von Holger Politt
Karl Forster, Journalist und Zeitungsredakteur, 1950 in Nürnberg geboren, starb kurz vor Ostern in seiner Wahlheimat Berlin. Seinen Lebensweg prägten drei Organisationen, deren politischer Charakter sich für ihn bedingten, in jedem Fall nicht ausschlossen: die Partei Die LINKE (bzw. deren Vorgängerorganisation PDS), die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschistinnen und Antifaschisten (VVN-BdA) sowie die Deutsch-Polnische Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, die in ihren Gründungsstrukturen bereits in die unmittelbare Nachkriegszeit zurückreicht und sich für die vollständige Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze durch Bonn eingesetzt hatte zu Zeiten, als das in weiten Teilen der Öffentlichkeit wie „Verrat“ und „Verzicht“ niedergemacht wurde. Nachfolgender Text widmet sich dem Wirken zugunsten der deutsch-polnischen Verständigung.

Karl Forster: Berlin, Mai 2022. Foto: Holger Politt
Karl Forster zog es in die weite Welt, der zunächst west-, dann später gesamtdeutsche Tellerrand war ihm immer viel zu eng bemessen. Er blieb sein Leben lang auf dem Sprung, fand seine feinen (fast englischen!) Wege, die Neugierde zu befriedigen. Wenn es sein musste, auch mit erstaunlich wenigen materiellen Mitteln. Doch keines der anderen Länder in nah und fern zog ihn an so wie dieses eine – wie Polen! Hier kannte er bald jeden Schienenstrang. Allerdings trieb ihn vor allem ein Thema in das Land jenseits von Oder und Neiße, das nun wieder zurückführt tief in die deutschen Gefilde. Ihn interessierte – davon ließ er sich nicht abbringen –, was Deutsche in Polen angerichtet hatten während der Okkupation im Zweiten Weltkrieg.
Am Anfang stand die Gedenkstättenarbeit in ehemaligen Konzentrationslagern und KZ-Einrichtungen zu Hause in Westdeutschland, ab den 1970er-Jahren suchte der junge Journalist nach Möglichkeiten, sich bindender zu engagieren. So fand er zur VVN, die mit der Erweiterung als Bund der Antifaschisten (BdA) jungen Menschen, die erst nach dem Krieg geboren worden waren, die Möglichkeit einräumte, sich selbst in die Antifaschismus-Arbeit einzubringen, um später den Staffelstab übernehmen zu können. 1981 kam Forster in Kontakt zur Deutsch-Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland, war schnell bereit, die redaktionelle Verantwortung für die 1984 von der Gesellschaft ins Leben gerufene Zeitschrift Polen und wir zu übernehmen, eine Quartalszeitschrift, die sich der deutsch-polnischen Verständigung verschrieben hatte. Insgesamt leitete Forster mehr als 22 Jahre das redaktionelle Geschick der Zeitung, nur in der Zeit von 1992 bis 2010 wirkte er nicht als leitender Redakteur. Als die gedruckte Zeitschrift im Frühjahr 2024 aus finanziellen Gründen eingestellt wurde, optierte Forster noch einmal für eine Online-Ausgabe, doch es blieb bei den Plänen.
Forsters Schwerpunkt in der vierzigjährigen Zeitungsarbeit lag eindeutig auf der Gedenkstättenfrage – jetzt natürlich in Polen. Zu der großen Leistung gehört, den Blick aufgeschlossen zu haben für einen Bereich, der in der deutschen Wahrnehmung – aus vielen verständlichen Gründen! – immer deutlich im Schatten geblieben ist. Im Schatten von Auschwitz! Das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau wirkt in der Erinnerungsarbeit wie der Zentralstern, doch wird leicht übersehen, dass es im okkupierten Polen Vernichtungsorte gab, die in ihrer unvorstellbaren Brutalität des Vernichtungssystems dem heutigen Betrachter wie ein einziger Abgrund vorkommen müssen, der alles verschlungen hat – Treblinka, Bełżec, Sobibór und Kulmhof. Dort vor allem wurden Polens Juden umgebracht, dort gab es kaum Überlebende, dort konnte auch niemand mehr befreit werden, als die Deutschen sich militärisch geschlagen zurückzogen. Insgesamt steht eine Zahl von 1,9 Millionen Menschen zu Buche, die an Orte deportiert wurden, in denen keine Rampe zur Selektion und kein Barackenlager zur Unterbringung gebraucht wurde. Hier wartete allein der Tod.
Eine Rückblende: Gedenkstättenfahrt nach Bełżec, im Südosten Polens dicht an der Grenze zur Ukraine gelegen, Forster führt durch den Gedenkort. An seiner Seite ein junger polnischer Dolmetscher, der die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau kennt, der aber noch nie in Bełżec oder Treblinka gewesen ist. Auch er ist nun gespannt, was ihn erwartet, er rechnet mit einem größeren Barackenlager oder zumindest einer größeren Anlage, sind doch hier – wie er weiß – eine halbe Million Menschen umgebracht worden. Die 2004 eingeweihte Gedenkstätte kann so beschrieben werden: 500.000 größere und kleinere Vulkansteine – jeder Stein symbolisiert ein ausgelöschtes Lebenslicht – füllen exakt jene Fläche, die von März bis Dezember 1942 ausgereicht hatte, um das Vernichtungswerk umzusetzen. Dem jungen Dolmetscher entschlüpft, als er die räumlichen Ausmaße überblickt, ein Stoßseufzer: „Was, so klein!“
Forsters große Leitung bestand darin, sich geduldig und beharrlich um diesen oft zurückgestellten Bereich in der Erinnerung in Deutschland gesondert gekümmert zu haben. Wer jetzt nach den Ergebnissen seiner Arbeit fragt, dem seien die 40 Jahrgänge der Zeitschrift Polen und wir empfohlen. Auf den Seiten des Magazins ist das große Lebenswerk ausgebreitet. Es lohnte, den erinnerungspolitischen Schatz noch einmal auf ganz andere Weise zu bergen.