Machen „große Männer“ Geschichte?

von Stephan Wohanka

Der Historiker Heinrich von Treitschke meinte zu wissen: „Große Männer machen Geschichte“. Sind Tyrannen, Ignoranten, Idealisten, Narzissten und Rebellen, die „Geschichte machen“, auch „große Männer?“


François Gérard (1770-1837): Napoleon im Krönungsornat (1805). Der Kaiser schenkte dieses Bild gern mehr oder weniger befreundeten Monarchen. Foto: Sammlung W. Brauer.

Die Geschichte des Sozialismus führt präzise in das Thema ein; wurden doch gerade in den diesem System zugehörigen Ländern die „großen Männer“ (es waren ausschließlich Männer!) als gottgleiche „Schöpfer“ des historischen Fortschritts in den Himmel gehoben. Diese „Personenkult“ genannte politische Praxis wurde kritisiert, ohne jemals als solche wirklich aufgehoben worden zu sein. Was umso verwunderlicher ist, denn das marxistisch-leninistische Geschichtsbild geht von gesellschaftlichen Strukturen aus; man denke nur an die Analyse des deutschen Nationalsozialismus, der gerade nicht mit dem „Wirken“ eines Hitler, eines „Führerkultes“ erklärt wird, sondern den Faschismus als geschichtsnotwendige Phase, als „offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals“ (Georgi Dimitrov) beschreibt.

Heutige „große Männer“ (desgleichen ausschließlich Männer) heißen Donald Trump, Wladimir Putin, Xi Jinping. Wenn ihre Aura heute nicht mehr als Personenkult im obigen Sinne beschrieben wird, so werden jedoch auch sie von einer in der weiten Welt als übermäßig empfundene Heroisierung und Glorifizierung oder moderner – einem Starkult getragen. Sind tatsächlich die „großen Männer“ Träger der Geschichte?

Unstrittig ist, dass historische Taten in vielen Fällen mit Namen verbunden werden; so steht für die europäische Entdeckung Amerikas der Name des Christoph Kolumbus, für die Reformation der Name Martin Luthers, für die russische Oktoberrevolution der Wladimir Lenins. Tatsächlich bedurfte es der Genannten und anderer, um der jeweiligen Entdeckung, Erkenntnis oder Machteroberung den entsprechenden Durchbruch in Gesellschaft, Religion und Wissenschaft zu sichern. Aber war ein Luther die eigentliche Ursache für das Zustandekommen der Reformation, ein Lenin für das der Oktoberrevolution?

Auch Hegel hatte vom Verhältnis der „großen Männer“ und der Geschichte eine konkrete Vorstellung: „Der große Mann des Zeitalters ist der, der den Willen seines Zeitalters in Wörter setzen kann, seinem Zeitalter sagt, was sein Wille ist und es verwirklicht. Was er tut, ist das Herz und die Essenz seines Zeitalters, er aktualisiert seine Zeit“. Der große Mann ist also mit anderen Worten „Kind“ seines „Zeitalters“, er kann zwar dessen „Willen in Wörter setzen“; diesen aber nicht selbst hervorbringen! Seine unbestritten aktive Rolle liegt darin, dass er dem Zeitalter sagt, was dessen „Herz und Essenz“ sei. Und über dieses „Sagen“ wirkt er dialektisch wieder auf das Zeitalter ein. Hegel betont dies, als er beim Anblick Napoleons ausrief: „Der Weltgeist (oder auch Weltseele) zu Pferde“ – und Napoleon so zum einen zum ausführenden Organ des Weltgeistes machte oder moderner, des Zeitgeistes, der sich zum anderen dann in seiner Person verwirklichte. Gegen den Welt- oder Zeitgeist hätte auch das Genie eines Napoleons nichts ausrichten können!


Die Rechnung der „Weltgeister“ zahlen immer die kleinen Leute. Illarion M. Prjanischnikow: Der Rückzug der Franzosen 1812 (Foto: gemeinfrei, via Wikimedia Commons). Prjanischnikows Bildtitel ist nicht ganz korrekt: „Ich habe in dem Feldzug von Moskau 300.000 Mann verloren; es waren nicht einmal 30.000 Franzosen darunter“ (Napoleon am 26. Juni 1813 zu Metternich).

