die Figurenbilder mit ihren Landschaften und Stillleben. Auch hier bestimmen straff die Formen umgreifenden Konturen und eine feste Bildordnung, ganz gleich, ob die Dinge auf den Stillleben dicht oder locker gereiht sind. Sie erlangen dadurch eine elementare Kraft, die Monumentalität und Lebendigkeit, Zartheit der Empfindung und Entschiedenheit des Ausdrucks vereint.

Das „Brustbild eines Mädchens mit Schleier“ (um 1901) gibt eine von einem transparenten Schleier verhüllte junge Frau im Silhouetten-Profil vor von Bäumen beschatteten hellen Hintergrund wieder. Man muss mehr erahnen, was in deren Seele vorgehen könnte. Das „Selbstbildnis mit Blume“ (1907) ist dagegen en face, also frontal dargestellt. Die Malweise ist summarisch, fast skizzenhaft, die Farben sind in dicken, fast pastosen Pinselstrichen aufgebracht und ergeben erst im Auge des Betrachters den Gesamteindruck. In der „Sitzenden Bäuerin mit Kind auf dem Schoß“ (1903) hat die Malerin durch furioses Kratzen mit dem Pinselstiel in der frischen Farbe das Motiv – Mutter mit Kind – förmlich ausgekratzt. Das Gesehene wird von allem Zeitgebundenen befreit, die Mutter aus Worpswede wird zur „Gottesmutter“, deren Körper mit den Konturlinien des Kindes verschmilzt. Fast immer bettet die Malerin die Figuren in Landschaften oder Naturausschnitte ein, verbindet sie mit Bäumen und Tieren wie den „Sitzenden Jungen mit Apfel in den Händen“ (1904), der ein wenig bang, aber doch erwartungsvoll in die Welt schaut. Dagegen lässt die Verflechtung von Mensch und Natur in „Zwei Kinder zwischen Birken“ (um 1904) die fast märchenhafte Harmonie von Kind und Baum erst entstehen.


links: „Selbstbildnis mit Blume“ (1907), Privatbesitz Bremen; rechts: „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ (1906), Paula-Modersohn-Becker-Museum Bremen. Fotos: Sammlung W. Brauer

Ihr „Selbstbildnis am 6. Hochzeitstag“ (1906) – es zeigt sie im schwangeren Zustand – ist als erster weiblicher Selbstakt in die Kunstgeschichte eingegangen. Es geht ihr in den weiblichen Akten nicht um die Verführungskraft des weiblichen Körpers, sie entbehren des sogenannten „männlichen Blickes“. In ihrer Natürlichkeit, Ehrlichkeit, ja auch Ungeschöntheit, sind sie Auseinandersetzungen der Malerin mit der eigenen Weiblichkeit. Der nackte menschliche Körper ist Ausdruck einer natürlichen Menschlichkeit. Nackt kann man nichts verbergen, man zeigt sein wahres Selbst. Die französische Frauenrechtlerin Simone de Beauvoir hat in „Das andere Geschlecht“ (1949) geschrieben: „Man kommt nicht als Frau auf die Welt, man wird es“. Diesen Prozess des „Werdens“ hat Paula Modersohn-Becker im Blick. Die weiblichen Akte stehen, sitzen, liegen, sie halten eine Blume in der Hand, haben ein Kind im Arm, schauen den Betrachter direkt an, fragend, forschend, schirmen sich mit maskenhaftem Antlitz ab oder sind in Gedanken mit sich selbst versunken. Die Nacktheit ist nicht nur Ausdruck einer neuen Art des Aktes, sondern sie symbolisiert eben auch das wahre Ich.

Paula Modersohn-Becker wollte das Bild als Fläche und nicht als imaginierten Tiefenraum verstehen. Die Farbe dient nicht einer Illusionierung von Realität, sondern wird in geordneten Farbfeldern nebeneinandergesetzt. Damit wird die Zweidimensionalität der Bildfläche betont. Im Stillleben, in Kompositionen und Arrangements zwischen Einfachheit und Festlichkeit entdeckte sie eine neue Herausforderung für sich. Sie schildert den visuellen Reiz der Dinge, die sie zu fein austarierten Tableaus arrangiert. Bilder, die die Synthese ihres Lebens markieren, in denen die Kraft, Farbe und Monumentalität der Pariser Zeit sich mit der Ursprünglichkeit und Ruhe Worpswedes verbinden.

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Zu Paula Modersohn-Beckers 150. Geburtstag finden Ausstellungen statt, die neue Akzente setzen und den Blick auf ihr Gesamtwerk erweitern sollen: Albertinum Dresden: Paula Modersohn-Becker und Edvard Munch. Die großen Fragen des Lebens (8. Februar-31. Mai 2026) – Paula-Modersohn-Becker Museum Bremen: Becoming Paula (8. Februar-6. September 2026) – Worpsweder Museen: Impuls Paula (7. Februar-1. November 2026).

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