Kleist, Frauenpower, Drag-Party – Fund-Stücke im Berliner Bühnen-Betrieb (12)

von Reinhard Wengierek

Gewagte Zusammenschau in einem Stück: Der seltsame Fall von Missbrauch in der berühmten Novelle von Heinrich von Kleist „Marquise von O.“ sowie drei Aufsehen erregende, freilich viel brutalere Fälle aus unseren Zeiten. Dann der Kontrast: Big Party bei Ramba Zamba in der Kulturbrauerei, diesem so berühmten, einzigartig inklusiven Bühnenbetrieb; und zum Finale großartiges Unterhaltungstheater der Kudamm-Komödie an ihrem Interim-Spielort Ernst-Reuter-Saal in Reinickendorf mit einer Backstage-Farce aus der Welt der Oper.

Eins. DT – Die Scham muss die Seite wechseln!


Die Marquise von O. und – (Regie: Idikó Gáspár). Foto Deutsches Theater©Walkenhorst

Den wohl berühmtesten Gedankenstrich unserer Literaturgeschichte setzte Heinrich von Kleist 1808 in seiner Novelle „Die Marquise von O.“. In gemeißelter Sprache reportiert er „nach einer wahren Begebenheit“ die schlimme Geschichte einer verwitweten Marquise, die ein Graf F. in Kriegswirren vor marodierenden Söldnern bewahrt, bevor sie in den Armen ihres Retters ohnmächtig wird. Wenige Monate später stellt sich heraus: sie ist schwanger. Vergewaltigt offensichtlich vom Grafen; doch Kleist spricht das nicht aus, sondern setzt einen Gedankenstrich.

Die ungarische Regisseurin Ildikó Gáspár nimmt das brisante Satzzeichen zum Ausgangspunkt ihres dokumentarisch gefassten Theaterabends „Die Marquise von O. und –“. Für das im neuen Titel (nach Kleist) hinzugesetzte „und“ stehen nun aber nicht allein der Herr Graf aus dem 19., sondern noch drei weitere Frauenschänder aus dem 20. und 21. Jahrhundert (sowie überhaupt solcherart Kerle in allen Zeiten bis zum jüngsten Tag). – Ein dramaturgischer Coup: Das Kurzschließen von drei juristisch-journalistisch dokumentierten Fälle von Sexualverbrechen aus jüngerer und jüngster Vergangenheit mit dem literarisch aufbereiteten Fall der Marquise.

So wird die bruchstückhafte Nacherzählung des klassischen Textes (was dessen Wirkung schmälert; Rilke spricht von „stiller Erhabenheit“) – so wird also Kleist immer wieder unterbrochen durch die entsetzlichen Berichte der Franca Viola (im Sizilien der 1960er Jahre), der Erika Renner aus Ungarn (grauenvolle Genitalverstümmelung) und schließlich von Gisèle Pelicot und den jüngst erst gerichtlich offen gelegten, vom Ehemann organisierten Vergewaltigungen in Frankreich. Das Besondere der Fälle: Die Frauen sahen sich nicht als Opfer, sondern wagten öffentlich Anklage, traten mutig den Tätern entgegen und ihren kläglichen Versuchen, sich zu rechtfertigen oder alles zu bagatellisieren. Selbst Kleists Marquise trotzt den Umständen und sucht mit einer Anzeige im „Intelligenzblatt“ nach „dem Vater zu dem Kinde, das sie gebären werde“, um ihn zu ehelichen „aus Familienrücksichten“. Auch das ein Akt von Emanzipation, freilich ohne explizite Schuldzuweisung – für damalige Verhältnisse jedoch sensationell.

Die Intensität dieses Abends entsteht nicht etwa durch Demonstrationen von Gewalttaten, sondern durch die Konzentration auf die Erzählungen des Grauens von Franca, Erika, Gisèle. – Das Ensemble besteht aus drei Frauen (Maren Eggert, Mathilda Switala, Almut Zilcher) und vier Männern (Alexander Khuon, Florian Köhler, Lenz Moretti, Jörg Pose), alle geschlechtsneutral kostümiert mit Jacketts, wadenlangen Röcken, Absatzschuhen und schwarzen Langhaarperücken. Alle Darsteller bewältigen souverän die ausgefeilte Choreographie wechselseitiger, kaleidoskopartiger Aufteilungen der Rollenfragmente. Dazwischen, passend zur Sache, schnörkellose Rezitation an der Rampe.