Die Abfolge scheint klar – erst das Zeitalter, dann der große Mann; dann durchaus mit „aktualisierendem“ Einfluss auf seine Zeit handelnd. Eingeschränkter sehen das die „Bielefelder“ [eine Gruppe von Historikern um den Bielefelder Historiker Hans-Ulrich Wehler– St. W.], wonach es „waren nicht die großen Männer (waren), die Geschichte machten“. Diese „sahen den Motor der Historie vielmehr in den wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungen, die sich ihre Akteure in Menschengestalt suchten“. Einen wichtigen Hinweis gibt der Historiker Alexander Demandt: „Die großen starken Männer in der Geschichte kommen so gut wie immer aus einem chaotischen Umfeld: Augustus aus dem Bürgerkrieg, Napoleon aus der Französischen Revolution, Stalin aus der Russischen Revolution, Hitler aus der zerrütteten Weimarer Republik mit ihren Straßenkämpfen“. „Chaotisches Umfeld“ sollte man bei den heutigen „großen Männern“ nicht als völlige (politische) Unordnung oder Durcheinander verstehen, sondern als Phasen erhöhter Instabilität, Transformation oder Vertrauensverlust in die bestehenden politischen und sozialen Systeme ihrer Länder.

Im Falle Putins ist dieser Zusammenhang besonders deutlich. Nach dem Zerfall der Sowjetunion befand sich Russland in den 1990er Jahren in einer tiefgreifenden Krise: Wirtschaftlicher Einbruch, Machtverlust des Staates und Dominanz von Oligarchen unter der Präsidentschaft von Boris Jelzin prägten das Bild. Putin konnte sich in diesem Kontext als Garant für Stabilität und staatliche Ordnung inszenieren und daraus politische Legitimation gewinnen. Die dann bald zu autoritärer Repression und und selbstherrlichen „historischen“ Ambitionen in Gestalt der „russki mir“ mit all ihren Kriegen mutierte. Namentlich die Ukraine-Aggression steht für dieses Abgleiten; auch zunehmend desaströs für das eigene Land.

Auch Trumps Aufstieg lässt sich vor dem Hintergrund einer Krisenwahrnehmung interpretieren. Die zunehmende Polarisierung der US-Gesellschaft, ein verbreiteter Vertrauensverlust in etablierte politische Eliten sowie die Nachwirkungen der Finanzkrise von 2008 schufen ein Klima, in dem anti-establishment-Rhetorik besonders resonanzfähig war. Trump nutzte diese Situation, indem er sich als Außenseiter inszenierte, der das „System“ herausfordert. Und nun dabei ist, es zu sprengen. Und die Welt gleich noch mit über seine erratische und verwerfliche Zoll-, Gewalt- und Kriegspolitik. Er wütet nachgerade, um schwer erkämpfte Ordnungsstrukturen, legale Abmachungen und gestandene Bündnisse zu erschüttern. Und das alles in oft clownesker Manier in ärmlicher Rhetorik. Und doch erfreuen sich diese Auftritte einer großen Popularität bei seinen Anhänger. Wenn die Lage nicht so ernst wäre, könnte man über dieses narzisstische Chaos schadenfreudig hinweggehen. Die Lage ist jedoch todernst. Denn es handelt sich (immer noch) um den mächtigsten Mann der Welt.

Komplexer ist die Einordnung von Xi. In China lag kein gesellschaftliches Chaos im klassischen Sinne vor. Vielmehr handelte es sich um interne Spannungen innerhalb der Kommunistische Partei Chinas, um in Teilen als Korruptionsbekämpfung verschleierte Machtkämpfe, die Xi nutzte, um seine Macht zu konsolidieren. „Chaos“ beschriebe hier also eher eine innerparteiliche Unsicherheit als eine gesamtgesellschaftliche Krise. Xis von neo-totalitären Tendenzen geprägte Herrschaft lässt vielleicht noch nicht ganz den Vergleich zur Mao-Ära zu; zumindest hat er eine eigene Leitideologie etabliert: „Xi-Jinping-Denken“ wurde in die Parteiverfassung aufgenommen. China verfolgt unter seiner Führung eine rigide Politik gegen nationale Minderheiten im Land und eine aggressive Außenpolitik, die bei den Anrainern im südpazifischen Raum für deutliche Unruhe und Besorgnis führt.


