Hunter

von Wolfgang Brauer

Die Neuköllner Oper startete am 11. September mit neuer künstlerischer Leitung – Rainer Simon folgt mit Beginnn der Spielzeit 2025/2026 Bernhard Glocksin, der seit 2004 das Haus nachhaltig prägte. Simon startete mit einer furiosen Uraufführung: „Hunter“ von Liesa Van der Aa, die neben der Regie auch die musikalische Leitung übernahm.


Hunter (Regie: Liesa Van der Aa). Naomi Beeldens als Coach. Foto: Neuköllner Oper © Murat Aslan

Liesa Van der Aa stammt aus Antwerpen, ist Jahrgang 1986 und gehört zu den Allround-Talenten der Bühnenszene. Sie ist Schauspielerin, Komponistin, Sängerin, Violonistin, Dirigentin – ja auch Autorin. Und – das unterscheidet sie von so manch anderen Hans- und-Johanna-Dampfs-in-allen-Gassen – sie ist eine unwahrscheinlich disziplinierte, produktive und zugleich sehr präzise Arbeiterin. Erst im Januar war sie an der Komischen Oper Berlin im Rahmen des Schall&Rausch-Festivals mit dem Gig Theatre „Riche Niche“ zu erleben.

Für „Hunter“ tat sie sich mit Kat Frankies achtköpfigem A-capella-Ensemble B O D I E S zusammen. Ein genialer Griff! Ich habe B O D I E S in Neukölln zum ersten Mal erlebt. Die jungen Frauen haben mir die Füße weggehauen…

„Hunter“, deutsch: „Jäger“, ist ein Sportstück. Meine KI sagt: „Ein Hunter ist im englischen Reitsport ein Pferdetyp, der für das Jagdreiten gezüchtet wurde. Ein Hunter-Pferd ist ein Gebrauchspferd, das Ausdauer, Kraft und ein gutes Springvermögen besitzt.“ Meine KI hat keine Ahnung. Es geht nicht um Pferde. Van der Aa wählte als Sujet Basketball. Auch im Basketball wird gejagt. Ästhetik-Puristen möchte ich daran erinnern, dass selbst Brecht meinte, im Sport Phänotypisches unserer modernen Gesellschaft zu finden und in Dramatik umformen zu können. Es gelang ihm nicht unbedingt sehr überzeugend. Van der Aa hat das, denke ich, souveräner gelöst. Das mag auch daran liegen, dass sie die Empathie-Scheue des Augsburger Stückeschreibers nicht kennt. Im Gegenteil… Ich hatte den Eindruck, sie lässt sich sehr tief in das eigene Produkt ein. Die Kontroversen mit dem Team sind immanenter Bestandteil des Spiels, aber wohl nicht immer nur Spiel…

Die Handlung konfrontiert uns jedenfalls mit den intensiven Versuchen des Coaches (Naomi Beeldens) aus einem Haufen spielwilliger, aber durchaus eigensinniger Spielerinnen ein Team, einen einzigen Körper formen zu wollen. Immer wieder ein neuer Anlauf, mündend immer wieder in ein langes „Yeahhh!“ – dann die Aufforderung „Support!“ („Unterstützen!“). Klatschen, Lockerung, neuer Anlauf. Mehr Dressur als Förderung von Individualität. Kenner wissen: So funktioniert Mannschaftssport, nicht anders. „Wir hassen Feiglinge!“ Zum Korb kann allerdings immer nur eine gelangen. Nur: „Der Korb ist zu klein! Verdammter Korb!“
Längere Pause. „Support!“ Wieder geht es los. Angetrieben auch von der Dirigentin. Eigentlich eine Hölle.

Die Hölle ist übrigens ausgezeichnet choreografiert. In Neukölln heißt das „Bewegungsregie“. Chapeau, Jacquelyn Elder!

Am Ende – es gibt vorher einen Aufstand der Spielerinnen – scheint alles zu funktionieren. Aber „The game is over!“ Sagt das Team, eigentlich die Kapitänin. „Liesa, it’s over!“ – „No!“
Dunkelheit. Stille. Jetzt ist es wirklich aus.

Tosender Beifall. Mehr als berechtigt!

Musikalisch nutzt Liesa Van der Aa das Material des Albums „Homogenic“(1997) der isländischen Musikerin Björk. Björk-Fans werden „All is Full of Love“, „Joga“, „Hunter“ (!) und „Unravel“ herausfinden können. Van der Aa montiert aus deren musikalischen Bausteinen in immerwährenden Wiederholungen und scheinbar nur minimalen Variationen – die dennoch einen großen Formenreichtum aufweisen – „ein starres Gerüst aus Struktur und Form, aus dem es kein Entkommen zu geben scheint“, wie sie selbst schreibt. Doch, es gibt ein Entkommen: die Verweigerung, die Rebellion. „The game is over!“

Ein grandioses Bild!



„Yeahhh!“ B O D I E S Ensemble (vorn: Kat Frankie). Foto: Neuköllner Oper © Murat Aslan

„Hunter“: Neuköllner Oper, Karl-Marx-Straße 131-133, 12043 Berlin; https://neukoellneroper.de
Wieder am 19., 20., 21., 23., 24., 25. und 30. September 2025.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert