von Reinhard Wengierek
Das Historische schießt im Hans-Otto-Theater ins Gegenwärtige bei Königs und an der Volksbühne gibt es ein Happening in ruinösen Zeiten
Eins: Hans-Otto-Theater – Die Royals basteln eine Guillotine
Bei Königs herrscht Frust, die Nerven von Marie und Ludwig liegen blank (Bettina Riebesel, Jörg Dathe). Dümpelt das hohe Paar doch schon zwanzig Jahre nach dem Sturm auf die Bastille 1789 in den Hinterkammern von Versailles. Und wartet aufs „Rübe runter!“ Doch seit die Nationalversammlung die Hinrichtung aussetzte, tut sich nix. Hat man beide etwa vergessen im jakobinischen Chaos der Bürokratie?

Marie-Antoinette oder Kuchen für alle: Szene mit Joachim Berger und Bettina Riebesel. Foto: Hans-Otto-Theater / Thomas M. Jauk
Ja, als ich noch das Zepter schwang, wettert Roi Ludwig Nummer sechzehn, da wurden Mordbefehle exekutiert und fertig; da wurde das Volk betrogen, und alles war klar. Jetzt wird auch beschissen, doch keiner sieht durch. „Alle sind frei, doch keiner will arbeiten. Aber jeder der ach so freien Bürger will Kuchen futtern. Dabei war das mit dem Kuchen für Plebs, wenn’s kein Brot gibt, bloß’n Witz von Marie…“
Verrückt: Einerseits Stillstand am Richtplatz der Revolution, andererseits Umtriebigkeit im Knast der gestürzten Krone. Denn: Emsig werkelt man am letzten heroischen Signal des französischen Absolutismus an die Welt sowie die Geschichtsschreibung. Und bastelt eine Privat-Guillotine, um selbst erhobenen Hauptes Volkes Wille zu vollstrecken.
Ist natürlich Fake. Kontrafaktische Geschichtsschreibung heißt das, was die Autoren Peter Jordan und Leonhard Koppelmann in der Groteske „Marie-Antoinette oder Kuchen für alle“ frech durchspielen. Ein Stück aus dem Tollhaus mit Slapstick, Grand Guignol, Verkleidungs-Farce, Typen-Kabarett und Politik.
Denn was da teils fiktiv, teils historisch verbürgt an Lügen, Intrigen, Verschwörungsfantasien, Menschenverachtung, Eitelkeit und Willkür abgeht – mit viel Witz und Fantasie inszeniert von Moritz Peters –, das findet durchaus Echo-Laute im heutigen Gesellschaftsbetrieb. Und wir sind wach genug, die Systeme royalistisch und republikanisch nicht gleichzusetzen. Da sind schon Unterschiede! Aber nicht nur…
Und da ist allerhand Spaß. Allein Ludwig XVI. als linkischer Heimwerker am Fallbeil: Die Probe mit Kürbis funktioniert nicht, ein Problem der Umlenkrollen. Oder Marie-Antoinette, die mit allen Wassern gewaschene Emanze, im augenblitzenden Intrigenspiel mit dem Kardinal um die Halsband-Juwelen von Mätresse Dubarry (Ulrike Beerbaum) – die leider ums Leben kommt durch einen blöden Unfall beim Mordmaschinen-Test (gelöste Seitenmuffe). Also bleiben die Brillanten in Maries Versteck. Als kleines Handgeld; man weiß ja nie…
Oder wie M.-A. den Monsieur Robespierre (Joachim Berger) zum Schwitzen bringt, während der Großrevolutionär ungeniert Zynismus auskotzt: „Die Bestie Mensch bleibt Bestie; das Volk unerziehbar, egoistisch, blöd. Ich scheiß auf alles. Die Revolution frisst ihre Kinder, ich ihre Eltern, dazu den Kuchen.“ – Nur schade, das Stückchen, das Marie ihm reicht (noch aus Wiener Beständen von Mama), ist derart altbacken, dass er dran verreckt. Mit Klavierbegleitung. Denn Fabian Simon klimpert bei jeder sich bietenden Gelegenheit ironisch dazwischen.