Der Plumpudding in Gefahr oder die Staats-Gourmets nehmen ein kleines Abendessen ein. Selbst die große Erdkugel und alles was sie enthält, ist zu klein für diesen unstillbaren Appetit. Karikatur von James Gillray (1805). Foto: James Gillray, Public domain, via Wikimedia Commons.

Die früheren und heutigen Beispiele belegen über das Geschichtsphilosophische hinaus Eines: Willensstarke, charismatische Persönlichkeiten, aber auch Individuen mit „verwegenen Mut zur restlosen Charakterlosigkeit und unentwegter Überzeugungslosigkeit“ (Honoré de Balzac über Joseph Fouché), monströse Verbrecher und politische Scharlatane – wobei das eine Charakteristikum das andere nicht ausschließt – verstehen sich oft selbst als Verkörperung der Geschichte und, was noch wichtiger ist, werden von Zeitgenossen auch so wahrgenommen. Das wiederum führt dazu, dass eben diese Zeitgenossen in diesen Personen entweder die Plausibilität eigener Ansichten und / oder die eigene Identität suchen. Anders gefasst sind diese Männer massenwirksame Projektionsflächen; sie dienen dem individuellen Verlangen, sich der eigenen Identität zu vergewissern. Diese Identitätssuche führt zu einer Identifikation als der „kürzesten, intensivsten und schnellsten Form von Bindung – und der gefährlichsten“ (Karl-Josef Pazzini) mit ebendieser charismatischen Person!

Ist diese Person ein „großer Mann“ und findet dieser Vorgang – wie es immer wieder geschieht – massenhaft statt, kommt es zum wohligen „Eintauchen“ in die um diesen „Großen“ gescharte Masse Gleichgesinnter. Befördert wird dieser Vorgang dadurch, dass die eigenen (politischen) Ziele mit denen des „Führers“ übereinstimmen; ob von vornherein oder aber gestützt auf eine mit der Identifikation einhergehenden (Selbst-)Indoktrinierung ist dabei unerheblich… Jedenfalls war und ist es Kennzeichen vieler autoritärer Systeme, dass ihre Anhänger einer Sehnsucht nach existentieller, geradezu rauschhafter Identität mit dem Kopf des jeweiligen Systems verfallen.

Diese Identifikation ist immer eine vertikale, eine „nach oben“, hin zum „Führer“. Und darunter leiden die horizontalen Bindungen der Betroffenen zu anderen Menschen. Man ist Mitglied „der“ Partei oder Anhänger des Führers und nimmt alle um sich herum als „Mitglieder“, Gleichgesinnte wahr; das verengt zugleich den Horizont und beschränkt die Beziehungen, das Verständnis für andere Menschen; diese werden zu „Fremden“. Und die Partei, der Führer nutzen natürlich diese Fixierung auf sich. Mit anderen Worten: dieser Bruch mit den horizontalen Identifikationen ist politisch gewollt, um die Anhänger bei der Stange zu halten und ihnen Zweifel, Ängste zu nehmen, dabei andere schürend; ja ihnen „das Leben“ weitgehend „abzunehmen“.

Alle diese Mechanismen machen aus, dass bei den Massen und – noch mehr – bei den „Männern“ selbst der Eindruck entsteht, dass sie als ebendiese „Großen“ „Geschichte machen“… dem Sebastian Haffner zustimmt, wenn er von einer „in der Geschichtsforschung vorherrschenden Tendenz“ spricht, die darauf beruhe, „Geschichtsschreibung soweit wie eben möglich einer exakten Wissenschaft anzunähern, also Gesetzmäßigkeiten zu suchen“, was dazu führe „die Rolle des eigentlichen politischen Elements in der Geschichte dementsprechend herunterzuspielen und insbesondere den Einfluß der Politik gestaltenden Einzelpersönlichkeiten, der ´großen Männer´, auf den Geschichtsverlauf geradezu abzuleugnen“.

