Gothas große Gründer?

von Ulrich Kaufmann

Frank Lindner, Schnepfentaler Autor und gelernter Philosoph, hat ein weiteres Buch zu Thüringen vorgelegt. Dieser nobel ausgestattete und gesponsorte Band mit goldenen Lettern widmet sich der Kultur- und Wissenschaftsstadt Gotha. Die Stadt feiert ein Jubiläum, das 1250. Jahr ihrer Ersterwähnung. Der Titel „Gothas Große Gründer“ ist ein toller Stabreim, der Interesse weckt.

In chronologischer Folge werden Gründungen aus allen Bereichen der Gesellschaft vorgestellt: aus der Industrie, der Technik, der Geschichte sowie der Kunst und Literatur… Da ist etwa von der musikalischen Großfamilie der Bachs die Rede, von der Piano-Weltmarke Bechstein, von der ersten Dampfmaschine, dem ersten Elektroauto sowie von philosophischen Vordenkern. Wie aber ist die enorme Materialfülle zu bändigen? Der Philosoph suchte eine „Idee“, um das Ganze bündeln. (Vergleichbares ist in Lindners Buch „Ideenland Thüringen“ von 2021zu finden, in dem er Spitzenleistungen herausstellte, die weit über das Thüringische herausragten. Das opulente Werk wurde von den Lesern gut angenommen.)

Der neue Gotha-Band ist liebevoll und bilderreich gestaltet. Auf einigen Seiten wäre weniger Schmuck mehr gewesen. Hier und da wurden Seiten durch etliche kleine Bilder überladen. Das Problem des neuen Werkes ist es, dass nicht alles Wesentliche in der Geschichte Gothas durch Gründungen erfassbar wird. Auch wird der Begriff „Gründung“ entschieden überdehnt. Kann man von „Mitbegründern der Kriminalliteratur“, vom „Begründer der Science-Fiktion -Literatur“ oder gar vom „Gründer des womöglich ältesten Kleinkanals“ sprechen? Da wo Lindner von „Schöpfern“ spricht, wirkt die Darstellung oft überzeugender.


Josef Ritter von Gadolla (1897-1945). Porträt auf der Gedenktafel der Stadt Gotha am Neuen Rathaus. Foto: CTHOE © Claus Thoemmes

Freunde Gothas wissen, dass der Offizier Josef Ritter von Gadolla im April 1945 die Stadt vor der Zerstörung rettete und diese Tat in Weimar mit seinem Leben bezahlen musste. Er wurde am 5. April 1945 standrechtlich erschossen. Gadollas Name wird einmal im Namenverzeichnis genannt: Auf der besagten Seite 87 erfährt man indessen nichts von dem Retter Gothas. Als Sigrid Damm 2010 Ehrenbürgerin ihrer Heimatstadt Gotha wurde, sprach sie nicht von sich, sondern sie setzte Gadolla ein literarisches Denkmal. Zudem schrieb sie in ihrem einzigen Roman „Ich bin nicht Ottilie“ (1985) ausgiebig über ihre ersten Jahre in Gotha. Auch einen wesentlichen Text zu Goethe und dem Gothaer Hof ist aus ihrer Feder. Spät erst hat sie eine Biographie über ihren Vater, einen kunstsinnigen Bürger Gothas, verfasst: „Im Kreis treibt die Zeit“. All dies genügt nicht, um in Lindners Buch auch nur erwähnt zu werden – nicht einmal in der Rubrik zur „Gotha-Literatur. Sigrid Damms „Manko“ ist, dass sie – wie der Ritter von Gadolla auch – nichts gegründet hat. Völlig richtig ist es, über den Gothaer Dichter und Bibliothekar Cibulka zu berichten, obgleich dessen Vorname mit doppeltem „n“ geschrieben wird.

Lindners Buch ist ein zuverlässiges Nachschlagewerk, das man wohl nicht in einem Zug liest. Es zeigt einmal mehr, dass man Gotha unter den Thüringer Kultur- und Wissenschaftsstädten in einem Atemzug mit Weimar, Erfurt, Jena und Eisenach nennen muss.

Am Ende seines Buches macht Frank Lindner einen gewichtigen Vorschlag: Das nunmehr restaurierte Schloss Reinhardsbrunn solle ein Ort werden, an dem die großen Fragen der Geschichte Gothas vertieft werden könnten. Hoffentlich ist der Freundeskreis für dieses Projekt schon gegründet.

Frank Lindner: Gothas große Gründer, quartus Verlag, Jena-Bucha 2025, 392 Seiten, 20,00 Euro.

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