Katechon – biblisch, aber keine Weihnachtsgeschichte

von Stephan Wohanka

Denn das Geheimnis des Frevels
ist bereits wirksam, nur muss der,
der es jetzt aufhält,
erst hinweg getan werden.
(Zweites Buch Thessaloniker 2,7)

Es gibt schon eigenartige Gemeinsamkeiten…. Dass Trump und Putin eine dicke Tinte sind (waren?), ist hinlänglich bekannt. Es tun sich jedoch auch ganz andere Allianzen auf. Dass zwischen dem deutschstämmigen US-amerikanischen PayPal-Mitgründer, dem Techmilliardär Peter Thiel und dem russischen Patriarchen Kyrill I. sowie dem russischen Ultranationalisten Aleksandr Dugin eine theologische Seelenverwandtschaft – und mehr – besteht, ist wohl eher nicht geläufig.

Die USA sind ein biblisches Land, Religion spielt eine wesentlich größere Rolle als hierzulande; der Anteil hochgläubiger Christen liegt bei einem Drittel. Diese Religiosität zieht sich durch alle Regionen, Konfessionen und politischen Lager und ist mitverantwortlich für die politische Polarisierung der USA. Eine „defensive Religiosität“, die sich durch gesellschaftliche Entwicklungen wie Säkularisierung und Liberalisierung bedroht fühlt, spielt eine große Rolle in der Unterstützung konservativer politischer Bewegungen wie seinerzeit der Tea-Party-Bewegung oder heute von Trumps MAGA-Ideologie, dem extremistischen Flügel der Republikaner.


MAGA 1906: Karikatur auf Theodor Rossevelts Politik des „Großen Knüppels“ („Big Stick“) von William A. Rogers (1854-1931).

Wer den Trumpismus verstehen will, muss sich mit Thiel befassen. Dieser ist ein tiefgläubiger, dabei die Sache ernst nehmender Mensch – und deshalb gefährlich. Er investiert nicht nur in Tech-Unternehmen, sondern auch in eine Gebets-App namens Hallow – ein eher süßliches Angebot; Nutzer können sich Gebete vorsprechen lassen und spirituelle Ratschläge erhalten. Sogar während des Super Bowl läuft Werbung für die App – der teuerste Werbeslot der Welt, die im App-Store zeitweise beliebter als ChatGPT oder Google war. Mit von der Partie ist der zum Katholizismus konvertierte US-Vizepräsident J.D. Vance, der seine politische Karriere Thiel verdankt.

Wolfgang Palaver, österreichischer Theologe und seit den 1990er Jahren langjähriger Diskussionspartner Thiels, berichtet von einem Abendessen in Thiels bunkerähnlicher Villa in Beverly Hills: „Der Hauptpunkt war Christentum, Katechon, Carl Schmitt. Das war der Grund, warum er mit mir über diese Sachen reden wollte“.

Und wer Thiel verstehen will, muss sich folglich mit Schmitts befassen, seiner Katechontik. Der „Apokalyptiker der Gegenrevolution“ (Jacob Taubes), schrieb schon in den 1920er Jahren während der Weimarer Krisenzeit dem autoritären Staat als christlicher Ordnungsmacht die Rolle des „Katechon“ zu. In diesem sah er den „Aufhalter“ der endzeitlichen Anomie Europas. Dieser dürfe notfalls auch Gewalt anwenden, um das Chaos aus Liberalismus, Bolschewismus und Judentum – den Antichristen – zu verhindern. Vielleicht hat er dabei an Hitler gedacht… Noch 1947 notierte er: „Ich glaube an den Katechon: er ist für mich die einzige Möglichkeit, als Christ Geschichte zu verstehen und sinnvoll zu finden“.

Sein Adept Thiel glaubt wiederum geradezu fanatisch an den technologischen Progress zur Rettung der Menschheit; jedoch stagnierten seiner Meinung nach Innovationen und Fortschritt. „Den Grund dafür sieht er in zu viel Regulierung und Sicherheitsdenken der Staaten und internationalen Organisationen“, so nochmals Palaver. Sie blockierten den Fortschritt, was angesichts eines drohenden Klimakollaps, einer atomaren Katastrophe, von Biowaffen oder Killer-KI – für Thiel das apokalyptische Armageddon, der offenbarte Ort der endzeitlichen Entscheidungsschlacht – unverantwortlich sei: den Menschen trotz Angst davor aber nicht bewusst. Thiel „verknüpft das mit dem Antichristen aus den Johannesbriefen des Neuen Testaments und traditionellen Deutungen einer Stelle bei Paulus, wonach der Antichrist (laut Bibel die Verkörperung alles Bösen und Satanischen – St. W.) mit Frieden und Sicherheit lockt, um die Menschen irrezuführen“. Institutionen wie die UN oder EU seien potenzielle Vorstufen einer solchen „Wohlfahrtsdiktatur mit allmächtiger Überwachungstechnologie“, die nota bene auch auf der Software Palantier, an der Thiel beteiligt ist, fußt.

Sowohl die Katastrophe des Armageddon als auch die „antichristliche“ Welt der Sicherheit und Kontrolle will Thiel verhindern. Die Lösung dafür findet er, ähnlich Schmitt, im Katechon, der die Macht verkörpere, beides aufzuhalten. Für Thiel sind die USA der Katechon – die Trump´schen, versteht sich.