„Gar nicht groß“ sind die „großen Männer“ dagegen nach Jacob Burckhardt; sie „sind die bloßen kräftigen Ruinierer“. Was durchaus zutrifft… denkt man an Gestalten der Vergangenheit wie Hitler, Stalin oder Mao, die nicht nur ihre Länder, Wirtschaften, Gesellschaften, sondern Menschen, die an sie glaubten, die ihnen vertrauten, in unterschiedlichem Maße bis hin zum totalen Zusammenbruch „ruinierten“; mit menschlichem Leid in Millionenzahl. Sie bedienten sich dazu totalitärer Systeme, nutzten Gewalt und Repression als zentrales Herrschaftsinstrument – aus unterschiedlichen ideologischen Motiven heraus. Oder aber das oben beschriebene Vorgehen, Agieren und Verhalten der heute Mächtigen… mit noch nicht absehbaren Folgen.

Jedoch es gibt auch Gegenbeispiele – Willy Brandt, der „mehr Demokratie wagen“ wollte, war ein solches; auch Barak Obama wurde namentlich in seiner ersten Amtszeit als ein charismatischer Politiker wahrgenommen, sogar in Deutschland. Damals war die Frage: Warum hatten wir keinen Obama, sondern nur eine Angela Merkel? Und später dann einen Olaf Scholz?


„Heute noch auf stolzen Rossen, / morgen durch die Brust geschossen…“ (Wilhelm Hauff, „Reiters Morgenlied“ [1824]) – Paul Delaroche: Napoleon in Fontainebleau am 31. März 1814 nach Empfang der Nachricht vom Einmarsch der Alliierten in Paris (1845). Foto: Sammlung W. Brauer.

Man sollte die charismatischer Herrschaft nicht nur als Schreckensvision denken. Ein „Nahbarkeits-Charisma“ könnte man beispielsweise Robert Habeck oder dem früheren kanadischen Premier Justin Trudeau zubilligen, die einen persönlichen, reflektierten Kommunikationsstil pflegten; sie wirkten „zugänglich“ und menschlich, ihre Stärke lag im Umgang mit Medien und in Interviews. Sie erzielten damit keine massenwirksame Zustimmung, wurden nicht zu „Projektionsflächen“ im obigem Sinne; vermochten jedoch Vertrauen und politische Zustimmung und Wirkung in bestimmten Milieus zu erzeugen.

Alles in allem: um ein „Ableugnen“ der Rolle charismatischer, „großer Männer“ kann es wohl nicht gehen; es ist wohl deutlich differenzierter: Strukturen wie Wirtschaft, soziale Bewegungen, Technologien und Institutionen spielen eine zentrale Rolle für den historischen Verlauf. Geschichte entsteht aus einem Zusammenspiel von strukturellen Kräften, Gesellschaften und (starken) Individuen. Manche Entwicklungen wären vermutlich auch ohne eine bestimmte Person eingetreten – über „strukturelle Determination“. Und auch für „Große Männer“ gilt, was Marx sinngemäß sagt: Menschen machen Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken, nicht unter selbstgewählten, sondern unter vorgefundenen Umständen. Und die sie dann in Teilen gestalten und umformen – „aktualisieren“ – und so „Geschichte machen“. Ob sie dann in jedem Falle “Große Männer” im Sinne wahrhafter, auch moralischer, Größe sind, steht auf einem anderen Blatt. Die immer wieder spannende analytische Frage liegt darin, zu zeigen wie alles jeweils zusammenwirkt.

*

Nachbemerkung W. B.

Auch ohne „große Frauen“ wäre vielleicht nicht unbedingt die Weltgeschichte, aber doch die ihrer Völker und Länder anders verlaufen.:

