von Klaus Hammer
Friedrich B. Henkel hat eine repräsentative Kollektion seiner kykladischen Skulpturen dem Winckelmann-Museum Stendal übereignet.

Winckelmann-Museum Stendal: Bildhauerpavillon Friedrich B. Henkel.
Foto: Anita Beloubek-Hammer (2025)
Für den in Bernau lebenden Friedrich B. Henkel sind Mensch und Landschaft, Natur und Architektur, Konstruktives und Organisches, Geometrisches und Kubisches die Konstanten seiner bildhauerischen Arbeit. Der Stein, durch gewaltige Formungsprozesse hindurchgegangen, Energien aus erdgeschichtlichen Tiefen in sich konzentrierend, ist sein bevorzugtes Material geworden. Intensiv ist das Leben des Steins, das Verhältnis von Innen und Außen zu erkunden. Die Schichtungen, Faltungen und Brüche des Steins, die Risse, Schnitte, Löcher und Kristallisationen, die seriellen Ritzungen oder das Netz von Linien werden von innen heraus bewirkt und gestützt oder aber von Künstlerhand hinzugefügt. Der Künstler greift ein, indem er verdeutlicht. Insofern hinterlässt er Spuren, die manchmal mit den Dingen übereinstimmen, manchmal im Widerspruch dazu stehen. Die Arbeit mit dem Steinmaterial bedeutet also ein Weiterdenken und Vollenden der von der Natur ausgehenden Form. „Im glücklichen Fall entsteht im Werk eine Verschmelzung der Bilderfahrung zur Metapher“, sagt Henkel.
Seit Jahrzehnten ist der Bildhauer dem Winckelmann-Museum in Stendal eng verbunden – so schuf er schon in den 1980er Jahren ein ganzes Ensemble zur Winckelmann-Ehrung (Relief, Figur, Brunnen). Nunmehr hat er dem Museum zwölf seiner „Kykladischen Skulpturen“ in Marmor und Stein übereignet, die in einem extra für diese Werke errichteten Glaspavillon gezeigt werden. Sie sind Henkels Aufenthalten auf den Kykladen, jener zu Griechenland gehörenden Inselgruppe im südlichen Ägäischen Meer, gewidmet, die bereits in der frühen Bronzezeit (im 3. Jahrtausend v. Chr.) eine hohe Kultur aufwiesen und deren Häuser und Ortschaften im strahlenden Weiß des Inselmarmors einen überwältigenden Anblick bieten.
“Keine Orpheus-Gesänge, sondern nüchterne Tatsachen – die ländlichen Bauernhäuser der Kykladen“ sah der Bildhauer als Aufgabe an. „Katikia“, das traditionelle weißgetünchte Bauernhaus nicht nur auf Paros, das Wohnraum für Mensch und Tier bietet und Kuben additiv zusammenfügt – mit „viel Weiß im Weißen“ – reines absolutes Weiß, gefügt in einem Rechteck, einem Quadrat oder in einem Kreis, faszinierte ihn.
Solche architektonischen Gefüge aus Räumlichkeit und Plastizität stellen „Katikia (Kykladisches Bauernhaus) I“ (1996, Marmor auf Stahlplatte), „Durchgang, Steadi“ (1996, Marmor), „Kykladisches Tor“ (1996, Marmor), „Erinnerung an Paros, Spolien“ (1997, Relief, Marmor), „Chora (Zentrum einer kykladischen Stadt) 2“ (1999, provencalischer Kalkstein), die ins Meer reichende „Steinwand Kolymbithres, Paros“ (1996/97, Relief, Marmor), „Kykladische Zeile“ (2001, beide Marmor), „Kykladische Kapelle“ (2009, Speckstein) oder „Haus – Zeichen“ (2009, Kalksandstein), „Südliche Konstruktion I“ (2010, Kalksandstein), „Kykladisches Dorf“ (2021, Alabaster) dar. Alles Formationen, die Prozesse, Leben festhalten, die Wandlung, Faltung und Entfaltung veranschaulichen. Henkel gibt Gebautes, Konstruiertes in der Natur, ein Ineinander von Gewachsenem und Gebautem, Kubus an Kubus gefügte Gebilde, die in verschiedensten Winkeln zueinanderstehen, sich in rhythmischer Gliederung zusammenfügen, sich auftürmen oder sich wieder voneinander lösen – gebaut nach dem kubistischen Prinzip der Verschachtelung und Verräumlichung oder auch in der Reduktion auf Zeichenhaftes.
Geometrische Körper, Würfel, Quader, Halbkugeln, Bögen, Öffnungen und Durchbrüche. Scharfe Schnitte im Stein erzeugen eine ungeheure Spannung. Gebrochene, unregelmäßige Kanten kontrastieren mit verschliffenen. Ein Wölben, ein Überspannen des plastischen Volumens, ein Wechselspiel von Stützen und Lasten, von Kräften und Gegenkräften, die zur Balance, zum emotionalen Ausgleich gebracht werden. Die Arbeiten sind nicht nur in der Rundum-Ansicht, sondern auch in der Draufsicht zu betrachten, so dass die Häuserkuben wie in die Fläche zurückgekippt erscheinen.
Henkels Skulptur, angesiedelt zwischen Block und verräumlichtem Gebilde, gibt keine Repliken von Naturvorgängen und deren Produkten, sie will auch keine in Stein gestalteten Rückerinnerungen an Reiseerlebnisse geben, sondern die plastische Bedeutung eines Gebildes ist identisch mit ihrem Formgehalt. Der Bildhauer hat dem ruhenden Block wieder ruhende Daseinsfülle gegeben. Und dieses Bekenntnis zum Block weist in die Richtung von Henry Moore, aber auch von Constantin Brâncuși, beide waren zur Erfindung einer gegenstandsfreien Blockhaftigkeit vorgestoßen. Und doch stehen Architektur und Skulptur in einer energiegeladenen Balance. Wie sich das skulpturale Gebilde zum Raum verhält– dieses für den Bildhauer Henkel nie endende Thema – können wir jetzt in wunderbarer Weise im „Kykladen“-Pavillon des Winckelmann-Museums erleben.
Winckelmann-Museum, 39576 Stendal, Winckelmann-Str. 36-38