Schließlich tritt noch „Nasepopel“ auf als frühreife Göre namens Napoleon (Ulrike Beerbaum). Und trompetet Weisheiten: Das immerzu verzankte Volk habe keine Ahnung von Staatsführung, brauche was Übergroßes zum Anbeten. Dazu einen Krieg mit Sieg zum Stolz sein. – „Ich werde das machen“, schreit sie. „Und gewinnen. Als neuer Führer der Welt.“
Wird nicht klappen; wie es mit dem königlichen Selbstmord zur Ehre Frankreichs nicht geklappt hat. Letztlich bleibt es – dann in einem anderen Theater – beim schauerlich öffentlichen Gang zum Schafott in Paris.
Im Potsdamer Palais Lichtenau hingegen, dem eleganten Ort fürs abgründig irre Spiel der Royals ohne Krone (toll ausstaffiert von Arianna Fantin), da wird viel gelacht. Freilich nicht ohne hintergründige Gedanken zum lakonischen Schlusswort. Vom ausgelassenen Ensemble mit Lust dem Publikum vor den Latz geknallt: „Die Moral von der Geschicht‘, es gibt sie nicht.“ – Oder doch?
Wieder am 3. und 4. Oktober (leider ausverkauft) sowie am 29., 30. und 31. Oktober 2025, Palais Lichtenau in der Behlertstraße 31, 14469 Potsdam.
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Zwei: Volksbühne – Schönes Happening in ruinösen Zeiten
Irgendwie klemmt es am Klavier. Und der Tasten-Ritter, strahlend ganz in Weiß, steht auf, greift zum Mikro, tritt an die Rampe und haucht untertänigst ins Publikum: „Bitte haben Sie noch einen Moment Geduld, wir sind gleich wieder für Sie da.“ Zurück am Instrument, wieder ein paar Takte – der Schlager-Oldie „Rhythm is a Dancer“. Und wieder stockt es. Übers Wort „Rhythm“ kommt Strahlemann, der Pianist, einfach nicht weiter. Wieder Entschuldigung. Wieder „Bitte haben Sie…“ So geht das hin und her, bevor der Vorhang endlich hochgeht. Menschliche Funktionsstörung. Was für ein Sinnbild. Wie passend als Ouvertüre für Christoph Marthalers betörendes Melancholie-Stück „Wachs oder Wirklichkeit“.
Wachs oder Wirklichkeit: auf dem Foto unten: Clemens Sienknecht, Magne Håvard Brekke, Rosa Lembeck, Franz Beil, Hildegard Alex, Olivia Grigolli, Jürg Kienberger; oben: Tora Augestad.
Foto: Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz © Matthias Horn
Vor 33 Jahren begann an der Volksbühne mit „Murx den Europäer! Murx ihn, murx ihn ab!“ Marthalers Aufstieg in den Ruhm. Als einer der bedeutendsten und – indem er absurde Szenerien poetisch erweitert mit Musik und Gesang – zugleich stilprägendsten Theatermacher der Jahrtausendwende-Zeiten. „Murx“ blieb 14 Jahre im Spielplan. Die irritierende Verlorenheit der verzweifelt „Danke, danke für diesen guten Morgen“ singenden Figuren, derweil unerbittlich die Uhr tickt, die traf damals, anno 1993, den Nerv der Leute. Und träfe ihn wohl auch heute.
Nun ist der feinsinnige Gemütserforscher zurück mit einer neuen „ergebnisoffenen Wirklichkeitsbetastung“. Diesmal nicht in einem der von Anna Viebrock entworfenen traurig abgelebten Abstellräume. Sondern in einem Panoptikum, hell wie in den 1950ern – natürlich auch von Viebrock gestaltet. Mit Empore und vergoldeten Säulen. Im Hintergrund links ein Regal mit Archiv-Akten, rechts vorn die Fototapete einer hübsch alteuropäischen Stadt – aber unter Hochwasser. Soviel optisch untergeschobene Katastrophe muss sein.