Theophanu (960-991) – sicherte den Erhalt des ottonischen Reiches nach dem frühen Tod ihres Mannes; Margrete I. von Dänemark (1353-1412) prägte nachdrücklich den Aufstieg Skandinaviens; Jeanne d’Arc (1412-1431) regierte zwar nicht, ohne sie wäre aber das Königreich Frankreich wahrscheinlich untergegangen; Margarethe von Navarra (1492-1549) nahm wesentlichen Einfluss auf die Geschicke der europäischen Reformation und ebnete den Weg für ihren Enkel, Heinrich IV.; Elisabeth I. von England und Irland (1533-1603) prägte ein ganzes Zeitalter; die Maharani Jind Kaur (1817-1863) gehört zu den großen Widerständlerinnen gegen die britische Kolonialisierung Indiens; Golda Meir (1898-1978) war wohl die erste Frau als Staatschefin in der Neuzeit überhaupt; Indira Gandhi (1917-1984) schuf die Grundlagen für den Aufstieg der Republik Indien; Margareth Thatcher (1925-2013) setzte den Neoliberalismus in Großbritannien durch und die Pakistanerin Benazir Bhutto(1953-2007) war die erste Staatschefin in einem islamischen Land überhaupt.
Die Auswahl ist willkürlich und ließe sich leicht ergänzen. Auffällig ist allerdings, dass „die Nachwelt“ nichts unversucht ließ und lässt, die Rolle dieser Frauen – egal, wie man zu ihren Leistungen steht und sie bewertet – „klein“ zu halten.

8 Kommentare

  1. Wieder ein sehr kluger Text von Stefan Wohanka – Chapeau!
    Kleine, nicht widersprechende Ergänzung: Führungspersönlichkeiten in Politik und Gesellschaft sind m.E. immer auch Ergebnis des Bedürfnisses von Massen nach ihnen. Le Bon beschreibt das höchst plastisch.

  2. Wenn man im Anschluß an Treitschke fragt, ob große Männer tatsächlich Geschichte machen, dann wäre meines Erachtens zunächst zu klären gewesen, was T. unter Geschichte verstanden hat (er ist ja nun schon 130 Jahre tot, und in der Zeit kann sich da viel getan haben) und woran man die großen Männer überhaupt erkennt. Wobei die Antwort, es seien eben die, die die Geschichte machen, natürlich nicht weiterbringt. Eine interessante Nebenfrage in dem Zusammenhang ist die nach dem Verhältnis von politischer und Körpergröße. Vielleicht aber wäre es besser gewesen, wenn Stefan Wohanka dieses ganze Problem ausgeklammert und seine durchaus anregenden Überlegungen unter den Titel „Wie Geschichte gemacht wird“ gestellt hätte. Oder besser: „… gemacht wurde“. Und dann wäre noch zu erkunden, was wir aus entsprechende Erkenntnissen folgern – das wäre wahrscheinlich das Schwierigste. Als Literaturempfehlung fällt mir eben ein: Curzio Malaparte, Der Staatsstreich.

  3. Ich danke Ihnen beiden für Ihre Anregungen und Hinweise… ich werde hineinschauen.
    Was ist Geschichte? Sebastian Haffner war der Meinung, Geschichte sei „ein Urwald, und keine Schneise, die man hineinschlägt, erschließt den ganzen Wald“. Ich meine für mich wenigstens einen Pfad gefunden zu haben mit der Metapher, Geschichte sei die „Sinngebung des Sinnlosen“. Dieses Wortspiel prägte Theodor Lessing, indem er sein 1919 erschienenes Hauptwerk „Geschichte als Sinngebung des Sinnlosen“ nannte.
    Lessing leugnet jede historische Gesetzmäßigkeit: „Die wohlbekannte Unvermeidbarkeit der historischen Facta ist nichts anderes als Forderung der Vernunft. Nachdem das Unerwartete, Widersinnige, Absurde, Abrupte, plötzlich eingebrochen und Ereignis geworden ist, wird der Mensch immer Gründe suchen und immer Gründe finden, daß alles habe kommen müssen, wie es eben kam. […] So liegt aller Geschichte eine logification post festum zugrunde, was auch immer auf Erden geschehen mag“.
    Die Quintessenz: Man gibt historischen, „sinnlosen“ Tatsachen im Nachhinein einen „Sinn“ – interpretiert sie also; und die Deutungen werden je nach weltanschaulicher, politischer, moralischer Sichtweise mehr oder wenig, zum Teil erheblich differieren: Fiel mit der Berliner Mauer 1989 der „antifaschistische Schutzwall“ oder ein „Unterdrückungsinstrument der SED-Diktatur“? Daher auch immer wieder unendliche „Historikerstreite“, die aber so verständlich werden; es kann – folge ich Lessing – gar nicht anders sein.