Ende März 2024 wurde unter Vorsitz des Oberhaupts der Russisch-Orthodoxen Kirche, Patriarch Kyrill I. ein Kongress zum Thema „Die Gegenwart und Zukunft der russischen Welt“ abgehalten.


Für „Westler“ mit einem doppelten Nimbus umgeben: die Welt der russisch-orthodoxen Kirche – Heiliger Metrophanes (Russland / 1. Hälfte 19. Jahrhundert).

Das Dokument verwendet zwar den Begriff „Katechon“ nicht, atmet aber eine klare „Katechon-Ideologie“: „Der höchste Sinn der Existenz Russlands und der von ihm geschaffenen Russischen Welt – ihre spirituellen Mission – besteht darin, weltweiter ´Aufhalter/Zurückhalter´ (russisch im Original: Удерживающим – St. W.) zu sein, der die Welt vor dem Bösen schützt“.

Darüber hinaus fällt auf, dass der Text kaum Begrifflichkeiten der klassischen christlichen Theologie – Gott, Kirche, Evangelium – verwendet, sondern eher eine säkulare, politisch-ideologische Sprache pflegt; so erscheint die Katechon-Metapher mehr als politisches denn theologisches Bekenntnis. Damit verschmilzt das Dokument theologisch-eschatologisches Denken mit geopolitischer Propaganda: Der Krieg gegen die Ukraine wird als Teil obiger globaler, metaphysischer Mission dargestellt; und ein „satanischer“ Westen unterstütze „das verbrecherische Regime in Kiew“. Die „Spezialoperation“ wird zum „Heiligen Krieg“ hochstilisiert; in jüngerer Vergangenheit eher eine Spezialität des militanten Dschihadismus.

Das wirft die Frage auf, inwieweit sich die russisch-orthodoxe Kirche als Magd der Politik andient; jedenfalls führt diese Verbindung von religiöser Rolle und militärisch-politischer Handlung zu einer unheilvollen Durchdringung von Kirche, Staat und Nationalismus.

Dieses Denken hat Russland weit infiltriert; ein prominent besetzter Thinktank, den der Oligarch und Berater Putins Konstantin Malofeev 2015 gründete, nennt sich Катехон (Katechon). Der Milliardär (sic!), der sein Vermögen mit einer Investmentfirma auf den Cayman Inseln gemacht hat, bezeichnet sich als „orthodoxen Monarchisten“. Er betreibt auch einen Fernsehsender mit dem programmatischen Namen Zargrad (Zargrad war der alte slawische Name für Konstantinopel, dem Zentrum des orthodoxen Christentums) mit dem Motto „Das Licht Christi erleuchtet alle“, dessen Chefkommentator niemand anderes ist als Dugin.

Auch diesem ist der Krieg gegen die Ukraine ein hei­li­ger Krieg. „Wir Rus­sen brau­chen die Ukraine nicht. Chri­stus braucht die Ukraine. Und des­halb sind wir dort“; und „Russland ist das Katechon – die letzte Macht, die den Anti­chri­sten auf­hält“, schreibt er in einem Essay.

Jüngst veröffentlichte er ein Buch über Trump – The Trump Revolution. In einem Inter­view mit dem Fern­seh­sen­der CNN erklärte er, Trump sei nicht nur ein cha­ris­ma­ti­scher Lea­der, son­dern ein ideo­lo­gi­scher Kipp­punkt. Die USA und Rus­sland seien bei­des weiße christ­li­che Natio­nen, die gegen den Mul­ti­kul­tu­ra­lis­mus und das woke ankämp­ften; auch eine „Offenbarung“! Und wie Thiel sieht er die EU, die UNO und die NATO als Verkörperung des Antichristen; es seien vom Westen geschaf­fene Orga­ni­sa­tio­nen, die die Welt mit ihren libe­ra­len Ideen beherrschen wol­lten und die Mensch­heit von Gott weg­trieben.

Erinnert man sich der Tiraden des Thiel-Protegés Vance im Februar 2024 in München, dass die größte Gefahr für Europa nicht von „Russland oder China“ ausgehe, sondern „im Inneren“ in einem „verkommenem Demokratieverständnis“ liege, dann liegt nahe, dass ebendieser Vance nicht der formelle Autor der just von Trump verkündeten Nationalen Sicherheitsstrategie der USA sein muss, aber doch für das Agenda-Setting zuständig war; und so mittelbar auch Thiel.

Thiel, Vance, Kyrill, Dugin – sie vereint ein Weltbild, dass ausgeprägte biblisch-religiöse Bezüge hat (bei Kyrill „berufsbedingt“), das als eschatologisches Denken intellektuell faszinierend ist, aber politisch hochbrisant, weil es (globale) politische Komplexität in eine metaphysische Idee verwandelt, um damit politisch zu polarisieren. So ist die „Katechon-Ideologie“ ein Baustein der identischen Interessen Russlands und der USA, die fragile, aber grundsätzlich bewährte Weltordnung umzustoßen, Demokratie sowie staatliche und gesellschaftliche Institutionen zu beschädigen oder zu zerstören. Dabei wird namentlich Europa, das für diese Ordnung steht, verbal heftig angegriffen. Das passt zum Narrativ des Kreml – nicht Amerika, sondern Europa sei generell der Störenfried und die USA auf dem Weg der „Besserung“. Vielleicht bald in deals vereint, werden beide Europa noch gründlicher schwächen wollen, denn sie wollen ein schwaches und ungeeintes Europa, das sie nach ihren Vorstellungen formen können. Wir sollten das wissen. Und Konsequenzen daraus ziehen.

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