Die überraschenderweise geradezu elegante Raumfantasie wird bevölkert von einer pittoresken Personen-Parade aus dem VIP-Bereich, lebensecht nachgebaut als Puppen, womit die Volksbühnen-Werkstatt ihrem exzellenten Ruf erneut gerecht wird. Mühelos erkennen wir Queen Elizabeth, Lagerfeld, Montserrat Caballé, Heino, Lady Di, Einstein oder Taylor Swift. Dazwischen geistert das leibhaftige Ensemble. Und immer wieder rätseln wir für Momente, ob da nicht doch der eine oder die andere eine Puppe ist. Denn Hildegard Alex, Franz Beil, Magne Havard Brekke, Olivia Grigolli, Altea Garrido, Rosa Lembeck sowie das musikalische Leitungstrio Tora Augestad, Jürg Kienberger, Clemens Sienknecht, sie alle lösen sich nur behutsam aus ihrer Erstarrung. Und fallen urplötzlich immer wieder dahin zurück.
Solch Wechsel kennt auch das Leben – bis es endet. Zuvor jedoch umkreist es gern schwerwiegende Fragen: Lebt man noch oder schon nicht mehr – oder nicht mehr richtig? Was ist wirklich, was bloß Wachs? Und wer ist man? Was überhaupt ist das Ich? Philosophische Vexierspielchen, ganz leicht, wie nebenher. Lauter Endspielminiaturen. So ist diese Marthalerei auch ein (zugleich wohl privat gemeintes) Spiel um Abschied.
Freilich bei freundlich wehender Musik von Klassik bis Pop. – „Nimm mich mit in die Wirklichkeit, irgendwas nimmt mir die Sicht. / Nur durch einen Spalt seh‘ ich dieses wunderbare Licht…“ säuselt samtig sentimental Tora Augestad einen Schlager aus den Neunzigern; ein Motto des Abends. Dann wieder kommt wie ein Chor von Engeln das Kollektiv: Mit Dionne Warwicks Hit „That’s what friends are for“. Dazu schnappt jeder sich jemand, gleich ob Wachs oder in echt, zum herzbewegend komischen Anschmachten. Da glüht „Freundseligkeit“; denn noch ist nicht alles verweht, versunken.
Natürlich, nicht alles ist Singsang. Durchsetzt sind die 100 Marthaler-Minuten mit knappen Schüben surrealer vertrackter Texte von Jürg Laederach, dem 2018 verstorbenen, hoch geehrten universellen Experimentalkünstler aus der Schweiz. Es sind Brocken aus „Das ganze Leben“, „Emmanuel“ oder „Flugelmeyers Wahn“, bei denen immer wieder die Sprache versackt. Eine Leerstelle entsteht, die fordert, dass wir selbst sie füllen. Oder sie provoziert kreatives Kopfschütteln. Also kabasurdes Abrett; kapiert?
Deutlich rätselhafter hingegen das Oratorium „Hitler in Pankow South“, von der Gruppe als dreiteiliges Lesestück von der Rampe runtergekippt. Wir ahnen mehr als wir wissen: Es geht um die unerwiderte Liebe eines Führers zu einer Dame aus dem Volk. Oder zum Volk. Immerhin, auch das eine Art Verschwinden.
Wachs, Wahn, Wirklichkeit – und dazwischen jeweils ein „oder“. Eine Meditation mit Worten und Tönen, meisterlich arrangiert als, ganz wichtig, schönes „Happening in ruinösen Zeiten“. Da klingt mehr vom Leben und von Zeiten als in vielen schwerlastigen Diskurs-Stücken unseres Gegenwartstheaters. Und wenn da eine herrlich freche Alte (Hildegard Alex) immerzu an den Figuren, ob aus Fleisch oder Pappe, mit dem Staubwedel herumfummelt und „Nicht einschlafen!“, „Nicht einschlafen!“ brüllt, gilt das uns, dem Publikum. Doch darüber hinaus dem Dasein – bis wir endlich fort sind.
Wieder 13. und 19. Oktober, Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, 10178 Berlin.