    1. Mit der Geschichte ist es schon ein Kreuz. Stephan Wohankas „Mauer“-Beispiel zeigt trefflich, dass Historiker mit dem Versuch, zu klären, was korrekt wann, wie und warum ablief (von der Diskussion von Alternativen, die es immer gibt, ganz zu schweigen) – und der schlussendlichen Einordnung von Einzelereignissen resp. Personen in größere gesellschaftliche Zusammenhänge den Herolden der Abteilungen für Agitation & Propaganda immer hoffnungslos unterlegen sind, solange die Handlungsreisenden auf den Politmärkten der Welt sich der Geschichte bedienen können. Hinter jeder Phrase stecken handfeste Interessen. Die hat der Historiker aufzudecken. Das kann allerdings lebensgefährlich sein. Lessing hat das zu spüren bekommen.

    2. Äh … tschuljung … wollte bloß mal bemerken: Ich hatte nicht danach gefragt, was Geschichte ist. Sondern was Treitschke unter Geschichte verstand. Weshalb, habe ich eingangs erklärt. Es geht zwar auch ohne Treitschke, und es ist sicherlich nützlich zu wissen, was Geschichte ist oder sein könnte. Aber wundern tue ich mich dennoch.

  4. Lieber Herr Weinholz,
    ich habe mich zu entschuldigen; ich habe Ihre erste Bemerkung rhetorisch genommen und nicht als Frage… „was T. unter Geschichte verstanden hat“ kann ich nicht erschöpfend beantworten; ich habe mich auf folgendes Zitat gestützt: „Wäre die Geschichte eine exakte Wissenschaft, so müßten wir im Stande sein die Zukunft der Staaten zu enthüllen. Das können wir aber nicht, denn überall stößt die Geschichtswissenschaft auf das Räthsel der Persönlichkeit. Personen, Männer sind es, welche die Geschichte machen“. In: Politik; Vorlesungen gehalten an der Universität zu Berlin, 1. Band, 2. Auflage. Leipzig: Hirzel, 1899, Einleitung S. 6. Man findet die „Kurzfassung“ – „Männer machen die Geschichte“ in: Deutsche Geschichte im neunzehnten Jahrhundert, Band 1, Leipzig 1879, S. 28.
    Seit 1886 gilt T. der offizielle Hofhistoriograph des preußischen Staates. „Objektivität“ in der Geschichtsschreibung lehnte er ab. Vielmehr sah er sich verpflichtet, sich als Historiker in den Dienst politischer Ziele zu stellen. T. meinte mit „Geschichte“ nicht einfach alles Vergangene, sondern vor allem politische Geschichte des Staates – Machtbildung, Kriege, Diplomatie und nationale Entwicklung. Für ihn war der Staat die zentrale handelnde Einheit. Kultur-, Sozial- oder Alltagsgeschichte spielten eine untergeordnete Rolle. Sondern Ereignisse wie Kriege, Bündnisse, Revolutionen und Staatsgründungen waren für ihn der Kern des historischen Prozesses. Insofern waren „Große Männer“, die Protagonisten derartiger Ereignisse wie Monarchen, Staatsmänner, Feldherren Treiber der Geschichte; gesellschaftliche Strukturen oder ökonomische Kräfte sah er als weniger bestimmend.
    Kurz gesagt: Wenn T. sagt, „große Männer machten Geschichte“, meint er wohl die entscheidenden Wendepunkte der Staats- und Machtpolitik, nicht das gesamte soziale Leben oder langfristige Strukturen.
    Stephan Wohanka

  5. Lieber Herr Wohanka, danke für die Ergänzung. Treitschke folgte anscheinend dem damals gängigen Verständnis von Geschichte (soweit ich es kenne). Nicht so richtig klar ist mir, was wir heute mit dem Satz positiv anfangen können. Aber das ist wohl auch nicht so wichtig, seine Hauptbedeutung liegt wahrscheinlich im Negativen – als Grundlage der Sündenbock-Suche. Viele Grüße: erhard weinholz.

  6. Etwas zum Schmunzeln und Nachdenken? Mir ist aufgefallen, dass viele „großen“ Männer, die Tyrannen oder Diktatoren waren/sind, andere Länder bekriegten oder bekriegen wollten – dass diese eher klein von Wuchs waren. Kompensieren sie ihre Minderwertigkeitskomplexe?

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