von Holger Politt
Kazimierz Dolny zählt zu den schönsten Kleinstädten Polens. Viele meinen, sie sei überhaupt die schönste. Die Weichsel, an deren rechten Uferseite sich der Ort anschmiegt, geizt hier nicht mit malerischen Reizen. Polens großer Romancier Jarosław Iwaszkiewicz notierte einst, um die Lage der Stadt zu beschreiben, dass eine Landschaft gar nicht polnischer sein könne. Ein weitgestrecktes, fruchtbares Durchbruchstal, der aus dem Südwesten kommende Fluss ändert hier fast rechtwinklig die Richtung und strömt, fortan sich nordwestlich haltend, der Hauptstadt Warschau zu. Ringsum herrschen beste Bedingungen für Anbaukulturen aller Art – hier reifen bereits Pfirsiche, bester Hopfen gedeiht im Flusstal, selbst der Weinbau verspricht in den letzten Jahren guten Erfolg.

Kazimierz: restaurierter Speicher (16. Jahrhundert). Foto: Holger Politt (2025).
Eine wirtschaftliche Blütezeit erlebte Kazimierz mit dem Getreidehandel bis ins 17. Jahrhundert hinein. Hier lag die Mitte auf der langen Wegstrecke zwischen den Kornkammern in der fernen Ukraine und der Stadt Danzig, von wo das begehrte Gut über die Ostsee weitertransportiert wurde. Auf der Weichsel wurde geflößt, in Kazimierz gestapelt, umgeladen, wovon die verbliebenen Speicher in Flussnähe bis heute zeugen. Eine Handvoll verzaubert wirkender Renaissancehäuser am Markt und zur Flussseite hin künden von einstiger Bedeutung als wichtige Handelsstadt an Polens großem Fluss. Den wirtschaftlichen Niedergang teilte Kazimierz mit vielen polnischen Städten, Polens Getreidehandel hatte seine Bedeutung für den europäischen Westen eingebüßt. Nach den Dreiteilungen Polens gehörte der Ort ab 1815 zum sogenannten Königreich Polen (geschaffen auf dem Wiener Kongress), stand also fast genau einhundert Jahre lang unter russischer Herrschaft. Die Industrialisierung, die Ende des 19. Jahrhunderts in verschiedenen Teilen im Königreich Polen einen ausnehmend stürmischen Charakter annehmen konnte, wirkte doch der riesige russische Markt geradezu wie ein Treibhaus, machte um das verschlafene Kazimierz einen weiten Bogen. Regionale Struktur ist jetzt bestimmend, ringsum kleineres polnisches Bauerntum ohne Großgrundbesitz, in der Stadt jüdisches Handwerk und jüdischer Handel. Heute erzählt man, dass kaum eine Kleinstadt im polnischen Kernland so jüdisch geprägt gewesen sei! Jedenfalls pulsierte hier am Rande der großen Welt verschlungenes Wirtschaftsleben, allerdings eben eines, das kaum noch Auswirkungen für anderswo hatte.
Auch deshalb entdeckte an der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert ein anderes Völkchen die fast vergessene Stadt – die Kunstmaler! Es war die malerische Lage am Fluss, die relative Abgeschiedenheit vom hektischen bürgerlich-industriellen Fortschritt, vor allem aber das für den Breitengrad ungewöhnlich verzaubernde Sonnenlicht, das in den Sommermonaten bereits südländisch anmutet. Ein romantischer Einschlag jedenfalls, der dem Ort ein weiteres Leben einhauchte, das bis heute anhält. Nirgends sonst in Polen findet sich eine solche Dichte an Bildergalerien, die übrigens neben touristischem Kitsch – den braucht es wohl für das eilige Tagesgeschäft – auch beachtliche Kunst zum Besten geben können.
Einer der großen Kazimierz-Maler stammte selbst aus dem Ort, Chaim Goldberg (1917–2004). Ein Schustersohn, dem anderes in die Wiege gelegt war als ausgerechnet die erfolgreiche Laufbahn auf den Kunstpfaden! Nachsichtige Förderung von geeigneter Seite eröffnete ihm aber den Weg in die Kunstakademien in Warschau und Kraków. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach und der Feind das Land besetzte, kam Chaim Goldberg noch einmal nach Kazimierz zurück, wollte die Eltern bewegen, mit ihm zusammen nach Osten zu fliehen. Der Vater entgegnete, man sei nun viel zu betagt für solcherlei Strapaze, im Übrigen kenne er die Deutschen als Besatzer bereits vom vorherigen Krieg, die waren schon einmal hier – ab 1915. Und die seien ausnehmend freundlich zu den Juden gewesen! Hitler hin, Hitler her, die Deutschen würden wohl ihm, dem unscheinbaren Schustermeister kein Haar krümmen, obendrein komme dem kleinen Kazimierz nur wenig kriegsentscheidende Bedeutung zu.
An der ehemaligen Synagoge, jetzt ein Museum. Eine Gedenktafel erinnert an die 3.000 Stadtbürger, die während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg umgebracht wurden, weil sie Juden waren. Foto: Holger Politt (2025)
Schustermeister Goldberg kam wie die übrigen über 3.000 jüdischen Menschen des Ortes ins Ghetto, das Anfang 1940 um die Synagoge herum auf viel zu engem Raum willkürlich abgegrenzt wurde. Mehr als die Hälfte der Einwohnerschaft von Kazimierz war so eingepfercht, jener Teil, der im Alltag neben dem Polnischen das Jiddische bevorzugte. Im zeitigen Frühjahr 1942 erfolgte der Transport nach Bełżec, einem kleinen, an sich unbedeutenden Ort bei Zamość. Der Vernichtungsbetrieb dort hatte gerade angefangen, die Juden aus Kazimierz zählten zu den ersten Opfern. Wer heute nach Bełżec kommt, stößt an der Stelle, wo die Vernichtung vollzogen wurde, auf eine halbe Million kleinerer und größerer Vulkansteine, jeder von diesen symbolisiert das Lebenslicht eines Menschen, das zwischen März und Dezember 1942 nach dem Willen der deutschen Besatzer ausgelöscht wurde.
Chaim Goldberg war 1946 aus der Sowjetunion nach Polen zurückgekehrt, blieb dort bis 1955, wanderte dann nach Israel aus und ging schließlich in die Vereinigten Staaten, wo er 2004 starb. Seiner Kunst blieb er treu – und seinem Geburtsort. Er setzte in ergreifenden, farblich fein abgestuften Bildern dem jüdischen Leben von Kazimierz, das zuvor in besseren wie in schlechteren Zeiten Jahrhunderte ungestört überdauert hatte, bis es in erschreckend kurzer Zeit ausgelöscht wurde, ein großartiges künstlerisches Denkmal. Nach der Katastrophe holte er das untergegangene Dasein zurück – den Fährmann, den Wasserträger, den Rabbi mit seinem Schüler, den Musikanten, Feiertagsstimmung und Alltag, etwa das Waschweib am Fluss oder die Mutter beim Kartoffelschälen. Oft genug schmuggelte Chaim Goldberg Hinweise auf ein Danach eulenspiegelgleich in die Szene, das Zeichen, dass er wisse, was sogleich allen geschehen wird, dass er niemanden retten, nur nachträglich erinnern kann. Einmal kommen die Juden aus Kazimierz in seinem Bild auf den Marktplatz zusammen, ein Getümmel wie in alten Zeiten – ein Bild in abgedunkelten, gleichwohl erschreckenden Farben, das gleichermaßen Anklage wie Frage ist: Warum?
Letzte Spuren auf dem Jüdischen Friedhof. Foto: Holger Politt (2025)
Ja, Kazimierz Dolny ist einer der schönsten Flecken Polens! Wer sich geduldig die Zeit nimmt, der kann in dem vorbeiziehenden Strom – hier gleichermaßen majestätisch wie wild – wie in einem geheimnisvollen Spiegel die Schatten der langen und bewegten Geschichte des ganzen Landes erahnen. Und könnte sie es, so müsste die Weichsel an ihrer großen Flussbiegung in Kazimierz Dolny – diesem wundervollen Städtchen – jiddisch weinen.
Danke für diesen bewegenden, informativen Artikel, der die Neugier weckt – auf das Städtchen, auf die Bilder, den Künstler, auf die Geschichte.
Als ich den Artikel las, musste ich mir Fotos ansehen. Und richtig – ich war schon da. Am besten erinnere ich mich an den Blick von den hohen Ufern der Weichsel auf die hellen unverbauten Sandstrände. Die Stimmung im Städtchen – mit vielen fleißig malenden KünstlerInnen – wie immer im sommerlichen Polen lebendig und freundlich. Kazimierz Dolny und viele andere Eindrücke in Polen verdanke ich der Deutsch-Polnischen Gesellschaft, mit der ich etliche Radtouren durch alle Landesteile Polens unternehmen konnte.