von Reinhard Wengierek
Silbersterne aus dem Himmel, aber im Pool planscht das Ballett auf der Welt größten Showbühne an der Friedrichstraße. Und im intimen Salon des Renaissance-Theaters gibt die Schauspielerin Barbara Schnitzler – endlich einmal wieder in Berlin! – ihren feinsinnig amüsanten Abend „Ein Jegliches hat seine Zeit“; mit Gesang, Lyrik, Prosa.
Eins: Friedrichstadt-Palast – Freude schenken!

Friedrichstadtpalast Berlin: BLINDED by DELIGHT. Foto: Markus Nass
Aus der kunstvoll aufgeschütteten Fülle prunkender Bilder sinnlicher Überwältigung funken – immer mal wieder – lieb gemeinte Apelle ans Gemüt des Publikums: „Träume! Lass Dich ein auf schöne Träume! Sei mutig, schön Geträumtes zu leben!“
Berndt Schmidt und Oliver Hoppmann, die Erfinder der neuen Palast-Show „Blinded by Delight“, meinen, ein bisschen Lebenshilfe kann nicht schaden angesichts ziemlich traumatischer Wirklichkeiten. Und so trällert denn poppig, rockig oder gar schlagernd Denise Lucia Aquino durchs Delight. Ein Girlie im lila Tüll mit Schnürstiefeln bis zum Knie, deren Träume ihr ganz in Weiß strahlender Traum-Mann (Julian David) hingebungsvoll befeuert. Zwei schmachtende Herzblättchen, obendrein umflattert wie Luftschlagen von vier singenden klingenden Glückstraumbeschleunigern; einem Quartett koboldhafter Glitzerwesen – eine solch harlekineske Bespaßung, das passt schon.
Denn das heimliche Palast-Motto heißt schlicht und ergreifend: „Freude schenken!“. Und man hat sich nicht lumpen lassen: 15 Millionen Euro Produktionskosten für dieses Monumentalwerk der Unterhaltungskunst. Da gingen schon zur Premiere, so die Ansage, im Vergleich zur letzten Show doppelt so viele Tickets in den Vorverkauf (die Einnahmen von „Falling in Love“: 61 Millionen Euro: investiert wurden damals 14 Millionen). Der Luxusladen wird auch diesmal wieder brummen. Und sich rechnen.
Der Hauptgrund: Die Direktion, klug und weise, befolgt brav die Grundregel fürs big Showbiz: Nicht kleckern, klotzen! – Dazu gehört das Engagement des US-Amerikaners Jeremy Scott, eines Designers von Weltruf, der schon Beyoncé, Rihanna oder Madonna in Schale warf. Gigantisch die Parade seiner 500 Kostüme – gern schalkhaft verspielt bis ins Albern-Witzige (des Meisters Markenzeichen). Besondere Hingucker die Kreationen mit geringstmöglichem Materialeinsatz oder, im Gegensatz, mit barocker Überfülle. Heidi Klum, beinfrei bis hoch hinauf, ließ es sich nicht nehmen, Scott, ganz schlicht im dunklen Anzug, zum finalen Beifallsorkan Küsschen auf die Wangen und rote Rosen an die Brust zu drücken.
Und geklotzt wird auf der mit High-Tech vollgestopften größten Theaterbühne der Welt mit einem Zwei-Stunden-Rausch der Bilder (Florian Wieder, Cuno von Hahn, Szenenbildner, die schon den ESC und das Opening der Fußball-WM Katar gestalteten). Sie setzen scharfe Kontraste, erfinden raffinierteste Übergänge, unglaubliche Projektionen und Effekte zwischen Zaubergarten und Laserstrahlgewitter. Das wuchtig Pompöse, zart Poetische und flirrend Erotische elegant zusammengedacht. Dabei permanent präsent: Die 60köpfige Ballettkompagnie (Direktion: Alexandra Georgieva) – weltweit ein Alleinstellungsmerkmal. Wenn da im Wasser frech geplanscht wird, ist der Saal perplex. Und wenn die Kick-Line gleißend aufmarschiert, tobt er. Atemberaubend, die mechanische Synchronarbeit der Gliedmaßen. Und im Kopf bitte ein Lächeln. Und dann – das war noch nie! – die Line auf einem langsam rotierenden Catwalk. Unvergesslich.