Die Gesichter der Sprechenden werden zuweilen via Video als berührende Großporträts auf Leinwände gezogen. Die Bühne ist weit und leer bis auf paar Stühle, Mikrophone, Scheinwerfer und Musikinstrumente – man schlägt einige schrille Klangwolken ins kalte Licht (Ausstattung: Lili Izsák). Ansonsten Nüchternheit für beklemmende Recherchen in Abgründe des Menschen. Für harte Lektionen über Unterjochung, Wehrhaftigkeit, Strafe. Sonderlich hervorstechend, das sei nicht verschwiegen: Almut Zilchers fesselnde Kraft, mit der sie die Berichte, Bekenntnisse, Anklagen sowie den wütenden Ruf der Madame Pelicot in die aufgewühlte Stille des Saales stellt. „Die Scham muss die Seite wechseln!“

Die Marquise von O. und –: Deutsches Theater Berlin, Schumannstraße 13a, 10117 Berlin; wieder 22., 25. November, 3. und 21. Dezember sowie am 1. Januar 2026.

Generelle Bemerkung zum DT: Seit ihrem Amtsantritt verfolgt Intendantin Iris Laufenberg einen strikt feministischen, teils aktivistischen Kurs in den Spielplänen. Es dominieren Themen, weniger deren Umsetzung in packende Dramen; und an den tradierten, breit gefächerten Stücke-Kanon traut sich kaum noch jemand; und wenn: dann zeitgenössisch „überschrieben“. Das (platt) Performative, Dekonstruierte rangiert vor dem ambivalent Spielerischen, was dem großen, noch immer im Kern formidablen Ensemble nicht immer zugutekommt. Außerdem, und das liegt in der Natur der feministischen Linie: Die Männerfiguren stehen durchweg im schlechten Licht (abgesehen von „Marquise und…“, da sind sie wirklich durch und durch verdorben). Hinzu kommt das unentwegt zeitgeistige Ausstellen der Problematiken Divers und Gender (Männer nahezu stets in Frauenkleidern). Das mag gelegentlich erhellend sein, doch nicht immerzu. Man wünscht sich für das DT mehr dramaturgische Weite und theatralische Vielfalt.

Dass es klappen kann mit Konzeption und Ästhetik beweist glücklicherweise und eher als Ausnahme der so originell wie trefflich erdachte Gedankenstrich-Abend.

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Zwei. Ramba Zamba – Lebenslust und Tollheit

„Drag Queens sind meistens Männer, tragen Frauenkleidung und Make-Up, spielen eine Rolle und sind politisch. Weil: Sie zeigen, es gibt nicht nur Männer und Frauen; gibt keine festen Grenzen zwischen männlichem und weiblichem Geschlecht.“ – Für eine kleine Aufklärung auf dem Hochglanz-Programmzettel für „The Rocky Horror Drag Show“ ist es nie zu spät; auch wenn die Veranstaltung unter „P18“ läuft. Dazu der Hinweis ans Publikum: „Wir alle sind nackt geboren, der Rest ist Drag. Also schämt euch nicht, seid glamourös und kommt in (oder als) Drag – oder einfach wie ihr drauf seid und Lust habt.“


The Rocky Horror Drag Show: nach Richard O’Brien (Regie und Bühne: Jacob Höhne); Szene mit: Kaan Aydemir, Sara Lu, Friedrich Dambeck, Bibingka, Eva Fuchs, Jonas Sippel.

Foto: RambaZamba Theater©Katrin Ribbe

Man war sehr gut drauf und hatte sehr viel Lust auf beiden Seiten: Sowohl die Entertainer auf dem roten Laufsteg mitten durch den Saal als auch die freilich nur höchst sparsam drag-glamourösen Leute aller Altersklassen drumherum. Die nämlich riss es immer wieder von den Sitzen zum Schwof zu den Hits von Dr. Frank N. Furters zünftiger Rambazamba-Party im Fantasy-Schloss der Prenzelberg-Kulturbrauerei. Da wurden alle im Handumdrehen zu Disco-Queens. Verrücktes Mitmach-Theater, doch von der sympathischen Art.

Dabei gerät die Handlung von Richard O’Brien’s „Horror Picture Show“ (aus den Siebzigern) unversehens zur Nebensache. Das Theater feiert sich, feiert Liberalität, Lebenslust und Tollheit, befeuert mit viel Charme, Witz und Ironie. Sowie mit zwei „echten“, also professionellen Berliner Drag-Queens (Judy LaDivina in schwarzem Leder und Zora Schemm in rotem Latex). Und mittendrin das entzückend naive Liebespaar Janett und Bernd (Juliana Götze, Jonas Sippel), das eilends lernt, wie das mit den frivolen Entgrenzungen so läuft. Alles ein spielerisch ausgelassener Spaß (Regie: Jacob Höhne).

Wir müssen bangen, dass dieser der so ruhmreichen, mit Koryphäen des Hochleistungs-Profi-Theaters eng verbundenen Bühne nicht vergeht. Das RambaZamba, vor gut drei Jahrzehnten gegründet „als inklusives Viersparten-Theater für Menschen mit Behinderung“ (Theater, Musik, Kunst, Tanz), diese Hauptstadt-Institution ist europaweit eine Einzigartigkeit – besonders durch seine künstlerischen Ansprüche und Qualitäten. Doch jetzt steht seine Existenz auf dem Spiel. Durch Reduktion der Förderung. Noch genügt sie dem laufenden Betrieb. Für die künstlerische Arbeit jedoch fehlt das Budget. Aber ein jedes Theater stirbt ohne Neuproduktionen; gegenwärtig sind das acht pro Spielzeit. – Wer nur kann das wollen?!

The Rocky Horror Drag Show: RambaZamba Theater, Schönhauser Allee 36-39, 10435 Berlin; wieder 21., 22. November, am 11., 12., 13. Dezember und am 23., 24., 29., 30., 31. Januar 2026.

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Drei. Komödie in Reinickendorf – Broadway-tauglich

Alle sind da, bloß eine fehlt: Carmen. Doch ohne Elena Firenzi platzt das Jahrhundertereignis in der Cleveland-Oper. Ohne das sauteure Sensationsgastspiel des Superstars der Klassikwelt hier in der US-Provinz anno 1934 geht der Singsang-Tempel pleite. – Da brennt lichterloh die Luft im prachtvollen Backstage-Salon – die Luxus-Garderobe für die Diva aus Italien: Zwei Räume, sechs Türen, Kleiderkammer, Bad, King-Size-Bett mit Rokokospiegel und alles in süß Kuschelrosa (Bühne: Momme Röhrbein). Dort terrorisiert die entnervte Intendantin (Marion Kracht), herrische Lady von Pumps bis Turmperücke, das Personal: Ihre Assistentin Jo (Mariyama Ebel), eine zittrige Nachwuchssängerin, die ihren Stimmbändern nicht traut; ihr Söhnchen Jerry (YanaRobin la Baume), eine klassische Operntunte, die quicke Hotelpagin Beverly (Mia Geese); dazu ein eitel dicklicher Tenor sowie die madamig glitzernde Vorsitzende des Opern-Freundeskreises (beide: Mackie Heilmann).

Die katastrophal anschwellende Verzweiflung treibt das illustre Kollektiv der Wartenden – wohin sonst! – ins wild wuchernde Chaos. Bis plötzlich doch noch die Königin aller Diven (Antje Rietz) hoheitsvoll auftaucht mit ihrem verlotterten Gemahl (Alessa Kordeck). Doch die Firenzi, exzentrisch, zickig, dabei empfindsam, hat Sex- und Verdauungsprobleme, schluckt Schnaps, futtert Tabletten und verschwindet im Klo. Und danach im Bett. Eine letzte Ruhe vorm Auftritt. Doch leider, sie lässt sich nicht mehr aufwecken…

Da muss die vor Angst schlotternde Assistentin ran! Muss aus sich heraus, muss mutig sein. Und rettet – o Wunder! – bejubelt die Vorstellung. Inkognito im „Carmen“-Kostüm der pennenden Firenzi, die wiederum – Überraschung! – mittlerweile erwacht aus ihrem Tablettenkoma. Was die Backstage-Tollerei mit nunmehr doppelter Carmen, erotischen Wirrungen, kreischenden Tätlichkeiten sowie verbalem Rundumschießen auf die Spitze treibt.

„Carmen darf nicht platzen“ ist eine in den Aberwitz getriebene Fortschreibung des internationalen Komödienklassikers „Otello darf nicht platzen“ von Ken Ludwig. Was der erfahrungsreiche Erfolgsregisseur Pascal Breuer jetzt auf die Bretter der Reinickendorfer Breitwandbühne wirft, ist, man darf es getrost vermelden, absolut Broadway-tauglich. Da stimmen die Tempi, die Stimmungen, da passen die Pointen, da funktioniert klipp-klapp der Slapstick mit dem Raus-Rein zwischen den zahlreichen Türen. Und das exzellente Ensemble – sieben Frauen brillieren in acht Rollen – haut auf den Putz, dass es nur so spritzt.


Alles in Frauenhand: Carmen darf nicht platzen (Regie: Pascal Breuer). Foto: Komödie am Kurfürstendamm©Foto Michael Petersohn/Grafik Florian Dengler

Ja, Komödie, bei allem Allotria fein ziseliert. Ja, Klamotte, aber mit Charme und Eleganz bis in die Kostüme (Angelika Rieck). Und bei allem Klischee, bei aller Parodie: trefflich skizzierte Typen. Die stemmen, wenn es sein muss, auch Opernspitzentöne, imitieren perfekten Italo-Slang und beherrschen die rasenden Hick-Hack-Dialoge wie einst die Damen in Ufa-Schmonzetten. Großes Können in gut zwei Stunden. Beglückendes Unterhaltungstheater. Es staunt der Kopf, es hüpft das Herz.

Carmen darf nicht platzen: Komödie am Kurfürstendamm im Ernst-Reuter-Saal, Eichborndamm 213, 14437 Berlin-Reinickendorf; wieder am 19., 20., 21., 25., 26., 27., 28., 29. November sowie am 2., 5., 6., 7. 10., 11., 13. und 14. Dezember.

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