Doch zwischendurch immer auch wieder ein Stück vom guten alten Zirkus aus der internationalen Spitze von heute: Radfahrer schlagen Salto Mortale, am Vertikalseil schwebt ein Duo, am halsbrecherischen Schleuderbrett wird geschleudert. Und am Handstand-Stab verblüfft anmutigste Gelenkigkeit, die jeden Orthopäden in Ohnmacht fallen lässt.
Wir freilich sind „geblendet vor Entzücken“. So nämlich übersetzt Regisseur Oliver Hoppmann den prätenziösen Titel des schillernden Gesamtkunstwerks, dessen Steigerung von Mal zu Mal eigentlich unmöglich ist. Es bleibt beim bewährten Prinzip Wundertüte. Doch immer, so die große Kunst der Regie, ein bisschen anders verwundernd. Die Knaller ein bisschen anders knallend; die Stimmung anders berückend.
Zum Schluss großes Gewimmel auf der Bühne dieser größten Ensuite-Show der Welt. „Must see in Berlin“ trommelt die New York Times (wir trommeln mit). Noch einmal dreht die Musik der Live-Band hymnisch auf, dazu noch schnell ein Ratschlag der Direktion als Rausschmeißer für uns auf den Rängen: „Halten Sie ihre Träume fest!“ – gemeint sind natürlich nur die guten. Dazu rieseln hernieder wie im Märchen sachte, sachte silberne Sterne aus hauchdünnem Stanniol.
Laufzeit bis September 2027, Tickets ab 19,80 Euro.
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Zwei: Bruckner-Saal im Renaissance-Theater – Zwischen Katastrophen und Glückseligkeit

Barbara Schnitzler. Foto: Fabian Schellhorn (2020)
Der Prediger Salomo sagts: „Ein Jegliches hat seine Zeit.“ Eine alttestamentarische Weisheit – der Anlass für unendlich quellendes Schrifttum. Aus der Fülle der Texte und Lieder zum existenziellen Thema hat die Schauspielerin Barbara Schnitzler eine launige sowie des Nachdenkens werte Sammlung für ihren aparten Vortragsabend gefiltert. Was da in neunzig Minuten leichtfüßig, charmant und sinnig dahinperlt, dem dürfte einiges voraus gegangen sein. Vor allem ein ausgiebiges Kramen in nahe- bis fernerliegenden Archiven und nicht zuletzt ein Wühlen in den Winkeln des Gedächtnisses mit Erinnerungen an selbst erlebte Katastrophen- oder Glücksmomente. Der Schnitzler Lust und süße Qual an dieser schönen Schwerarbeit des Zurückschauens, Entdeckens, Wiederfindens mag man – und soll es wohl auch – ahnen.
Natürlich, ihr Programm „mit Liedern, Texten und Gedanken“ zu einem, wie Barbara sagt, alltäglichen Phänomen, das hätte angesichts der Materiallage auch ein schwerlastiges werden können. Wurde es nicht! Überhaupt nicht.
Dafür sorgen schon die erwählten Autoren wie Heine, Hofmannsthal, Brecht, Kästner, Grebe, Domin, Knef, Krug, Kunze oder Plenzdorf. Musikalisch geht es – mit dem großartigen Nikolai Orloff am Klavier – von Robert Schumann, Mischa Spoliansky über Lindenberg bis Terry Truck. Und natürlich den Puhdys – Paul, Paula, Plenzdorf: „…Jegliches hat seine Zeit, / Steine sammeln – Steine zerstreun. / Bäume pflanzen – Bäume abhaun, / leben und sterben / und Frieden und Streit.“
Die Schnitzler macht alles frappierend minimalistisch; was sie locker beherrscht. Cooles Understatement, präzise, gern mit Ironie, gelegentlich Sarkasmus. Stimmungsmäßig etwa so: Fliegender Wechsel zwischen Mocca, Rotwein, Schampus, Schnaps. Und zwischendurch klares kaltes Wasser. Souveräne Dosierung. Eine feine kleine, intime Sache. Und doch ganz weit und tief und groß.
Wieder eine der seltenen Berlin-Vorstellungen am 3. November, 19.30 Uhr, Renaissance-Theater, Knesebeckstraße 100.
Barbara Schnitzler herzlichen Dank für die Zurverfügungstellung des Fotos!
(W.B.)